Erkenntnis – Teil 2

Jaelad, Nekropolitektengilde

Jahr des Falken, 5. Monat

13. Tag, Morgens

Nach dem Essen ging Jumo ohne Umwege ins Studierzimmer, das überraschenderweise fast voll war. Während in den letzten Tagen immer nur wenige Plätze besetzt gewesen waren, drängten sich die jungen Nekropolitekten heute auf den Bänken zusammen und erfüllten den Raum mit einem Stimmengewirr, aus dem man die einzelnen Worte und Satzfetzen nicht mehr heraushören konnte. Elqus war heute nicht zum Dienst eingeteilt. Dafür hatte ein anderer junger Nekropolitekt, der vor nicht allzu langer Zeit seine Abschlussprüfung abgelegt hatte, die Aufsicht. Vergeblich versuchte der junge Mann, die Aufmerksamkeit der zahlreichen Schüler auf sich zu ziehen und die Disziplin wiederherzustellen. Jumo sah sich im vollen Zimmer um und ging durch die Bankreihen auf ihn zu, wobei er die Augen nach einem Platz offen hielt, der groß genug war, um Archiv, Abschrift und Schreibzeug darauf unterzubringen.

Was ist denn hier passiert? Gestern noch waren wir nur zu dritt, heute quillt der Saal fast über!

Du bist ganz schön spät dran.“, grüßte der Aufseher ihn, in einem Tonfall, der weniger von Tadel als von einer simplen Feststellung zeugte.

Aber noch rechtzeitig, hoffe ich?“, fragte Jumo nickend. Der Aufseher zuckte mit den Schultern. Es gab in der Gilde keine festgelegten Stunden, wie es in manchen Schulen der Fall war. Der Tagesablauf richtete sich nach den Klängen der Glocke, die jeweils zum Aufstehen, zum Mittag und zu Abend schlug. Wer wie Jumo zu einer Arbeit im Studierzimmer eingeteilt war, begab sich direkt nach dem Frühstück dorthin und verließ den Raum wieder mit Fertigstellung der Aufgabe oder mit dem Klang der Glocke. Das funktionierte für gewöhnlich recht gut, wenn nicht gerade eine Meute junger Lehrlinge die Arbeit kollektiv verweigerten und ihren Betreuer dadurch in Rage brachten.

Such dir einen Platz, bevor alles belegt ist. Schreibzeug ist heute aus, ich hoffe du hast dein eigenes dabei?“, meinte der Aufseher etwas resigniert.

Jumo zog eine Grimasse und schüttelte den Kopf. Das Schreibzeug lag in seiner Truhe, bei seinen anderen persönlichen Sachen. In den letzten Tagen hatte er im Studierzimmer vorrätige Utensilien benutzt, um seine eigenen zu schonen. Die Studierzimmer und die Bibliothek hatten jeweils einen begrenzten Vorrat an Pinseln und Tusche, der von allen Nekropolitekten benutzt werden konnte – in der Bibliothek war dieser Vorrat meist generell vergriffen, aber in den Studierzimmern hatte man

öfter Glück. Aber es gab auch Tage wie heute, an denen für die, die zuletzt kamen, nichts übrig blieb. Jumo unterdrückte ein Seufzen. Der Tag fängt ja gut an.

Dann solltest du dich beeilen und dein Zeug holen gehen.“, schlug der Aufseher vor und verschränkte die Arme vor der Brust.

Haltet ihr mir einen Platz frei?“

Ja, von mir aus – aber mach schnell, sonst kann ich für nichts garantieren.“, erwiderte der andere in gleichgültigem Ton. Jumo nickte und hastete zurück in seine Kammer, während der Betreuer hinter ihm die Stimme erhob und die Lehrlinge zusammenstauchte.

Woher kommen die alle? Haben die Meister sich verschworen und allen riesige Berge von Arbeit übertragen, oder hat der Pulk dort irgendetwas angestellt?

Er schüttelte den Kopf und verwarf den Gedanken als unwichtig. Solange die Lehrlinge ihm seine Arbeit nicht abnahmen und ihm freie Hand für seine Recherchen gaben, nützte ihm das Grübeln darüber recht wenig.

Er schob den Riegel seiner Zimmertür beiseite und trat hinein. Das dünne Bettzeug lag noch aufgewühlt von der letzten Nacht auf seinem Lager. Von draußen strömte der Geruch frischer Blüten aus dem Garten ins Zimmer. Jumo hielt und kurz inne und atmete tief ein, um den Duft zu genießen. Dann kniete er sich hin und zog die hölzerne Truhe unter seinem Bett hervor. Die Kiste war nicht besonders groß, aber breit und lang genug, um alle wichtigen Gegenstände darin unterzubringen, die Jumo besaß. Neben seinem Schreibzeug und den Dietrichen waren das vor allem ein kleines hölzernes Pferd, mit dem er als Kind immer gespielt hatte und das er als Andenken mitgenommen hatte, ein kleines Büchlein mit Gedichten, das ihm seine Mutter zum Abschied geschenkt hatte und ein paar Kleidungsstücke, die er in der Gilde nicht tragen durfte – alle Nekropolitekten trugen die gleichen Gewänder, damit niemandem sein Status und seine Herkunft anzusehen war. In der Gilde entschieden nur die Leistung und die Intelligenz darüber, wie weit man es brachte. Jumo angelte den Schlüssel für die Truhe hervor, den er an einer Kette um den Hals trug und öffnete das Schloss. Er klappte den Deckel nach oben und griff nach dem Bündel, das ganz oben lag. Der unsauber gerollte Stoff rutschte auseinander und mit einem Klappern landeten Pinsel und Tuschestücke in der Truhe. Jumo fluchte leise und faltete das Stofftuch auseinander, in dem sich nur noch der schwere Reibestein befand. Dann begann er die Tuschestücke einzusammeln und zurück an ihren Platz zu sortieren. Schließlich streckte er die Hand nach dem Pinsel aus.

Und erstarrte, als er genauer hinsah. Der etwa ellenlange, schlanke Schaft war normalerweise von durchgehend hellem Holz. Doch das fein gearbeitete, spitz zulaufende Ende des Stiels war etwa bis zur Hälfte dunkel eingefärbt – in einem Braunton, der nicht normal für seinen Pinsel war. Argwöhnisch nahm er ihn in die Hand und hielt den Pinsel ins Licht und untersuchte die Färbung genauer. Es war kein Schatten gewesen, denn auch im Licht war die Färbung klar erkennbar. Er rieb den Schaft an seinem Gewand, aber die Verfärbung blieb. Und der Farbton kam ihm bekannt vor… Ein dunkles Rotbraun. Jumo fühlte, wie sich seine Eingeweide zusammenschnürten. Noch während der Pinsel aus seinen Fingern glitt und klappernd auf dem Ledereinband eines schweren Buches landete, stürzte eine Flut von Erinnerungen auf ihn ein, die ihm den Atem nahmen. Er stöhnte leise.

Kraft und Machtlosigkeit erfüllten ihn. Eine unbekannte Sinnesschärfe übermannte ihn, begleitet von Taubheit und Blindheit. Jagdinstinkt und Furcht stritten miteinander, gemeinsam mit Triumph und Entsetzen. Er erinnerte sich: Er sah durch die Schatten in den dunklen Gängen der Bibliothek, schmeckte Leder und Papier, atmete die alte, muffige Luft und pirschte vorwärts. Durst brodelte in ihm, unbändiger Wissensdurst. Er entdeckte den alten Mann, unbekannt und doch bekannt.

Immer schneller zuckten die Bilder und Gedanken durch seinen Kopf.

Er pirschte auf den Meister zu, packte ihn an der Schulter und sah den Schrecken in seinem Gesicht, das schließlich der Erleichterung wich.

Jumo – hast du mich erschreckt. Was machst du so spät noch hier?“

Verwirrung ergriff ihn und lähmte ihn einen Augenblick lang, dann schüttelte er sie ab und versuchte, zu sprechen. Seine Zunge fühlte sich träge und lahm an, als wäre sie ein Fremdkörper. Als er schließlich sprach, hörte er einen seltsamen Akzent.

Das bin nicht ich…Das ist nicht meine Stimme., schoss es Jumo durch den Kopf.

Der Blick des alten Mannes wurde sorgenvoll und eine Spur von Misstrauen trübte seine Miene.

Ist alles in Ordnung mit dir?“

Wut stieg in ihm hoch. Er stieß den Alten mit der flachen Hand in den Seitengang

Im nächsten Moment hielt er den Mann mit der einen Hand an der Kehle gepackt, die andere hielt den langen Pinselstiel wie ein Dolch.

Sei still und antworte mir nur, wenn du gefragt wirst!“, fauchte die Stimme, die nicht seine war.

Der alte Archivar sah ihn panisch an und nickte heftig. Das Bild verschwamm in hektischen Bewegungen. Ein Stoß, der den alten Mann zurückschleuderte. Amo am Boden knieend, kopfschüttelnd und verzweifelt. Blut tropfte auf den Boden – ein gleichmäßiges Pitschen.

Ich weiß nicht, wo das Grab ist! Das Mausoleum wurde vor über einem halben Jahrtausend erbaut, nur die Ahnen wissen noch, wo es sich befindet!“

Lüg nicht! Du weißt es! Ich weiß, dass du alles weißt!“, zischte er mit zitternder Stimme.

Verzweifelt schüttelte Amo den Kopf und kroch zurück, tiefer in die Ecke des Gangs.

Ich weiß es nicht.“, wimmerte er, „Nichts davon steht in den Archiven! Wenn das Wissen nicht längst verschollen ist, wissen es höchstens noch die Hochmeister der Gilde…“

Wieder beschleunigten sich die Bilder, verkrampften sich zu einem wirbelnden Strudel aus Emotionen und Eindrücken. Der Pinsel troff vor Blut, als er ihn aus dem Leib des sterbenden Archivars zog. Rasch wischte er ihn an der Kleidung des Alten ab und drehte sich zum gehen.

Eine Mischung aus Genugtuung und Unzufriedenheit begleitete ihn auf dem Weg nach draußen. Kurz vor dem Ausgang der Bibliothek sah er schließlich das alte, lederne Buch auf einem Tisch liegen. Aus einem Impuls heraus klemmte er es sich unter den Arm und ging.

Der Weg durch die Gänge war verschwommen und unklar, erst, als er die Truhe öffnete und das Archivband und die Schreibsachen hineinlegte, wurde die Erinnerung wieder klarer.

Sein Atem stockte, als die Nacht sich zum Tag wandelte. Er starrte auf seine Hände, die den Pinsel in den Körper des Archivars gerammt hatten. Sie waren sauber…

Das darf nicht sein. Das kann nicht passiert sein! Wie ist das möglich?

Ungläubig starrte er auf den Pinsel, dessen Holz die Farbe von getrocknetem Blut hatte. Er lag auf dem Archivband, das aus der Bibliothek verschwunden war. Wie kann das sein? Ich war im Bett… ich habe geschlafen. Ich habe Meister Amo nicht umgebracht, wieso sollte ich? Das war bestimmt nur ein schlechter Traum. Vielleicht träume ich das alles nur. Bestimmt wache ich gleich auf…

Er wartete vergeblich. Nach Sekunden des Wartens – einer gefühlten Ewigkeit, stöhnte er schließlich leise und ließ sich auf den Parkettboden sinken, wo er sich zusammenrollte, um sich vor der grausamen Erkenntnis zu schützen. Er hielt das kleine Holzpferd fest in der einen Hand umklammert. Es gab ihm Trost und Halt, wie früher als Kind. Es half ihm beim Versuch, alles zu verdrängen. Doch das Gesehene blieb. Und ebenso die Beweise.

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Erkenntnis – Teil 1

Jaelad, Dalea

Jahr des Schichass, 8. Monat

27. Tag, Nacht

Orangerote Flammen tanzten über der Stadt und erhellten die Nacht, während unzählige Soldaten über den Innenhof rannten und die letzten Verteidiger niedergestreckten. Dalea brannte. Gebannt hielt der Leibwächter kurz inne und betrachtete das Spiel des Feuers und der Rauchwolken, die aus den hunderten Gassen der Stadt hervorquollen. Die Hitze der prasselnden Flammen schlug ihm auch hier, in der Abgeschiedenheit des inneren Festungsringes entgegen, während der Feuersturm draußen tobte. Er hielt das Schwert fest in der verschwitzten Hand, bereit, seinen Prinzen zu verteidigen, der unbewaffnet und gelassen neben ihm über den Innenhof schritt. Mit wachem Blick beobachtete der Leibwächter das Geschehen. Er suchte die hohlen, schwarzen Fenster nach Silhouetten ab. Während sie über den bepflanzten Innenhof gingen, behielt er Büsche und Bäume im Auge, aber die Angreifer hatten bereits allen Widerstand beseitigt. Die einzigen feindlichen Soldaten, die er zu Gesicht bekam, waren tote oder sterbende.

Die schweren Holztore des Palastes waren weit aufgestoßen. Der Gang vor ihnen war dunkel und verlassen, doch aus den Tiefen des Gemäuers drangen Schreie und Rufe und kurz darauf Kampflärm. Seite an Seite betraten die beiden Männer den Palast des Kaisers von Terugal. Im Inneren war das Prasseln der Flammen leiser, gedämpft durch die dicken Wände – nur noch eine fade Erinnerung an den Lärm, der draußen herrschte.

Aufwendig gearbeitete Gobeline verzierten den Eingangssaal. Ein toter Wachmann lehnte zusammengesackt und reglos an einem blutverschmierten Wandteppich. Ungerührt traten die beiden Männer über ihn hinweg und stießen tiefer in das Gebäude vor. Schreie und Kampfgeräusche begleiteten sie weiterhin auf ihrem Weg, aber sie selbst trafen auf keinen Widerstand. Als sie schließlich schweigend den Thronsaal betraten, war Stille eingekehrt. Nur ein armseliges Winseln durchbrach die Ruhe, die die Elitesoldaten über den Palast gebracht hatten. Im Raum verteilt lagen die Leichen derer, die das Gefecht nicht überlebt hatten.

Der Prinz nickte den Gardisten zu, die im Raum Stellung bezogen hatten und reglos wie Statuen über das Geschehen wachten. Dann ging er auf die zusammengekrümmte Gestalt am Ende des Raumes zu. Die Schritte seiner schweren Stiefel hallten im Thronsaal. Er umkreiste die Gestalt, die in prächtige Gewänder gehüllt voller Angst am Boden kauerte.

Schließlich blieb er stehen und betrachtete die jämmerliche Gestalt.

Ihr wollt also der Kaiser von Terugal sein…“, meinte er leise, „Nicht einmal in der Stunde eurer Niederlage habt ihr den Mut, aufrecht vor mir zu stehen, um euch für eure Taten zu verantworten.“

Tötet mich nicht, ich bitte euch…“, bat der knieende Mann leise und mit heiserer Stimme.

Der Eroberer schnaubte verächtlich. „Feigling! Solange ihr umringt seid von eurer Garde und all euren Handlangern kennt euer Hochmut keine Grenzen, aber jetzt da ich hier stehe, winselt ihr um Gnade. Ich habe euch mehrfach die Gelegenheit gegeben, euch zu unterwerfen und die Krone an mich abzutreten, aber damals habt ihr nur Spott für mich übrig gehabt.“

Ihr seid ein Ursurpator, ein Barbar ohne Anspruch auf diese Krone!“, begehrte der Kaiser in einem überraschenden Anfall von Trotz auf. Der Eroberer unterbrach ihn ruhig:

Der Ursurpator ohne legitimen Anspruch kniet in diesem Augenblick vor mir. Ihr mögt vergessen haben, was euch vor all den Jahren zur Macht verholfen hat, aber ich erinnere mich – es war dieselbe Feigheit wie heute, eure fein gesponnene Intrige, für deren Erfolg das gesamte Kaiserhaus von euren Handlangern niedergemetzelt werden musste. Aber ihr habt es nicht gewagt, eure Hände selbst schmutzig zu machen – nicht einmal, um euren Erfolg auszukosten habt ihr euch zu erkennen gegeben. Ihr habt euch im Schatten versteckt, bis ihr sicher wart, dass euer Plan funktioniert hatte. Aber ihr habt nie erfahren, dass ihr in Wahrheit gescheitert seid.“, schilderte der Eroberer ruhig.

Der Leibwächter lächelte und dachte an die schreckliche Nacht zurück, in der die Mörder die Residenz des Kaisers eingedrungen waren und alle Bewohner niedergemetzelt hatten – alle außer ihm und dem jüngsten Sohn des Kaisers.

Der kniende Usurpator hob den Blick und sah den Erben der Krone mit verwirrtem Blick an. Er musterte das Gesicht des jungen Mannes, versuchte sein Alter zu schätzen und ihn einzuordnen. Schließlich dämmerte ihm die erschreckende Wahrheit. Der alte Mann erbleichte.

Prinz Serian? Aber… aber ihr seid in dieser Nacht gestorben, wie die anderen auch! Keiner hat überlebt, alle sind gestorben! Ich habe ihre Leichen doch selbst gesehen…“, stammelte der Kaiser.

Ihr habt lediglich gesehen, was ihr sehen wolltet. Die verbrannte Leiche eines Kindes, das den Flammen zum Opfer gefallen war. Euer Stolz und euer Triumph haben euch geblendet. Ich habe überlebt und stehe heute vor euch, um mein Recht als Kaiser einzufordern.“

Der gestürzte Kaiser sah erneut zu Boden und schüttelte ungläubig den Kopf, während er versuchte, Worte zu finden. Schließlich ließ er den Kopf sinken und holte tief Luft, als ihm die Konsequenzen der Worte bewusst wurden.

Ich muss sterben, nicht wahr?“, fragte er leise und hoffnungslos.

Ja.“, antwortete Serian.

Nun… in diesem Fall macht es keinen Unterschied. Wenn ich sowieso sterbe… kann ich mein Lebenswerk auch noch vollenden und euren Anspruch zunichte machen…“, meinte er und hob den Blick zum Prinzen. Auf seinen Zügen lag ein wahnsinniges Grinsen, „..indem ich euch töte!“

Aus den Tiefen seines Gewandes zauberte der Kaiser einen Dolch hervor und stürzte sich auf den Prinzen. Überrascht wich Serian zurück, während sein Leibwächter vorwärts stürzte. Im fahlen Licht des Feuersturms blitzte die Klinge gefährlich, während sie nach vorn schnellte. Überrascht machte der Prinz einen Schritt zurück. Der erste Stich traf Serian Anos an der linken Schulter, statt sein Herz zu treffen. Dem zweiten wich der kampferprobte Krieger aus. Den dritten Stich blockte der Leibwächter. Mit der linken Hand stieß er den hervor schnellenden Arm des älteren Mannes aus der Bahn, mit der rechten griff er nach dem Handgelenk, um es zu fixieren. Dann drehte er ihm den Arm durch einen beinahe sanften Druck gegen den Ellbogen auf den Rücken und zwang den Mann durch die Hebelwirkung dazu, mit einem schmerzvollen Ächzen in die Knie zu gehen. Seine linke Hand glitt am Arm des Gegners entlang und übernahm das Handgelenk, sodass er mit der Rechten das Messer aus dem Griff der knochigen Hand winden konnte. Mit dem Messer in der Hand wartete er auf den Befehl seines Prinzen, während das Kribbeln des Adrenalins in seinen Adern langsam nachließ. Serian Anos trat mit blutender Schulter an den entwaffneten Kaiser heran und sah ihm tief in die Augen. Dann nahm er ihm die Krone sanft vom Haupt und nickte knapp. Der Leibwächter rammte das Messer in den Leib des Kaisers. Heißes Blut verschmierte seine Hand, während sein Opfer mit einem Schmerzensschrei in seinem Griff erschauerte und starb…

Jaelad, Nekropolitektengilde

Jahr des Falken, 5. Monat

13. Tag, Morgens

Nach Luft schnappend schreckte Jumo aus seinen Träumen hoch. Er saß kerzengerade und schweißnass in seinem Bett, sein Herz hämmerte in seiner Brust. Durch das Fenster schienen die ersten Sonnenstrahlen hinein und die Morgenglocke läutete, um die Gilde zu wecken. Jumo holte tief Luft. Es war frische Luft, eine sanfte Brise vom Sartameer her. Sie vertrieb den Nachklang des beißenden, schwefligen Qualms der Feuer, den Geruch der brennenden Stadt. Der junge Lehrling sah auf seine Hände hinab, die er zitternd vor sich hielt.

Er konnte die Hitze des Blutes noch auf seiner Haut spüren, fühlte, wie das Rinnsal an einem Handgelenk herabtropfte. Aber er sah kein Blut – seine Hand war sauber.

Er brauchte zwei Minuten, um sich wieder zu beruhigen und die verstörenden Erinnerungen an den Traum abzuschütteln. Es war der fünfte Traum dieser Art innerhalb von drei Nächten. Aber man gewöhnte sich nicht daran – die Intensität war jedes Mal aufs neue erschreckend. Wenn er mitten in der Nacht hochschreckte, lag er oft noch lange Zeit wach, um darüber zu rätseln, was er gesehen hatte – und aus Angst davor, wieder einzuschlafen und erneut in den Traum hineinzurutschen. Doch oft verschwanden die Traumbilder so schnell wieder, wie sie ihn heimgesucht hatten – Bruchstücke blieben, aber meist waren sie so verschwommen wie eine ferne Erinnerung.

Er blieb im Bett liegen, bis die Morgenglocke verklungen war und versuchte vergeblich, seinem Traum einen Sinn abzuringen. Die Flammen, der Sturm auf den Palast, der Mord am Kaiser, der Prinz… War sein Traum eine Vision?

Es gibt keinen alten Kaiser, nur eine junge Kaiserin… also keine Zukunftsvision., dachte er.

Aber was ist mit der Vergangenheit?

Er versuchte sich daran zu erinnern, wann Dalea das letzte Mal in Flammen gestanden hatte. Kleinere Brände kamen zwar häufige vor, aber selten brannte dabei die gesamte Stadt ab, bevor das Feuer eingedämmt werden konnte. Der letzte Großbrand war vor mehreren Jahrzehnten ausgebrochen – Jumo konnte sich düster daran erinnern, dass sein Großvater ihm ab und an davon erzählt hatte, aber auch er war damals noch ein Kind gewesen. Danach wurde der Brandschutz der Stadt verbessert und seither waren derartige Katastrophen abgewendet worden.

Ihm fiel auf die Schnelle kein Brand ein, der mit dem Tod eines Kaisers einherging, aber etwas an dieser Kombination der Ereignisse kam ihm bekannt vor. Ob es nur daran lag, dass er früher schon etwas darüber gelesen hatte, oder ob die Vertrautheit der Szenerie vom Traum herrührte, konnte er allerdings nicht mit Sicherheit sagen. Einmal mehr vermisste Jumo den allwissenden Bibliothekar, der ihm ohne nachzuschlagen hätte sagen können, ob und wann so etwas passiert war. Der Lehrling seufzte leise und gab auf. Er hatte Arbeit zu erledigen. Und er war spät dran.

Die Morgenglocke war bereits seit einigen Minuten verstummt und er lag noch immer im Bett. Rasch kroch er aus den Laken und warf sich das Gewand über, dann hastete er zum Frühstück.

Nachdem Meister Senos ihn im Quartier der Meister entdeckt hatte, obwohl er eigentlich zur Strafarbeit im Archiv eingeteilt war, wurde Jumo besonders scharf beobachtet. Senos hatte ihn auf die nächsten Tage wieder ins Studierzimmer verbannt, denn Jumo hatte ihm nicht gesagt, dass Meister Tolhen ihm frei gegeben hatte. Zum einen wollte er nicht, dass seine Großzügigkeit zu einem Konflikt mit Meister Senos führte – zum anderen wollte er nicht, dass Tolhen erfuhr, dass er in seiner freien Zeit im Viertel der Meister unterwegs gewesen war. Es war schon schwer genug gewesen, seinem Meister zu erklären, wieso er dort war, statt im Studierzimmer das Archiv zu kopieren. Nach einem Moment des Schocks und einigen Sekunden, die er brauchte, um zu realisieren, in welche prekäre Lage er sich gebracht hatte, hatte er dem Meister glaubwürdig machen können, dass er wegen einiger Fragen auf der Suche nach ihm gewesen und deshalb ins Viertel der Meister gegangen war. Nachdem Jumo den argwöhnischen Blicken des Meisters lang genug standgehalten hatte, ohne sich in Widersprüche zu verstricken, hatte Senos ihm seine Geschichte schließlich abgenommen und hatte ihn zurück zu seinem Arbeitsplatz begleitet, um seine Fragen zu beantworten. Dazu gezwungen, sich auf die schnelle etwas zum Text passendes auszudenken, stellte Jumo einige sehr dilettantische Fragen, die seinen Meister mit Ärger und Enttäuschung reagieren ließen. Doch ein Opfer musste Jumo bringen – und auch wenn es seinem Stolz ganz und gar widersprach, gab es keine Alternative – außer vielleicht, dem Meister die Wahrheit zu sagen. Und das kam für ihn nicht in Frage. Selbst wenn er die nächsten Tage im Studierzimmer verbringen musste, war er weiterhin entschlossen, das Rätsel zu lösen und hinter die Bedeutung der geheimnisvollen Bedrohung zu kommen, von der die Gildenmeister gesprochen hatten. Ihm war bewusst, dass er sich eigentlich nicht in die Belange der Meister einmischen sollte, aber wie konnte er untätig dasitzen und seinem Tagwerk nachgehen, wenn etwas viel größeres, bedrohlicheres vor sich ging? War es nicht seine Verantwortung, all sein Wissen und seine Fähigkeiten dazu zu nutzen, Gefahr von der Gilde abzuwenden? Sobald er mit seiner Arbeit fertig war oder sich eine andere Gelegenheit bot, der Sache weiter auf den Grund zu gehen, würde er sein Werk fortsetzen. Mittlerweile wusste er, wo er beginnen musste.

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Fajal – Teil 4

Herauo, Ostgebirge

Jahr des Falken, 5. Monat

12. Tag, Nacht

Als Vicas von seiner Audienz mit dem General zurückkehrte, war es bereits spät am Abend. Das große und für militärische Verhältnisse luxuriös eingerichtete Zelt, das ihnen als Schlafplatz zur Verfügung gestellt worden war, befand sich nicht allzu weit von der Mitte des Lagers entfernt, wo seine Verhandlung mit dem General stattgefunden hatte. Vicas war froh darüber, nicht allzu weit mit den Krücken humpeln zu müssen, die ihm der Dalan nach seiner Entlassung aus der Behandlung mitgegeben hatte. Die Anweisungen des Arztes waren recht deutlich gewesen: Das Bein musste geschont werden und Vicas sollte sich weder körperlich noch geistig überanstrengen, wenn er seine Chancen auf Heilung nicht gefährden wollte. Dennoch hatte der alte Mann mit etwas Widerwillen zugelassen, dass Vicas die Nächte bei seinen Kameraden verbringen durfte, solange er sich bei weiteren Beschwerden sofort bei ihm meldete.

Er wusste noch nicht so recht, wie er seinen Begleitern erklären sollte, was die Konsequenzen seines Gesprächs mit dem General waren. Im Grunde war er selbst noch viel zu überrascht über die unerwartete Wendung der Dinge. Er konnte kaum glauben, dass er tatsächlich soeben einen weiteren Verbündeten gewonnen hatte, der ein halbes Banner direkt nach Crescuro führen konnte – und das auch mit Begeisterung tun würde. Anfangs war sich Vicas nicht sicher gewesen, ob der General es ernst meinte oder ob er nur ein grausames Spiel mit ihm spielte. Aber seine erste Einschätzung hatte sich als richtig erwiesen: Fajal war ein überaus offener Mann, der manchmal Schwierigkeiten hatten, seine Zunge im Zaum zu halten – und diese Schwäche war scheinbar gezielt ausgenutzt worden. Vicas konnte nur hoffen, dass der General in militärischen Belangen weniger impulsiv war und eher vermochte, seine persönlichen Befindlichkeiten beiseite zu legen, wenn es um strategische Entscheidungen ging. Seine glänzenden Erfolge in der Vergangenheit zeigten, dass er ein fähiger Stratege war und machten Hoffnung, dass er dazu in der Lage sein würde. Andererseits hatte er bisher nie gegen einen Gegner ins Feld ziehen müssen, mit dem er eine persönliche Feindschaft pflegte. Doch selbst im schlimmsten Fall – selbst wenn Fajal versagte, würde er die Kaiserlichen eine Weile beschäftigen und höchstens seine eigenen Truppen dem Untergang weihen. Pragmatisch betrachtet hatte Vicas mit dem Bündnis wenig zu verlieren – aber viel zu gewinnen.

Im Inneren des Zeltes warteten Toreo Valan, Sanos Grecan und Feran ungeduldig auf seine Rückkehr. Während der Grabräuber die Hände im Nacken verschränkt auf einer der Strohmatratzen lungerte und die Decke anstarrte, ging Sanos Grecan ruhelos im Zelt auf und ab. Valan saß sichtlich entnervt auf einem der hölzernen Stühle.

Könntest du bitte damit aufhören?! Dadurch geht es auch nicht schneller!“, herrschte er gerade Grecan an, als Vicas die Zeltplane im Eingang mit seiner Krücke beiseite schob und hineintrat. Sofort richteten sich alle Blicke auf ihn, Grecan blieb stehen, machte dann einen Schritt zum Zelteingang und hielt die Plane offen.

Danke.“, murmelte Vicas und humpelte hinein. Mit einem Ächzen ließ er sich langsam auf einen der Stühle nieder und biss die Zähne zusammen, als sein Bein von neuerlichen Wellen aus Schmerz durchflutet wurde. Als die Qualen erneut zu einem dumpfen Pochen abgeebbt waren, lehnte er die Krücken an den Tisch in der Mitte des Raumes. Erwartungsvoll schauten die drei Männer ihn an.

Fajal schickt das Banner ins Feld. Nach Crescuro.“, eröffnete Vicas ihnen schließlich knapp.

Nach Crescuro?!“, echote Toreo Valan ungläubig und Sanos Grecan erbleichte.

Nach Crescuro – gegen General Tar und die Kaiserlichen.“, bestätigte Vicas.

Gegen die Kaiserlichen? Heißt das… heißt das, er ist auf unserer Seite?“, fragte Sanos Grecan, dessen Miene nun von Unglauben und Argwohn geprägt war. Nun wandte auch Feran den Blick von der Wand ab und blickte interessiert hinüber. Vicas nickte.

Wir haben ein Bündnis ausgehandelt. Der General hat seine ganz eigenen Gründe, um gegen die Kaiserlichen zu kämpfen, ist aber bereit, uns für gewisse Gegenleistungen zu unterstützen und sich der Rebellion anzuschließen.“, fasste der Baron knapp zusammen und rieb sich müde die Augen.

Feran setzte sich aufrecht auf das Bett. „Ihr habt was?“, fragte er kalt und schaute ebenso ungläubig drein wie die anderen beiden Männer.

Vicas atmete tief durch. „Ich habe ihm angeboten, unsere Kräfte zu vereinen, um gemeinsam unsere Ziele zu erreichen – und er hat zugestimmt. Des Feindes Feind ist unser Freund. Mit dem Sternenbanner haben wir einen Trumpf in der Hand, der die gesamte Situation…“

Ihr meint das wirklich ernst?“, unterbrach Feran ihn wütend, „Ihr wollt euch wirklich mit diesem Mörder verbünden? Seit Monaten terrorisiert er die Gegend, schlachtet die Bewohner ab wie Tiere! Seine Soldaten schänden die Frauen und Kinder und stehlen alles, was ihnen nach den Schichássangriffen noch geblieben ist!“, rief Feran und ballte die Fäuste.

Seine Schergen haben meine Familie getötet, sie haben alles genommen was wir hatten – unsere Vorräte, unser Saatgut, die Pferde, Ochsen, Werkzeuge…“

Euer Verlust tut mir aufrichtig Leid, aber was in der Vergangenheit passiert ist, kann ich nicht mehr ändern. Es gibt so vieles, was anders hätte laufen sollen.“, versuchte Vicas ihn zu beruhigen. Doch der Grabräuber wollte sich gar nicht beruhigen.

Ihr verbrüdert euch mit einem Mörder und Plünderer statt ihm seine gerechte Strafe zukommen zu lassen! Ich dachte, ihr seid ein ehrenwerter Mann, Baron. Aber stattdessen macht ihr euch zu einem Komplizen dieses Mannes! Wie viel besser als er seid ihr damit?! Statt den Opfern Gerechtigkeit zu schenken trampelt ihr auf ihren Gräbern herum!“, brauste Feran mit hochrotem Kopf auf.

Genug!“, herrschte Vicas ihn an, „Ihr kennt mich nicht gut genug, wie es scheint. Ich wünschte, es wäre alles so einfach wie ihr es beschreibt! Ich wäre gern der ehrenhafte Baron, der euch aus eurem Elend rettet und euch eine bessere Zukunft schenkt, aber die Wahrheit ist, ich bin tatsächlich ein Mörder! Wie viele tausend Männer sind schon wegen mir in den Tod gegangen? Ich habe Männer persönlich umgebracht, im Zweikampf – bis heute verfolgen mich ihre Augen im Schlaf, ihre sterbenden, verblassenden Augen, nachdem meine Waffe sie durchbohrt hat. Ich habe Männer in die Schlacht geführt und geopfert, um selbst zu überleben, weil ich mich für wichtiger halte als sie es sind. Erinnert ihr euch an die Ruinen? Erinnert ihr euch an die Soldaten, die dort den letzten Hinterhalt gelegt haben und gefallen sind, um unsere Flucht zu ermöglichen? Was macht mein Leben wertvoller als ihres, vor den Augen der Ahnen, vor den Augen eines klaren Gewissens, das meinen Rang und meine Position nicht als Ausrede akzeptiert? Was berechtigt mich, diese Männer zu opfern, um mein eigenes Leben zu retten? Die Wahrheit ist: Nichts! Ich hätte dort unten genauso sterben sollen wie der Rest der Männer – stattdessen sind wir entkommen und deswegen sterben nun noch mehr Menschen. Ich bin schon lange ein Mörder, nicht erst seitdem ich mich mit General Fajal verbündet habe. Aber eines will ich niemals werden: Ein Heuchler!

Es herrscht Krieg – im Krieg sind die Dinge nicht so einfach, im Krieg gibt es kein Schwarz und kein Weiß, kein Gut und kein Böse. Damit müssen wir klarkommen – vom einfachen Soldaten, der sein Gegenüber tötet, weil es ihm befohlen wird, obwohl er keine andere Legitimation dafür hat – bis zum Kommandeur, der kaltblütig Menschen opfert um seine Ziele zu erreichen. Und bis hin zum Politiker, der noch kaltblütiger taktiert und das Schicksal Tausender in die Wagschale wirft, um eine Veränderung herbeizuführen. Ich bin von allem etwas. Und bin bin nicht stolz darauf – also verschont mich mit euren Anklagen“

Feran schwieg einen Augenblick lang und Vicas fühlte, dass der Schmerz in seinem Bein stärker geworden war. Er fühlte sich alt, müde und schuldig. Er wollte nicht weiter darüber diskutieren, doch er hielt dem Blick des Grabräubers eisern stand, während dieser ihn musterte.

Ihr macht einen großen Fehler.“, meinte Feran leise und gefasst, dann wandte er den Blick ab und verließ das Zelt. Müde sackte Vicas in sich zusammen. Die anderen beiden Männer hatten den Schlagabtausch schweigend beobachtet und warfen sich sorgenvolle Blicke zu. Als Sanos Grecan an Vicas herantrat und ihm die Hand auf die Schulter legte, um sich zu vergewissern, dass es ihm gut ging, spürte er, dass der Baron bebte.

Zu seiner Überraschung stellte Sanos fest, dass Vicas weinte.

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Fajal – Teil 3

„Es scheint, als hätte ich Recht gehabt, als ich sagte, dass wir uns sehr ähnlich sind, Baron.“, meinte er und biss von der Frucht ab.
„Meine Aussicht auf Sieg ist ebenso gering wie eure, wenn mich General Tar auf offenem Feld stellt. Mein Banner hat die Hälfte seiner Männer durch Scharmützel mit den Schicháss, Machtproben mit kleinen Kriegsherren und Desertation eingebüßt. Wir sind unterversorgt und haben seit Monaten kein neues Kriegsmaterial erhalten. Aber wir halten uns und wir kontrollieren große Teile des Ostgebirges. Das östliche Mittelherauso steht faktisch unter meinem Einfluss. Solange die Kaiserin, wie ihr Vater vor ihr, darauf besteht, dass ich Amt und Würden zusammen mit meinen Waffen niederlege, um mich der Militärgerichtsbarkeit für meine Vergehen zu stellen, werde ich hier ausharren und jeden Angriff mit Hinterhalten und Störmanövern zum Scheitern verurteilen.“, stellte Fajal klar.

——-

Von welchen Vergehen sprecht ihr?“, fragte Vicas interessiert.

Der General zog ein verächtliches Gesicht und schnaubte ungehalten.

Mir wird vorgeworfen, ich hätte den Befehl des Kaisers missachtet und müsste mich wegen…“, Fajal sah sich kurz auf seinem Schreibtisch um und nahm eine Depesche zur Hand,

…Wegen Insubordination, Respektlosigkeit gegenüber dem Kaiser und Übergriffen gegen die Zivilbevölkerung in Herauo… verantworten.“, las er vor und legte den Brief weg.

Schwerwiegende Vorwürfe…“, sinnierte Vicas nachdenklich.

Fabrizierte Vorwürfe. Aus heiterem Himmel bekam ich die Anweisung, mein Kommando über das Sternenbanner nach meinem durchwachsenen Erfolg zugunsten eines jüngeren und fähigeren Generals niederzulegen!“, echauffierte sich Fajal. „Meine Kampagne gegen die Schicháss war anstandslos! Die Bestien waren schon zu diesem Zeitpunkt auf dem Rückzug in ihre Höhlen, die Soldaten gerade mit der Vorbereitung einer Strafexpedition ins Gebirge beschäftigt, als diese Depesche eintraf! Natürlich habe ich protestiert und meine Erfolge herausgestellt, dem Kaiser empfohlen, das Kommando nicht zu wechseln, da gerade für den Gegenstoß ins Gebirge die immense Erfahrung eines General Fajal notwendig ist. Ich habe mich sogar zurückgehalten, habe respektvoll und höflich meine Sicht der Dinge dargestellt, statt dem Kaiser offen zu widersprechen. Als Antwort bekam ich diesen Brief, der mich zum Kriminellen degradiert. Welche Wahl hatte ich, als mich gegen diese Unverschämtheit aufzulehnen? Zu diesem Zeitpunkt habe ich erkannt, dass es eine Intrige gegen mich sein musste – eine absichtliche Provokation, um mich als Anwärter für den Posten des Reichsfeldmarschalls zu diskreditieren. Ich war der älteste der kaiserlichen Generäle, nach dem Jahrhunderte lang gewahrten Prinzip der Seniorität wäre der Posten an mich übergegangen statt an General Tar – und dann, wenige Monate später, der lang erwartete Tod des Feldmarschalls. Mittlerweile ist mir alles klar – mittlerweile weiß ich, wer dahinter steckt und warum. Aber ich bin in die Falle getappt, weil meine Ehre und mein Stolz einen solchen Angriff möglich gemacht haben. Wenn man sich sein Leben lang alles hart erarbeitet und erkämpft hat, ist man nicht bereit, solche Vorwürfe auf sich sitzen zu lassen.“, erzählte er mit einer Mischung aus Verbitterung und Schmerz in der Stimme. Unbewusst hatte er während seiner Rede die Hand zur Faust geballt. Der Baron hatte die Stirn in Falten gelegt und hörte aufmerksam zu.

Und nun steht auch ihr mit dem Rücken zu Wand – wenn ihr nachgebt, verliert ihr nicht nur Amt und Würden, sondern auch eure Ehre und alles wofür ihr lang gearbeitet habt. Bleibt ihr hier in Herauo, gewinnt ihr nichts, aber müsst euch nicht der Schmach stellen, den Intriganten den Sieg zu gönnen. Aber die Position des Reichsfeldmarschalls bleibt euch wohl verwehrt, selbst wenn ihr eure Rehabilitation erkämpfen könnt. Sollte es also eine Intrige Tars sein, war sie durchaus gut gesponnen.“, überlegte Vicas laut.

Bezweifelt ihr etwa, dass das alles das Werk Gol Tars ist?“, fragte Fajal mit einer Mischung aus Unglauben und Ärger.

Ich sage lediglich, dass nichts in dieser Hinsicht erwiesen ist. Eure Theorie klingt aber durchaus plausibel.“, entgegnete Vicas. Die Tatsache, dass das Zerwürfnis zwischen Fajal und dem Kaiserreich offenbar tiefgreifender war, als er es anfänglich vermutet hatte, hatte das Interesse des Barons geweckt. Seines rechtmäßigen Anspruches beraubt war Fajal in einer Zwickmühle gefangen, aus der er nicht ohne Verlust herauskam. Schon jetzt hatte er sein Ansehen im gesamten Kaiserreich verloren, auch wenn er sein Ansehen vor sich selbst bewahren konnte. Als Kriegsherr denunziert und verschrien wurde der Name Fajal heute nur noch mit Negativem verbunden. Auch wenn er wohl tatsächlich – wenn man Feran glauben konnte – einige Gräueltaten begangen hatte, mit denen man nicht konform gehen musste, konnte Vicas die Gründe für seine Handlungen durchaus nachvollziehen. Als Mann der Tat und als erfahrener General hatte er die notwendigen Schritte ergriffen, um sich und seinen Männern das Überleben zu sichern – einschließlich der Plünderungen, Übergriffe auf die Zivilbevölkerung und der berüchtigten Wahl zwischen Zusammenarbeit und Tod.

Wenn er so darüber nachdachte, wusste Vicas selbst nicht, was er an der Stelle des Generals getan hätte. Ohne Nachschub konnte eine Armee nicht überleben, Geld hatte er nicht zur Verfügung und wenn die umliegenden Dörfer die einzige Nahrungsquelle darstellten, blieb kaum etwas anderes übrig, als darauf zurückzugreifen. Im Krieg war beinahe jede Entscheidung ein Dilemma.

Aber nur beinahe. Manche Entscheidungen waren denkbar einfach zu treffen, auch wenn es manchmal etwas Überwindung kostete, sie in die Tat umzusetzen. Vicas nahm sich eine Fruchtscheibe vom Silbertablett und biss hinein, während er sich zurücklehnte.

Wie ihr bereits zwei Mal betont habt, sind wir in einer ganz ähnlichen Situation. Wir haben dieselben Feinde – und auch wenn unsere Gründe im Detail unterschiedlich sind, rebellieren wir beide gegen ein Unrecht, das so nicht hinnehmbar ist. Wir können weiterhin einzeln gegen unseren gemeinsamen Feind kämpfen. Oder wir können unsere Kräfte vereinen und unsere Chancen auf einen Sieg erhöhen.“, schlug Vicas vor.

Fajal nickte nachdenklich und strich sich mit den Fingern über das Kinn.

Ich schätze, nachdem ich eure Gründe nun kenne, ist diese Option nicht mehr allzu abwegig. Allerdings darf ich euch darauf hinweisen, dass meine Unterstützung nicht vollkommen ohne Gegenleistung erwartet werden kann, auch wenn ihr der Feind meines Feindes seid.“, erwiderte er.

Selbstverständlich bin ich bereit, eure Bedingungen zu hören und mir ein Urteil darüber zu bilden, ob sie für uns akzeptabel sind.“, nickte Vicas.

Fajal lehnte sich vor und stützte sich mit den Unterarmen auf dem Tisch ab.

Ihr könnt euch vorstellen, dass es mir nichts nützt, wenn ich für die Rücknahme eurer verhassten Reform kämpfe und dann, nachdem das Ziel erreicht ist und ihr die Waffen niedergelegt habt auf dem Schafott lande.“, meinte er und zählte an den Fingern ab:

Erstens: Straffreiheit für mich und meine Männer als Mindestbedingung für jede Verhandlung mit den Kaiserlichen. Zweitens: Wiederherstellung aller Ämter und Würden die mir zustehen. Wenn möglich durch die Kaiserin persönlich – von mir aus bin ich bereit, über die ein oder andere Position zu reden, die für mich nicht weiter von Wert ist, aber ich verlange, dass dieses Ziel zusätzlich zum Widerstand gegen die Reformen verfolgt wird.

Drittens: Ich behalte das Oberkommando über mein Banner. Kein anderer Befehlshaber wird meine Truppen kommandieren, solange ich am Leben bin.

Viertens: Freie Hand gegen General Tar. Fünftens: Der monatliche Sold meiner Truppen wird komplett aus der Kasse der Nordprovinzen bezahlt.“

Vicas hörte ihm mit kraus gezogener Stirn zu und wartete, bis der General seine Punkte vorgebracht hatte. Dann legte er die Fingerspitzen aneinander und erwiderte:
„Den ersten Punkten habe ich nichts hinzuzufügen – unser Ziel ist es, für jeden, ob Soldat, Bauer, Verwalter oder Kommandeur, einen Straferlass zu verhandeln. Dabei seid ihr natürlich mit eingeschlossen. Sollte unser Aufstand Erfolg haben, werden wir auch für die Wiederherstellung eurer Positionen eintreten, um eurer Unterstützung sicher zu sein. Und selbstverständlich behaltet ihr euren Rang als General auch wenn ihr an unserer Seite kämpft und dürft eure Truppen weiterhin befehligen. Ich bezweifle sowieso, dass sie jemand anderem folgen würden, nachdem sie für euch alles riskiert haben. Solche Treue ist beeindruckend und es liegt uns nichts daran, die Kampfkraft eurer Männer zu verringern, indem wir ihren angesehenen Anführer austauschen.

Allerdings möchte ich die letzten zwei Punkte eingehender diskutieren.“, erwiderte Vicas und erntete ein Nicken seines Gegenübers.

Ich kann euch keine freie Hand gegen General Tar gewähren – zumindest nicht, wenn ihr damit meint, alle Pläne in den Wind zu schlagen, um mit aller Macht eurer persönlichen Fehde nachzugehen. Damit bringt ihr mehr Gefahren als Nutzen für unsere Sache. Wenn ihr damit lediglich meint, im Rahmen der vereinbarte Strategie mehr als das nötige zu tun, um General Tar das Leben zur Hölle zu machen, dann sei es so – wichtig ist, dass ihr die Grenze zur Unvernunft nicht für eure persönliche Rache überschreitet. Sonst lockt Tar euch womöglich erneut in eine Falle. Nach allem, was ich über euch gehört habe, seid ihr durchaus in der Lage, diesen Drahtseilakt zu meistern, aber ich möchte es im Vorhinein klarstellen.“, erklärte Vicas.

Fajal neigte den Kopf etwas und lächelte schmal. „Nun gut, dann formuliere ich meine Forderung um: Ich möchte im Rahmen eurer Pläne eure Garantie bekommen, dass mein Banner nicht in der strategischen Reserve landet und ich keine Möglichkeit bekomme, Tar auf dem Schlachtfeld eine blutige Nase zu verpassen.“

Vicas lachte leise. „Keine Sorge, General. Wenn wir uns über eure letzte Forderung einigen können, versichere ich euch, dass ihr sehr bald die Gelegenheit bekommt, euch mit ihm zu messen. Mittlerweile müssten seine Truppen kurz vor Crescuro stehen und die Belagerung dürfte bald beginnen. Mit eurer Unterstützung können wir den Kaiserlichen eine böse Überraschung bereiten.“

Und eure Antwort auf meine letzte Forderung lautet…?“

Eindeutig nein. Es ist unmöglich, ein weiteres Banner vollständig und über Monate oder Jahre hinweg regelmäßig zu bezahlen und gleichzeitig das Geld für seine Versorgung aufzubringen. Dafür reichen unsere begrenzten Mittel nicht. Ich verstehe, dass eure Männer seid einem halben Jahr keinen Zastrae mehr gesehen haben und mürrisch werden. Aber das zeigt mir auch, dass sie bereit sind, für euch zu kämpfen, ohne eine Münze zu verdienen.“

Habt ihr diesbezüglich noch einen Vorschlag, oder ist dies euer letztes Wort?“, fragte Fajal kühl und lehnte sich selbstsicher in seinem Sessel zurück. Er wusste, dass Vicas es sich nicht leichtfertig leisten konnte, auf diese einmalige Chance zu verzichten. Und das wusste auch der Baron.

Wie ich bereits andeutete, werden wir eure Truppen auf unsere Kosten versorgen. Mit Waffen, mit Verpflegung und Material. Ihr bekommt Zugriff auf unsere Versorgungslager und könnt euch dort mit allem eindecken, was ihr benötigt. Ohne, dass eure Soldaten dafür etwas zahlen müssen.“

Gut. Noch etwas?“, hakte Fajal nach und verschränkte die Arme. Vicas musterte ihn kurz und sah im Blick des Generals, dass es noch nicht genug war, um seine Kooperation zu sichern.

Zusätzlich dazu sind wir bereit, eine einmalige Prämie an die Soldaten auszuzahlen, die der Höhe von zwei Monatssolden entspricht.“, bot der Baron in Vertretung für die Rebellen an, nachdem er die Höhe der Summe geschätzt hatte.

Drei.“, verlangte Fajal.

Vicas zögerte kurz. „Zwei garantiert und ein dritter Monatssold für euer Banner, wenn die Gefahr einer Belagerung Crescuros gebannt ist.“

Einverstanden.“, nickte Fajal und lächelte.

Zufrieden besiegelten Sie ihre Zusammenarbeit mit einem Handschlag und die Anspannung, die sich während ihrer Verhandlung kurzzeitig aufgebaut hatte, fiel von ihnen ab.

Nun muss ich euch doch dazu zwingen, einen Schluck meines Weines mit mir zu teilen, um auf unser Bündnis zu trinken.“, sagte Fajal und füllte zwei Becher. Vicas lachte leise.

Gut, aber nicht so viel.“

Auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit, Baron.“

Auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit.“

Mit einem metallischen Klappern stießen sie an.

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Fajal – Teil 2

Sorry, der Teil ist so lang, dass ich ihn lieber trenne und in 2 Artikeln stückweise online stelle – es gibt keine wirklich gute Stelle, um einen fließenden Text zu trennen, aber ich denke ich habe die Trennung gefunden, die am wenigsten weh tut 😉

Zweiter Teil kommt eh bald, keine Sorge.

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Herauo, Ostgebirge
Jahr des Falken, 5. Monat
12. Tag, Abends

Gesättigt, ausgeruht und in frische Kleider gehüllt humpelte Vicas mit zwei hölzernen Krücken in das opulente Zelt des Generals. Am Himmel begann die Sonne langsam, sich in Richtung Horizont zu bewegen, aber einige Stunden würden noch vergehen, ehe die Nacht über Terugal hereinbrach. Doch im Inneren des Zelts herrschte bereits die Dämmerung. Nur auf dem Tisch des Generals stand eine flackernde Öllampe, die den Raum in ein schwaches Licht tauchte. Das Mobiliar im Zelt wirkte spartanisch und einfach, die Stühle waren ungepolstert und aus Holz, einige Schemel standen am Rande des Lichtscheins gestapelt. Der Tisch war aus einfachem Holz, hatte zahlreiche Flecken und Kerben. Es schien, als wären die Möbel allesamt aus dem Dorf herangeschafft worden, das in unmittelbarer Nähe lag. Bewohner gab es dort seit geraumer Zeit keine mehr. Zuerst waren sie vor den Schicháss geflohen, doch auch nachdem die Echsen aus diesem Gebiet vertrieben waren, blieben sie fort, wohl wissend, dass in dieser Region nur Zwangsenteignungen auf sie warteten. Dankbar hatten die Soldaten daher die Bauernhäuser als Unterkunft requiriert, zum Schutz vor Kälte, Wind und Regen.
Der General lehnte im Schein seiner Öllampe über dem Tisch und blickte von seinen Listen auf, als er Vicas bemerkte. Auf den ersten Blick wirkte Fajal schwerfällig. Vicas hatte ihn bisher nicht persönlich kennengelernt und war etwas überrascht, einen gut genährten Mann vor sich sitzen zu sehen, denn selbst in den höheren Rängen waren Befehlshaber der Armee noch  gut trainiert.
Der General war ein alter Mann, sein Gesicht war von Falten gezeichnet, die zwar von seinen feisten Wangen etwas kaschiert wurden, aber doch unübersehbar blieben. Fajals Haare waren schlohweiß und kurz geschnitten, um seine hohe Stirn und die Geheimratsecken nicht unnötig hervorzuheben. Er trug ein lockeres Gewand, über das das rote Generalsband mit den kaiserlichen Insignien fein säuberlich drapiert war. Man sah ihm an, dass er der älteste noch dienende General der kaiserlichen Armee war – oder zumindest bis zu seiner Meuterei gewesen war.
„Baron Vicas. Es freut mich, euch persönlich kennenlernen zu können!“, grüßte Fajal ausdruckslos und wies mit seiner Hand auf den Stuhl ihm gegenüber, ohne dabei aufzustehen.
„Die Freude ist ganz meinerseits.“, erwiderte Vicas in vorsichtigem Tonfall. Er spürte, dass der General seinen Gast ebenso wenig einzuschätzen wusste, wie umgekehrt. Ihre höflichen Floskeln waren so hohl wie ein leeres Fass. Doch dieses Spiel musste er wohl oder übel mitspielen.
„Ich sehe, ihr wisst bereits wer ich bin. Es scheint, als eilte mir mein Ruf überall hin voraus.“, meinte Vicas, während er sich langsam und vorsichtig auf dem Stuhl niederließ.
Der Schmerz in seinem Bein, das der Dalan in dicke, balsamierte Bandagen eingehüllt hatte, ließ etwas nach, als er es auf einem der Hocker ablegte und das Blut sich im Körper verteilte.
„Allerdings. Ihr seid eine populäre Figur geworden, wie es scheint. Darf ich euch ein Glas Fadis anbieten? Oder etwas Obst?“, fragte der General.
„Danke für das Angebot, aber ich denke ich habe heute schon genügend alkoholischen Kräutersud eingeflößt bekommen. Etwas Obst hingegen kann ich nicht abschlagen.“
„Greift zu.“, erwiderte Fajal und deutete auf die Obstschale, die am Randes des Tisches stand.
Vicas nickte, machte aber keine Anstalten, seine Hand nach dem Obstteller auszustrecken. Stattdessen musterte er den General aufmerksam, suchte nach Anzeichen, die ihm irgendetwas über diesen Mann verrieten. Er wusste also, wer Vicas war und welchen Wert er für die Kaiserlichen hatte. War Fajal im Herzen so sehr kaisertreu, dass er einen Feind darstellte oder nach seinem Konflikt mit der Autorität so neutral, dass man ihn nicht als Gefahr ansehen konnte?
Einige Sekunden lang legte sich Schweigen über das Zelt. Dann ergriff der General erneut das Wort.
„Wisst ihr, Baron, ich glaube im Grunde sind wir uns sehr ähnlich. Ich sehe in eurem Blick, dass ihr skeptisch seid – und ich bin ebenfalls skeptisch. In meinen Augen, in den Augen des Generals seiner kaiserlichen Hoheit, der ich lange Jahre war, seid ihr ein Unruhestifter und Aufständischer, dessen illegitime Rebellion samt und sonders niedergeschlagen gehört. Aber ich kenne eure Gründe nicht. Nicht gut genug. Das wenige, was ich abseits des Geschehens hier mitbekommen habe, reicht bei weitem nicht aus für ein umfassendes Bild. Und vermutlich haltet ihr mich ebenso für einen Kriminellen, dem Loyalität weniger bedeutet als persönliche Macht, – immerhin habe ich mich  gegen meinen Herren aufgelehnt. Aber es geht mir nicht um Macht oder Einfluss und ich glaube nicht, dass ihr den ganzen Hintergrund meiner Meuterei kennt.“, begann Fajal.
„Aus diesem Grunde schlage ich vor, dass wir unsere Skepsis und Vorurteile im Zaum halten und uns erst einmal besser kennenlernen, bevor wir einander beurteilen.“
Vicas legte die Stirn in Falten und dachte über die Worte des Generals nach. Er war überrascht über die Offenheit des Mannes, über die brutale Ehrlichkeit und seine Scharfsinnige Einschätzung der Situation. Es war nur verständlich, dass die höflichen Floskeln aus dem Munde dieses Mannes so hohl und unglaubwürdig geklungen hatten. Die Maske aus Höflichkeit vermochte nicht, den provozierend offenen Charakter des Mannes zu verbergen. Fajal war kein professioneller höfischer Intrigant, der das Lügen und das Schauspiel zur Profession gemacht hatte.
Vicas entschloss sich, ihm fürs erste mit ähnlicher Offenheit zu begegnen, um dem General nicht weitere Gründe zum Zweifeln zu geben.
„Nun, euer Vorschlag klingt vernünftig. Ich habe in der Tat nicht genug über die Umstände eurer Entlassung gehört, um mir ein endgültiges Urteil bilden zu können. Aber ich frage mich, wieso ihr euch die Mühe macht, mich zu einem solchen Gespräch einzuladen, wenn ihr mich doch mit Haut und Haaren General Tar und der Kaiserin ausliefern könntet, um eure Gunst wiederzugewinnen.“
Fajal schnaubte angewidert.
„So weit käme es noch. Seid unbesorgt, Baron. Ich habe euch nicht als Gefangener oder Geisel hier vorgeladen, sondern lediglich als Gast. Ich hatte gehofft, eure Behandlung hier hätte euch bereits zu diesem Schluss kommen lassen. General Tar und die Kaiserin würden sich vielleicht gern wünschen, dass ich angekrochen komme und um ihre Gunst bitte, aber das wird nur in ihren Träumen passieren. Diesen Gefallen tue ich Gol Tar nicht.“, versicherte er mit bitterer Stimme.
„Wie ich sehe, ist euer Verhältnis zur Kaiserin und zu ihrem Reichsfeldmarschall nicht besonders freundschaftlich. Ich hatte schon befürchtet Ihr hättet eure Streitigkeiten mit dem Kaiserreich nach dem Tod Kaiser Oredans beigelegt. Nicht, dass ich euer Zerwürfnis aus persönlichen Gründen befürworte, aber ihr könnt sicher nachvollziehen, dass es aus strategischen Gesichtspunkten für mich erleichternd ist, zu wissen, dass ich nicht in direkter Gefahr bin und kein weiteres Banner im Dienst des Südens in der Nähe Crescuros steht.“, nickte Vicas.
Fajal lächelte leicht „Das glaube ich euch gern, Baron. Auch wenn ich kaum glaube, dass das Sternenbanner in seiner derzeitigen Verfassung in der Lage wäre, eine ernsthafte Bedrohung für Crescuro darzustellen. Aber ich verstehe, dass jeder Mann der nicht gegen euch steht, ein Gewinn ist. Aber eben aus diesem Grund interessiert es mich, wieso ihr in einen so verzweifelten Aufstand tretet – eure zahlenmäßige Unterlegenheit ist katastrophal. Selbst mit der vereinten Macht der Aristokratie der Nordprovinzen sind eure Aussicht auf Sieg verschwindend gering. Daher frage ich mich: Warum all das?“
Vicas´ nickte mit ernster Miene. Er hatte sich diese Frage selbst in den letzten Monaten sehr häufig gestellt, sowohl während der Vorbereitung ihres Aufstandes, als auch während der ersten Aktionen nach dessen Beginn. Aber egal wie verzweifelt ihr Handeln erscheinen musste, Vicas kam immer wieder zum Schluss, dass es notwendig war.
Er legte verschränkte die Finger und fixierte den General.
„Ich schätze, Ihr wisst selbst, dass es nicht ein Sieg ist, den wir anstreben – kein Sieg im Sinne einer Eroberung Daleas, eines Sturzes der Kaiserin oder einer Besetzung der Südprovinzen. Alles, was wir wollen, ist, die Kaiserin und ihre Minister auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen, sodass sie unsere Forderungen ernst nehmen und in ihren Entscheidungen berücksichtigen. Zu lange schon herrschen im Kaiserpalast hinter den zahlreichen Kulissen der Macht die einflussreichen Händlerfamilien und Patriziergeschlechter. Die Forderungen anderer Interessengruppen in diesem Land werden scheinbar nicht mehr berücksichtigt, stattdessen fallen einseitig ausgerichtete Entscheidungen zugunsten des aufstrebenden Geldadels. Das Dekret, das die Kaiserin zur Reformierung der Landordnung erlassen hat, ist dabei nur die letzte Entscheidung in einer langen Folge. Lange Zeit ist es Kaiser Oredan gelungen, die verschiedenen Fraktionen so zu spalten, dass sie nicht bereit waren, miteinander zu kooperieren und einzeln zu schwach blieben, um sich erfolgreich zu wehren. Doch Oredan ist alt geworden und sein politisches Genie ist mit seinem Alter verblüht. Sein letztes, überstürztes Werk – die Reform im Norden – hat genug Landherren und andere Teile der Bevölkerung erzürnt, um einen Widerstand zu organisieren, der endlich stark genug war, um ihm Gehör zu verschaffen. Mit allen Mitteln haben wir im Vorfeld des Aufstandes versucht, unsere Forderungen einzubringen, allen voran ich höchstpersönlich. Doch selbst der Tod des Kaisers hat nichts an den Vorhaben geändert. Die Minister trieben es als Oredans letztes großes Lebenswerk weiter voran, wohl wissend, dass ihre Familien und Sponsoren unglaublichen Profit aus den Resultaten schlagen würden.“, erläuterte Vicas und gönnte dem General einen Augenblick Schweigen, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, ehe er fortfuhr.
„Wohl wissend, dass die Minister weiterhin alles tun würden, um unser Bündnis zu zerschlagen, schlossen wir uns enger denn je zusammen und begannen, einen Plan zu erarbeiten, um die Reform zu verhindern – zur Not mit Gewalt. Nach und nach gewannen wir Teile der kaiserlichen Verwaltung für unser Vorhaben, überzeugten Militär und Bürgermeister von der Notwendigkeit der Gegenwehr und schmiedeten Pläne, um genug Druck aufzubauen, dass man unseren Forderungen nachgeben musste. Als die Kaiserin das Dekret schließlich unterzeichnete, griffen wir zu den Waffen, wie es geplant worden war. Statt an gegenseitigen Schuldzuweisungen und Vorwürfen zu zerbrechen, ist das Bündnis nun geeint gegen die kaiserlichen Loyalisten – und damit stärker als zuvor. Grundherren, denen es um den Erhalt ihrer Macht geht stehen Seite an Seite mit Männern wie mir, die eine Reform in anderer Ausgestaltung für notwendig halten. Zünfte und Verwalter kämpfen gemeinsam gegen ihre Entmachtung, unterstützt von Separatisten, die schon lange auf die Gelegenheit warten, die Fesseln des Kaiserreiches abzuwerfen – ebenso wie Männer, die endlich ihre persönliche Fehden mit ausgewählten Südländern austragen können.
Was glaubt ihr, wäre mit diesem Bündnis passiert, wenn wir uns nicht gegen die Reform gewehrt hätten? Alles wäre so weitergegangen wie bisher und niemand hätte seine Forderungen durchsetzen können. In der Tat wundert es mich, dass wir nicht längst wieder zum Verhandlungstisch eingeladen wurden, wo sich die Minister nur noch zurückzulehnen brauchen und zusehen müssten, wie sich unsere Koalition zerstreitet.“
„Das ist das Werk General Tars. Als Reichsfeldmarschall hat er ein Interesse daran, den Krieg zu führen statt den Bürokraten die politische Zersetzung ihrer Gegner zu überlassen. Er gewinnt an Macht und Ruhm, wenn er euren Aufstand mit militärischen Mitteln niederschlägt – und er nimmt mit Sicherheit über alle Kanäle, die ihm offenstehen, Einfluss auf die Kaiserin. Die wiederum ist zu jung und zu unerfahren, um eine klare Gegenkraft darzustellen.“, vermutete Fajal.
„In der Tat, die Kaiserin ist vermutlich kaum in der Lage, sich all den Einflüsterungen von allen Seiten erfolgreich zu entziehen oder zur Wehr zu setzen.“, pflichtete Vicas ihm bei. Das entsprach  der Wahrheit, auch wenn es nicht das ganze Geheimnis hinter der Haltung der Kaiserin war.
„Wie dem auch sei – das Bündnis ist äußerst fragil, mit weniger als einer Rücknahme der Reform dürfen wir uns nicht an den Verhandlungstisch wagen, denn sonst zerreißt das sorgfältig gewobene Netz aus Bündnissen. Mit militärischer Macht allein können wir die Rücknahme der Reform nicht erzwingen, aber wir müssen weder Dalea erobern noch die Kaiserin stürzen, um unsere Ziele zu erreichen. Wir können auf Zeit spielen – wie lange kann sich die Kaiserin ein geteiltes Reich leisten? Wie lange wird es dauern, bis an anderen Ecken schwerwiegendere Probleme auftauchen als eine Reform, die das Land spaltet? Wie lange wird es dauern, bis die Bevölkerung im Süden unter steigenden Getreidepreisen stöhnt und sich auch dort Allianzen zwischen anderen Gruppen bilden, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten zu wenig in den Entscheidungen des Kaisers berücksichtigt wurden? Selbst wenn Reichsfeldmarschall Tar die zehn Banner der Südprovinzen gegen uns mobilisiert, wird er in zahlreiche Probleme geraten.“
Fajal nickte und strich sich mit den Fingern über sein rundliches Kinn.
„Das ist richtig. Die Nordprovinzen sind schwer zu erobern und noch schwerer zu halten. Die Versorgung mehrerer Banner wird durch die weiten Ländereien erschwert, es gibt keine großen, schiffbaren Flüsse und nur wenige gut ausgebaute Straßen. Wenn die Kaiserlichen Armeen vom Land leben müssen, ziehen Sie den Zorn der Bevölkerung auf sich und erschweren sich ihre Eroberung nur selbst.“, analysierte der alte General.
„Richtig. Einen Bürgerkrieg auf diesem Terrain zu führen, ist keine leichte Aufgabe. Zugegeben, General Tar ist ein Kontrahent, den man nicht unterschätzen darf, aber selbst er kann die weiten Nordprovinzen nicht in einem Jahr erobern. Erst Recht nicht, wenn er einen Gegner hat, den er nicht auf dem Schlachtfeld zerschlagen kann.“
Fajal lachte leise und nahm sich eine hellrote Frucht von der versilberten Platte.
„Es scheint, als hätte ich Recht gehabt, als ich sagte, dass wir uns sehr ähnlich sind, Baron.“, meinte er und biss von der Frucht ab.
„Meine Aussicht auf Sieg ist ebenso gering wie eure, wenn mich General Tar auf offenem Feld stellt. Mein Banner hat die Hälfte seiner Männer durch Scharmützel mit den Schicháss, Machtproben mit kleinen Kriegsherren und Desertation eingebüßt. Wir sind unterversorgt und haben seit Monaten kein neues Kriegsmaterial erhalten. Aber wir halten uns und wir kontrollieren große Teile des Ostgebirges. Das östliche Mittelherauso steht faktisch unter meinem Einfluss. Solange die Kaiserin, wie ihr Vater vor ihr, darauf besteht, dass ich Amt und Würden zusammen mit meinen Waffen niederlege, um mich der Militärgerichtsbarkeit für meine Vergehen zu stellen, werde ich hier ausharren und jeden Angriff mit Hinterhalten und Störmanövern zum Scheitern verurteilen.“, stellte Fajal klar.

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Fajal – Teil 1

Herauo, Ostgebirge
Jahr des Falken, 5. Monat
11.Tag, Mittag

Sein Kopf pochte und schmerzte, als er aus seinen seltsamen Träumen erwachte. Leise stöhnte er und versuchte, sich zur Seite zu rollen, doch ein stechender Schmerz fuhr durch sein linkes Bein und hielt ihn davon ab. Er versuchte tief durchzuatmen und musste Husten. Sein Hals war rau und trocken, ebenso wie sein Mund.
„Schhh, ihr müsst ruhen.“, sagte eine fremde Stimme, männlich, alt und brüchig.
Vicas schlug die Augen auf. Ein grauhaariger Mann mit dünnen Bartstoppeln beugte sich über ihn und schob eine Schale an seinen Mund. Vicas roch, wie der Geruch von Alkohol und verschiedenen Kräutern ihm in die Nase stieg und drehte seinen Kopf weg.
„Wasser..“, krächzte er leise und war bestürzt darüber, wie schwach seine Stimme war. Selbst der alte Mann klang im Augenblick lebendiger als er.
„Ist er wach?“, fragte eine bekannte Stimme mit nordländischem Akzent.
„Aye, aber störrisch wie ein Bock.“, erwiderte der alte Mann und versuchte, ihm den Sud einzuflößen. Sanos Grecans Hand packte seinen Arm und hielt ihn auf.
„Wasser!“, verlangte Vicas, diesmal etwas kräftiger.
„Worauf wartet ihr? Wenn er Wasser will, gebt ihm Wasser. Und lasst mich kurz mit ihm sprechen.“, herrschte Grecan den alten Mann an. Pikiert wandte der Alte sich ab und verschwand aus Vicas´ Blickfeld. Wasser plätscherte.
„Wie geht es euch?“, fragte Grecan mit besorgter Miene. Vicas versuchte, sich aufzurappeln, aber sein Körper versagte ihm den Dienst und es blieb bei einem vergeblichen Aufbäumen.
„Eh…“, ächzte er leise und biss die Zähne zusammen. „Ich… ich fühle mich, als wäre eine Herde Ochsen über mich getrampelt…“
Er versuchte, sich daran zu erinnern, was passiert war, doch er entsann sich nur der seltsamen Traumfetzen. Er war geflogen, über die weiten Felder, dann hatte ihn ein Raubvogel durch die Lüfte gehetzt… Er hatte auf den Mauern Crescuros gestanden und gegen die kaiserlichen Truppen gekämpft… Er war durch dunkle, weite Wälder gewandert und hatte irgendwo tief im Urwald einen großartigen Hirsch getroffen. Er hatte sich dem Tier vorsichtig genähert, und die Hand ausgestreckt, um es zu streicheln, doch in diesem Moment hatte es sich in einen Schicháss verwandelt und war mit gefletschten Zähnen über ihn hergefallen.
Er hatte geträumt, dass er zuhause war, auf seinem Landsitz, nicht allzu weit von Gardez, bei seiner Frau und seinen Kindern. Doch als er sie umarmen wollte, war das Fleisch von ihnen abgefallen und ihre hohlen Totenschädel hatten ihn angegrinst. Verstört versuchte er, die Traumfetzen abzuschütteln und sich auf die reale Welt zu konzentrieren.
„Wo sind wir?“, fragte er schwach und versuchte den Kopf zu Grecan zu drehen. Unter Schmerzen gelang es ihm, den verspannten Nacken zu bewegen. Er lag in einem großen Zelt auf einem Feldbett, das mit Stroh und Federn gepolstert war. Der unbekannte Alte stellte gerade den Krug mit Wasser zurück auf einen großen Arzneischrank, dessen zahlreiche Schubladen mit den Namen der Kräuter und Heilmittel beschriftet waren.
„In Sicherheit.“, meinte Sanos Grecan, der den alten Mann nicht aus den Augen ließ. Doch weder seine Anspannung noch sein fehlendes Vertrauen in den grauhaarigen Alten schienen so recht zu den Worten passen zu wollen.
Erneut versuchte Vicas sich daran zu erinnern, wie er hierher gekommen war und warum er hier war. Crescuro… die Kaiserlichen… der Bürgerkrieg… die Ruinen… die Flucht vor den Häschern. Langsam setzte sich das Bild wieder zusammen.
Das Letzte, an das er sich noch deutlich erinnern konnte, war das Scharmützel am Ufer des Baches gewesen. Er sah noch deutlich vor sich, wie ein Pfeil Agos Chalan niederstreckte, während die Felsenhunde nach vorn stürzten. Vicas´ erster Schwertstreich hatte einem Hunde die Kehle geöffnet, während er dem Tier mit einem Seitschritt auswich. Gurgelnd und blutsprudelnd war der todgeweihte Wolfshund an ihm vorbei gesegelt und hatte sich am Boden gewunden. Der zweite Stoß hatte einen anderen Felsenhund in der Flanke getroffen, der über Agos Chalan herfiel. Wütend war das Tier herumgefahren und hatte ihn mit bluttriefender Schnauze und pechschwarzen, bösartigen Augen angestarrt. Dann war sein Bein vor Schmerz explodiert, als sich ein Speer durch seinen Oberschenkel bohrte. Die Welt hatte sich um ihn gedreht, als er auf den Boden sank, dann konnte er sich an nichts mehr erinnern.
Und nun war er in diesem Zelt. In Sicherheit, wenn man Sanos Grecan glauben wollte. Und scheinbar auch noch am Leben – oder war dies die Ahnenwelt, in die sein Geist mit seinem Tod eingegangen war? Vicas verwarf die Idee, denn seine Schmerzen fühlten sich nur allzu real an – Geister litten keine Schmerzen. Sie mussten den Kaiserlichen also entkommen sein.
Inzwischen war der alte Mann zu seinem Bett zurückgekehrt und hielt ihm mit säuerlichem Blick eine Schale mit einer klarem Flüssigkeit hin. Misstrauisch roch der Baron daran und ließ schließlich zu, dass der Mann ihm das kühle Wasser einflößte. Nach mehreren großen Schlücken ließen die Schmerzen in seinem ausgedörrten Hals langsam nach.
Nachdem er seinen Durst gestillt hatte, sah er wieder hinauf zu Grecan und fragte ihn erneut und mit etwas mehr Nachdruck: „Wo sind wir?“
Der Offizier warf ihm einen sorgenvollen Blick zu.
„Im Feldlager des Sternenbanners.“, antwortete er schließlich. „Oder was davon übrig ist.“
Vicas Miene verfinsterte sich.
Sie waren den Fängen der Kaiserlichen zwar entkommen – aber es schien, als wäre ihnen das Glück nicht so gnädig gewesen, sie in verbündetes Terrain zu verschlagen. Das Sternenbanner war eine kaiserliche Armee aus den südlichen Provinzen gewesen, die im Frühjahr des letzten Jahres auf Geheiß des Kaisers nach Herauo entsendet worden war, um eine Invasion der Schicháss aus dem Ostgebirge zurückzuschlagen. Die reptilienartigen Schicháss, deren Nester tief in den finsteren Höhlen des Ostgebirges lagen, reichten einem ausgewachsenen Mann etwa bis zur Schulter und waren einschließlich ihres peitschenden Schwanz etwa doppelt so lang wie hoch. Auf dem Rücken prangte bei den meisten ein Stachelkamm, der oft bei männlichen Exemplaren besonders stark ausgeprägt und farbig war. Der tödliche Schwanz endete in einer messerscharfen Spitze, die ein Schicháss neben seinen ellenlangen Klauen und seinem Gebiss als Waffe einsetzte. Obwohl sie auf den ersten Blick sehr schmal und zerbrechlich wirkten, waren die Bestien auch dank ihrer Schuppenhaut, die als natürlicher Panzer diente, äußerst zäh.
Alle paar Jahre fielen sie wellenartig und vermutlich auf der Suche nach Nahrung oder neuem Revier über die östlichen Gebiete Terugals her. Mal waren es kleine Rudel, mal größere Gruppen aus mehreren hunderten Bestien – solche Vorstöße wurden oft der lokalen Miliz oder den Haustruppen der Barone und Fürsten überlassen. Doch es kam auch vor, dass sie zu Tausenden aus dem Gebirge hervorquollen und über ganz Ost-Terugal herfielen. Dann wurde der Einsatz der kaiserlichen Banner notwendig. So war es im späten Winter des letzten Jahres gewesen, als die Bewohner Ost-Herauos panisch die Landstriche entlang des Gebirges verlassen hatten, als sie von den ersten Schicháss-Angriffen gehört hatten. Die Miliz war hoffnungslos unterlegen gewesen und fiel den räuberischen Reptilien schnell zum Opfer. Erst nach dem Eintreffen des Sternenbanners hatte man der Schicháss Herr werden können. An der Spitze des Banners stand General Fajal, einer der erfahrensten Schicháss-Jäger. Er hatte in der Vergangenheit bereits zahlreiche Überfälle dieser Art erfolgreich zurückgeschlagen und auch dieses Mal schien sein Einsatz bald von ersten Erfolgen gekrönt. Den Sommer hinweg hatte er die Nester der Schicháss gefunden und ausgeräuchert, mehrere Scharmützel und größere Gefechte gegen die Bestien gewonnen.
Doch schließlich war er durch den Kaisers dazu aufgefordert worden, das Kommando über das Banner an einen anderen General abzutreten und nach Dalea zurückzukehren. Die Details des Schlagabtausches hatte Baron Vicas in den Wirren der Verhandlungen um die Reformierung der Landordnung in den Nordprovinzen verpasst, doch offenbar hatte der General protestiert und war daraufhin seines Amtes enthoben und erneut zur Rückkehr nach Dalea aufgefordert worden. Seine erneute Weigerung im Herbst war mit der Meuterei des Sternenbanners einhergegangen, das treu zu seinem General stand. Ohne genug militärische Macht um einen Staatsstreich wagen zu können, aber ohne Chance auf Rehabilitation hatte Fajal sich an der Grenze zum Ostgebirge festgesetzt und die Herrschaft über große Teile des Hügellandes an sich gerissen, indem er sich lokale Verbündete suchte, mit Banditen und anderen Kriminellen zusammenarbeitete oder den Menschen vor Ort eine einfache Wahl stellte: Zusammenarbeit oder Tod.
Vicas wusste nicht genug über diesen General, um ihn einschätzen zu können. Seine Querelen mit dem Kaiser waren mit dem letzten Atemzug des alten Mannes ausgehaucht worden, doch er wurde auch von der Kaiserin nicht rehabilitiert. Ob sie ihn schlicht zwischen den sich überschlagenden Ereignissen übersehen hatte oder ob sie aus einer Position der Stärke heraus auf seine Kapitulation hoffte, vermochte Vicas nicht zu sagen. Ebenso wenig wusste er, wie Fajal ihm gegenüberstand. Es blieb die Gefahr, dass der General ihn nur zu gern gegen einen Straferlass und Wiederherstellung all seiner Würden an den Süden auslieferte. Genauso gut bestand die Möglichkeit, dass Fajal gar nicht an einem solchen Tausch interessiert war – oder  gar nicht wusste, wen er in seinen Fängen hielt.
„Der General wünscht euch zu sprechen, nun, da ihr wachen Verstandes seid.“, verkündete der alte Mann und reichte ihm eine weitere Schale Wasser, nachdem Vicas die erste gierig geleert hatte.
„Alles der Reihe nach….“, murmelte Vicas und trank noch ein paar Schlucke, „Zuerst muss jemand mit auf den neuesten Stand bringen. Ich weiß nicht, was alles passiert ist, seit – wie lange war ich bewusstlos?“
„Drei Tage, ziemlich genau.“, antwortete Sanos Grecan.
„Drei Tage?!“, wiederholte Vicas ungläubig und setzte sich kerzengerade ins Bett. Eine Sekunde später bereute er die abrupte Bewegung, als Schmerz durch seine schwachen Glieder fuhr. Doch er legte sich nicht zurück, sondern biss die Zähne zusammen und zwang sich, sitzen zu bleiben.
„Zwischendurch wart ihr ein oder zwei Mal wach, habt unverständliche Dinge gemurmelt und seid bald darauf wieder eingenickt. Wir hatten zwischenzeitlich große Sorgen, aber Dalan Saran hier meinte, das sei bei einer Wunde wie der euren ein gutes Zeichen.“
„Wie schlimm ist es? Und wie geht es den anderen?“
„Ihr hattet Glück.“, mischte sich der Alte Mann ein, bevor Grecan antworten konnte. „Die Wunde an eurem Bein wurde rechtzeitig gereinigt und behandelt, sie schwelt nicht und verheilt bisher gut. Aber ihr dürft es in nächster Zeit keinesfalls starken Belastungen aussetzen! Sonst kann ich nicht garantieren, dass es euch nicht doch noch abgenommen werden muss.“
Vicas zog eine Grimasse. Er hatte einen Krieg zu führen und konnte es sich nicht leisten, ans Bett gefesselt zu sein. Wie sollte er nach Crescuro kommen, wenn er keinen anstrengenden Ritt unternehmen konnte? Von hier aus war er niemandem eine Hilfe.
„Agos Chalan ist im Gefecht gefallen, die Rettung kam für ihn zu spät.“, erklärte Grecan schließlich. Vicas´ Miene verdunkelte sich etwas. Agos Chalan war sein erfahrenster Offizier gewesen, mit vielen Jahren militärischer Erfahrung und einem exzellenten Sinn dafür, welche Pläne und Vorhaben realistisch und umsetzbar waren. Er hatte stets ruhig und bedacht gehandelt und Vicas mit seinen Ratschlägen oftmals gute Dienste erwiesen. Statt seinen Lebensabend in Ruhe zu verbringen, hatte er erneut für die Rechte der Nordprovinzen zu den Waffen gegriffen und war nun schließlich doch dem tobenden Krieg zum Opfer gefallen.
Ruhe in Frieden., dachte Vicas und nickte dann langsam. Sanos Grecan fuhr fort.
„Valan ist nur leicht verletzt, euer neuer Freund hat sich wacker gegen einen Felsenhund geschlagen und ist bis auf einige Kratzer unversehrt geblieben, da er unter dem Kadaver des Tieres eingeklemmt war. Ich selbst habe einige Pfeile abbekommen, aber keine schweren Wunden.“
„Trotz des tragischen Verlustes scheint es, als hätten unsere Ahnen uns recht gut beschützt…“, meinte Vicas angesichts der Tatsache, dass er in dem Moment, als die Kaiserlichen zum Angriff übergingen, ihr aller Ende als unausweichlich angesehen hatte – und doch war nur Einer von Vieren gefallen.
„Ich bezweifle, dass Ihr die Patrouille des Kriegsherren, die schließlich eingegriffen hat, tatsächlich als unsere Ahnen und Schutzgeister bezeichnen wollt…“, warf Grecan ein.
„Nein, das wäre in der Tat zu viel des Guten.“, pflichtete Vicas ihm bei und fügte hinzu: „Allerdings kann man nicht sagen, dass ich undankbar für ihr überraschendes Auftauchen wäre.“
„Ihr werdet bald genug Gelegenheit haben, euch beim Kriegsherren persönlich dafür zu bedanken.“, eröffnete ihm Grecan und erntete den Bösen Blick des Arztes, der noch immer neben ihnen stand.
„Ihr solltet etwas mehr Achtung vor dem General walten lassen, nachdem er euch als seine Ehrengäste empfängt.“, bemerkte der Dalan mit bissigem Tonfall.
„Verzeiht meine verfehlte Ausdrucksweise.“, erwiderte der Soldat diplomatisch, im Versuch, den Frieden wiederherzustellen. Der Dalan nahm seine Entschuldigung nickend zur Kenntnis, wirkte aber noch nicht vollends überzeugt.
Obwohl General Fajal in den letzten Monaten in Herauo und im Rest des Kaiserreiches landläufig als einer der Kriegsherren bezeichnet und behandelt wurde, waren die Männer in seinen Diensten verständlicherweise nicht gewillt, die Kriminalisierung ihres Anführers so einfach hinzunehmen.
„Wann möchte mich der General empfangen?“, fragte Vicas.
„Sobald ihr euch wieder kräftig genug fühlt.“, erwiderte Sanos Grecan.
„Gut. Dann erlaubt mir, mich noch etwas zu erholen und vorher etwas zu essen. Ich fühle mich, als hätte ich drei Tage nichts gegessen.“, schloss Vicas und schmunzelte, als er bemerkte, dass er tatsächlich seit drei Tagen keinen Bissen zu sich genommen hatte.

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Schattenspiel – Teil 3

Jaelad, Innere Festung, Tevasol-Verlies

Jahr des Falken, 5. Monat

11. Tag, Mittag

Das Verlies des kaiserlichen Geheimdienstes befand sich unter dem Verwaltungsgebäude, in dem Revos und die anderen Schattenweber, Agenten und Schattenflüsterer ihrer täglichen Arbeit nachgingen. Das Bauwerk selbst war unscheinbar und fügte sich nahtlos in Struktur und Stil der anderen Verwaltungsgebäude ein, die in der Inneren Festung Daleas untergebracht waren.

Sie alle waren in Ausrichtung auf den kaiserlichen Palast angelegt worden. Zwischen dem riesigen Prachtbau und den deutlich kleineren Ministerien erstreckte sich der große kaiserliche Garten, der von oben betrachtet wie ein dicht geflochtenes Netz anmutete, in dessen Zentrum der Palast stand. Rundherum waren die Ministerien in geometrischer Perfektion angeordnet, von wo aus sich das Netz aus Hecken, Blumenbeten und Wegen zu den Grenzen des Gartens hin weiter verzweigte.

Wie die kaiserliche Verwaltung sich von der obersten Autorität Kaiser aus immer weiter auffächerte, so tat es auch der riesige Garten, der einen Großteil der Fläche innerhalb des letzten Festungsringes in Anspruch nahm. Der Rest des Platzes war für die Vorratslager, Waffenkammern, Kasernen, Ställe und Übungsplätze der kaiserliche Garde reserviert – jene elitäre Truppe von Kriegern, die aus den Besten der Besten rekrutiert wurden. Sie alle besaßen außerordentliche Fähigkeiten, die sie zu furchtbaren Gegnern machte. Ausgebildet in den Künsten des She`Al in Linguosa, mussten diese Krieger eine ganze Reihe von Prüfungen bestehen, um in die Ränge der Garde aufgenommen zu werden. Je nach Jahrgang erreichten nur ein Drittel bis die Hälfte aller Kandidaten ihr Ziel – der Rest scheiterte an den großen Hürden und wurde ausgemustert. Doch wer in Linguosa gelernt hatte, wurde auch außerhalb der Garde hoch gehandelt. An einige Bewerber trat der Tevasol heran, um geeigneten Kandidaten eine andere Form des Dienstes für ihren Kaiser vorzuschlagen. Viele nahmen das Angebot an und wurden zu Schatten, zu den Elite-Agenten des Geheimdienstes – wie Tirian Revos. Jene, die das Angebot ausschlugen, fanden Anstellung in den Eliteregimentern des Militärs, der Marine oder in anderen Teilen der Verwaltung, je nach ihrer besonderen Fähigkeit. Einige zogen es auch vor, ihr Können zu perfektionieren, um später erneut an den Prüfungen teilzunehmen. Oder sie wurden zu Gelehrten an Universitäten, in Gilden oder Vagabunden, die sich zurückzogen von der Welt und eigenbrötlerisch ihrer Wege gingen.

Auf die erfolgreichen Prüflinge wartete nach ihrer Ausbildung die Pflicht, den Kaiser und seine Dynastie vor jedem Schaden zu bewahren. Trotzdem war die terugalische Geschichte nicht frei von Entführungen und Attentaten. Immer wieder hatten es Angreifer geschafft die Garde zu überwinden.

Das letzte Opfer war Prinz Joran gewesen. Der junge Thronfolger hatte sich im nördlichen Zisalca befunden, als es geschah. Er war auf dem Heimweg nach Dalea gewesen, wo er offiziell nach dem Tod seines Vaters zum Kaiser gekrönt werden sollte. Zwischen Crescuro und Caleio, dort wo zur Zeit das Schlachtfeld des Krieges lag, war der Prinz von Gesetzeslosen überfallen worden und im Chaos des Gefechtes umgekommen. Die Spurensuche des Tevasol brachte recht schnell die ersten Banditen zu Tage, die man festnahm und verhörte. Unter Folter gaben sie ihre Geheimnisse preis: der Trupp war von einem Nordländer handverlesen zusammengestellt worden, um den Überfall zu inszenieren – mit dem Ziel, den Prinzen zu töten. Das Netzwerk war unter Folter dank des schwachen Willen der simplen Banditen schnell aufgedeckt. Alles lief zurück zu jenem einen Mann.

Jenem Agenten, der in den Verliesen unterhalb des Ministeriums der Schatten auf Ceval Dos wartete. In der untersten Ebene, dem Hochsicherheitstrakt.

Der Weg durch die geheimen Gänge der Inneren Festung war schmal und stickig. Die Fackeln an der Wand füllten die Treppenschächte nicht nur mit Licht, sondern auch mit beißendem Qualm. Ceval Dos presste sich dem Ärmel seiner Robe ans Gesicht, um den Rauch nicht einzuatmen.

Das massive Gestein, in das die Gänge geschlagen waren, war hellrot wie Ziegel. Der Abstieg in die untersten Ebenen war nichts für schwache Nerven. Immer wieder gab es Passagen in absoluter Dunkelheit, in denen man sich leicht in einem der Seitengänge verirren konnte. Und je tiefer man kam, desto lauter wurden die Geräusche aus den Zellen und den Folterkellern. Während oben noch nahezu Stille herrschte, hörte man zuerst unheimliches Rascheln und Murmeln, etwas tiefer dann leises Stöhnen und gequältes Ächzen. Noch weiter unten drangen die Schreie aus den Folterkellern durch die schweren gusseisernen Türen, an denen Ceval Dos vorbeiging.

Schließlich erreichte er sein Ziel, die unterste Ebene – dort, wo nur die schlimmsten Staatsfeinde und Rädelsführer verhört und festgehalten wurden. Die Zellen dort lagen in absoluter Dunkelheit, ohne Frischluftzufuhr, vollkommen abgeschottet von der Außenwelt. Sie waren um die zentrale Folterkammer angeordnet, damit die Gefangenen auch dann permanenter psychischer Folter ausgesetzt waren, wenn sie selbst nicht in der Kammer waren.

Ceval Dos nahm die letzten Schritte zur Tür, die zu jener Folterkammer führten, öffnete sie und trat ins Innere. Ein Schwall heißer Luft schlug ihm entgegen. Der Nordländer hing an einem Holzgestell, seine Körper hing kraftlos an den festgeketteten Armen herab und war mit Blut und roten Striemen übersät, die einen scharfen Kontrast zur blassen Haut bildeten. Zwei Folterknechte und ein Schattenflüsterer standen um den Mann herum. Der Virial ließ Fragen auf den angeketteten Mann niederregnen, während die Folterknechte mit Peitsche und Messer in der Hand auf seine weiteren Anweisungen warteten.

Wer hat den Auftrag gegeben? Woher kam das Geld? Wer war noch darin verwickelt? Namen!“

Der Nordländer schwieg und ließ den Kopf hängen. Wütend machte der Schattenflüsterer eine Geste und der Folterknecht mit der Peitsche schlug zu. Ein gellender Schrei erfüllte die Kammer.

Genug.“, unterbrach Ceval Dos das Geschehen mit sanfter Stimme.

Der Schattenflüsterer fuhr herum und wollte ihn offenbar für seine Anmaßung geißeln, doch die Wut wich schlagartig aus dem Gesicht, als er Ceval Dos erkannte. Er verneigte sich etwas widerwillig und schwieg. Abgesehen vom Stöhnen des Gefangenen und dem knisternden Feuer im Schmelzofen herrschte einige Sekunden Stille.

Hinaus. Alle. Überlasst ihn mir.“, befahl der Meister der Schatten schließlich.

Die Folterknechte sahen sich an, legten dann ihr Werkzeug weg und waren im Begriff, den Raum zu verlassen, als der Schattenflüsterer das Wort erhob.

Mit dem größten Respekt, Meister, aber die Protokolle verbieten es…“

Ich kann die Protokolle jederzeit ändern, Schattenflüsterer. Danke für eure Besorgnis um die Einhaltung der Regeln, aber ihr vergesst, mit wem ihr sprecht.“, unterbrach ihn Ceval Dos kalt.

Der Schattenflüsterer sah zögernd zu ihm. Einen Moment befürchtete er, dass der Mann nicht so leicht klein bei geben würde. Doch schließlich nickte er und verließ mit den Folterknechten den Raum. Ceval Dos lächelte in sich hinein, wartete, bis die Schritte der drei Männer verhallt waren und trat dann zu dem Gefangenen.

Was für eine erbärmliche Gestalt ihr abgebt, wenn ihr so da hängt. Kaum zu glauben, dass ihr der Mörder des mächtigsten Mannes der Welt sein sollt.“, spottete er.

Der Gefangene hob den Kopf und sah Ceval Dos mit einer Mischung aus Widerwillen und Verwirrung an.

Ich… eure Stimme. Ich kenne euch…“, ächzte er leise.

Falsche Antwort.“, konstatierte Ceval Dos kalt und nahm die Peitsche in die Hand, die der Folterknecht vorm Verlassen des Raumes auf einem Tisch abgelegt hatte.

Aber dann wisst ihr wenigstens, warum ich hier bin.“, fügte er hinzu, während er den Griff der Peitsche betrachtete und mit dem Finger über das Leder fuhr.

Um mich zu befreien?“, riet der gefesselte Mann mit einer hoffnungsvollen Naivität, die Ceval Dos erstaunte. Wie dumm kann ein Mensch sein? Ein Wunder, dass er die Mission überhaupt erfüllen konnte.

Ihr seid ein Narr.“, schnaubte er und entrollte die Peitsche. „Und ihr hattet eure Chance bereits.“

Der Nordländer erbleichte und sah flehend zu ihm hinauf. „Bitte…“, flehte er leise.

Der Meister der Schatten lachte leise. „Wenn ich euch jetzt noch am Leben lasse, seid ihr eine Gefahr für mich persönlich. Es war schon vorher riskant genug, euch auf freiem Fuß zu wissen, aber damals kanntet ihr nur meine Stimme – heute wisst ihr, wer ich bin. Der letzte Beweis stirbt mit euch. Das hätte euch von Anfang an klar sein müssen“, antwortete er gedämpft.

Bitte, habt Gnade. Ich werde euch nicht verraten, ich habe doch schon in der Vergangenheit meine Treue und Verschwiegenheit bewiesen! Ihr könnt mich doch nicht einfach so…“

Ceval Dos ließ die Peitsche knallen. Der Nordländer schrie und zuckte unter den Schmerzen zusammen. Dann erschlaffte er in seinen Ketten und rang um Atem, das Gesicht verzerrt von Pein.

Es gibt noch eine Sache, die ich wissen muss.“, fuhr der Schattenmeister fort. „Eine Sache, die euch vielleicht noch retten kann.“

Der blasse Mann sah mit zusammengebissenen Zähnen zu ihm, in seinen Augen lag Zorn, aber auch Verzweiflung. Verzweiflung ist gut. Du hast eingesehen, dass du sterben wirst und ich biete dir die letzte Hoffnung – auch wenn du im Grunde selber weißt, dass ich mein Versprechen brechen werde.

Ich muss wissen, wie viel ihr bereits gesagt habt.“, verlangte Ceval Dos.

Ich wünschte, ich hätte ihnen alles gesagt, dann wärt ihr jetzt an meiner Stelle!“, fauchte der Attentäter und spannte seine Muskeln, um vergeblich an den Ketten zu ziehen.

Ceval Dos schüttelte tadelnd den Kopf.

Hättet ihr ihnen alles gesagt, wärt ihr schon jetzt Tod. Sobald sie alle Informationen haben, seid ihr eine leere Hülle, Ballast und nichts mehr wert. Ihr wärt zur Mittagsstunde hingerichtet worden, um Recht ergehen zu lassen. Gleichgültig, ob ihr die Marionette seid oder der Puppenspieler, ihr werdet bestraft, um dem Volk Befriedigung zu verschaffen. Also, ich frage ein letztes Mal: Wie viel habt ihr bereits preisgegeben?“

Er konnte das Zögern in den Augen des Gefangenen sehen, das Abwägen zwischen Hoffnung und Trotz, zwischen Zorn und Überlebenswille.

Warum sollte ich euch das sagen?“, sagte er schließlich mit Misstrauen und Widerspenstigkeit im Blick. Der Meister der Schatten lächelte sanft und beinahe väterlich.

Wie ich bereits sagte. Ich bin eure einzige Hoffnung auf Rettung. Und ich weiß bereits, dass ihr ihnen nicht alles gesagt habt und ich nicht wirklich in Gefahr bin.“

Ich wünschte, ich hätte ihnen alles gesagt, dann wärt ihr jetzt an meiner Stelle!, hörte er die Worte des Attentäters in seinen Erinnerungen widerhallen. Er konzentrierte sich auf das Bild und sah ihn vor sich in jeder Einzelheit. Außer du hast gelogen, um mich für dumm zu verkaufen…

Doch so sehr er suchte, er fand nichts, was auf eine Inszenierung hinwies. Der Zorn war echt, die Mimik, die Gestik und auch die Augen sprachen gegen eine Lüge. Und der Schattenflüsterer hatte schon vorher bestätigt, was Ceval Dos wissen musste:

Wer hat den Auftrag gegeben? Woher kam das Geld? Wer war noch darin verwickelt? Namen!, hörte er den Mann in scharfem Ton fragen. Trotzdem musste Ceval Dos wissen, was er bereits gesagt hatte, um die Ergebnisse seiner Befragung ohne Widersprüche angeben zu können.

Vielleicht bin ich zu sanft und zu gnädig mit euch.“, meinte er, nachdem der Mann mehrere Sekunden geschwiegen hatte. Er griff in eine Schale mit Pökelsalz und holte eine handvoll grober Salzkörner heraus. Der Gefangene folgte seiner Hand mit den Blicken und zuckte vor ihr zurück.

Wartet! Schon gut, schon gut.“, sagte der Gefangene schließlich, als das Salz nur noch einige Zentimeter von seiner mit offenen Wunden übersäten Haut entfernt war. Ceval Dos hielt inne und legte den Kopf schief. Schwächling, dachte er verächtlich und wartete. Kaum zu glauben, dass dieser Mann einst ein Agent im Dienste des Tevasol gewesen war, der die Nordfürsten jenseits des Realdor für Terugal ausspioniert hatte. Wäre er dabei als Spion enttarnt worden, hätte ihm mehr geblüht als nur Salz in den Wunden.

Ich habe ihnen gesagt, dass ich angeheuert wurde und für meine Dienste das Geld bekommen habe – die fünftausend Zastrae, von denen sie wissen wollten, woher sie kommen. Sie wissen, dass ich die Banditentruppe zusammengestellt habe, um das Attentat auszuführen.“, erklärte er, „Aber sie wissen nicht, von wem ich angeheuert wurde oder wo…“

Ceval Dos war schockiert darüber, wie schnell der Mann gebrochen war. Danach zu urteilen, dass Revos ihm sofort nach seiner Überführung in die Zelle Bescheid gegeben hatte und seither wohl keine ganze Stunde vergangen war, musste der Mann erstaunlich redselig gewesen sein. Er nahm sich vor, seine Agenten in Zukunft sorgfältiger und mit mehr Vorsicht auszuwählen. Er hatte Glück gehabt, dass er so schnell gewesen war. Hätte er mehr Spuren hinterlassen… nur die Ahnengeister wussten, was dann mit ihm geschehen wäre.

Er nickte und ließ die Worte in seinem Kopf nachhallen.

Danke.“, flüsterte er und rieb das Salz in die Wunden. Der Mann kreischte und versuchte, sich aus den Ketten zu winden, doch es war zwecklos. Ceval Dos verteilte das Salz über seine Brust und rieb es sorgfältig in die klaffenden Schnitte, die das Messer des Folterknechts hinterlassen hatte.

WARUM?“, schrie der Gefangene wimmernd und voller Qual, als Ceval Dos schließlich von ihm abließ und das Blut in einer Schale von seinen Händen wusch. Der Mann wand sich noch immer vor Schmerz in den Fesseln, während das Salz seine Wunden zum brennen brachte.

Wo bleibt meine Rettung?“, krächzte der Gefangene atemlos, während Tränen über sein Gesicht flossen. Der Meister der Schatten trocknete seine Hände mit einem Lappen, ehe er erwiderte:

Keine Sorge. Ich werde euch retten – vor den unendlichen Qualen, die ihr hättet ausstehen müssen, wenn meine Folterknechte euch bis zur letzten Aussage ausgequetscht hätten. Aber ihr werdet sterben und eure Geheimnisse mit ins Grab nehmen. Denn ich habe alle Informationen, die ich brauche – erinnert ihr euch an meine Worte? Ihr seid nun eine leere Hülle, Ballast – nichts mehr wert. Und eine Gefahr. Aber ich bin gnädig. Ich werde es nicht unnötig in die Länge ziehen, nur so, dass euer dahinscheiden glaubwürdig bleibt.“, erwiderte er leise und griff nach einer Stachelrolle.

Dann machte er sich an die Arbeit.

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