Ruinen – Teil 2

Jaelad, Akena-Mausoleum

Jahr des Falken, 5. Monat

7. Tag, Nachmittag

Kalte Feuchtigkeit kroch unter sein Gewand und ließ Jumo frösteln. Die Luft roch verwittert und alt. Hallende Schritte begleiteten ihn und seinen Mentor durch die Düsternis, die nur vom flackernden Licht einer Laterne erhellt wurde. Jumo hielt sein Schreibzeug fest umklammert und folgte dem älteren Mann durch die schier endlosen Katakomben unter der Stadt. Tausende von Toten hatten hier ihre letzte Ruhe gefunden, in kleineren und größeren Kammern. Die Ärmeren von ihnen nur in winzige Schächte eingemauert, die sich wie Bienenwaben an den Wänden der Gänge drängten. Die ehemals Reichen in prunkvollen Kammern, in den Boden versenkt in aufwendig gemeißelten Sarkophagen, deren verwitterte Antlitze noch heute von den strengen und herrischen Mienen der Privilegierten zeugten. Unwillkürlich musste Jumo spöttisch lächeln. Im Tod sind alle Menschen gleich, hallte das Sprichwort durch seinen Kopf, das so gern zum Trost der Armen rezitiert wurde. Hier, in den kalten Kammern unterhalb der kaiserlichen Metropole Dalea, zeigte sich bis heute, dass die Menschen auch im Tod nicht gleich waren.

Trödel nicht, Jumo.“, ermahnte ihn sein Mentor mit hallender Stimme.

Jumo wandte den Blick von den Waben und Seitenkammern ab, die ihn für einen Moment lang gefesselt hatten und beschleunigte seine Schritte, um zum Meister aufzuschließen. Schweigend durchwanderten sie die düstere Unterwelt, bis der Mentor schließlich innehielt und die Laterne hob. Über ihren Köpfen hatten sich Moose und Flechten an der Wand ausgebreitet. Ein deutliches Indiz für Feuchtigkeit, die durch die Decke sickerte.

Ich werde es gleich notieren.“, sagte Jumo und suchte einen Kohlestift heraus. Der Meister suchte inzwischen die Wand ab, bis er eine lesbare Grabnummer unter dem Moosbewuchs gefunden hatte. „Abschnitt drei, siebenter Gang, Reihe fünfundsechzig.“, diktierte der Meister und Jumos Kohlestift verewigte seine Worte auf dem faserigem Papier. „Dringend Ausbesserung nötig. Mauerwerk Grab 3-7-56-4 angegriffen.“, fügte der ältere Mann hinzu. Jumo nickte und schrieb.

Die Ausbesserung und Instandhaltung der alten Grabanlagen war, neben Planung und Ausbau neuer Abschnitte, die wichtigste Aufgabe der Nekropolitekten. Die Geschichte des Berufsstandes reichte zurück, bis zur Zeit, in der die Menschen begannen, ihre Toten in Grabstätten zu betten. Obwohl noch heute Erd- und Feuerbestattungen stattfanden, bei denen die Toten dem Kreislauf der Natur zurückgegeben wurden, hatte sich immer mehr die Idee etabliert, dem Tod in prächtigen Mausoleen und Grabkammern zu trotzen. Vor allem in den Glanzzeiten des Kaiserreichs war mehr und mehr der Glaube aufgekommen, man könnte seiner Seele ewiges Leben schenken, wenn man seine sterblichen Überreste in Gräbern von der Außenwelt isolierte. Die Mauern der Gräber sollten die Seelen wie Festungen vor den Kräften der Natur schützen, die sie zurück in ihre Arme holen wollten. So kam es, dass in den großen Zivilisationen der Vergangenheit immer wieder Monumente für jene gebaut wurden, die in ihrer Hybris dem endgültigen Tod entkommen wollten. Was bei den großen Architekten der Frühzeit seinen Anfang genommen hatte, war im Laufe der Jahrhunderte zu einen eigenen Berufsstand geworden, der sich auf eben diese Aufgabe spezialisiert hatte: Die Wartung und den Bau von neuen Seelenfestungen, die den sterblichen Überresten der Mächtigen und Reichen Schutz vor den Gewalten der Natur bieten sollte. Auch die weniger Wohlhabenden sparten in zunehmendem Maße einen Großteil ihres Vermögens, um sich nach ihrem Ableben auf diese Weise beisetzen zu lassen. Und so wurden die Nekropolen von Terugal immer größer und auch die kleine Gilde von Nekropolitekten, die seit etlichen Jahrhunderten für die Königs- und Adelsgräber zuständig war, brauchte Nachwuchs. Nachwuchs wie Jumo, der sich der schwierigen Lehre unterzog, um in den Kreis der erhabenen Baumeister aufgenommen zu werden. Doch noch war sein Studium nicht beendet und er nur Gehilfe des erfahrenen Mentors, der mit ihm in die Katakomben hinabgestiegen war. Die Furcht, die er bei seinen ersten Besuchen in den Grabanlagen verspürt hatte, hatte er inzwischen überwunden. Übrig blieb Ehrfurcht vor der Aufgabe und Respekt vor den Seelen der Toten, die in diesen Gemäuern ihren ewigen Frieden finden wollten. Und das flaue Gefühl im Magen, wenn er sich daran erinnerte, wie viele tote Leiber hier in den steinernen Kammern eingemauert worden waren. Generation um Generation, die in der Stadt gestorben war. Manchmal, in den ruhigeren Stunden, fragte Jumo sich ernsthaft, was ihn dazu bewogen hatte, diese Arbeit als Grabwächter anzustreben. Vielleicht war es die Faszination, die von diesen uralten Anlagen ausging, ihre zugleich bedrückende und erstaunende Atmosphäre. Schon, als er sein Studium als Architekt begonnen hatte, hatten ihn die alten Grabanlagen der vergangenen Dynastien und Reiche in ihren Bann gezogen. Als gelehriger Student mit guten Leistungen war er schließlich von den Nekropolitekten angesprochen worden, seine Ausbildung bei ihnen fortzusetzen. Er hatte nur kurz gezögert – eine solche Chance schlug man nicht aus. So war er Novize der uralten Gilde geworden, die vor allem unbemerkt im Verborgenen ihre Arbeit verrichtete. Er hatte die uralten Codizes gelesen und darauf geschworen. Er hatte langsam verantwortungsvollere Aufgaben übertragen bekommen, einen eigenen Entwurf für die Erneuerung eines alten Bogenganges ausgearbeitet, der sehr viel Lob geerntet hatte. Aber ab und an blieben doch noch die niederen Aufgaben an ihm kleben, so wie heute. Den Mentor zu begleiten und seine Notizen für ihn zu verfassen war wahrlich keine spannende Aufgabe. Aber sie musste getan werden und Jumo wusste, dass regelmäßige Ausflüge in die alten Katakomben wichtig waren, um die Strukturen kennenzulernen. Ein Nekropolitekt musste sich in den verwinkelten Labyrinthen der Totenstadt auskennen wie in dem Viertel, in dem er aufgewachsen war. Daher war es wichtig, so oft wie möglich mit hinabzusteigen.

Der Meister war inzwischen mit der Untersuchung der überwucherten Wand fertig und sah kurz zu Jumo hinüber, bevor er weiterging. Jumo folgte ihm dicht auf. Der Rest ihrer Inspektion brachte größtenteils erfreuliche Ergebnisse: die alten Anlagen waren in diesem Abschnitt noch weitgehend intakt, nur an einer Stelle fanden sie eine Säule, die demnächst wohl restauriert werden musste. Aber da es sich nicht um ein tragendes Element handelte, konnte diese Arbeit hinten angestellt werden. Jumo notierte die Stelle und machte einen entsprechenden Vermerk. Dann ging es weiter. Wenig später erblickten sie schließlich nach mehreren Stunden in der Finsternis wieder das Licht der Sonne, die sich langsam dem Horizont zuneigte und den Himmel zum glühen brachte.

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Eine Antwort zu Ruinen – Teil 2

  1. J.S. schreibt:

    meine kommentar beginnt natürlich mit der grammatik;)

    Tausende von Toten hatten hier ihre letzte Ruhe gefunden, in kleineren und größeren Kammern.
    Besser: Tausende von Toten hatten hier, in kleineren und größeren Kammern ihre letzte Ruhe gefunden.

    Die Ärmeren von ihnen (evtl. „waren“) nur in winzige Schächte eingemauert, die sich wie Bienenwaben an den Wänden der Gänge drängten.

    Die ehemals (raus-schließlich betonst du die ganze zeit dass sie im tod noch immer reich sind) Reichen in

    prunkvollen Kammern, >in den Boden versenkt in aufwendig gemeißelten SarkophagenGeneration um Generation, die in der Stadt gestorben war.< (der Satz ist überflüssig) Manchmal, in den ru

    so zu dem abschnitt: finde ich bei büchern immer sehr interessant, wenn mit einer dynamischen spannenden handlung begonnen wird und der nächste abschnitt dann von dem "normalen" leben erzählt
    lg

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