Auf eigene Faust – Teil 1

Jaelad, Nekropolitektengilde

Jahr des Falken, 5. Monat

9. Tag, Morgen

Müde beschrieb Jumo die leere Seite mit Schriftzeichen. Seine Hand bewegte sich von allein, ohne, dass er ihr große Aufmerksamkeit widmen musste. Er befand sich in einer Art Dämmerzustand, hatte Mühe, sich zu konzentrieren und musste sich immer wieder dazu zwingen, nicht einfach die Augen zu schließen und seine Ruhe zu genießen. Einmal war er bereits eingenickt, sodass ihn der Aufseher wecken musste. Sie saßen zu zweit in einem der Studienzimmer, einem großen Raum mit holzvertäfelter Wand und einer imposanten gläsernen Decke, durch die helles, morgendliches Licht den Raum flutete. Die Konstruktion musste ein Vermögen gekostet haben, aber die Gilde geizte selten, wenn es um architektonische Extravaganzen ging. Vielleicht war dieser Entwurf die Meisterprüfung eines Schülers gewesen, oder von einem erfahrenen Nekropolitekten erdacht worden, um die Lehrlinge zu beeindrucken und ihnen zu beweisen, was mit der richtigen Bauweise möglich war. Egal wer der kluge Kopf hinter dem Raumkonzept war, Jumo dankte ihm insgeheim für seine Schöpfung. In der dunkleren Bibliothek wäre er endgültig ins Reich der Träume abgeglitten, doch hier half ihm das Licht, sich weitestgehend bei Bewusstsein zu halten. Die letzte Nacht war beinahe genauso schlaflos gewesen wie die vorherige und der Mangel an Erholung machte sich bemerkbar: Seine sonst so makellose und saubere Schrift wies immer wieder unsaubere Zeichen auf, Striche verrutschten und einige Worte waren nur noch mit großer Mühe lesbar. Mehrere Seiten hatte er schon komplett neu aufsetzen müssen, weil ihn seine Müdigkeit einen Augenblick lang übermannte, er mit dem Pinsel abrutschte oder mit der Tusche kleckerte. Doch es gab auch die Momente, in denen er in eine Art Trance verfiel und plötzlich drei Seiten in perfektem Schriftbild kopiert waren. Aber das Buch war dick und wenn Jumo an die Arbeit dachte, die noch vor ihm lag, verblassten die Erfolge der letzten Tage. Es würde noch Wochen dauern, bis er die Kopie vervollständigt hatte.

Verwirrt blinzelte er, als die Schriftzeichen vor seinen Augen verschwammen, doch als er erneut hinsah, waren sie wieder klar und deutlich. Er schüttelte den Kopf und legte den Pinsel beiseite, um eine Pause zu machen. Die Tusche musste sowieso neu angemischt werden, denn die alte war schon halb angetrocknet und größtenteils verbraucht.

Während er mit unsicherer Hand den Tuschestein aus den Schreibsachen hervor kramte, betraten zwei weitere Nekropolitekten das Studierzimmer. Jumo sah kurz hoch und musste die Augen zusammenkneifen, um die Männer deutlich erkennen zu können. Der erste war ein Lehrling, ein oder zwei Jahre jünger als Jumo. Hinter ihm folgte sein Meister. Die Miene des Schülers wirkte beflissen. Der Aufseher nickte den Beiden zu. „Grüße, Meister Tolhen.“, sagte er mit seiner ruhigen, tiefen Stimme. Tolhen erwiderte seinen Gruß und blickte dann zu Jumo.

Wie ich sehe schreiten die Arbeiten an unserem Archiv voran.“, stellte er fest und sah zurück zum Aufseher, „Ich habe hier noch jemanden, der sich freiwillig gemeldet hat, seinen Teil zu leisten.“

Selbst Jumo in seinem Halbschlaf konnte den sarkastischen Unterton in Tolhens Stimme nicht überhören. Eine Mischung aus Ärger und Scham zuckte über die Miene des Lehrlings, der vor seinem Meister in der Tür stand. Tolhen war nicht dafür bekannt, sich mit seinem Spott zurückzuhalten. Jumo wusste nicht besonders viel über ihn. Unter den Lehrlingen sorgte er ab und an für Belustigung, wenn er wieder einmal eine sarkastische Bemerkung auf Kosten seines Schülers machte. Doch trotz seines Hangs zum Sarkasmus und Spott war er, soweit Jumo wusste, ein sehr aufmerksamer und perfektionistischer Mann, der die häufigen Streiche seines Schülers ertrug und ihn mit wirksamen, aber nicht überzogenen Strafen im Zaum hielt.

Ich schlage vor du gönnst dir eine Pause, Jumo. Die nächsten beiden Tage übernimmt Serai die Arbeit am Archiv. Ich werde mit deinem Meister sprechen, damit er informiert ist. Aber zuerst gehst du dich ausruhen, diese Augenringe stehen dir nicht gut zu Gesicht.“, fuhr Tolhen fort.

Mehr als ein Nicken brachte Jumo nicht zustande. Er legte den Pinsel beiseite und erhob sich von seinem Platz. Tolhen gab seinem Schüler einen sanften, aber bestimmten Schubs. Widerwillig ging er auf Jumos Pult zu.

Viel Spaß.“, murmelte Jumo leise. Serai warf ihm einen verärgerten Blick zu und setzte sich auf den Platz, den Jumo gerade frei gemacht hatte.

Es tut mir Leid, dich durch die Anwesenheit dieses gelehrigen und zahmen Schülers von deiner Arbeit abzuhalten, Elqus, aber ich fürchte, ich muss dich damit belasten. Ich muss an mehreren Unterredungen teilnehmen und erscheine dort ungern mit der Befürchtung im Hinterkopf, dass sich mein Schüler inzwischen rührend um das Wohlergehen unserer Gäste vom Gildenverband kümmert.“, meinte Tolhen bissig. „Und gib gut auf die Übersetzung des Archivs acht, sonst finden wir dort womöglich auch diverse… Verschönerungen.“

Meister…“

Tolhen hob unwirsch die Hand und Serai verstummte.

Genug davon. Ich will erst in zwei Tagen wieder etwas von dir hören, wenn du deinen Pflichten gewissenhaft nachgekommen bist. Und lass dir nicht einfallen, du könntest deine Zeit einfach absitzen! Wenn ich mit dem Fortschritt nicht zufrieden bin, darfst du zwei weitere Tage daran arbeiten!“, erklärte Tolhen resolut. Serai sah zu Boden und nickte.

Sehr gut. Dann an die Arbeit.“

Damit hielt Tolhen das Gespräch offenbar für beendet und verließ den Raum. Jumo folgte ihm nach draußen und holte tief Luft, in der Hoffnung, die Müdigkeit dadurch etwas vertreiben zu können. Schweigend folgte Jumo dem Meister durch den Gang. Irgendwann auf halber Höhe zur nächsten Abzweigung sah Tolhen zu ihm und sagte gedämpft:

Ich kann es immer noch nicht fassen, dass Senos dich zu dieser Strafe verdonnert hat. Ich frage mich, ob seine Sehkraft oder sein Mitleid in den letzten Jahren abgenommen hat. Selbst ein Blinder kann sehen, dass es nur einen Ort gibt, an dem du zur Zeit sein solltest – in deinem Bett.“

Jumo schüttelte den Kopf.

Meister Senos hat mir diese Aufgabe nicht gegeben. Sie kommt von Großmeister Tarjan persönlich – und ich habe sie verdient…“, entgegnete er, auch wenn seine Stimme nicht so energisch klang, wie sie eben noch in seinen Gedanken gewesen war.

Ich bin dafür verantwortlich, dass das Archiv weg ist. Ich hätte es Meister Amo geben müssen. Es ist nur angemessen, dass ich den Ersatz anfertige, dachte Jumo, doch er sprach seine Gedanken nicht aus. Er war froh, dass Meister Senos mit dem Thema sehr behutsam umging und es dem Großteil der Gilde verborgen geblieben war, welche Rolle Jumo in dem Vorfall spielte. Er wusste nicht, wie sehr das auch für Tolhen galt, aber er wollte das Risiko nicht eingehen – zumal das letzte, was er im Augenblick gebrauchen konnte, Tolhens Spott war.

Verdient?“, erwiderte der Meister mit zweifelnder Stimme. Dann schüttelte er verständnislos den Kopf „Ich hatte schon so einige Schüler. Man mag es mir nicht ansehen, denn mein Alter verrät es nicht, aber ich habe früh meine Meisterprüfung abgeschlossen und vor Serai schon zwei weitere Lehrlinge zu ihrem Abschluss geführt. Ich habe viele Erfahrungen darüber gesammelt, welche Strafen man wann und wofür anwenden sollte – und obwohl mich Serai manchmal dazu bringt, mich zu fragen, ob ich nicht zu großzügig mit meinen Methoden bin, weiß ich eines sicher: Einen Lehrling in deiner Situation würde ich niemals mit einer solchen Strafe belegen – nicht nach dem, was in unseren heiligen Hallen vorgefallen ist.“

Nein…“, erwiderte Jumo leise, „Es ist gut und richtig… Und selbst wenn nicht – was sollte er denn tun? Meister Tarjan widersprechen?“

Tolhen hielt im gehen inne und sah Jumo aus seinen tiefgründigen dunklen Augen an.

Ja!“, bekräftige er, „Meister Tarjan hat keine Ahnung von den Dingen, die sich tagtäglich hier abspielen. Er verbringt zu wenig Zeit mit euch Schülern, um zu wissen, was wann angemessen ist. Es ist die Aufgabe des Meisters, dessen Schüler einen Fehltritt gemacht hat, zu entscheiden was mit ihm geschehen soll. Jeder der Nekropolitekten, die halbwegs regelmäßig hier ihren Tätigkeiten nachgehen – eingeschlossen Senos – wusste doch, wie sehr du an Amo gehangen hast. Unter diesen Umständen ist es doch fast ein grausamer Witz, dir eine Strafe aufzuerlegen, wo es keinen anderen gibt, der so sehr unter dem Verlust leidet wie du.“

Jumo schluckte schwer und sah zu Boden, um den wissenden Augen auszuweichen. Er kannte diesen Mann kaum, doch es war, als hätte Tolhen mehr Ahnung von den Dingen, die in Jumo rumorten, als Meister Senos. Der Meister hatte nur genickt, als Jumo zu ihm gegangen war, um von Tarjans Strafe zu berichten. „Dann sieh zu, dass du dich gleich an die Arbeit machst.“, hatte er gesagt, in seiner wie immer professionellen und fast emotionslosen Stimmlage. Jumo wusste, dass sein Meister nicht wirklich kalt und emotionslos war – er war ebenfalls schockiert gewesen. Jumo hatte es in seinen Augen gesehen, in der Art, wie er beinahe hilflos genickt hatte, fast froh darüber, sich nicht auch noch mit den Sorgen seines Schülers befassen zu müssen. Trotzdem spürte Jumo bei der Erinnerung daran, wie Wut auf seinen Meister in ihm hochkam. Tolhen hat Recht. Er hätte mich wenigstens in Schutz nehmen können, mir ein paar Tage Aufschub gönnen können, mir sagen können, wie Leid ihm Amos Tod tut, dass er für mich da ist, wenn ich ihn brauchen sollte…

Was hätte er denn tun sollen?“, wiederholte er stattdessen zornig, „Was hätte ICH denn tun sollen? Ich war es doch, der das verdammte Archiv liegen gelassen hat! Nur weil ich wieder so verdammt ehrgeizig sein musste und bis zum Delirium gearbeitet habe! Vielleicht ist Meister Amo nur wegen mir noch so spät in der Bibliothek gewesen, um das fehlende Buch zurückzuholen.. vielleicht… bin ich…“

Seine Stimme versagte. Tränen verschleierten seinen Blick und der Kloß im Hals war so dick, dass er kein Wort mehr sprechen konnte. Tolhen legte ihm seine Hand auf die Schulter und schüttelte den Kopf. „Dich trifft keine Schuld. Jeder von uns hat schon einmal ein Buch in der Bibliothek liegen lassen. Ich selbst tue das ständig, manchmal absichtlich in der Hoffnung, dass es am nächsten Tag immer noch dort liegt, wo ich es zuletzt benutzt habe. Das erspart mir den Weg am nächsten Morgen. Meister Amo war davon natürlich ganz und gar nicht begeistert, er hat regelmäßig darüber mit mir gestritten…“, erzählte Tolhen in einem ruhigen und sanften Ton. Vor Jumos innerem Auge spielte sich die Szene ab: Der gutmütige alte Amo, der sich über die Faulheit eines Meister Tolhens echauffierte. Jumo konnte sich sogar erinnern, dass Amo ihm wenig amüsiert über die Eskapaden jedes einzelnen Nekropolitekten berichtet hatte, als er verloren und einsam in die Gilde gekommen war. „Und das dort“, hatte er erzählt und verhalten auf Tolhen gezeigt, „Ist Iskan Tolhen, unser jüngster Meister. Ein Genie in seinem Fach – Gewölbearchitektur, ja, darin ist er gut. Aber seine Schriften aufzuräumen, das muss er dringend lernen.“

Damals hatte ihn die Beschreibung zum schmunzeln gebracht. Daraufhin hatte Amo ihm die anderen Gildenmitglieder auf ähnliche Weise vorgestellt. Doch heute brachte die Erinnerung nur stumpfen Schmerz und Verzweiflung. Einzig Tolhens Hand auf seiner Schulter gab ihm noch Halt. Heiß flossen die Tränen über seine Wangen. Ohne zu begreifen, was er tat, umklammerte er mit einem erstickten Schluchzen Tolhen, um seinen Tränen freien Lauf zu lassen. Er stieß ihn nicht fort, blockte nicht ab, brach nicht in Überraschung aus, sondern legte nur seine Hand auf Jumos Rücken und tätschelte ihn tröstend. Dafür war ihm Jumo unendlich dankbar, auch wenn er selbst noch nicht ganz begriff, warum er diesen wildfremden Meister umarmte. Seine Gedanken galten Amo, wie er lächelnd auf die Nekropolitekten deutete. „Magister Doros Ilan, er wird dir früher oder später noch über den Weg laufen. Er bildet die Lehrlinge in den Grundlagenfächern aus. Ein ziemlich schräger Typ, wenn du mich fragst. Für ihn gilt nur die Orthodoxie, alles wird auf der Prinzip der alten Lehre geprüft. Bei ihm keine Experimente – dafür gibt es zum Glück die anderen Meister.“, sein Blick war suchend weitergewandert, bis er einen dürren, hochgewachsenen Nordmann fand, der mit einer Optiklinse die Schriftzeichen eines Buches vergrößerte. „Da zum Beispiel. Cellan Barcos. Er kam aus Linguosa zu uns und soll dort einige Jahre an der She’Al-Akademie gewesen sein. Aber kaum jemand weiß etwas darüber. Er selbst schweigt zu den Details. Aber wenn du jemals einen Meister suchen solltest, der bereit ist, jedes Experiment zu unterstützen und jeder neuen Idee nachzugehen, wirst du ihn in Barcos finden.“

Dann hatte Amo ihm noch Adan Ziera, Elos Deran, Telman Idir und einige andere Nekropolitekten auf ähnliche Art und Weise vorgestellt, während sie gemeinsam durch die Bibliothek gewandert waren und der Archivar ihm die verschiedenen Abteilungen vorgestellt hatte. Das war einer seiner ersten Tage in den Hallen der Gilde gewesen, als er noch orientierungslos und ohne Bezug zu den Nekropolitekten gewesen war. Die Euphorie und die Faszination der geheimnisvollen Gesellschaft waren da langsam verflogen und den ernüchternden Tagesabläufen der ersten Wochen gewichen. Während der Einführungswochen, in denen die Schüler einen Überblick über das bekamen, was vor ihnen lag und für die feierliche Aufnahmezeremonie vorbereitet wurden, war Jumo fast jeden Tag nach den Veranstaltungen ins Archiv gegangen. Während die anderen Schüler untereinander Grüppchen bildeten und die Abende gemeinsam verbrachten, unterhielt sich Jumo bis spät in die Nacht mit dem Bibliothekar. Erst nach und nach hatte er den Kontakt zu anderen Lehrlingen gefunden, aber irgendwie war der Umgang immer oberflächlich geblieben. Also hatte er weiterhin den größten Teil seiner zunehmend dahinschwindenden Zeit mit dem alten Meister verbracht.

Was soll ich nur ohne den verdammten alten Mann machen?, dachte er verzweifelt und krallte sich im Stoff der Robe fest.

Als er schließlich aus dem Reich der Erinnerungen zurückkehrte, wusste er nicht mehr, wie viel Zeit er dort verbracht hatte. Erst, nachdem er tief Luft geholt und genug Fassung zurückerlangt hatte, realisierte er vollständig, was er eben getan hatte. Verlegen ließ er Tolhen los und trat zurück.

Verzeihung…“, stammelte er und wischte sich die Tränen mit dem Ärmel aus dem Gesicht.

Es gibt nichts, das ich dir verzeihen müsste.“, sagte Tolhen kopfschüttelnd und ohne jegliche Spur von Sarkasmus, „Es ist manchmal notwendig, seinem Schmerz freien Lauf zu lassen, damit er sich nicht in die Seele frisst und dort bleibenden Schaden hinterlässt. Natürlich tut es weh, wenn ein Mensch, der uns nahestand, von uns geht. Aber wir müssen unser Leben trotzdem weiterleben und uns anpassen. Sich den Schmerz auch einzugestehen ist der erste Schritt auf dem Weg der Heilung unserer Seele.“, erklärte der Meister und lächelte sanft. Tatsächlich fühlte sich Jumo schon ein klein wenig besser. Er deutete auf Tolhens Schulter, wo sich ein großer nasser Fleck ausgebreitet hatte.

Eure Robe…“, sagte Jumo etwas gefasster als vorher. Tolhen blickte hinab und lachte leise. „Die muss sowieso wieder einmal gewaschen werden. Vielleicht ist dadurch jetzt wenigstens die Schulterpartie sauber.“, scherzte er.

Meint ihr, sie finden den Mörder?“, wechselte Jumo das Thema. Tolhens Lächeln verblasste etwas.

Der Gildenverband tut sein Bestes, um den Fall aufzuklären. Aber es ist ein schwieriges Unterfangen. Die Hinweise sind widersprüchlich. Es gibt keine Spuren für einen Einbruch und keine Hinweise darauf, wie der Eindringling in die Gilde gelangt sein soll. Du weißt selbst, dass nicht jeder ein- und ausgehen darf wie er will. Ohne die Hilfe eines Nekropolitekten gibt es keinen Weg hinein. Es haben schon viele vergeblich versucht, in unsere heiligen Hallen einzudringen, um irgendwelche Geheimnisse und Mythen zu stehlen: Schaulustige und Quacksalber, die Geschichten über unsere angeblich stattfindenden nächtlichen Rituale gehört hatten und vom teuflischen Wissen profitieren wollten – sogar Fürsten haben schon ihre Spione geschickt, aber bis auf wenige, sehr gut dokumentierte Ausnahmen haben die Gildenwächter jeden Versuch vereitelt. Wenn der Eindringling Hilfe hatte, könnte es zumindest erklären, wie er unbemerkt und spurlos ins Innere gelangt ist. Aber dann macht es keinen Sinn, solchen Aufwand zu betreiben, um das Archiv zu stehlen – schließlich hätte der Komplize jederzeit freien Zugang zum Archiv gehabt, wenn er nicht noch ein sehr sehr junger Adept ist. Daher haben wir es entweder mit einem extrem gefährlichen Eindringling zu tun, der seine Spuren meisterhaft verwischen kann – dann haben wir irgendwo einen mächtigen und einflussreichen Gegner, der versucht, an unsere Geheimnisse zu kommen. Oder es gibt jemanden aus der Gilde, der diese Tat begangen hat – in diesem Fall war der Diebstahl des Archives vermutlich ein Ablenkungsmanöver und das wahre Ziel war es, Amo aus dem Weg zu schaffen.“

Jumos Miene verfinsterte sich, während er zuhörte. So nüchtern betrachtet hatte er die ganze Sache noch gar nicht. Großspurig hatte er Meister Tarjan gebeten, an den Ermittlungen teilzunehmen und auch nach dessen Absage hatte er immer wieder mit dem Gedanken gespielt, einfach auf eigene Faust Informationen zu sammeln, aber tatsächlich hatte er viel zu sehr mit sich selbst zu tun gehabt, um auch nur die fundamentalen Zusammenhänge zu begreifen, die jedem offensichtlich zugänglich waren. Aber was Tolhen da sagte, stimmte wohl. Die Vorstellung, dass ein Nekropolitekt den Diebstahl des Archivs zur Verschleierung des Mordes inszeniert haben könnte, war beunruhigend – immerhin bedeutete das, dass der Mörder die ganze Zeit unter ihnen weilte, wie ein Wolf im Schafspelz seine Rolle spielte und womöglich gar falsche Fährten legte. Andererseits kam ihm irgendetwas an dieser Theorie falsch vor – zu einfach, zu durchschaubar, zu plump. Irgendwie glaube ich, dass das nicht alles gewesen sein kann. An dieser Sache muss noch mehr dran sein…Oder war womöglich genau das die doppelte Finte? Die Tat so einfach zu inszenieren, dass die Häscher sich den Kopf darüber zerbrachen, was der wahre Hintergrund und Ablauf der Tat war, sodass sie die deutlich erkennbare Wahrheit als zu simpel abtaten und sich in weiteren Nachforschungen verrannten? Und wem konnte man schon vertrauen, wenn innerhalb der Gilde ein Verräter wandelte? Wenn dem so ist, könnte Tolhen der Mörder sein. Oder Meister Senos. Oder Cellan Barcos. Oder…

Beunruhigende Vorstellung, nicht wahr?“, fuhr Tolhen fort, als hätte er Jumos Gedanken gelesen. „Die Frage wäre dann allerdings, wer ein Motiv hat. Jemand wie du oder Meister Tarjan hätte kein Interesse daran, dass Amo von der Bildfläche verschwindet – dir bringt sein Tod nichts als Schmerz und Leid. Großmeister Tarjan ist auf eine funktionierende Gilde angewiesen und hat durch den Zwischenfall eine Menge Probleme am Hals – außerdem stand Amo keinem von euch im Weg, Tarjan hat schon alles erreicht und du hast noch einen weiten Weg vor dir, bis du Konkurrenz für unseren Bibliothekar bist.“

Irgendetwas an diesen Worten ärgerte Jumo. Ich wollte nie Konkurrenz für ihn sein. Und ich muss vielleicht noch einiges lernen, um an Amo heranzukommen, aber ich bin dazu sehr wohl in der Lage! Doch er nickte nur still und behielt die Gedanken für sich. Wer käme in Frage? Wer hätte ein Interesse daran, unseren Bibliothekar aus dem Weg zu räumen? So sehr er sich anstrengte, ihm fiel niemand ein. Die Müdigkeit hatte sich zwar etwas zurückgezogen, aber er spürte deutlich, wie sie sich langsam wieder in den Vordergrund drängte. Ihm war klar, dass er ohne eine gehörige Portion Schlaf nicht in der Lage sein würde, die Zusammenhänge auch nur annähernd zu durchschauen.

Ich dachte immer, Amo wäre ein beliebter Mann gewesen.“, murmelte Jumo leise. Der Meister schien kurz zu überlegen, ehe er sagte: „Nun, er war nicht unbeliebt im Sinne eines Magister Ilan. Aber er hatte seine Eigenheiten und war sicher nicht mit allen Menschen kompatibel. Du kannst dir sicher vorstellen, dass nicht alle Nekropolitekten dieselbe Geduld und Ausdauer haben wie du. Ich glaube sogar, er hätte es selbst zum Großmeister bringen können, wenn er mehr Rückhalt bei den anderen Meistern gehabt hätte. Aber dann wäre Amo wohl nicht der Amo gewesen, den du kennengelernt hast.“, vermutete Tolhen mit einem leichten Schmunzeln.

Amo wollte nie Großmeister werden.“, meinte Jumo. „Er hat oft davon gesprochen, dass andere ihm das vorschlugen und ihn dazu antrieben. Aber es war nie seine Absicht. Er sagte, die Verantwortung wäre ihm zu groß und es wäre besser, einige Geheimnisse blieben solchen Männern vorenthalten, die genügend Entschlossenheit haben, um die Konsequenzen aus dem Wissen zu ziehen, das sie hüten – koste es, was nötig ist.“

Das ist wahr. Amo war kein Mensch, der um jeden Preis nach der vollständigen Erkenntnis und dem endgültigen Wissen strebte. Die Bruchstücke, die er kannte, zeigten ihm genug vom Bild, um zu wissen, dass er den Rest nicht sehen wollte. So ist er ein normaler Meister geblieben. Von meinem Standpunkt aus kann ich nur sagen, ich hätte Amo auch den Titel eines Großmeisters zugetraut – allerdings ohne selbst alle Geheimnisse zu kennen. Es gibt einen Grund, wieso nur die Großmeister entscheiden dürfen, wen sie in ihren Stand erheben. Das wirst du früh genug selbst lernen, wenn die Zeit reif ist. Die Gilde ist mehr als ein Bund besserer Architekten, der Gräber instand hält und neue baut.“ Jumo nickte. Sowohl Amo, als auch Senos hatten ähnliches angedeutet. Aber das tatsächliche Wissen blieb den Lehrlingen verborgen. Man sagte, ein Nekropolitekt solle die unbeschwerte Zeit als Schüler genießen, denn sie sei zu Ende, sobald man seine Ausbildung abschloss. Einige taten das als allgemeine Folge des Erwachsenseins ab – ein junger Mensch sei immer unbeschwerter und lebendiger als ein älterer. Aber Jumo erinnerte sich noch, Magister Ilan eines Tages einen der Lehrlinge etwas ähnliches munkeln gehört hatte. Mit vernichtendem Blick und eiskalter Stimme hatte er seinen Unterricht unterbrochen und gesagt: „Narren! Ihr wisst nichts! Seid glücklich darüber, denn nur deshalb könnt ihr noch so lebensfroh sein!“ Der Raum war schlagartig still geworden und einige Sekunden lang hing die Ruhe fast bedrohlich in der Luft, bevor der Magister seinen starrenden Blick vom Lehrling löste und mit dem Unterricht fortfuhr, als wäre nichts geschehen. Den Rest der Stunde hatte kein Schüler mehr gewagt, etwas zu sagen.

Tolhen löste seinen Blick von Jumo und sah den Gang hinab, bevor sein Blick zurück wanderte.

Und nun komm, für dich wird es dringend Zeit, dass du etwas Ruhe bekommst. Ich habe dich schon lange genug aufgehalten.“, meinte er.

Ich weiß nicht, ob ich überhaupt schlafen kann…“, gestand Jumo und hätte beinahe von den Alpträumen erzählt, die ihn seit Amos Tod vom Schlafen abhielten. Stattdessen biss er sich auf die Zunge. Die Träume waren nichts, was Tolhen interessieren musste. Ich bin kein kleines Kind mehr, dass wegen ein paar Alpträumen zu seinen Eltern rennt, weil es nicht einschlafen kann! Ich in alt genug, um selbst damit klar zu kommen.

Tolhen lächelte nur verständnisvoll. „So wie du aussiehst brauchst du dich nur hinzulegen – die Augen fallen von allein zu und ehe du dich versiehst bist du eingeschlafen. Wenn man nur lang genug wach ist, kann einen keine Sorge der Welt mehr vom Schlafen abhalten.“, sagte er und gab Jumo einen sanften Klaps auf die Schulter. „Und nun ab ins Bett. Genieße deine zwei freien Tage.“, fügte er hinzu. Jumo sah ihn skeptisch an.

Frei? Morgen früh wird Meister Senos mich aus der Koje scheuchen, wenn ich nicht wie sonst nach dem Frühstück bei ihm erscheine.“, murmelte er.

Wird er nicht.“, widersprach Tolhen mit einem wissenden Lächeln. Jumo legte die Stirn in Falten und sah ihn an. Ich dachte er kennt Senos gut genug, um zu wissen, dass ich Recht habe. Tolhen schmunzelte und schien seinen verwirrten Blick zu genießen. Dann senkte er die Stimme:

Er würde es, wenn er wüsste, dass du im Bett liegst. Aber er wird annehmen, dass du im Studierzimmer sitzt und deine Strafarbeit machst. Ich habe beschlossen, dass du dringend eine Pause brauchst und die zwei Tage dazu nutzen solltest, dich auszuruhen.“

Jumos Verwirrung schlug in Überraschung um. Dann lächelte er schwach, zum ersten Mal seit zwei Tagen. Er konnte ausschlafen und einfach einmal seine Ruhe genießen und…

Sieh nur zu, dass du nicht in Senos´ Arme rennst, sonst kann ich dir auch nicht mehr helfen. Aber soweit ich weiß, ist er die nächsten Tage genauso beschäftigt wie ich. Halte trotzdem die Augen offen, wenn du dich außerhalb deines Zimmers bewegst.“, riet ihm der Meister.

Danke…“, hauchte Jumo und hätte Tolhen beinahe nochmals umarmt. Er konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal einen freien Tag gehabt hatte. Und nun bekam er sogar zwei. Schade, dass ich die Zeit nicht mit Amo verbringen kann…, dachte er und seine Euphorie ließ etwas nach. Aber das lässt mir zumindest genug Zeit, um darüber nachzudenken, wer den alten Mann aus dem Weg haben wollte – oder wer unsere Geheimnisse stehlen will.

Mit diesem Gedanken verabschiedete er sich von Tolhen. Er hatte den Meister nie für so einfühlsam und verständnisvoll gehalten. Aber offenbar war er mehr als ein sarkastischer Gewölbebauer, der ab und an seine Bücher liegen ließ. Vielleicht gab es in der Gilde ja noch mehr Tolhens, die er bisher niemals kennengelernt hatte. Möglicherweise waren die Lehrlinge in Wahrheit gar nicht so feindselig, wie er immer geglaubt hatte. Wenn schon Tolhen, der sonst immer nur mit Sarkasmus um sich schleuderte, in Wahrheit vollkommen anders war?

Beinahe hätte er vor all den widersprüchlichen Gedanken, Erkenntnissen und Plänen eine falsche Abzweigung genommen und sich verirrt. Doch schließlich fand er den Weg zurück in seine Kammer. Er schloss die Tür hinter sich und legte sich hin. Es kam, wie Tolhen es prophezeit hatte. Kaum hatte er sich hingelegt und tief durchgeatmet, holte sich sein Körper den lang ersehnten Schlaf.

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