Ruinen – Teil 3c

Mit gezückten Schwertern traten die gepanzerten Männer in das alte Labyrinth. Im fahlen Zwielicht der Fackeln, die die Gardisten trugen, blitzten und glänzten die geraden, dünnen Klingen. Ein leiser Ruf irgendwo aus den Tunneln echote durch den Gang. Sie kamen nur langsam voran, mussten immer wieder über Haufen toter Körper steigen, die den Weg blockierten. An einigen Stellen hatten die kaiserlichen Truppen zwar schon damit begonnen, die Leiber beiseite zu räumen oder nach draußen zu tragen, aber an den meisten stellen herrschte noch Chaos. Wie zu erwarten war, sah General Gol auf dem Weg durch die Ruinen mehr rot bekleidete Kaiserliche als gelb geschmückte Rebellen. Einen Moment lang dachte er darüber nach, umzukehren und den Soldaten die Sache doch zu überlassen. Aber er verwarf die Überlegung schnell, trotz aller Risiken, denen er hier ausgesetzt war. Zum einen war er zu stolz, seinem Adjutanten den Triumph zu gönnen. Aber das war nicht der Hauptgrund. Er musste diese Aufgabe selbst in die Hand nehmen. Seine Soldaten mochten zum Teil gute Kämpfer sein, die ihr Handwerk verstanden. Vor allem auf die Regimenter, die sich aus Berufssoldaten rekrutierten, war durchaus Verlass. Andererseits war sich der General sehr wohl bewusst, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil seiner Truppen dennoch aus Wehrpflichtigen bestand. Einfache Bauern, Handwerker, Stadtvolk – Männer, die außer ihrer Grundausbildung keine Kampferfahrung hatten und denen eine Aufgabe solcher Bedeutung nicht ohne Bedenken übertragen werden konnte. Wer konnte garantieren, dass der Baron nicht an einer Stelle durch das Netz schlüpfte, an der keine professionellen Berufssoldaten nach ihm suchten? Wer konnte garantieren, dass die Männer nicht zu lange trödelten und der Baron durch einen Fluchtweg entkam? Sollte Vicas ihnen durch die Finger gleiten…

Er musste es selbst tun. Nicht nur, weil er den bewaffneten Bauerntölpeln nicht genug vertraute – das Problem Vicas war für ihn mittlerweile zu einer persönlichen Angelegenheit herangewachsen. Lange genug war der Mann ihm ein Dorn im Fleisch gewesen und heute bot sich die Gelegenheit, dieses Kapitel ein für allemal zu beenden. Ob durch seine eigene Hand oder nicht war dem General beinahe zweitrangig – aber er konnte nicht tatenlos herumstehen und warten, solange der Feind sich noch auf freiem Fuß befand und Gefahr lief, zu entwischen.

Er umklammerte den Griff des Schwertes fester. Mittlerweile waren sie so tief in die verworrenen Gänge und Kammern vorgestoßen, dass man von überall her Rufe, Kampflärm und Geschrei hören konnte. Der General war überrascht, dass der Widerstand so lange anhielt. Wenn die Schätzungen seiner Späher korrekt gewesen waren, waren die Rebellen bereits nach dem Sturm auf die Ruinen stark dezimiert worden. Entweder sie hatten die Zahl der Feinde unterschätzt, oder die bisherigen Verluste in den Tunneln waren erstaunlich gering gewesen. Als sie bei dem nächsten Gefallenen in Gelb vorbeikamen, hielt der General kurz inne und bückte sich, um den Toten zu inspizieren. Einer seiner Leibwächter spendete Licht.

Auf den Metallteilen der hochwertigen Rüstung spiegelte sich das flackernde Feuer, das an der Fackel züngelte. Der General nickte grimmig. Dieser Soldat war kein einfacher Bauer gewesen, den man vom Feld geholt hatte. Seine Rüstung und ein Emblem auf dem gelben Wappenrock ließ darauf schließen, dass es ein Infanterist aus einer der Privatarmeen handelte, die nordländische Grundherren immer noch unterhielten. Ein gut ausgebildeter und kampferprobter Mann also. Der General vermutete aufgrund der Narben im bleichen Gesicht des Mannes, dass er in seiner Vergangenheit wohl schon mehrere Kämpfe erlebt hatte, wahrscheinlich im Konflikt mit den Kriegsherren, die den Osten in regelmäßigen Abständen terrorisierten. Ohne diese Überfälle wäre es auch nicht denkbar gewesen, die Aufrechterhaltung von Truppen zu tolerieren, die nicht dem Kaiser direkt unterstanden. Tar verstand bis heute nicht, wie der alte Kaiser eine solche Anmaßung seiner Autorität überhaupt dulden konnte, indem er die Privatarmeen in den betroffenen Gebieten wieder zuließ. Als Reichsmarschall hatte Tar damals heftig gegen dieses Vorgehen protestiert, aber der frühere Kaiser war – wie seine infantile Tochter, die heute auf dem Thron saß – ein schwacher und willfähriger Herrscher gewesen, der in seinem fortgeschrittenen Verfallsstadium und seiner Kompromisssuche kaum mehr in der Lage gewesen war, die richtigen machtpolitischen Entscheidungen zu fällen. So hatte er den Nordländern, die die Stationierung zusätzlicher kaiserlicher Garnisonen in ihren Provinzen stur ablehnten, entgegen Tars Rat erlaubt, auch Truppen außerhalb kaiserlicher Befehlsgewalt zu unterhalten. Eine fatale Entscheidung, die dem Widerstand Tür und Tor geöffnet hatte. Schon damals hatte der General gewusst, dass diese Entscheidung weitreichende Folgen haben würde. Er hatte dafür plädiert, die Klagen der Nordländer über die Übergriffe zu ignorieren, wenn sie zusätzliche kaiserliche Garnisonen als Lösung ausschlossen. Möglicherweise wären dem Kaiserreich damit einige Probleme erspart geblieben.

Er erhob sich und wandte den Blick vom Toten ab. Die Anwesenheit ausgebildeter Kämpfer erklärte den zähen Widerstand. Offenbar hatten die Rebellen ihre besten Truppen für die Scharmützel hier unten aufgehoben, statt sie als Widerstand gegen die Erstürmung einzusetzen. Eine kluge Entscheidung angesichts der verheerenden Resultate der Pfeilsalven.

Er nickte seinen Männern zu und deutete auf den Durchgang geradeaus. „Weiter.“, knurrte er. Der Trupp setzte sich wieder in Bewegung. Die Kampfgeräusche aus den Gängen zu ihrer Rechten ebbten langsam ab, doch von vorn hallte unvermindert Lärm zu ihnen, der lauter wurde, je weiter sie in die Ruinen vorstießen. Schließlich mischte sich Fußgetrappel mit den Schreien von Verwundeten und hektischen Befehlen. Die Leibgardisten spannten sich, ihre Blicke schweiften aufmerksam in die Finsternis vor ihnen.

Zurück! Es sind zu viele!“, hallte eine panische Stimme durch den Gang. Einige Augenblicke später hasteten einige Männer um die Ecke. Im Lichtschein einiger weniger Fackeln, die sie trugen, sah man sie blutüberströmt und mit zerfetzten Rüstungen, die nur noch in Stücken von ihren Körpern hingen. Zwischen all dem Blut waren die roten kaiserlichen Wappen kaum auszumachen, die sie trugen. Die Leibwächter entspannten sich wieder etwas, blieben aber auf der Hut. Die Männer kamen schnell näher, offenbar erleichtert, Verstärkung vorzufinden. Sie winkten, aufgeregt, aber völlig erschöpft. Als sie schließlich vor ihnen standen, erkannte der kommandierende Offizier, ein hochgewachsener Mann mit einer Kriegsmaske, die einen Vogel darstellte, den General.

Er straffte sich und salutierte, ebenso wie seine Männer – sofern sie ob ihrer Verletzungen noch dazu in der Lage waren.

General, unser Trupp ist in einen Hinterhalt der Rebellen geraten! Sie haben uns in der Dunkelheit aufgelauert und die Zugangswege im voraus liegenden Areal abgeschnitten.“, berichtete er außer Atem. „Mein Trupp war nicht der einzige, der in die Falle gegangen ist. Sie haben uns aufgelauert, während wir uns in den Kammern umgesehen haben, dann von allen Seiten in die Zange genommen. Mit Bögen und Spießen in den engen Gängen, während sie in den Kammern im Handgemenge über uns hergefallen sind. Die Verluste waren fatal, wir haben versucht, ihnen Widerstand zu leisten, aber hatten Glück, überhaupt entkommen zu können. Wir brauchen dringend Verstärkung, es sind immer noch Männer dort eingekesselt!“

Der General musterte die blutverschmierte Maske und fand nach kurzem Suchen unter den Blutflecken die Rangabzeichen.

Ihr habt eure Sache gut gemacht, Hauptmann. Es ist sinnlos, gute Männer in einem Kampf zu opfern, der einem aufgezwungen wird.“, meinte der General ruhig. Weitere Rufe aus dem Gang unterbrachen ihn, dann strömte eine weitere, deutlich kleinere Gruppe an Kaiserlichen um die Ecke auf die kleine Kammer zu. Auch sie schleppten sich allesamt zerschlagen und verwundet durch die Gänge. Der General schüttelte resigniert den Kopf.

Hauptmann, nehmt diese Männer und bringt sie nach draußen. Gebt ihnen etwas zu trinken und schickt sie ins Lazarett.“, ordnete er an.

Jawohl, General!“, rief der Offizier und salutierte abermals zackig. Dann führte er die dankbaren Männer, die dem Horror entflohen waren, in Richtung des Ausganges. Der General schaute in den Gang vor sich und überlegte. Sollte er es riskieren, weiter in die Finsternis vorzudringen, auf die Gefahr hin, in den Hinterhalt zu geraten? Oder umkehren und warten, bis die Verstärkung den Hinterhalt zerschlagen hatte? In diesen Tunneln fühlte er sich als Kommandant wie ein Krüppel, unfähig, die Männer ausreichend zu koordinieren und den Sieg herbeizuführen. Wie ein blinder Maler, unfähig, zu sehen, wo er den richtigen Strich setzen musste. Er ballte die Faust.

Res, Yiro, Drego – ihr bildet den Voraustrupp. Haltet die Augen nach möglichen Überraschungen offen. Der Rest folgt mit mir dicht dahinter.“, befahl er. Es hatte keinen Sinn, jetzt umzukehren. Sie mussten extrem wachsam vorrücken, aber der Kampflärm aus den Gängen vor ihnen war unvermindert hörbar. Die Rebellen konnten den Kampf dort nicht ewig fortführen, denn Verstärkung wurde unweigerlich durch die Geräusche angelockt. Um sich neu zu formieren mussten sie sich zurückziehen, oder sie starben dort. Wie man es drehte und wendete, in beiden Fällen war es sinnvoll, ihnen durch Vorrücken in den Rücken zu fallen oder eben den Weg abzuschneiden.

Die drei angesprochenen Gardisten nickten und gingen voraus. Die anderen folgten im Abstand von wenigen Metern. An der ersten Kreuzung schleppten sich von Links verwundete aus dem Gefahrenbereich, während von Rechts die Verstärkung nahte. Kurz entstand dichtes Gedränge, doch der General war schnell in der Lage, das Chaos zu ordnen. Lautstark wies er die Soldaten an, sich nicht mit Saluten aufzuhalten, sondern zügig zu marschieren, während er sich selbst in eine kleinere Nische zwängte. Was nützte all die Etikette hier auf dem Schlachtfeld, wo keine Zeit war und sie Menschenleben kostete? Ungehalten über dieses dumme Gehabe im falschen Moment wartete er, bis genug Platz war und folgte dann mit seiner Leibgarde dem kleinen Verstärkungstrupp, der von Rechts zu ihnen gestoßen war. Einige Abzweigungen später trafen sie am Ort des Geschehens ein. Die Kampfkraft der Rebellen war nach der ersten Phase des Hinterhaltes stark vermindert worden, als kaiserliche Verstärkung auf die Schreie und den Kampflärm aufmerksam geworden war und ihren Kameraden zur Hilfe eilten. Die letzten Überlebenden wehrten sich verbissen, waren aber nun ihrerseits in die Ecke gedrängt und eingekreist, da die Verstärkungen aus allen Himmelsrichtungen herbeieilten. General Tar nickte zufrieden, während seine Truppen die Kammern vor ihnen sicherten. Die Rebellen hatten sich übernommen, indem sie ein so großes Kontingent seiner Truppen in den Hinterhalt gelockt hatten. Sie waren nicht schnell genug mit den Männern fertig geworden und hatten keine Gelegenheit mehr gehabt, sich zurückzuziehen und woanders neu zu gruppieren. Kurz dachte er an den kleinen Trupp Überlebender, dem sie begegnet waren. Zweifelsfrei tapfere Männer, die heute womöglich den endgültigen Sieg ermöglicht hatten. Er würde sich diesen Trupp für eine Auszeichnung für besondere Tapferkeit vormerken. Inzwischen erstarb die letzte Gegenwehr im erbitterten Gefecht, als die nun hoffnungslos unterlegenen Rebellen einen letzten, verzweifelten Durchbruch versuchten. Überrascht von der Vehemenz des Angriffs wurden die Kaiserlichen Truppen sogar einige Kammern weit zurückgedrängt. Doch dann verpuffte die Kraft, das letzte Aufbäumen ging zu Ende und mit einigen letzten Schnitten und Stichen verebbte der Kampflärm. Grimmige Stille nahm seinen Platz ein, durchsetzt nur vom Jammern der Verwundeten und vom Gemurmel der restlichen Soldaten. Kein aufbrandender Jubel, keine Freude. Jeder wusste, dass es ein kostspieliger Sieg gewesen war.

Sucht Baron Vicas und seine Getreuen!“, rief der General mit dröhnender Stimme, deren Echo sich in den Tunneln verbreitete. Ein verwundeter Rebell lachte leise und trotzig, ehe ein Schub von Schmerz ihn abrupt verstummen ließ. Die Soldaten begannen mit ihrer Suche, betrachteten jeden Toten und Verwundeten Rebellen genau, suchten in dunklen Ecken und Kammern.

General Tar trat an den belustigten Nordländer heran, der am Boden lag. In seinem Bein steckte ein abgebrochener Speer. Sein Gesicht war schmutzig und verschmiert mit fremdem Blut, in seinen hellen grauen Augen spiegelte sich der Kampfeswille, auch wenn sein Körper ihn im Stich ließ. Der General sah auf ihn herab und rückte mit der Spitze seines Schwertes den Wappenrock zurecht, der Auskunft über das Regiment und die Herkunft des Mannes gab.

Was belustigt euch so, Soldat?“, fragte Tar kühl und ruhig. Rebell schnaubte und ein schmerzverzerrtes Grinsen schlich sich auf seine Miene.

Ihr werdet Baron Vicas niemals finden!“, erwiderte er. Tar schmunzelte freudlos. „Da bin ich anderer Meinung. Niemand ist aus den Ruinen entkommen und ewig verstecken kann er sich nicht.“, gab der General zurück.

Der Baron ist längst über alle Berge!“, lachte der Rebell trotzig. General Tar zog die Augenbraue hoch, doch ehe er zu einer Erwiderung ansetzen konnte, rief ein Offizier nach ihm.

General! Wir haben etwas gefunden, das ihr euch ansehen solltet.“

Selbstzufrieden grinste der Rebell, während der General seinen Blick von ihm abwendete und zum Offizier ging. Der führte ihn durch mehrere Kammern, bis sie in der Ecke eines größeren Raumes standen, an den sich eine kleine Nische anschloss. Dort lagen dicht an dicht gedrängt fünf halbnackte Kadaver, übersät mit tödlichen Wunden. Die Männer hatten einen dunklen Teint und auch ihre Augen waren größtenteils braun. Es waren Südländer, denen man den Großteil ihrer Rüstung entfernt hatte und die dann in die Ecke gestapelt worden waren. „Wir haben diese Leichen gefunden, nachdem wir diese Steinbrocken dort entfernt haben.“, berichtete der Offizier und deutete auf einen Haufen Geröll. „Sie sahen zu lose aus, nicht so, als wären sie schon Jahrhunderte dort gewesen.“

Der General nickte wie betäubt. Dieser Fund konnte nur eines bedeuten… Er unterdrückte den Ausbruch der brodelnden Wut, die sich in ihm regte. „Vicas…“, knurrte er leise.

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2 Antworten zu Ruinen – Teil 3c

  1. schwarzgardist schreibt:

    So liebe Leute. Nachdem ich letzte Woche schwer beschäftigt war, hab ich heute Gelegenheit gehabt, das Stück fertigzustellen, das noch von letztens übrig war. Demnächst gehts dann weiter mit Kapitel 2.

  2. J.S. schreibt:

    also was mir gut gefällt, dass bisher allein aus dem text nicht hervorgeht, welche person vorzuziehen ist. es ist noch alles offen. super.

    grammatik:
    An einigen Stellen hatten die kaiserlichen Truppen zwar schon damit begonnen, die Leiber beiseite zu räumen oder nach draußen zu tragen, aber an den meisten –stellen- (wiederholung. Streich das wort) herrschte n

    lg

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