Katz und Maus – Teil 2

Herauo, Ostgebirge

Jahr des Falken, 5. Monat

8. Tag, Nachmittag

Düster brütete General Tar über seinem Tisch. Das rustikale Möbelstück war zerkratzt und aus billigem Holz, doch es diente ihm seit vielen Jahren gut, wenn er mit seinen Truppen unterwegs war. Eine einfache Steck-Konstruktion sorgte dafür, dass er einfach zu verstauen war und schnell aufgebaut werden konnte. Er bot genug Platz für alle Karten und das genügte dem General. Er war zwar kein Mann, der ein wenig Luxus verabscheute, aber auf Feldzügen gönnte er sich kaum etwas. Es mochte Generäle geben, die mit zerlegbaren Blockhäusern reisten und ihre Leibköche in so großer Zahl um sich scharten, das man meinen könnte, Schlachten würden nicht durch Soldaten, sondern durch die Köche entschieden. Doch General Tar genügte unterwegs auch eine kräftige Suppe oder ein guter Eintopf. Manchmal bevorzugte er sogar die einfachen Soldatenspeisen der Offiziersküche, die sich hin und wieder in ausgefallenen Kreationen verkünstelte. Essen musste satt machen und schmecken. Genauso wie sein Tisch nur genug Platz bieten und robust sein musste.

Im Augenblick studierte er Karten der Umgebung – kein leichtes Unterfangen, da die Informationen darauf spärlich waren. Das Gebiet, in dem sie sich zur Zeit bewegten, war so gut wie nicht besiedelt. Die letzten Bewohner hatten sich nach den Überfällen des Warlords Fajal in die sichereren Gebiete weiter westlich und südlich zurückgezogen oder waren Plünderungen zum Opfer gefallen. Dort, wo auf den Karten noch Gehöfte und Felder verzeichnet waren, war heute nichts mehr, außer verrottende Ruinen und wuchernder Wildwuchs. Und irgendwo in diesem Dickicht war Vicas untergetaucht, wie ein gejagtes Tier, das sich tief ins Unterholz zurückzog. General Tar hatte Patrouillen in alle Richtungen geschickt, nachdem er aus den Tunneln geeilt war. Er hatte das gesamte Lager auf den Kopf stellen lassen und persönlich jene Männer ausgehorcht, die ihn zuletzt gesehen hatten. Seit einem Tag streiften die Späher durch das Umland, ohne eine Spur zu finden. Sogar nach Osten hatte der General seine Augen und Ohren entsendet, gefährlich nahe in das Territorium des Warlords Fajal. Aber wenn es die Chance erhöhte, Vicas zu finden, war er auch bereit, das Leben eines Spähtrupps an den Warlord zu opfern. Wäre die Wiedereingliederung der Nordprovinzen nicht von größerer Wichtigkeit gewesen, hätte General Tar keinen Augenblick gezögert, den Warlord hier und jetzt in den Staub zu treten. Er war ein Rebell, schlimmer noch als die Nordländer. Und auch wenn er es für unwahrscheinlich hielt, dass der Baron sich in sein Gebiet zurückzog, wollte er nicht noch einmal riskieren, dass ihm der Fuchs entwischte. Aber Vicas hin oder her – er durfte sich nicht zu sehr von seinen Zielen ablenken lassen. Vermutlich hatte er dem flüchtigen Baron schon mehr Zeit gewidmet als gut für den Feldzug war. Es würde dem Rebellen nur gefallen und in die Hände spielen, wenn er durch seinen verletzten Stolz die strategisch wichtigen Aspekte vernachlässigte. Er schob die Karte des Umlandes beiseite und breitete eine andere mit gröberem Maßstab aus. Auf einem Zettel notierte er sich einige Orte entlang der Marschroute nach Crescuro, an denen Nachschubdepots eingerichtet werden sollten, sodass die Truppen schneller marschieren konnten, ohne auf den langsameren Tross zu warten. Er hatte nicht vor, den Vormarsch nochmals zu verzögern, nachdem er sich vor der Stürmung der Tempelanlage entschieden hatte, wenigstens auf die leichten Belagerungswaffen zu warten. Die schwereren Maschinen hatte er ausreichend bewacht zurückgelassen. Sie würden weiter in ihrem langsamen Tempo zur Stadt vorrücken. Da die Truppen schneller marschierten, würden sie die Gerätschaften vor Erreichung der Stadt einholen und gemeinsam gegen Crescuro ziehen. Die einzige Gefahr war, dass die Bewachung nicht ausreichend war und seine wertvollen Maschinen von feindlichen Truppen überfallen wurden. Aber die Wahrscheinlichkeit war zu gering, erst recht jetzt, nachdem er Vicas´ Rebellenhaufen fast vollständig aufgerieben hatten. Der versprengte Rest war kaum eine Bedrohung für sein Wachkontingent und dass die Nordländer weitere größere Truppenteile in der Gegend hatten, war General Tar nicht bekannt. Also war er das Risiko eingegangen, um Crescuro schneller zu erreichen. Die Stadt musste so bald wie möglich fallen, damit das Tor in die weiten nördlichen Ebenen offenstand. Dann würde auch der drohende Getreideengpass im Süden der Vergangenheit angehören. Zwar war es durch den Seehandel über die Häfen des Südens möglich, den größten Hunger durch importiertes Getreide zu lindern, doch den gesamten Nahrungsbedarf der dicht besiedelten Seeprovinzen vermochte auch die Einfuhr per Schiff nicht zu decken. Allein weil der Preis in den Ländern jenseits des Ozeans deutlich höher war als im Nordland produziertes Getreide, lohnte sich die Einfuhr erst, wenn die ärmeren Bevölkerungsschichten bereits kaum noch Brot kaufen konnten. Die riskante Überfahrt tat ihr übriges, die Situation zu verschlechtern. Die Kaiserlichen waren auf die Getreidelieferungen aus dem Norden angewiesen und General Tar war klar, dass die Zeit zumindest im Bezug auf diesen Faktor gegen ihn spielte. Dafür war sie in anderen Belangen sein Verbündeter. Das Kaiserreich war, selbst ohne die zwei rebellierenden Provinzen Herauo und Chedul, in der Lage, auf eine große Anzahl wehrfähiger Männer zurückzugreifen. Da sich die Bevölkerungszentren an der Küste und den Strömen Haldero, Sarta und Tial und deren Nebenflüssen konzentrierten, waren die kaisertreuen Provinzen deutlich dichter besiedelt als der weitläufige Norden, durch den sich nur kleinere, teils nicht schiffbare Flüsse schlängelten. Außerdem verfügten die Handelsgilden des Reiches über enorme Finanzmittel, was man vom Norden nicht gerade sagen konnte. Durch den Seehandel war es sogar möglich, diese Finanzkraft in notwendige Güter umzusetzen. Der Norden mochte noch so viel Getreide haben, das woanders teuer verkauft werden konnte – es gab einfach keine Möglichkeit, das begehrte Gut an potentielle Käufer zu liefern. In Chedul gab es lediglich eine kleine Hafenstadt, Mendrinez, die vor allem die Heimat von Fischerbooten waren. Es hatte zwar einige abenteuerliche Versuche gegeben, die Küste weiter zu erkunden, aber weit war man nicht gekommen. Eine Expedition zur Entdeckung der Länder jenseits der Chedulschen Küste war zwar in Planung gewesen, aber General Tar hatte keinen Überblick darüber, wie weit diese Pläne gediehen waren. Dennoch gab es in Mendrinez keine Terugalischen Handelsschiffe, die größere Mengen Getreide übers Meer schiffen konnten. Im Osten erstreckte sich das riesige Ostgebirge mit seinen steilen Pässen und hohen Gipfeln bis weit in den Norden hinein. Im Gebirge selbst herrschten die Schicháss, furchteinflößende Bestien, die einst auch dieses Gebiet terrorisiert hatten, bevor der entschlossene Eingriff des Kaiserreiches sie in die Gebirgszüge zurückgetrieben hatte. Von dort aus stießen sie noch ab und an in die von Menschen besiedelten Gebiete vor und töteten oftmals viele Einheimische, bevor die kaiserlichen Garnisonen sie in die Bergketten zurückdrängen konnten. Keine Handelskarawane würde das unbarmherzige Ostgebirge unbeschadet durchqueren, ganz davon abgesehen, dass das Gebiet jenseits des Gebirges allen Berichten nach menschenleer war. Im Norden, auf der anderen Seite des Realdors, herrschten die Nordfürsten, wilde Barbaren, deren zahlreiche Stämme sich die meiste Zeit um das weitläufige und nach Norden immer karger werdende Land stritten, auf dem sie siedelten. In der Vergangenheit war es öfter vorgekommen, dass ein besonders schlauer Fürst auf den Gedanken gekommen war, sich die fruchtbareren Gebiete im Süden unter den Nagel zu reißen, doch die terugalischen Armeen in Chedul und Herauo hatten bisher alle Angriffe abgewehrt. General Tar selbst war es gewesen, der eine der gefährlicheren Invasionen in seinen jungen Jahren vereitelt hatte, was seine Karriere maßgeblich beeinflusst hatte. Die Nordfürsten waren der einzige potentielle Abnehmer für das Getreide der rebellierenden Provinzen, doch ihre Finanzkraft war bescheiden, sodass der Handel mit ihnen wenig Gold in die Kassen der Rebellen bringen würde. Auch politisch waren die Barbaren wenig gefährlich. Selbst eine Allianz der Nordprovinzen mit einem der größeren Stämme musste dem Kaiserreich keine Sorgen bereiten. Die Treue der Nordfürsten war bestenfalls zweifelhaft. Jeder Stamm hatte seine Rivalen, die bei nächster Gelegenheit die Schwäche eines Nachbarn auszunutzen wussten. Und selbst wenn sich die Nordfürsten nicht gegenseitig zerfleischten – wer wusste schon, was für Begehrlichkeiten bei den Barbaren geweckt wurden, wenn sie den Realdor überschritten, um mit den Rebellen gemeinsam zu kämpfen? Bei der ersten Niederlage mochten sie sich gegen ihren Verbündeten wenden und dessen Schwäche zu ihrem Vorteil nutzen.

Nicht nur an Menschen und Geld war der Süden überlegen. Auch wenn es im Norden über das weite Land verteilt so einige Meister des Handwerks gab, brachte es das südliche Reichsgebiet auf eine vielfach höhere Zahl an Menschen, die Material für den Krieg herstellen konnten. Die großen Waffenschmieden Terugals befanden sich im Gebiet rund um Semas, Ertagos und Samiz. Große Manufakturen, die Kettenhemden und Helme in Massenproduktion für die schwere Infanterie und Kavallerie fertigten, Nähereien, die Wämser für die normalen Soldaten herstellten, große Plattnerwerkstätten, die Harnische schmiedeten. Pfeilmacher und Bogner, Waffenschmieden. Betriebe, die sich vollständig auf die Produktion von Nägeln für den Schiffbau spezialisiert hatten. Zimmerleute in der Nähe der Werften, Weber, Seiler, Kriegsmaschinenbauer, Pechkocher…

An der Fähigkeit zur Herstellung von Kriegsmaterial würde der Süden nicht scheitern. Ob die Schmiedemeister des Nordens mit der großen Nachfrage an einfachen, schmucklosen Waffen und Rüstungen zurechtkommen würden, wo sie zuvor hauptsächlich künstlerisch hochwertige Arbeit für die Adligen des Nordens geleistet hatten, war eine andere Frage.

Alles in allem hatte das Kaiserreich die Zeit auf seiner Seite. Sofern es gelang, rechtzeitig genug Getreide aus dem Norden unter Kontrolle zu bringen. General Tar war bewusst, dass dies eine schwierige Aufgabe war. Selbst wenn Crescuro schnell fiel, würden die Rebellen ihre reifen Felder eher verbrennen, als in die Hand des Feindes fallen zu lassen. Gegen kleine, marodierende Banden war sein Heer in diesem weiten Land weitestgehend wirkungslos. Der einzige Hoffnungsschimmer bestand darin, dass solche Maßnahmen der Rebellen nicht auf viel Gegenliebe bei der lokalen Bevölkerung stoßen würde. Welcher Bauer sah schon gern die Arbeit eines ganzen Jahres in Flammen aufgehen? Viele würden ihre eigenen Autoritäten verfluchen, die solchen Wahnsinn anordneten. Der gemeine Herauosche Mann konnte leicht zum Verbündeten des Kaiserreiches werden. Viele Großgrundbesitzer und Adlige waren bei der Landbevölkerung sowieso verhasst, weil sie Abhängigkeiten ausnutzten und wo es ging verschärften. Mit den richtigen Anreizen war es vielleicht möglich, das niedere Volk zu einer Waffe in diesem Kampf zu schmieden. Man konnte Bauern das Getreide zu erschwinglichen Preisen abkaufen – und für die Bauern würde trotzdem mehr Geld herausspringen, als sie wohl je für ihre Ernte bekommen hatten – und ihnen Schutz bieten, wenn sie dem Kaiserreich Treue schworen. Mit genug Unterstützung aus der lokalen Bevölkerung war es durchaus keine Unmöglichkeit mehr, gezielt gegen Rebellenhaufen vorzugehen und diesen Schutz tatsächlich gewähren zu können. Natürlich nicht überall, aber im Großen und Ganzen. Er beschloss, diesen Gedanken mit der kaiserlichen Administration zu teilen und die notwendige Unterstützung durch Agenten anzufordern. Mit ihrer Hilfe konnte er die Lage auf dem Lande sondieren und vor Ort auf ein Netzwerk aus Informanten und Unterstützern zurückgreifen – was ebenfalls wertvolle Hilfe im Kampf gegen Marodeure bedeutete und Vereinbarungen mit den Bauern vereinfachte. Er schob die Karte beiseite und holte sein Schreibzeug hervor, um eine Depesche an Ceval Dos, den Meister der Schatten, abzufassen. Anschließend verließ er sein Zelt und gab den Offizieren die Anweisung, alles für den Aufbruch am nächsten Morgen vorzubereiten. Einen halben Tag Ruhe würde er den Soldaten gönnen, danach ging es weiter nach Crescuro. Ob mit, oder ohne Vicas. General Tar war überzeugt, dass sich ihre Wege sowieso früher oder später noch einmal kreuzen würden. Und er war ein geduldiger Mann…

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Eine Antwort zu Katz und Maus – Teil 2

  1. J.S. schreibt:

    „riesige Ostgebirge mit seinen steilen Pässen und hohen Gipfeln bis weit in den Norden hinein. Im Gebirge selbst herrschten die Schicháss, furchteinflößende Bestien, die einst auch dieses Gebiet terrorisiert hatten, bevor der entschlossene Eingriff des Kaiserreiches sie in die Gebirgszüge zurückgetrieben hatte.“ – drei mal das Wort gebirge in irgendeiner form. verwende statt „im gebirge“ „in diesem“

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