Katz und Maus – Teil 3

Herauo, Ostgebirge

Jahr des Falken, 5. Monat

9. Tag, Morgengrauen

Ein fernes Leuchten hinter den Hügeln kündigte den Sonnenaufgang nach der zweiten Nacht ihrer Flucht an. Um ihren Häschern zu entgehen ritten sie Nachts und rasteten am Tag. Die letzte Nacht hatten sie in einem kleinen Hain verbracht, gut versteckt in einer Senke zwischen drei Hügeln. Die kleine Ansammlung von Bäumen war wohl eine verwilderte Obstplantage und hatte sie mit Beeren und Früchten versorgt, sodass sie das Proviant, das sie bei ihrer Flucht aus dem Lager gestohlen hatten, weitestgehend unangetastet gelassen hatten. Heute schien ihnen das Glück nicht ganz so hold zu sein.

Hier, weiter nordwestlich, waren die Hügel flacher, das Terrain nicht so schroff. Sie kamen schneller voran und es wuchs überall hohes Gras, in dem man sich gut hätte verbergen können. Allerdings waren ihre Spuren durch das niedergetrampelte Gras einfacher auszumachen als im steinigen und staubigen Terrain weiter südlich und es war trotz des hohen Grases schwer, die Pferde zu verstecken. Vicas hatte sich dafür entschieden, mit einem großen Bogen zuerst nach Norden zu reiten und später nach Westen abzudrehen, um die kaiserlichen Späher zu umgehen, die auf dem direkten Weg nach Crescuro wohl am intensivsten suchen würden. Zum einen konnten sie so länger an den kargen westlichen Ausläufern des Ostgebirges entlang reiten, von denen die trockenen und warmen Winde herab wehten. Zum anderen würden sie sich Crescuro von Norden nähern, was ihr Risiko, entdeckt zu werden deutlich minimierte. Obwohl sie dadurch beinahe doppelt so lange unterwegs waren, war Vicas davon überzeugt, dass es besser war, als den direkten Weg zu nehmen. Lieber kam er langsam, aber lebendig und sicher an, als schnell in die Fänge der Kaiserlichen zu rennen. Außerdem war es wahrscheinlich, dass die kaiserlichen ihre Suche irgendwann aufgeben würden und sie Crescuro gänzlich ungehindert erreichten. Bisher hatten sie nur zwei Mal die Suchtrupps zu Gesicht bekommen. Das eine Mal der ferne Schein ihrer Fackeln bei Nacht, das andere Mal Staubwolken in der Abenddämmerung, aufgewirbelt von galoppierenden Pferde, die über das Land hetzten. Beide Male waren sie den Häschern ausgewichen und hatten ihren Weg ungehindert fortgesetzt.

Wir reiten weiter, hier ist weit und breit kein gutes Versteck in Sicht.“, ordnete Vicas an.

Ich sagte doch, wir hätten in dem verlassenen Gehöft Rast machen sollen.“, brummte Feran und trieb sein Pferd widerwillig voran. Sanos Grecan schnaubte verächtlich:

Glaubst du wirklich, dass die Kaiserlichen nicht auf die Idee kommen, dort nach uns zu suchen? Hätten wir dort gerastet wären wir vermutlich schon jetzt tot. Außerdem haben wir den Hof vor über zwei Stunden hinter uns gelassen – wenn wir je irgendwo ankommen wollen, können wir uns solchen Luxus nicht leisten.“, versetzte der Offizier. Das Gehöft war noch weitestgehend intakt gewesen, in erstaunlich gutem Zustand, wenn man die verbrannten Ruinen bedachte, die sonst in dieser Gegend das Bild beherrschten. Aber Grecan hatte Recht. Das Gehöft war zu gefährlich und die Zeit zu wertvoll. Feran grummelte in seinen Bart und wollte protestieren.

Haltet lieber die Augen offen als den Mund, sonst lockt ihr die Südländer mit eurem Geschrei noch zu uns.“, warf Vicas ein und bedachte seine Kameraden mit einem Blick, der keine Widerrede duldete. Sanos Grecan nickte, Feran wirkte entnervt. Agos Chalan, der den Wortwechsel unbeeindruckt verfolgt hatte, beobachtete weiter die Gegend.

Toreo Valan deutete in die Finsternis, die sie hinter sich gelassen hatten. Valan war ein begnadeter Bogenschütze mit geschulten Augen und einer hervorragenden Nachtsicht, ganz zu Schweigen von seinen Fähigkeiten als Kommandant.

Das sieht nicht gut aus. Wir sollten uns beeilen und ein Versteck finden, sobald die Sonne aufgeht. Sonst sind wir ein gefundenes Fressen.“, warnte er. Vicas drehte sich um und musste die Augen zusammenkneifen, um zu sehen, was Valan mühelos erspäht hatte. Kleine, helle Punkte in der Dunkelheit. Fackeln. Noch waren sie weit entfernt, aber wie lange würde das so bleiben? Nachdem ihre Pferde sie die ganze Zeit getragen hatten, würden sie keine halsbrecherische Verfolgungsjagd mehr mitmachen. Beunruhigt wendete er den Blick nach vorn und hielt nach Verstecken Ausschau, während sie vor dem Sonnenaufgang flohen. Langsam wurde die Korona aus Licht hinter den Hügeln heller.

Kurz nachdem die Sonne hinter hinterm Horizont erschien fanden sie dichtes Gebüsch, das spärlich über zwei langgestreckte Hügel verstreut war, aber sich entlang der Hänge verdichtete. Es war nicht das Versteck, das Vicas sich gewünscht hatte, doch besser als gar keines, angesichts der Tatsache, dass der Tag bereits angebrochen war. Sie stellten ihre Pferde zwischen den mannshohen Sträuchern und den kleinen Bäumen ab und beseitigten die Spuren in der Umgebung so gut es ging. Dann begann das Warten und Hoffen. Toreo Valan übernahm die erste Wache und verschwand beinahe geräuschlos zur Kuppe des größeren Hügels, um einen besseren Überblick zu haben. Die anderen legten sich zur Ruhe und versuchten, ein wenig zu schlafen. Obwohl er erschöpft vom nächtlichen Ritt war, kam Vicas nicht zur Ruhe. Anspannung und die Furcht, entdeckt zu werden, hielten ihn wach. Jedes Rascheln, das der Wind den Gräsern entlockte, fuhr ihm durch Mark und Bein, als wären es scharfe Klingen, nicht weiche Halme. Jedes Schnauben der Pferde, die friedlich zwischen den Büschen grasten, ließ Vicas zusammenschrecken. Irgendwann übermannte die Müdigkeit ihn doch und er fiel in einen Halbschlaf. Er träumte von Hunden, die ihn hetzten, erst seine Waden zerfleischten, ihn zu Boden rissen und über ihm wie ein riesiger Schatten thronten. Sie packten seinen Bauch und zerrten erbarmungslos an ihm. Schweißüberströmt schreckte Vicas aus dem schlechten Traum hoch. Als er die Augen öffnete, war tatsächlich ein dunkler Schatten über ihm. Toreo Valan hockte an seiner Seite und rüttelte ihn wach. Vicas blinzelte. Valan hob den Finger an den Mund und bedeutete ihm, still zu sein. Dann schlich er zum nächsten Schlafenden. Der Baron runzelte die Stirn und lauschte. Nichts war zu hören. Als alle wach waren deutete Valan hinter die Hügel, in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

Wir bekommen Besuch.“, kündigte er leise an. Vicas´ Miene verdüsterte sich. Er griff nach der Waffe, die er zum Schlafen abgelegt und neben sich ins Gras gebettet hatte, während Valan zum nächsten Schlafplatz schlich.

Sie mussten nicht lange warten. Bald schallte lautes Bellen und Knurren über die Hänge des Hügels. Die kaiserlichen Späher hetzten sie mit Spürhunden, die ihre Fährte aufgenommen hatten. Ein kurzer Blick von der Hügelkuppe aus bestätigte ihre Befürchtungen. Die großen Zisalcanischen Felsenhunde, die in der terugalischen Armee eingesetzt wurden, waren eine wilde Rasse, eine Kreuzung aus Jagdhunden und wilden Bergwölfen, ausdauernd, robust und kräftig, aber äußerst blutrünstig und schwer zu stoppen, wenn sie einmal in Rage geraten waren. Die Pferde, die die Nordländer aus dem Lager der kaiserlichen gestohlen hatten, wurden etwas unruhig, als sie die Felsenhunde hörten und witterten, doch sie waren gut trainiert und gingen nicht durch. „Wir sind erledigt. Die Augen der Späher können wir vielleicht täuschen, aber nicht die Nasen der Hunde.“, murmelte der sonst eher stille Agos Chalan. Er war ein erfahrener Offizier, hatte viele Dienstjahre und mehrere Schlachten erlebt – gegen Schicháss, Nordländer und den Kriegsherren Fajal. Wenn Vicas jemanden kannte, dessen militärischem Rat er blind vertrauen konnte, war es der pragmatische und ruhige Chalan.

Er hat Recht.“, warf Toreo Valan ein, „Wir haben auf unseren Jagden Felsenhunde benutzt, um Nester und Höhlen aufzuspüren – diese Biester wittern alles, sogar Schicháss! Wenn sie hungrig sind und Witterung aufgenommen haben, wird man sein nur los, wenn man ihren Bauch füllt, vor ihnen davonläuft, bis sie erschöpft sind, oder sich ihnen zum Kampf stellt. Da ich gesehen habe, wie eines dieser Monster sogar einen Schicháss fast umgebracht hätte…“, erklärte er, ohne seinen Satz zu beenden. Vicas nickte. Seine Kameraden hatten Recht. Hier zu sitzen und darauf zu warten, dass die Hunde sie fanden, war keine gute Idee. Kämpfen kam nicht in Frage. Sie waren zu fünft, die Späher waren schätzungsweise fünf bis zehn Mann und vom Bellen der Hunde schätzte Vicas, das noch vier oder fünf Hunde hinzukamen. Ihre beste Chance bestand darin, weiter zu reiten, obwohl ihre Pferde sie bereits die ganze Nacht getragen hatten. Es blieb zu hoffen, dass die Pferde der Späher ebenfalls erschöpft waren. Wenn sie entkamen, bevor die Feinde Sichtkontakt herstellen konnten, mochten sie vielleicht schneller vorankommen als die Späher. Irgendwann mussten auch ihre Häscher rasten und sie mussten versuchen, bis dahin so viel Vorsprung wie möglich zu gewinnen.

Verteilt das Fleisch aus eurem Proviant großzügig in der Gegend. Vielleicht können wir die Felsenhunde einen Moment von unserer Fährte ablenken und ihren Hunger kurzzeitig etwas lindern. Wir reiten weiter.“, befahl Vicas.

Sie verteilten Dörr- und Räucherfleisch aus ihren Essensvorräten unter den Büschen, warfen ein paar Streifen in das hohe Gras der umliegenden Hügel und sattelten auf. Das Bellen der Hunde war bereits gefährlich nahe, als sie ihr Versteck verließen. Wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, bis die Jäger sie einholen würden. Aber Vicas hatte nicht vor, hier zu kapitulieren, ohne wenigstens versucht zu haben, den Kaiserlichen abermals zu entkommen.

Nach einer Weile wurde das Bellen tatsächlich leiser. Sie verlangsamten das Tempo etwas, um die Pferde zu schonen, machten aber keine Pausen. Nach etwa zwei Stunden erreichten sie einen kleinen Bach, der sich Richtung Nordwesten durch die Hügel schlängelte. Sie saßen ab und führten die Pferde durch das teils sandige, teils steinige Bachbett. Reiten konnten sie hier nicht, die Gefahr war zu groß, dass ein Pferd auf einem Stein abrutschte und sich die Beine brach. Aber im Wasser würde ihr Geruch selbst für die Hunde nicht nachzuverfolgen sein und das Wasser würde ihre Spuren im Sand bald verwischen. Wenn die Südländer ihnen nicht dicht auf den Fersen waren, würden sie an dieser Stelle ihre Spur hoffentlich verlieren. Sie folgten dem Bach so lange, bis ihre Füße zu kalt wurden, um länger durch das Wasser zu waten. Sie hatten darüber diskutiert, ob es sinnvoll war, den Strom früher zu verlassen, doch Vicas war der Ansicht, dass die kaiserlichen die Ufer absuchen würden und die Gefahr bestand, dass sie die Fährte wieder aufnahmen, wenn sie zu schnell an Land gingen. So kamen sie zwar langsamer voran, aber sicherer, hoffte Vicas. Schließlich gingen sie mit eisigen und schmerzenden Füßen an einem durch steile dicht bewaldete Hänge zu beiden Seiten gut geschützten Abschnitt an Land. Sie ließen die Pferde kurz grasen und zogen ihre Stiefel aus, um die Füße kurz auf den Steinen zu wärmen, die die Sonne aufgeheizt hatte.

Gerade, als sie ihre Stiefel wieder angezogen hatten und aufsatteln wollten, brach knackend ein Ast im Unterholz. Vicas zuckte zusammen und fuhr herum. Ein knurrender Felsenhund schoss aus dem Unterholz auf sie zu, das graue Fell gesträubt und die furchteinflößenden Zähne gefletscht. Er stoppte und musterte sie mit den feindseligen gelben Augen. Keine drei Sekunden später brachen Reiter mit gespannten Bögen und erhobenen Speeren aus dem Gebüsch hervor, auf ihren Wämsern das Siegel des Kaiserreichs. Ihnen folgten weitere Felsenhunde. Noch bevor irgendjemand zum Schwert greifen konnte, waren sie umzingelt von sieben Männern und vier Hunden, die den Kreis langsam enger zogen und die Rebellen zusammenpferchten. Ein hochgewachsener Südländer mit einer schrägen Narbe auf der Stirn hob die Hand und brachte die Männer zum Stillstand. Glänzende Speerspitzen funkelten den Nordländern entgegen.

Baron Vicas und seine Gefolgschaft.“, sagte der Truppführer mit spöttischem Tonfall, „Ihr haltet euch für besonders clever, nicht wahr? Ein Bächlein – ideal, um die Spuren zu verwischen? Ich hatte fast befürchtet, ihr wärt tatsächlich entgegen der Strömung gewandert, nachdem ihr uns schon so oft durch die Lappen gegangen seid.“

Vicas´ Miene verhärtete sich. Die Erkenntnis traf ihn schlagartig. Sie waren zu langsam und zu vorhersehbar gewesen. Im Südosten, stromaufwärts, hätte niemand nach ihnen gesucht, zu weit wären sie abseits ihrer erwarteten Pfade gewandert. Aber natürlich hatten die Späher gewusst, in welche Richtung sie dem Fluss gefolgt waren, als ihre Fährte dort endete. Sanos Grecan hatte Recht gehabt. Sie hätten den Bach schnell verlassen sollen und Richtung Süden reiten müssen, egal ob sie die Häscher wieder auf ihren Fersen hatten. So hatten die Kaiserlichen nur dem Bach folgen müssen, bis sie sie fanden. Und sie waren schneller gewesen, weil sie nicht selbst durchs Wasser gewatet waren, sondern am Ufer entlang beritten die Verfolgung aufgenommen hatten.

Er hatte verloren. Widerstand war zwecklos, das wusste er. Sieben Mann und vier Felsenhunde würden sie zerfleischen, ehe sie die Schwerter gezogen hatten. Er sah zu seinen Kameraden und hob kapitulierend die Hände. „Wir ergeben uns in eure Gefangenschaft und erwarten unser Urteil durch die Gerichtsbarkeit des Kaiserreiches.“, sagte er. Der Truppführer schnaubte. „Wer spricht von Gefangenschaft und Gericht? Ihr habt euch dem Kaiserreich lange genug widersetzt, Verräter. Niemand wird je von eurer Kapitulation erfahren, die Welt wird nur erfahren, dass ihr euch widersetzt habt, als wir euch in die Ecke drängten und wir euch leider alle töten mussten…“

Der Südländer grinste hämisch. Vicas schluckte schwer und sah dem Mann in die funkelnden schwarz-braunen Augen, die wie ein finsterer Abgrund das Licht verschluckten. Natürlich hatte General Tar seine Bluthunde nicht mit der Aufgabe betraut, ihn gefangen zu nehmen, sondern befohlen, ihn endgültig aus dem Weg zu schaffen. Vicas´ Hand wanderte zum Schwertgriff, als Narbengesicht die Hand hob.

Dann surrten Pfeile durch die Luft.

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Eine Antwort zu Katz und Maus – Teil 3

  1. J.S. schreibt:

    „Um ihren Häschern zu entgehen ritten sie Nachts und rasteten am Tag. Die letzte Nacht hatten sie in einem kleinen Hain verbracht, “ – warum verbrinegn sie die nacht in einem hain wenn sie zu dem zeitpunkt fliehen wollen (siehe satz davor)?
    „Als alle wach waren deutete Valan hinter die Hügel, in die Richtung, aus der sie gekommen waren.“ – alle sätze davor handeln nur von einzelnen personen. in diesem verwendest du plötzlich plural. nimm „er“ um konzentrier den satz auf den typen der die anderen weckt

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