Ruinen – Teil 3b

In den verwinkelten, düsteren Tunneln unter der Ruine hatten die Rebellen als Verteidiger eine Reihe von Vorteilen, die den Ansturm der Kaiserlichen bremsten. Zum einen hatten sie mehrere Tage lang Zeit gehabt, sich hier zu verschanzen und die labyrinthischen Gänge kennenzulernen, ehe die kaiserliche Armee sie aufgespürt und zum Kampf gezwungen hatte. Zum anderen hatten sie beim Einzug in die Ruinen eine kleine Gruppe von Männern überrascht, die offenbar gerade dabei waren, in den Ruinen zu kampieren. Es stellte sich recht schnell heraus, dass diese Männer glücklose Grabräuber waren, die in diesem alten Grabtempel nach Beute Ausschau gehalten hatten, wohl aber Jahrzehnte zu spät am Ort des Geschehens eingetroffen waren, um tatsächlich noch etwas zu finden. Da Grabräuberei, egal ob erfolgreich oder nicht, ein Vergehen war, auf das schwerste Strafen angewendet wurden, hatte es Baron Vicas nicht viel Überzeugungsarbeit gekostet, die Männer zur Kooperation zu bewegen. Im Austausch gegen Proviant und Straferlass hatten die sechs Räuber den Rebellen dabei geholfen, sich die Struktur der Ruinen anzueignen und als Führer in den finsteren Tunneln angeheuert, in denen sich die Scharmützel nun abspielten.

Verflucht sollt ihr sein für eure Narrheit, die Kaiserlichen bekämpfen zu wollen!“, fluchte Feran gedämpft. Baron Vicas lächelte schmal und warf dem Grabräuber einen abschätzigen Blick zu. Er und seine Kameraden hatten schon kurz nach Ankunft des kaiserlichen Heeres lautstark protestiert und ihre eigene Entscheidung verdammt, mit Vicas zusammenzuarbeiten.

Ihr dürft euch gern ergeben gehen.“, bot Vicas ihm freimütig an. Feran schnaubte nur und umklammerte den Griff seines Schwertes fester. Der Baron spürte, dass der Räuber zwar erbost war, aber seine eigenen Chancen sehr wohl einschätzen konnte. Blieb er hier mit Vicas und der Handvoll Rebellen, die den Kaiserlichen noch Gegenwehr leisteten, standen seine Chancen auf Überleben zwar schlecht, waren aber allemal besser als ein sicherer Tod durch die Kaiserlichen. Außerdem hatte Vicas im Laufe der letzten Tage einen Funken Ehre und Stolz in dem Grabräuber entdeckt, der ihn etwas überrascht hatte. Der Mann mit dem struppigen Bart und der schäbigen, aber robusten Kleidung hatte seine Existenzgrundlage im Widerstand gegen einen Kriegsherren verloren, der vor einigen Monaten die Osthälfte Herauos unsicher gemacht hatte. Seiner Viehherde beraubt und ohne Weg zurück in sein altes Leben hatte Feran sich mit Leidensgenossen zusammengeschlossen und begonnen, die Gräber in kriegsgeplagten Gegend zu plündern.

Baron Vicas konnte gut nachvollziehen, dass der Mann sich weigerte, einen Grundherren um Hilfe zu bitten und so seinen Weg zurück in die legale Gesellschaft zu nehmen. Dienst bei einem Grundherren bedeutete, sich zu einem Untertan und Diener zu machen. Es war ein Leben in Abhängigkeit, in dem man seiner Arbeit Früchte beraubt wurde und noch nicht einmal Anerkennung gezollt bekam. Den Großteil des Ertrages musste der Bauer an den Grundherren abtreten, der daraus die Steuermittel an das Kaiserreich abführte, den Großteil der Summe aber selbst einfuhr und billig an die Handelsgilden aus dem Süden verkaufte. Ein Leben als einfacher Bauer im Norden kam Versklavung gleich, ohne Möglichkeit zur Verwirklichung der eigenen Lebensträume. Baron Vicas war zweifellos klar, dass sich über kurz oder lang etwas an der Situation ändern musste – auch wenn er als Sprössling eines einflussreichen Adelshauses und in seiner eigenen Rolle als Grundherr Nutznießer der derzeitigen Situation war. Aber er hatte auf seinen Reisen in den Süden immer wieder gesehen, dass alle – vom Bauern bis zum Privilegierten – dort ein besseres und erfüllteres Leben führten. Es war keine Frage, dass der Norden seine Sitten und Gesetze würde ändern müssen, um sich dem Süden anzunähern. Inakzeptabel war jedoch die Art und Weise, wie die kaiserliche Verwaltung dem Nordland eine solche Anpassung per Dekret verordnen wollte. Auf allen Wegen, die ihm offengestanden hatten, hatte Baron Vicas gegen die Pläne gekämpft. Er hatte im Provinzrat, einer beratenden Institution, gegen die vorgelegten Pläne protestiert, hatte mit einflussreichen Vertretern aus Nord und Süd Bündnisse geschmiedet und gegen die mächtigen Handelsinteressen intrigiert, die den Norden mit ihrer gnadenlosen Reform in den Abgrund treiben würden. Aber letztendlich hatten sich die Hardliner mit ihrem Kurs durchgesetzt, die Kaiserin hatte das Dekret erlassen – zu ihrem aufrichtigen Bedauern, davon war Vicas überzeugt, hatte sie sich dem Druck der mächtigen Einflussgruppen beugen müssen. So blieb für die Bürger des Nordens nur der letzte Weg: die Rebellion. Im Laufe von wenigen Wochen nach Bekanntwerden des Dekrets hatten sich zahlreiche Adlige und Grundherren gegen die Herrschaft des Kaisers erhoben, die provinziellen Beamten aus ihren Ämtern gejagt und die wenigen kaiserlichen Garnisonen im Norden zur Kapitulation gezwungen. Diese erste Phase war überraschend unblutig und erstaunlich organisiert abgelaufen. Vicas wusste, dass die Nordländer sich schon lange insgeheim auf einen solchen Aufstand vorbereitet hatten, immerhin war die Politik schon seit langem zusehends in diese Richtung eskaliert. Als es soweit war, hatte es nicht mehr viel Zeit gekostet, die Pläne hervor zu holen und in die Tat umzusetzen.

Doch auch das Kaiserreich war nicht unvorbereitet in diesen Konflikt gegangen und nachdem sich die Nordprovinzen gewaltsam den Anordnungen der kaiserlichen Autorität widersetzt hatten, waren die Türen zu einer friedlichen Beilegung des Konfliktes zugefallen. Die Kaiserin mochte Krieg noch so sehr verabscheuen, sie konnte eine Rebellion der Nordprovinzen nicht einfach hinnehmen. So begann die zweite Phase des Krieges, indem die Kaiserin Reichsfeldmarschall Tar und seinen Bluthunden die Anweisung gegeben hatte, die Kontrolle über die rebellierenden Gebiete zurückzugewinnen. Gol Tar hatte schnell und präzise reagiert und seine Truppen über Caleio durch die Hügellande im Osten Richtung Crescuro geführt. Vicas hatte mit einem kleinen Kontingent ein Ablenkungsmanöver gestartet, das durch geschickte Täuschung und ein langwieriges Katz- und Maus-Spiel in schwierigem Gelände den Vormarsch lang genug verzögert hatte, um die Verteidigung von Crescuro zu organisieren. Doch General Tar hatte seine Karten außerordentlich gut gespielt und sein Kontingent durch geschicktes Manövrieren letztlich doch zum entscheidenden Kampf gezwungen, in dem Vicas´ Truppen hoffnungslos unterlegen waren. So hatten sie sich in der Ruine verschanzt, in der dieser Kampf nun in die letzten Runden ging.

Vicas sah sich in der kleinen Kammer um, die ihnen als Versteck diente, während weiter vorn in den Tunneln der Kampf tobte. Noch leisteten die Rebellen Widerstand, doch sie würden sich nicht ewig zurückziehen können, das war Vicas klar. Sie mussten eine Lösung finden.

Ihr seid sicher, dass es keinen Ausgang außerhalb der Ruine gibt?“, fragte er, sicher zum hundertsten Mal in den letzten Tagen. Der bärtige Räuber schüttelte den Kopf. „Seit Wochen durchsuchen wir diese Ruine nach etwas Brauchbarem, aber keiner der Gänge hat uns jemals woanders nach draußen geführt. Passt auch nicht zum Tempelbau. Wozu sollten die denn ´nen anderen Ausgang gebaut haben?“

Vicas nickte nachdenklich. Wenn sie nicht früher oder später von den Kaiserlichen gefunden und überrannt werden wollten, mussten sie sich etwas ausdenken. Sich unbemerkt hinauszuschleichen war unmöglich, wenn es keinen weiteren Ausgang gab. Ebenso selbstmörderisch war der Versuch, sich freizukämpfen. Sie mussten durch tausende von Kaiserlichen Soldaten, um überhaupt erst ins Freie zu gelangen – und anschließend noch unbemerkt das Weite suchen. Vicas dachte angestrengt nach. Sich zu verstecken war auch keine Alternative, denn General Tar würde nicht ruhen, bis er auch den letzten Winkel nach ihm abgesucht hatte. In seinen Augen war der Baron lange genug ein Ärgernis gewesen, der jetzt seine gerechte Strafe bekommen musste. Er kannte den Mann gut genug, um zu wissen, dass er unter seiner kalten, stillen Fassade brodelnden Zorn kultivierte – und zwar nicht erst, nachdem Vicas seine Strafexpedition durch Störmanöver weit von der geplanten Route weggelockt hatte. Schon in seinen Tagen als Politiker am Kaiserhof war Vicas dem Reichsmarschall ein Dorn im Auge gewesen. Er wusste, dass Gol Tar diese Möglichkeit der heimlichen, persönlichen Rache nicht an sich vorübergehen lassen würde. Er musste einen Weg aus der Ruine finden, wenn er überleben wollte. Er entschied, das Rückzugsgefecht so lang wie möglich aufrecht zu erhalten und damit Zeit zu gewinnen, um seinen Plan zu konkretisieren, ehe er ihn in die Tat umsetzen musste. Mit Einbruch der Nacht würde es sicher einfach werden, auch wenn er sich keine ernsthaften Hoffnungen machte, den Widerstand noch so lang fortsetzen zu können.

Welche Möglichkeiten für einen größeren Hinterhalt haben wir in diesem Abschnitt der Ruine?“, wandte er sich erneut an Feran. „Möglichst in mehreren Abschnitten gleichzeitig.“

Der Räuber legte die Stirn in Falten und dachte nach. Dann beugte er sich hinab und malte mit dem Finger eine grobe Karte der Tunnel in ihrer Umgebung in den Staub, der einen alten Steinquader bedeckte. Dann deutete er auf ein Segment, das viele kleine Kammern mit verschiedenen Durch- und Ausgängen aufwies, aber praktisch nur durch 3 verschiedene Tunnel mit dem Rest der Ruine verbunden war. „Wenn wir sie in diesen Bereich locken und schnell von den Zugangstunneln abriegeln, indem wir die Wachen dort überwältigen, könnten wir Erfolg haben und sie in den etwa zehn Kammern zum Kampf stellen.“, schlug er vor. Vicas betrachtete den Plan und fuhr mit den Fingern über das bärtige Kinn. Dann nickte er.

Es ist die beste Gelegenheit die wir bekommen werden.“, erklärte er und winkte seine verbleibenden Offiziere heran. Viele waren schon mit ihren Truppen dem Feind zum Opfer gefallen, andere kommandierten in den Gängen verstreute Grüppchen. Die restlichen waren hier bei ihm, mit dem Großteil der treuen Rebellenkrieger. Er erläuterte seinen Plan, erntete wie erwartet Skepsis, aber auch hilfreiche Hinweise. Da aber keiner einen besseren Vorschlag hatte, stimmten sie seinem Vorhaben trotz des erheblichen Risikos letztlich zu und bereiteten den Plan und den Hinterhalt vor.

Über mehrere große und kleinere Kammern verteilt gingen die Rebellen im gesamten Abschnitt in Position, um den Kaiserlichen aufzulauern. Die vereinzelten Fackeln, die sie noch mit sich trugen, wurden gelöscht, dann begann das Warten.

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Eine Antwort zu Ruinen – Teil 3b

  1. J.S. schreibt:

    mh, ich merke wie mir die geschichte gefällt. liest sich gut. deswegen gibts auch nur wenig kritik;)

    „kurz nach Ankunft des kaiserlichen Heeres lautstark protestiert und ihre -eigene- (raus) Entscheidung verdammt, mit Vicas zusammenzuarbeiten.“

    „Es ist die beste Gelegenheit die wir bekommen -werden- (ersetze es durch „können“, denn da es in Planung ist und die ausführung noch nicht begonnen hat, sprechen wir hier noch im Konjunktiv).“,

    lg

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