Nacht – Teil 1

Jaelad, Nekropolitektengilde

Jahr des Falken, 5. Monat

7. Tag, Abend

Als sie zur Gilde zurückkehrten, war die Sonne schon hinter den Wäldern im Westen versunken. Obwohl Jumo die Erschöpfung spürte, die der lange Ausflug in Nekropolis hinterlassen hatte, wusste er, dass sein Arbeitstag für heute noch nicht beendet war. Er musste die Notizen, die ihm Meister Senos diktiert hatte, noch in die korrekte Protokollform übertragen. Das beinhaltete, in den alten Archiven nach den Daten zum Bau der entsprechenden Gräber und Abschnitte zu suchen, die Schäden detailliert zu schildern, solange sie ihm noch frisch im Gedächtnis waren und dem Meister seine Vorschläge zur Ausbesserung zu unterbreiten. Ihm war bewusst, dass er diese Aufgabe unmöglich heute Abend fertigstellen konnte, aber er hatte den Auftrag des Mentors ohne Murren angenommen. Manch anderer Lehrling hätte protestiert und noch tagelang hinter vorgehaltener Hand über den Meister geflucht, doch Jumo nahm es mit ruhiger Gelassenheit. Er vermutete, dass der Meister seine Belastbarkeit und seinen Fleiß testen wollte. Schließlich gehörten auch die niederen Aufgaben zu denen, die ein Nekropolitekt später erledigen musste. Außerdem war es mit einer gewissen Verantwortung verbunden, denn das Verfassen der Protokolle war wichtig für alle Nekropolitekten, die die Maßnahmen später nachvollziehen wollten. Daher konnte man es durchaus auch als Ehre ansehen, als Lehrling seinen Teil zum uralten Archiv beitragen zu dürfen.

Nach seiner Rückkehr in das Quartier der Gilde verschwendete er keine Zeit, sondern begab sich direkt in die Bibliothek. Sie bildete das Herzstück der großen Anlage, die eine Mischung aus Festung und Palast darstellte. Man sah dem Gildenquartier an, dass viele der Nekropolitekten ursprünglich Architekten gewesen waren oder werden wollten, genau wie Jumo. Die Anlagen waren mit scharfer Präzision entworfen worden, passten sich dem umliegenden Stadtbild gut an, aber bildeten doch einen gekonnt herausgearbeiteten architektonischen Höhepunkt in diesem Viertel. Hohe Türme und Außenmauern bildeten den Festungsaspekt des Quartiers, während die Gärten, Bogengänge und Säulen für die Ähnlichkeit mit Palastarchitektur sorgte. Die Bibliothek in der Mitte der Anlage war von dicken Mauern umschlossen, um die wertvollen Schriftstücke vor Bränden zu schützen. Jumo wusste, dass die wichtigsten Bücher außerdem kopiert worden waren, um sie in tiefen Kellern aufzubewahren, sollte doch der schlimmste Fall eintreten. Im Inneren drängten sich Bücherregale dicht an dicht, bis zum Bersten gefüllt mit Schriftrollen und dicken Wälzern. Jumo legte seine Schreibutensilien auf einen der Tische im Hauptgang, warf kurz einen Blick auf die Notiz und machte sich auf den Weg in den Teil der Bibliothek, in dem das Archiv aufbewahrt wurde. Abschnitt drei… Das war einer der Kernteile der alten Nekropolis. Er gehörte zu den ältesten, die sich unter der Stadt befanden. Ihr Alter musste wohl bei etwa einem halben Jahrtausend liegen. Noch nie zuvor hatte Jumo in Archiven dieser Altersklasse geblättert. Er spürte, wie sich in seinem Inneren eine Mischung aus Ehrfurcht, Neugier und Angst regte und sich zu einer seltsamen Form der Erregung mischte, während er durch die Gänge der Bibliothek schritt. Einerseits konnte er es kaum erwarten, die alten Schriften in den Händen zu halten und genauer zu betrachten. Andererseits fürchte er, dass ihr Zustand bereits sehr schlecht war und er sie beschädigen könnte, wenn er unachtsam war. Schließlich war nach dem Sonnenuntergang nicht die beste Zeit für hochkonzentriertes Arbeiten. Und er erwog, dass die Archive ihn enttäuschen könnten. Waren sie tatsächlich so interessant, wie er im Augenblick glaubte? Streng genommen waren es auch nur Notizen zum Bau der Gräber. Aber ihnen haftete eine alte Aura an, das Mysterium vergangener Zeiten und einer früheren Kultur, die sich seither zweifellos gewandelt hatte. Ein Rascheln aus einem Gang riss ihn aus seinen Gedanken. Erschrocken drehte er sich um.

Ah, Jumo! So spät noch im Archiv unterwegs?“, begrüßte ihn Meister Amo, der Archivar. Er hatte seine besten Tage schon hinter sich, ein schütterer, grauer Haarkranz umrahmte die Halbglatze, die im Licht der Kronleuchter schimmerte. Jumo lächelte, als der alte Mann aus einem Seitengang trat, an dem er eben vorbeigegangen war.

Ich habe noch eine Aufgabe zu erledigen.“, erklärte der Adept. „Meister Senos verlangt von mir, den Bericht des heutigen Rundgangs zu verfassen. Wir waren im Kernstück der Nekropolis.“

Mhm“, machte der Archivar und nickte, „Und nun lässt dich dein Ehrgeiz nicht bis morgen warten, sondern zwingt dich, dir die Nacht um die Ohren zu schlagen.“, vermutete der Archivar.

Jumo schüttelte den Kopf, obwohl der Meister Recht hatte. Eigentlich hätte er morgen früh damit anfangen können, die Notizen hätten schon dafür gesorgt, dass er die wichtigen Punkte für den Bericht behielt. Aber er wollte die Sache schnell hinter sich bringen, um morgen neue Aufgaben übernehmen zu können – und er wollte Meister Senos beeindrucken, da hatte Amo recht.

Ich möchte den Bericht verfassen, solange die Erinnerung an den Abstieg noch frisch ist.“, behauptete er stattdessen. Der Archivar lachte nur leise und nickte.

Dann komm mal mit, mit meiner Hilfe findest du den richtigen Teil des Archives schneller.“, meinte er und winkte Jumo mit sich. Amo führte sie durch die verwinkelten Gänge der Bibliothek, bis sie an den Regalen angekommen waren, wo die Aufzeichnungen über den Kernteil der Totenstadt aufbewahrt wurde. Amo erkundigte sich nach dem Abschnitt, nickte kurz und hielt zielsicher auf ein Regal zu. Nachdem er kurz die Schrift einiger Buchrücken überflogen hatte, stieß er ein triumphierendes Geräusch aus und zog einen dicken Wälzer hervor.

Vielen Dank.“, meinte Jumo und nahm das alte Schriftstück entgegen. Meister Amo winkte ab. „Ich mache hier nur meine Aufgabe.“, krächzte er und lächelte, ehe er Jumo zurück in den Arbeitsbereich begleitete. Auf dem Weg erzählte der alte Archivar darüber, wie er selbst das erste Mal in den Kernbereich der Nekropolis herabgestiegen war. Jumo war immer wieder fasziniert von den Geschichten des alten Mannes, mit dem er in der Bibliothek schon viele Stunden zugebracht hatte. Der Archivar hatte ihm immer bereitwillig geholfen – nicht nur dabei, Bücher zu finden, die er für seine Arbeit brauchte. Wenn niemand anderes seine Dienste in Anspruch nahm und alle anderen Arbeiten beendet waren, setzte er sich gern zu Jumo, den man fast zu jeder Uhrzeit in der Bibliothek antreffen konnte. Er unterhielt den jungen Mann mit den Geschichten aus seiner Jugend, mit Mythen und Legenden aus ganz Terugal, aber auch mit seinem Fachwissen, das er im Laufe seines Lebens angesammelt hatte. Manchmal brauchte man die Bücher gar nicht aufzuschlagen, die man suchte – man musste nur Meister Amo danach fragen und er fasste kurz zusammen, was Wichtiges in ihnen geschrieben stand. Außerdem hatte der alte Mann Jumo immer angespornt, wenn er kurz davor war, verzweifelt aufzugeben. Gewissermaßen war es nur dem alten Archivar zu verdanken, dass Jumo überhaupt so weit gekommen war. Vermutlich hätte er sonst schon lange alles hingeschmissen, statt sich durchzubeißen.

Und vergiss nicht, irgendwann zu Bett zu gehen.“, mahnte Meister Amo, als sie im Arbeitsbereich angekommen waren. „Du musst morgen noch genug tun, etwas Ruhe schadet auch dir nicht. Und ich will dich nicht schon wieder wecken müssen, weil du über den Büchern eingeschlafen bist!“

Keine Sorge, Meister. Ich übernehme mich schon nicht.“, wiegelte er lächelnd ab. „Vielen Dank für die Hilfe.“ Der Alte nickte nur und ließ Jumo allein.

Er schlug das alte Buch auf und machte sich an die Arbeit.

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Eine Antwort zu Nacht – Teil 1

  1. schwarzgardist schreibt:

    So, weiter gehts. Nachdem ich die letzten Wochen beschäftigt und unterwegs war, hab ich jetzt mal die letzte Reserve rausgekramt, die in dieser Zeit entstanden ist und muss demnächst wohl mal weiter werkeln, um euch was neues präsentieren zu können.

    Ich hab gar keine verzweifelten Rufe nach einer Fortsetzung gehört, die mir ein schlechtes Gewissen gemacht hätten – was is nur mit euch los? Legt euch mal etwas ins Zeug!

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