Zeichen

Die alten Schriftzeichen auf dem vergilbten Papier ließen seine Augen bald ermüden und immer wieder ertappte er sich dabei, wie seine Gedanken abschweiften und er ganze Abschnitte erneut lesen musste. Die Schrift war verschnörkelt und kompliziert und obwohl sie sehr schön anzusehen war, strapazierte sie seine Konzentration. Der Text selbst war umfassender gehalten als die moderne Notation. Erst bei den späteren Eintragungen bemerkte Jumo, dass der Stil kürzer und prägnanter wurde, auf Details verzichtete und in eine stichpunktartige Zusammenfassung überging, wie sie heutzutage verwendet wurde. Im Kernbereich der Nekropolis waren im Laufe seit ihrem Bau vor einem halben Jahrtausend zahlreiche Arbeiten vorgenommen worden. Vor allem bei den ältesten Eintragungen war es schwierig, die Maßnahmen aus dem Fließtext den speziellen Bereichen zuzuordnen. Nachdem Jumo eine ganze Weile damit zugebracht hatte, die relevanten Einträge aus dem Archiv zu filtern und sie stichpunkthaft auf einem Notizblatt festzuhalten, klappte er das schwere Buch zu und atmete erleichtert auf. Der anstrengendste Teil war erledigt. Nun musste er nur noch die gesammelten Daten im Protokoll zusammenfassen. Er schob den alten Archivband zur Seite und holte sein Bündel mit Schreibwerkzeugen hervor. Neben den verschiedenen Pinseln und Kohlestiften beinhaltete sein Bündel noch einen Reibestein und ein Tuschestück. Er packte Pinsel, Reibestein, einen Stofffetzen und das Stück verleimte und gepresste Farbe aus und griff zur Schublade des schweren Holztisches. Im Inneren fand er eine leere Schüssel und ein sorgfältig verschlossenes Kännchen, in dem sich Wasser befand. Nachdem er den Pfropfen des Kännchens entfernt hatte, füllte er etwas Wasser in die Schale. Dann versiegelte Jumo die Kanne wieder sorgfältig und stellte sie zurück in die Schublade. Anschließend befeuchtete er zuerst den Pinsel und dann mit dessen Hilfe den Reibestein. Mit etwas Druck rieb er danach das Tuschestück über den Stein und beobachtete, wie das Wasser darauf sich schwarz färbte. Ab und an hielt er inne und prüfte, ob der Farbton der Tusche intensiv genug war. Als er zufrieden mit der Mischung war, wischte er das Tuschestück mit dem Stofffetzen ab und legte beides beiseite. Dann nahm er mit dem Pinsel die Farbe auf und begann, den Bericht zu Papier zu bringen.

Geschickt formte der Lehrling die Schriftzeichen. Nach den ersten paar Zeilen begann sich seine Hand automatisch zu bewegen, ohne, dass er noch groß darauf achten musste, wie er die Striche zu setzen hatte. Die Zeichen waren ihm nach all den Jahren der Kalligraphie-Übungen so vertraut, dass er nicht mehr groß nachdenken musste. Seine Gedanken glitten ab, während er die Notizen kopierte und sein müder Geist nicht mehr gefordert war. Strich um Strich wuchsen die Symbole auf dem Papier.

Über dem Horizont ging die glühende Sonne unter. Staub wehte über die hügelige Steppe. Ein Mann kniete vor einem Stapel aus Holzscheiten, der vor ihm aufgeschichtet worden war. Er hielt den Kopf gesenkt und sah auf den kargen Boden. Auf dem Stapel vor ihm spielte der Wind mit einem Zipfel des weißen Tuchs, das über einem Leichnam aufgespannt war.

Jumo schreckte hoch, als ein Luftzug über sein Gesicht strich. Er blinzelte verwirrt, während vor seinen Augen noch der helle Fleck der untergehenden Sonne auf der Netzhaut brannte. Er atmete tief ein und seine Lungen füllten sich mit dem Geruch alten Papiers, während auf der Zunge noch die trockene, reine Luft eines fernen Ortes kribbelten. Mit der Hand hielt Jumo seinen Pinsel noch in lockerem Griff und auf dem Papier entdeckte er mehrere Zeilen, von denen er nicht mehr wusste, dass er sie geschrieben hatte. Er überflog das Geschriebene, doch es war nichts Besonderes, nur ein Teil seines Berichts. Er schüttelte den Kopf und rieb sich kurz die Augen. Als er sie schloss, sah er das Bild noch deutlich vor Augen. Er hatte keine Ahnung, wie spät es war, aber Meister Amo würde vermutlich bald auftauchen. Und wenn er Jumo über seinem Text schlafend vorfand, würde der alte Archivar ihm das wieder tagelang vorhalten. Außerdem kam er dadurch auch nicht schneller mit dem Text voran, sondern riskierte sogar noch, dass er irgendetwas verwischte, wenn er über dem frisch beschriebenen Papier zusammensank. Er beschloss, die Arbeit bald zu beenden. Den begonnenen Abschnitt wollte er noch fertigstellen, doch der Rest musste bis morgen warten. Mit diesem Vorsatz nahm er mit dem Pinsel neue Farbe auf und begann, die letzten Zeilen für diesen Abend zu kopieren. Der Pinsel zog eine gerade Linie waagerecht, änderte mit der Drehung des Handgelenkes die Richtung nach unten links.

Gierig verschlang das Feuer das Holz und den aufgebahrten Leichnam.

Zwei parallele, horizontale Striche, ein waagerechter in der Mitte und ein kurzer Strich unten rechts und das Zeichen war komplett.

Sich kräuselnd stieg der Rauch in den Himmel, der eine violette Farbe angenommen hatte, nachdem die Sonne versunken war. Der Schein des Feuers erhellte den Kreis von Männern, der sich um den Ort der Feuerbestattung versammelt hatten. Auf ihren Minen tanzten die Schatten.

Ein kürzerer Schräger strich, von oben nach unten links leitete das nächste Zeichen ein. Daneben ein längerer Strich in dieselbe Richtung.

Nachdenklich sah er auf den Rauch, der gen Himmel stieg und sich zwischen den Sternen mit dem Himmel verband. Über das Prasseln des Feuers murmelte er etwas.

Ein waagerechter Strich in der Mitte und ein weiterer kurzer Strich, diesmal im rechten unteren Teil des Zeichens, gaben dem Wort seine endgültige Bedeutung.

Ich habe über den Tod nachgedacht. Früher oder später holt er uns alle. Mit unserem Körper stirbt unser Selbst und alles, was uns zu Lebzeiten ausgezeichnet hat. Die Seele verlässt uns und so wie der Leib zu Asche wird und sich mit dem Boden vermischt, aus dem neues Gras wächst, so verbindet sich die Seele mit dem Geist der Welt und verliert ihre Form.“

Jumos Hand glitt weiter, begann das nächste Zeichen. Zwei parallele Striche im oberen Teil. Ein senkrechter und anschließend ein hakenförmiger Strich nach unten, links daneben zwei kurze Striche. Der Pinsel zog einen Abschlussstrich, der den Haken schräg von links oben nach rechts unten kreuzte.

Nichts von uns bleibt, außer Erinnerung und auch sie wird vom Strom der Zeit ausgewaschen, wie ein Gebirgsmassiv von Wind und Wasser zum Flachland geschliffen wird.“

Das nächste Zeichen begann mit einem Strich oben links, gefolgt von einem Hakenstrich, rechts flankiert von zwei kurzen Strichen und komplettiert durch einen schrägen Strich im unteren Bereich.

Aber ich will weder ausgewaschen werden noch als Wassertropfen im Ozean in der Bedeutungslosigkeit versinken. Der Zerstörung des Körpers mag man nicht entkommen können… aber was ist mit der Seele?“

Eine Zahl komplettierte die Zeile und ließ Jumo erneut aus seinen Träumen hochschrecken. In seinem Kopf hallte die Stimme wider, ihr melancholischer, nachdenklicher Klang und die Entschlossenheit in den Worten. Er hörte das Knacken und Fauchen des Feuers, das glühende Funken durch die Luft flirren ließ und vor seinem Auge langsam zu einer Erinnerung verblasste. Es wurde wirklich Zeit, die Arbeit zu beenden und sich zur Ruhe zu legen. Der Adept verzichtete darauf, die letzten Zeilen des Abschnittes noch zu Papier zu bringen, sondern säuberte seine Schreibsachen mit dem Wasser aus der Schüssel und räumte alles an seinen Platz zurück. Währenddessen kreisten seine Gedanken ununterbrochen um seinen seltsamen Traum im Halbschlaf, der so klar und greifbar gewesen war, als hätte er selbst erlebt, was er geträumt hatte. Vor lauter Nachdenken vergaß er das schwere Buch aus dem Archiv auf dem Tisch, während er geistesabwesend seinen Weg zurück in die Kammer suchte und sich zur Ruhe legte. Der alte Archivband, stummer Zeuge der Jahrhunderte, blieb einsam und unbeachtet in der Bibliothek zurück.

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Eine Antwort zu Zeichen

  1. schwarzgardist schreibt:

    Es geht weiter. Zumindest ein Stück. Hoffentlich demnächst noch mehr.
    Lasst euch nicht verwirren, dass das hier nicht „Nacht – Teil 2“ ist. Der kommt dann demnächst, aber irgendwie fand ich den Titel für diesen Abschnitt so passender, wie er jetzt ist, auch wenn es damit so wirkt, als sei es ein Einschub zwischen Nacht 1 und 2. Willkürliche und spontante Namensentscheidung, ich hoffe ihr lasst euch nicht zu sehr verwirren 😉

    Und kommentieren könntet ihr auch mehr!

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