Ruinen – Teil 1

1

Herauo, Ostgebirge

Jahr des Falken, 5. Monat

7. Tag, kurz nach Mittag

Unablässig klatschten die großen, roten Banner im Wind, der Staub und Schnee über die Hügelkuppen in der Ferne trieb. Durch die Sonne, die schwach vom Himmel strahlte, wirkten die fliegenden Partikel wie wabernde Arme eines uralten Weltengeistes. Blitzend in der Sonne standen tausende Männer in Reih und Glied aufgestellt. In ihren Mienen spiegelte sich ein Spektrum von Empfindungen, das von Hass über Entschlossenheit und Zweifel bis hin zu unverhohlener Angst reichte. Sie alle hielten ihren Blick auf die Ruine gerichtet, die in der Ebene vor ihnen lag. Uralte Steine, schon zertrümmert bevor die Soldaten das Licht der Welt erblickt hatten, ragten schroff aus dem Boden hervor. Prächtige Türme waren zu Staub und Schutt zerfallen, bildeten teilweise neue Mauern aus Trümmern, wo die alten unter dem Zahn der Zeit zermahlen worden waren. Notdürftig waren die Trümmersteine so aufgehäuft worden, dass sie die Breschen schlossen, die der Verfall in den alten Mauern hinterlassen hatte. Und überall flatterten die gelben Fahnen trotzig im Wind, hoffnungslos dem Meer von Rot unterlegen, das bald zur Ruine branden würde.

Doch noch herrschte die Ruhe vor dem Sturm, das letzte Durchatmen. Pferde scharrten ungeduldig mit den Hufen, die Männer murmelten leise, prüften ihre Bögen und Pfeile, den Sitz ihrer Rüstung. Eine Feldflasche wanderte durch die Reihen. Dann trat der General aus dem Kreis seines Stabes. Ein hochgewachsener Mann, dessen grauer Haarkranz durch den verzierten Helm verdeckt wurde, den er trug. Seine dunkle Haut und die braunen Augen ließen keine Zweifel daran, dass er aus den südlichen Provinzen stammte, wie die meisten Männer dieses Heeres. Über Schulter und Brust wand sich über der Rüstung ein rotes Band mit den Insignien des Kaiserreichs, an dem der trockene Wind leicht zerrte. Der Geschmack von Eisen lag in der Luft.

„General!“, meldete sein Adjutant, ein loyaler und vor allem fähiger Mann, „Die Truppen sind in Stellung, alles ist vorbereitet. Die Männer warten auf den Befehl zum Angriff.“

Der General nickte nur und sah von der kleinen Anhöhe, auf der er sich mit seinem Stab und der Leibwache positioniert hatte, auf die Ebene hinab. Von hier aus konnte er das gesamte Feld überblicken und die Armee koordinieren.

„Beginnt mit dem Beschuss.“, erklärte er ruhig, seine Stimme war rau und angegriffen durch die ungewohnt trockene Luft des Nordens. Der Adjutant verbeugte sich knapp und gab die Befehle weiter. Wenige Augenblicke später erschallte ein Hornsignal, das durch Mark und Bein fuhr. Signalgeber schwenkten große Flaggen. Mit einem Klatschen katapultierten die Steinwerfer aus sicherer Entfernung ihre Geschosse in Richtung der Ruine. Unbarmherzig krachten die Steine gegen die alten Gemäuer, die unter der Belastung ächzten und knirschten, aber der ersten Salve noch standhielten. Noch während die Geschosse durch die Luft pfiffen, waren die Mannschaften schon wieder dabei, die Vorrichtung neu zu spannen. Die zweite Salve brachte die Mauern zum zittern, zerbröselter Mörtel hüllte sie in eine Staubwolke, einzelne Steine brachen heraus und die improvisierte Verteidigung rutschte in sich zusammen. Die Männer der kaiserlichen Armee jubelten nun nach jedem Einschlag anerkennend – erst nur vereinzelt, doch nach einigen Schüssen hatte sich der Begeisterungssturm auf fast die gesamte Armee übertragen.

Dann brachen auch die uralten Mauern langsam, nachdem einige Schüsse ins Leere gegangen waren. Ein Steinbrocken hatte dabei eine der gelben Fahnen mitsamt Mast abgeknickt, was einige besonders gehässige Rufe der Angreifer auslöste. Zufrieden beobachtete der General, wie die ersten Breschen in der Mauer auftauchten. Keinen einzigen Mann hatte er bisher opfern müssen. Die Mühe, die es gekostet hatte, die Belagerungswaffen mit im Tross zu transportieren, hatten sich ausgezahlt. Aber nun würde wohl oder übel der schmutzige Teil folgen müssen. Er hob die Hand und befahl, den Vormarsch zu beginnen.

Trommeln leiteten den Angriff ein, durchsetzt von weiteren Hornstößen. Dann setzten sich das Stahlpfeil-Regiment und das Adlerklauen-Regiment in Bewegung, um einige hundert Meter vor der Ruine ihre Position zu beziehen und mit dem Pfeilhagel zu beginnen. Ihre Stiefel trampelten das trockene Gras nieder und wirbelten noch mehr Staub auf. Hinter den alten Mauern der Ruine legten die Schützen des Feindes auf die Marschierenden an, die sich langsam in Reichweite der Bögen schoben. Eine Salve aus den Steinwerfern zischte über die kaiserlichen Regimenter hinweg und riss einige der Schützen von den Mauern. Dann ließen die Verteidiger die Pfeile von den Sehnen. Mit einem Surren zerschnitten sie die Luft und hielten auf die Linien der Kaiserlichen zu. Die Geschosse rissen vereinzelte Lücken in die Reihen, doch sie waren nicht zahlreich genug, um die Angreifer nennenswert dezimieren zu können. Stöhnend und schreiend wandten sich die Getroffenen am Boden, während ihre Kameraden anlegten. Dann zischten die Pfeile der beiden kaiserlichen Regimenter durch die Luft, senkten sich in einer Wolke auf die Ruine hinab und streckten dort all jene nieder, die nicht rechtzeitig in Deckung gegangen waren. Nur wenige hatten das Glück, nicht getroffen zu werden. Andere wurden nur leicht verletzt, doch jede noch so kleine Wunde behinderte die Kämpfer. Aus der Ferne bekam der General nur wenig von den verheerenden Einzelheiten der Pfeilsalven mit. Er beobachtete in sicherem Abstand den Vormarsch der anderen Regimenter, die einen Halbkreis um die verfallene Ruine bildeten. Unter der Deckung des Pfeilhagels rückte zuerst das Wolfsbanner-Regiment frontal bis dicht an die Mauer vor. Vereinzelt fielen die gepanzerten Krieger Pfeilen zum Opfer, die ihren Vormarsch aber nicht verlangsamen konnten. Dann leitete ein neues Hornsignal den Sturm ein. Der Takt der Trommeln beschleunigte sich. Das Brüllen der stürmenden Soldaten hallte über die Ebene zum Generalstab hinüber. Durch andere, ältere Lücken in der Mauer und mit Sturmleitern unterstützten zwei weitere Regimenter den Angriff von den Seiten her. Die Verteidiger versuchten verzweifelt, den Ansturm von allen Seiten aufzuhalten. Mit langen Spießen stießen sie die Angreifer von Mauern und Schutthaufen, versuchten, die Leitern umzukippen, improvisierten kleine Hinterhalte, während sie sich zwangsweise Stück für Stück zurückziehen mussten. Aber langsam und stetig gewannen die kaiserlichen Truppen die Oberhand. Immer mehr gelbe Banner wurden von den Schwertern der Sturmtruppen gefällt und flatterten zu Boden, um von roten Flaggen ersetzt zu werden. Der Pfeilbeschuss hatte aufgehört, um die eigenen Truppen in der Festung nicht zu gefährden. Der Kampf war nun aufs Innere der Festung konzentriert. Inzwischen strömten diejenigen Feinde, die der Mut verlassen hatte, aus dem hinteren Teil der Ruine in die offene Ebene, wo sich der Halbkreis der kaiserlichen nicht zugezogen hatte.

Der General wandte den Blick ab und gab die letzte Anweisung. Dann begann der Generalstab seine Karten und Feldtische zusammenzupacken, während hinter den Hügeln auf der anderen Seite der Festung mit donnernden Hufen die Kavallerie auftauchte und die Fliehenden in die Zange nahm. Der Großteil der Verteidiger war klug genug gewesen, nicht zu fliehen, wussten sie doch, dass ihre Chancen innerhalb der verwinkelten Ruine besser standen als auf offenem Feld. Doch auch ihnen war klar, dass die Schlacht entschieden war. Sie mochten sich verstecken, noch einige Stunden erbitterte Gegenwehr leisten. Aber ihre Position war eingenommen, das Rebellenheer fast restlos zerschlagen und der letzte Widerstand würde ebenfalls bald erstickt sein. Für den General gab es hier nichts mehr zu tun. Als der Kommandostab bereit war, saßen sie auf und ritten die Anhöhe hinab auf die Ruine zu, um das Schlachtfeld zu inspizieren. Zurück blieb das zerschundene Gras auf der Anhöhe, das vom Wind tröstend gestreichelt wurde.

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2 Antworten zu Ruinen – Teil 1

  1. J.S. schreibt:

    Edit: Alles korrigiert, was du zu bemängeln hattest 🙂

    zum inhalt: auch wennsbisher „nur“ der schlachtbericht is und man noch keine hintergrundinfos kennt, find ichs gut. weder zu kurz noch zu lang, heisst sich in details verfangen. guddi-ich warte auf den nächsten abschnitt;)

    • schwarzgardist schreibt:

      Inhalt kommt nach und nach, das war nur die Einleitung, wo es noch nicht so überwältigend viel inhaltlich gibt. Ich versuch immer, das recht subtil zu machen, nachdem ich in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht hab, dass vieles einfach aus dem Kontext genauso gut rauskommt, ohne, dass man es explizit alles darlegen muss. Aber solche Stellen kommen schon auch noch – inklusive mehr In-Charakter Szenen. Keine Sorge 🙂

      Danke für die Ausdruck-Tipps, die Hinweise sind gut und richtig. Werd die Stellen dann mal ausbessern und dein Kommentar dann so bearbeiten, dass nur noch das positive dasteht 😛

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