Katz und Maus – Teil 1

Herauo, Ostgebirge

Jahr des Falken, 5. Monat

7. Tag, Früher Abend

Ihr seid tatsächlich wahnsinnig.“, murmelte Feran zum wiederholten Male unter seinem Helm hervor. Seine Worte gingen im Klappern der Rüstungen, dem Stöhnen der Verwundeten und den Gesprächen der Kaiserlichen beinahe unter. Baron Vicas lächelte freudlos, wobei seine Wangen die Panzermaske streiften. Das lippenlose Gesicht des Raubvogels verbarg sein Lächeln vor den Blicken der anderen Soldaten. Bisher hatte sein Plan besser funktioniert als geplant. Gemeinsam mit Feran und drei treuen Offizieren hatte er sich mit den Uniformen, die sie vorher einigen Gefallenen abgenommen hatten, in den Gängen versteckt. Es war ein seltsames Gefühl gewesen, die Kleidung eines toten Mannes überzuziehen, auch wenn man seine eigene Unterkleidung darunter trug. Die fremde Rüstung roch nach fremdem Schweiß und Blut und war noch warm. Es hatte einige Überwindung gekostet, aber die Tatsache, dass ihm wenig Wahl blieb, wenn er nicht in die Hände der Kaiserlichen fallen und dort dem sicheren Tod ins Auge blicken wollte, hatte Vicas genug Kraft gegeben, seinen Ekel zu überwinden. Versteckt in den Gängen warteten sie ab, bis die Kaiserlichen in den vorbereiteten Hinterhalt liefen und das Chaos um sie herum ausbrach. Dann mischten sie sich unter die zerschlagenen kaiserlichen Kämpfer und zogen sich gemeinsam mit ihnen zurück. Blut und Dreck auf ihren Gesichtern und Helme und Kriegsmasken verdeckten Haut und Haare, die einzigen äußerlichen Anhaltspunkte, die sie möglicherweise als Nordländer entlarvt hätten. Keiner der Kaiserlichen, die allesamt mit sich selbst und dem überstürzten Rückzug beschäftigt waren, hatte auch nur den Hauch eines Verdachtes geschöpft. Bis plötzlich General Tar persönlich vor ihnen gestanden hatte. Erbarmungslos hatte der Dämon auf seiner Maske ihnen entgegen gestarrt, den Schlund weit aufgerissen, bereit, sie zwischen den breiten Kiefern zu zermalmen. Selbst im fahlen Fackelschein waren die Rangabzeichen des Reichsfeldmarschalls gut zu sehen gewesen. Der Baron hatte beinahe körperlich gespürt, wie der dunkle Blick des Generals ihn musterte. Vicas´ Herz hatte eine Sekunde ausgesetzt. Eine weitere gefühlte Ewigkeit hatte es gedauert, bis er sich seiner Rolle entsann und zackig salutierte. Mit dem besten südländischen Akzent, den er sich im Laufe der Jahre am Hofe des Kaisers angeeignet hatte, hatte er Bericht erstattet und zu allen Göttern und Geistern gebetet, dass der General ihn nicht erkennen möge. Sein Flehen war erhört worden. Der General erkannte ihn nicht. Gratuliert für seine gute Führung hatte er ihm…

Es ist sinnlos, gute Männer in einem Kampf zu opfern, der einem aufgezwungen wird. , hallten die Worte des Generals in seinen Gedanken wider. Mit Bitterkeit dachte er bei der Erinnerung an diesen Satz an all die Männer, die in den Ruinen des Tempels ihr Leben lassen mussten. Gute Männer, gestorben in einem Kampf, der ihm von den kaiserlichen aufgezwungen worden war. Aber lag es nicht im Wesen eines erzwungenen Kampfes, dass man ihm nicht entgehen konnte? Der General hatte ihm das Schlachtfeld diktiert, indem er seine Armee im Gewaltmarsch das Lager umstellen ließ. Vicas hatte bis jetzt keine Ahnung, wieso seine Späher nicht eher Alarm geschlagen hatten. Entweder hatten sie den Vormarsch tatsächlich erst so spät entdeckt oder General Tar alle Berichte abgefangen. Genauso fraglich war, wie die Kaiserlichen sie hier hatten finden können, obwohl Vicas seine Truppenbewegungen so gut es ging vor dem General verborgen gehalten hatte. Aber im Grunde war das jetzt gleichgültig, die Schlacht war verloren und seine Männer sinnlos geopfert… Nein, nicht gänzlich sinnlos. Immerhin hatte er die Kaiserlichen einige Wochen aufhalten können, bevor sie Crescuro belagerten. Einige Wochen, die über Wohl oder Wehe der Stadt entscheiden konnten. Mit etwas Glück waren die Verstärkungen aus dem Norden mittlerweile in der Stadt und die Befestigungen auf eine längere Belagerung vorbereitet. Damit würden die Mauern von Crescuro in der Lage sein, über den Winter standzuhalten und die Kräfte des Generals im Süden binden, während im Norden die Mobilisierung der Truppen lief und die restlichen kaiserlichen Provinzen den kommenden Winter von den Getreidelieferungen abgeschnitten sein würden. Es blieb zu hoffen, dass dies die Kaiserlichen an den Verhandlungstisch zurück brachte. Falls nicht, würde der Krieg sich in die Länge ziehen, mit all seinen drastischen Folgen, von denen keine Seite verschont bleiben würde.

Aber zuerst mussten sie lebend entkommen, sonst war der Krieg für Vicas und seine vier Getreuen schon hier und heute vorbei. Vicas wusste, wie riskant sein Plan war, aber es war die beste Option, die ihnen noch blieb. Die Kaiserlichen würden ihn unter den eigenen Truppen im Augenblick am wenigsten vermuten, auch wenn sie die Tunnel akribisch absuchten. Ursprünglich hatte er gehofft, die versprengten Männer mit Ferans Hilfe im Labyrinth herumirren zu lassen, bis die Nacht sich über die Ebene gelegt hatte und ihre Flucht einfacher wurde. Doch nach ihrer Begegnung mit dem General musste er die Männer entweder gewaltsam aus dem Weg räumen, damit niemand Verdacht schöpfte – was angesichts der kaiserlichen Überzahl dem Selbstmord gleich kam – oder sie schnellstmöglich zum Lazarett führen und auf diese Weise los werden, um sich dann aus dem Lager zu schleichen. Und das alles schnellstmöglich, denn der General würde früher oder später merken, dass er hinters Licht geführt worden war und dann brauchten sie so viel Vorsprung wie möglich vor ihren Verfolgern. Vicas hatte sogar mit dem Gedanken gespielt, gar nicht zu fliehen, sondern vom Lazarett aus irgendwo im Lager unterzutauchen und zu warten. Aber diese Idee hatte er verworfen. General Tar würde womöglich auch in seinem eigenen Lager alles durchsuchen lassen und die rollenden Hügel und weiten Felder waren sicherer als ein Versteck mitten im Nest des Feindes, selbst wenn ihnen die Häscher auf den Fersen waren.

Als sie ans Tageslicht traten, brauchten Vicas´ Augen einen Moment, um sich an die Sonne zu gewöhnen. Obwohl sie im Untergehen begriffen war, strahlte sie noch hell genug, um ihn nach mehreren Stunden in der Dunkelheit der Katakomben zu blenden. Überall auf dem Hof der Tempelanlage flatterten kaiserliche Banner. Soldaten hatten es sich zwischen den Steinen bequem gemacht und ruhten sich nach der Schlacht aus, wenn sie nicht gerade noch damit beschäftigt waren, das Schlachtfeld zu plündern oder aufzuräumen. Auf dem großen Platz vor der Hauptanlage wurden die Kadaver der Gefallenen zu einem Haufen aufgeschichtet. Nur noch wenige Verwundete befanden sich im Innenhof des alten Tempels. Offenbar war das Lazarett außerhalb der Anlage aufgeschlagen worden. Vicas ließ den Blick schweifen und beobachtete die Kaiserlichen aufmerksam. Er konzentrierte sich auf jene, die den Hof verließen und bemerkte, dass um das Südtor herum am meisten Bewegung herrschte. Das Feldlager der Kaiserlichen musste sich irgendwo dahinter befinden. Er straffte sich und führte die anderen Überlebenden zielsicher aus dem Südtor, direkt ins Herzen des Feindes. Er spürte, wie ihn einige Soldaten musterten, aber sie alle gingen nur an ihm vorbei, salutierten oder ignorierten ihn. Die Luft füllte sich mit dem Klagen und Schreien der Verwundeten, je näher sie dem Feldlager kamen. Vicas wollte sich nicht ausmalen, wie es sein musste, direkt neben dem Lazarett kampieren zu müssen. Tagsüber mochte man dem Grauen noch entfliehen können – aber nachts würden die gequälten Laute der Versehrten den Soldaten in den naheliegenden Zelten schlaflose Nächte bereiten. Unter anderem aus diesem Grund befanden sich die Lazarette immer außerhalb oder so weit wie möglich am Rande des eigentlichen Feldlagers. Auf dem Weg kam ihnen ein Karren entgegen, dessen Ladeflächen mit Toten befüllt war, die ihren Wunden letztlich wohl doch erlegen waren. Vicas sah die Angst in den Blicken ’seiner‘ Männer, als sie den Karren musterten. Vor allem jene, die schwerer verwundet waren und von ihren Kameraden gestützt werden mussten, schienen verunsichert. Während sie die letzten Meter zum Feldlazarett zurücklegten, sah Vicas sich aufmerksam um und versuchte, sich jedes Detail einzuprägen. Das Lazarett befand sich am nördlichsten Ende des Lagers und war der Ruine am nächsten. Südlich davon wurden die Zelte ringförmig um das Vorratslager aufgebaut, das Maultiere und Zugpferde heranschleppten. Im Westen des Lagers waren die Pferde angepflockt, umringt von ein paar einzelnen Zelten. Aus dem Osten wurden gerade Teile der Kriegsmaschinen durch Zugtiere ins Lager gebracht. Nach Süden hin erstreckten sich Zelte und Banner, die dem Baron die Sicht auf das, was dahinter noch liegen mochte, versperrte.

Sie näherten sich dem Lazarett, wo gerade zwei Assistenten mit blutverschmierten Schürzen eine Trage mit einem Verwundeten ins Zelt hievten. Andere Helfer gingen durch die Reihen der Verwundeten, die man auf Matten oder auf den Boden gebettet hatte und begutachteten die Verletzungen. Die leichten Verletzungen wurden entweder direkt durch die Helfer mit Salben und Tinkturen verarztet, zurück in ihre Zelte geschickt oder ganz hinten zur Behandlung angestellt. Sie würden an ihren Wunden nicht sterben und ob die Behandlung jetzt oder in einigen Stunden stattfand, war zweitrangig. Die Schwerstverwundeten bekamen Alkohol und andere Betäubungsmittel von den Helfern, aber auch sie wurden nicht sofort behandelt, denn ihre Aussichten auf Heilung waren meist so schlecht, dass man das wertvolle Material erst dann für sie einsetzte, wenn die Männer mit besserer Chance auf Genesung behandelt waren. Vicas befahl seinen Männern, die schwerer Verwundeten auf den Boden zu betten und wies die anderen an, auf ihre Untersuchung zu warten. Die Männer, die bis auf Schürfungen, Prellungen und kleinere Schnitte weitgehend unversehrt aus dem unterirdischen Labyrinth zurückgekommen waren, schickte er zurück zu ihren Einheiten. Dankbar verabschiedeten sich die Männer, manche verabredeten sich noch zum Trinken für den Abend, doch langsam, aber sicher löste sich die Traube auf. Vicas wandte ihnen den Rücken zu und ging zu seinen vier Begleitern, die etwas abseits standen und mit verschränkten Armen warteten.

Hauptmann.“, murmelte eine Stimme von hinten, eine Hand legte sich auf seine Schulter und Vicas spürte, wie der Schreck durch seine Glieder fuhr. Hatte jemand seine Maskerade durchschaut? Er sah hinüber zu seinen Männern, die sich nicht regten, aber ebenfalls leicht angespannt waren. Langsam drehte er sich um und sah dem Südländer in die Augen. Es war ein einfacher Soldat mit schmutzigem, rundlichen Gesicht und einem neugierigen Blick.

Ja?“, erwiderte er so ruhig und gleichgültig, wie es ihm möglich war.

Danke dafür, dass ihr uns sicher aus den Tunneln geführt habt. Es wäre mir eine große Ehre, heute am Feuer den Wein mit euch zu teilen. Ich und meine Kameraden würden gern wissen, bei welcher Einheit ihr kampiert, damit wir euch in diesem Lager finden können.“, sagte der Soldat.

Vicas atmete innerlich auf. Er hatte keinen Verdacht geschöpft. Aber die Frage war heikel. Im Versuch, eine konkrete Antwort zu umgehen, lachte er leise und zuckte mit den Schultern.

Ich bin selbst ahnungslos wo meine Einheit im Lager kampiert… ich fürchte, ich werde die nächste Zeit mit Suchen beschäftigt sein. Aber bevor ihr alle zu mir kommen müsst, verratet mir einfach, wo eure Einheit kampiert. Dann kann ich auch mit den Verwundeten trinken, ohne, dass sie Qualen leiden müssen, um sich zu mir zu schleppen.“

Der Soldat neigte den Kopf und nickte. „Da habt ihr wohl Recht, Hauptmann. Ihr findet uns beim Sandechsenregiment, zweite Kompanie, Einheit siebzehn.“
Vicas nickte und wiederholte: „Sandechsen, zwei-siebzehn. Nun, dann gute Erholung und bis heute Abend. Ihr habt heute tapfer gekämpft, Soldat. Wenn wir so weitermachen ist der Krieg bald vorüber.“, lobte der Baron, auch wenn die Worte nur mit bitterem Beigeschmack über seine Zunge kamen. Lieber hätte er dem armen Rekruten eingebläut, wie sinnlos dieser Krieg war und dass er schnellstens nach Hause zu seinem Handwerk zurückkehren sollte. Würde er die Belagerung Crescuros überleben? Wie viele seiner Kameraden von der zweiten Kompanie? Baron Vicas schob den Gedanken beiseite. Für solche Gedanken war im Augenblick weder Platz noch Zeit übrig. In diesem Krieg waren diese Männer wohl oder übel seine Feinde, auch wenn sie noch so wenig mit dem Konflikt zu tun hatten, den Vicas und seine Alliierten gegen das Kaiserreich führte. Und er bezweifelte nicht, dass sie ihn bereitwillig töten würden, wenn sie nur wüssten, wer tatsächlich unter der Maske des großmütigen Hauptmannes steckte, während der wahre Hauptmann in den Kellern des Tempels erkaltete. Vicas klopfte dem Mann etwas härter als geplant auf die Schulter, dann drehte er sich wieder zu seinen Kameraden um.

Alles in Ordnung?“, fragte Sanos Grecan. Er sprach leise, denn er wusste, dass ein leichter nordländischer Dialekt in seinen Worten mitschwang. Vicas ging an ihnen vorbei, tiefer ins Lager, und winkte sie mit sich. Die Pferde standen im Westen des Lagers, unter der orange glühenden Sonne, die den Horizont schon leicht berührte.

Nur ein dankbarer Soldat, der mit uns zu Abend trinken will.“, erwiderte Vicas in normaler Lautstärke, während sie auf die Zelte der Reiterei zustrebten. „Er wird enttäuscht sein, dass wir ihn warten lassen…“, fügte er mit leicht ironischer Stimme hinzu. Sie lachten leise und etwas der Anspannung fiel von ihnen ab, während die Sonne hinter dem Horizont versank.

 

 

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