Auf eigene Faust – Teil 2

Jaelad, Nekropolitektengilde

Jahr des Falken, 5. Monat

10. Tag, Vor Sonnenaufgang

Als Jumo schließlich wieder erwachte, war es draußen dunkel. Wie lange er geschlafen hatte, konnte er nicht sagen. Er konnte sich gut vorstellen, dass er nicht nur den Tag verschlafen hatte, an dem er sich zur Ruhe gelegt hatte, sondern auch noch den folgenden. Er fühlte sich erholt und frisch wie seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr. Angetrieben durch die neue Kraft erhob er sich und warf einen Blick durch das Fenster, das in einen Innenhof der Gilde zeigte. In den Fenstern der anderen Gebäude, die sich zum Innenhof hin öffneten, brannte nirgendwo Licht. Niemand schlenderte draußen durch die Gärten, um die Ruhe vor dem Erwachen der Gilde oder vor dem zu Bett gehen mit einem Spaziergang zu genießen. Es war mitten in der Nacht und alles schlief. Einen Augenblick lang spielte Jumo mit dem Gedanken, einfach zurück ins Bett zu gehen, doch er verwarf die Idee schnell. Zum einen bekam er sowieso kein Auge mehr zu, denn er war hellwach und munter. Zum anderen gab ihm die Nachtruhe der anderen Nekropolitekten die Möglichkeit, sich ungestört nach Hinweisen umzusehen, die ihm auf der Suche nach dem Mörder weiterhalfen. Außerdem wollte er nicht das Risiko eingehen, wieder von den verstörenden Träumen heimgesucht zu werden, die ihn zum Glück in der letzten Nacht verschont hatten.

Er wechselte die alte Robe, die er schon seit zwei Tagen trug, gegen ein neues Gewand, zog sich Stoffschuhe über und glitt leise durch die Tür nach draußen. Der Gang lag vollkommen dunkel und still vor ihm. Vermutlich waren die einzigen Männer, die trotz der späten Stunde noch wach waren, die Gildenwächter, die die Sicherheit der alten Geheimnisse garantierten. Aber die Wächter hatten hauptsächlich die Eingänge im Auge und patrouillierten eher selten durch das innere der Gilde. Dennoch vorsichtig schlich Jumo vorwärts, während er überlegte, wo er seine Suche beginnen sollte. Es gab keine Verdächtigen, die ihm sofort einfielen, niemanden, den er genauer unter die Lupe nehmen konnte. Das sinnvollste in dieser Situation war wohl, den Tatort zu untersuchen und dort nach Hinweisen Ausschau zu halten. Allerdings kam er dafür reichlich spät. Die Ermittler hatten ihre Arbeiten schon vor Tagen aufgenommen, den Tatort vermutlich schon eingehend inspiziert und anschließend aufgeräumt. Die Leiche war wohl ebenfalls schon vor geraumer Zeit abtransportiert worden – was er aber eher als glücklichen Umstand empfand, denn den Anblick des toten Bibliothekars hätte Jumo wohl nicht ertragen – selbst wenn es ihm entscheidende Hinweise gegeben hätte. Es musste einen anderen Weg geben. Auch wenn die Chancen, etwas zu finden, äußerst gering waren, entschied Jumo, zuerst in der Bibliothek zu suchen.

Seine Schritte führten ihn auch ohne Beleuchtung zielsicher zum Eingang des Lesesaales, der mit der Bibliothek in direkter Verbindung stand. Die Tür stand offen. Normalerweise war es Amo gewesen, der diese Türen geschlossen hatte, doch scheinbar hatte sich keiner der Ersatzbibliothekare darum gekümmert. Tausende Male war er hier schon ein und aus gegangen, doch ohne Licht wirkte der große Bogen, der auf zwei massiven Säulen ruhte, fast noch beeindruckender. Die Schatten, die sonst das Licht warf, gaben den Säulen mehr Kontur – Anmut und Grazie, wie ein Architekt es ausgedrückt hätte. In der Dunkelheit wirkten sie massiv und machtvoll, beinahe plump. Weniger graziös, aber durch ihre rohe Kraft doch auf eigene Weise monumental. Jumo fragte sich, ob die Säulen in den alten Mausoleen der Kaiser aus genau diesem Grund eine ähnliche Bauart hatten: Im Lichte anmutig und beeindruckend für alle Besucher – im Dunkel der Totenruhe massiv und unzerstörbar. Es gibt wichtigere Dinge zu tun als über Säulen nachzudenken, schalt er sich selbst und trat durch den Bogen. Die Holzdielen unter seinen Füßen knarrten, egal wie sehr er versuchte, leise zu laufen. Aber es war niemand da, nur die Bücherregale leisteten ihm stumme Gesellschaft. Durch die dicken Fenster in der Decke fiel genug Sternenlicht, dass seine Augen ihren Dienst nicht komplett versagten. Ein Kribbeln machte sich in seinen Fingerspitzen breit – nicht unangenehm, wie eine eingeschlafene Hand, sondern ein sanftes, kaum spürbares Kitzeln. Im Dunkeln kamen ihm auch die Räume der Bibliothek viel größer vor.

So viel Wissen… so viel Macht!

Er versuchte, die seltsame Erregung abzuschütteln, die ihn erfasst hatte. Er war bereits so oft in der Bibliothek gewesen, hatte viele der Bücher, an denen er vorbei schlich, bereits studiert. Aber es hatte etwas verbotenes an sich, in der Dunkelheit, ohne jegliche Aufsicht, durch die Bibliothek zu schleichen und die Möglichkeit zu haben, jedes Buch zu lesen, das er wollte. Nicht heute. Ich werde früh genug dazu kommen, all das zu lesen. Zuerst muss ein Mörder enttarnt werden.

Er schlich zu dem Regal, in dem die dicken Bände des Gildenarchivs lagerten. Er suchte angestrengt nach Spuren, doch er fand nichts. Offenbar hatte der Mörder nicht hier zugeschlagen – Amo hatte den Band also noch nicht eingeräumt, als er überfallen wurde. Möglicherweise auf dem Weg vom Tisch, an dem Jumo zuletzt gearbeitet hatte? Er versuchte, sich an den Tisch zu erinnern und rekonstruierte den Weg, den Amo gegangen wäre, wenn er vom Tisch zum Regal unterwegs war. Auch dort fand er auf dem Parkett nichts. Nachdem er den Weg noch ein zweites Mal gegangen war und immer noch keine Spuren gefunden hatte, fühlte er sich erleichtert. Amo war offenbar nicht wegen seiner Schlamperei umgekommen, nur weil er das Buch zurück ins richtige Regal gebracht hatte. Dennoch war er nicht wirklich zufrieden mit dem Ergebnis seiner Suche. Irgendwo mussten doch Spuren sein! Er beschloss, die Bibliothek noch einmal abzulaufen. Zwischen den Lesetischen war alles normal, die einzige Spur, die er fand, war etwas Dreck, der von draußen mit herein geschleppt worden war. Im Ostflügel der Bibliothek brachte er eine gefühlte Ewigkeit zu, jeden Gang einzeln zu überprüfen, doch er fand nichts und wandte sich frustriert dem nächsten Abschnitt zu. Angesichts der davonlaufenden Zeit überprüfte Jumo die restlichen Teile nicht ganz so akribisch. Nach dem er die gesamte Bibliothek einmal abgelaufen hatte, gab er schließlich frustriert auf. Doch als er sich dem Ausgang zuwendete und die Bibliothek mit langen Schritten durchquerte, fiel ihm in den Augenwinkeln etwas auf. Als er genauer hinsah entdeckte er einen dunkler Fleck auf dem Holzboden, in einem Seitengang der Bibliothek. Er glitt hinein und hockte sich davor, um ihn genauer zu untersuchen. Es war keine große Verfärbung, lediglich so groß wie seine Handfläche, aber es war mit Sicherheit kein Dreck. Jumo versuchte, es wegzuwischen, doch die Verunreinigung war im Holz selbst. Es sah aus, als hätte jemand versucht, den Fleck wegzuwischen, doch das Parkett hatte die Flüssigkeit aufgesogen. Bei genauerem Hinsehen konnte Jumo weitere Punkte erkennen, die kaum sichtbar rundherum versprenkelt waren. Obwohl nicht genug Licht in der Bibliothek war, um ihre Farbe erkennen zu können, war er sich sehr sicher, dass es getrocknetes Blut war: rostbraun. Doch die Spritzer waren allesamt zu klein – unmöglich genug Blut, um den Tod herbeizuführen. Er sah auf und ging einige Schritte tiefer in den Gang hinein. Zu beiden Seiten stahlen ihm die Bücherregale das Restlicht, doch selbst in der Düsternis konnte er den riesigen Fleck entdecken, der wohl eine Blutlache gewesen war. Er hielt den Atem an und musste den Blick kurz abwenden, damit ihn Wut, Trauer und Ekel in ihrer seltsamen Melange nicht aus der Fassung brachten. Er holte tief Luft und konzentrierte sich, während er versuchte, in der Umgebung weitere Hinweise zu finden. Offenbar wurde er am Anfang des Seitengangs überrascht, aber nur leicht verletzt und ist dann tiefer in den Gang geflohen. Wie furchtbar musste es gewesen sein, vor lauter Angst und Panik in diese Richtung zu rennen, wohl wissend, dass es eine Sackgasse war?

Amo könnte mir sagen, wer der Mörder ist…, dachte Jumo resigniert, nachdem er den Boden und die Regalfächer untersucht hatte und sich außerdem vergewissert hatte, dass sich auch unter dem Regal keine weitere Spur befand.

Wie ich es befürchtet hatte. Die Ermittler vom Gildenverband waren sehr sorgfältig. Aber sie werden mir wohl kaum erzählen, welche Hinweise sie gefunden haben, nachdem Tarjan mir jede Einmischung untersagt hat. Es sei denn…

Jumo erhob sich und ballte die Hände zur Faust. Wenn der Regen nicht fallen will, muss man das Wasser eben aus anderer Quelle zum Feld tragen. Der Gildenverband mag seine Informationen nicht freiwillig mit mir teilen, dann muss es eben unfreiwillig geschehen.

Er wusste, dass es ein riskantes Vorhaben war. Aber er hatte keine andere Möglichkeit, wenn er bei seiner Suche irgendwie weiterkommen wollte. Er würde nicht noch einmal aufgeben und resignieren, wie er es vor zwei Tagen getan hatte. Vielleicht fanden die Ermittler ja den Mörder, aber genauso wahrscheinlich war es, dass ihre Suche im Sand verlief und beendet wurde. Diese Möglichkeit kam für Jumo nicht in Frage. Der Schuldige musste gefunden werden, egal, welche Anstrengungen es ihn kosten mochte. Die Erinnerung an die letzten Tage bestätigte ihn nur in seinem Vorhaben. Niedergeschmettert und orientierungslos hatte er vor sich hin vegetiert – bis Tolhen ihm einen neuen Sinn gab, ihn daran erinnerte, dass er sein Leben weiterleben und sich an die neue Situation anpassen musste, wenn er nicht für immer im Sumpf aus Schmerz und Trauer stecken wollte. Amo war tot und würde erst seine Ruhe finden, wenn Jumo den Mörder enttarnt hatte – und erst dann konnte er sich wieder ungestört seinen Studien zuwenden. Ich schwöre, dass diese Tat nicht ungesühnt bleibt. Ich schwöre, dass ich deinen Mörder finde, Amo – egal, wie lange es dauert. Ich schwöre, dass er für diese Schandtat zur Rechenschaft gezogen wird.

Ich schwöre…“, flüsterte er mit geschlossenen Auge. Dann holte er tief Luft und machte auf dem Absatz kehrt, um die Bibliothek zu verlassen.

Der kleine Garten im Innenhof war noch immer menschenleer, als Jumo dort ankam. Die Sonne würde bald aufgehen, eine schmale Korona aus Licht erhellte bereits den Himmel. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis sich der Garten mit den ersten Nekropolitekten füllte. Einige der älteren, die mit nur wenigen Stunden Schlaf auskamen, schlenderten oft schon zu Sonnenaufgang auf den Wegen herum, die mit runden, flachen Steinen im Innenhof ausgelegt waren. Er konnte mittlerweile verstehen, wieso die alten Meister die Stille des anbrechenden Morgens so genossen, den Augenblick der Einsamkeit und der Abgeschiedenheit, den magischen Moment der Ruhe und der Balance, bevor die Sonne die Nacht vertrieb und die Geister des Tages ihren Platz für die kommenden Stunden beanspruchten. Einige Gelehrte sagten, die Dämmerung sei der beste Zeitpunkt, um Zwiespalt und Unausgeglichenheit in seinem Inneren zu überwinden und seine Seele in Harmonie mit Geist und Körper zu bringen. Vielleicht hatten die Gelehrten Recht, denn Jumo fühlte sich im Augenblick ruhiger und ausgeglichener als die gesamten letzten Tage zusammengenommen. Er war entschlossen – und seine Entschlossenheit gaben ihm Ruhe und Ausdauer. Geduld und Strebsamkeit waren schon immer seine Stärken gewesen. Sie hatten ihn weit gebracht, angefangen bei seinem Vater, der sein Potential früh erkannt hatte, bis hin zur Nekropolitektengilde, wo seine Beharrlichkeit immerhin von den Meistern anerkannt wurde, auch wenn alle anderen ihn als Streber ansahen. Geduld und Entschlossenheit konnten jedes Problem lösen. Wenn er nur genug übte, war er in der Lage, jede Disziplin zu meistern.

Jeder Weg muss Schritt für Schritt gegangen werden, besagte eine alte Weisheit aus den südlichen Landen, der manchmal in den Küstenregionen noch teils scherzhaft, teils ernst ergänzt wurde:

Jeder Weg muss Schritt für Schritt gegangen werden – nur der Weg über die Ozeane nicht.

Jumo sah nach Osten, wo sich der Himmel langsam rötlich färbte. Er atmete tief ein und genoss die frische Morgenluft. Dann folgte er dem Weg zum Springbrunnen, der in der Mitte des Innenhofes vor sich hin plätscherte. Unter den großen, weißen Figuren, die unablässig Wasser in das steinerne Becken spien, entdeckte er zu seiner Überraschung doch einen Nekropolitekten, der offenbar die ganze Zeit dort gewesen war. In einer weißen Robe stand Cellan Barcos regungslos inmitten der Figuren. Er stand breitbeinig mit nackten Füßen im Wasser, die Knie gebeugt in tiefer Haltung. Die Robe hatte er so gerafft, dass sie auch am Saum trocken blieb. Durch seine helle Haut und die weißen Haare wirkte der Nordländer wie eine Figur, die zum Brunnen gehörte. Hätte er noch Wasser gespuckt wäre er Jumo möglicherweise nie aufgefallen. Barcos´ Augen waren geschlossen, seine Handflächen vor der Brust gen Himmel gerichtet. Er machte keine Anzeichen, dass er Jumo bemerkt hatte, also schwieg der Lehrling, um ihn nicht aus der Meditation zu reißen. Wenn Barcos mit ihm hätte sprechen wollen, dann hätte er schon etwas gesagt, da war sich recht Jumo sicher. Stattdessen wandte er sich den exotischen Pflanzen zu, die in den Gärten um den Springbrunnen herum wuchsen. Die Luft war hier neben dem Springbrunnen feuchter als im Rest des Gartens und ermöglichte damit auch solchen Pflanzen das überleben, die im trockenen Klima Jaelads sonst eingegangen wären. Obwohl Dalea, die Hauptstadt des Kaiserreichs, bereits durch ihre Lage direkt am Sartameer ein kühleres Klima aufwies als der Rest der Provinz, war es vor allem in den heißen Sommern bisweilen zu trocken für tropische Pflanzen, die die Seefahrer aus den Ländern jenseits des Meeres mitbrachten. Jumo ließ seine Finger über ein dickes, fleischiges Blatt eines mannshohen Busches streichen. Der Busch blühte in hellem orange, das im Licht der aufgehenden Sonne in voller Pracht erstrahlte. Direkt neben dem Busch wuchs eine riesige, überdimensionierte Blume, deren blau-roter Blütenkelch die Größe eines Kopfes hatte. Ein großer Käfer saß zwischen den Blättern und labte sich am Nektar. Jumo beobachtete ihn mit Interesse. Das Insekt war von dunklem grün, sein Panzer schimmerte leicht im Morgenlicht. Am Kopf zierten das Tier zwei große Hörner, die an der Seite entsprangen und nach hinten gebogen waren wie die eines Felsenbocks. Außerdem besaß der Käfer eine feuerrote Zeichnung, die sich über die Hörner und den vorderen Teil zog – beinahe sah er damit aus, als hätte er etwas aufgespießt und den Kopf in die erlegte Beute versenkt. Die Beine, mit denen sich der schwere Käfer festklammerte, waren kurz und kräftig.

Ein Blütenwandler. Äußerst selten – man sagt, es bringt Glück, einen zu sehen.“, sagte eine Stimme hinter ihm. Jumo drehte sich um und sah zu Cellan Barcos, der die Augen wieder geöffnet hatte und gerade aus dem Brunnen stieg. Glück kann ich gebrauchen, wenn ich an die fehlenden Hinweise kommen will. Barcos wischte seine Füße im Gras ab und löste die Robe, sodass sie um seine Knöchel fiel.

Glück klingt gut…“, murmelte Jumo. „Warum sagt ihr erst jetzt etwas? Ich bin schon eine Weile da.“, fragte er, weil er nicht wusste, was er sonst sagen wollte. Doch kaum waren die Worte aus seinem Mund, stellte er fest, wie dumm seine Frage klang. Aber Cellan Barcos machte nur eine ausschweifende Bewegung mit seinem Arm und erwiderte:

Die Sonne ist aufgegangen. Meine Meditation ist beendet. Jeder weitere Augenblick wäre verschwendet. Ein Astronom versucht auch nicht, seine Sterne zu beobachten, wenn der Tag angebrochen ist. Es gibt für alles eine richtige Zeit und einen richtigen Ort.“

Jumo nickte abermals und Cellan Barcos lächelte.

Außerdem hättest du sonst niemals den Blütenwandler entdeckt.“

Das ist wahr. Ich habe noch nie so einen Käfer gesehen.“, bemerkte Jumo. Barcos faltete die Hände und trat neben ihm an die Blüte, um den Käfer genauer zu betrachten.

Wie ich schon sagte, ein äußerst seltener Anblick. In Wahrheit ist es gar kein Käfer, auch wenn er so aussieht. Der Blütenwandler ist ein einzigartiges Wesen – tatsächlich ist es ein Zwischenstadium zwischen einer Larve und einem Falter. Wohl der einzige Schmetterling überhaupt, der sich zwei Mal verpuppt. Aus dem ersten Kokon schlüpft dieser Käfer. Wenn man genau hinsieht, kann man erkennen, dass der Panzer aus den vielen feinen Fäden des Kokons besteht, der sich verfestigt hat. Blütenwandler brauchen äußerst lange, um ihre beiden Verwandlungen zu vollziehen und sie kommen bei uns kaum vor. Schon der Käfer ist so rar, dass man es als Zeichen des Glücks ansieht, ihn zu sehen. Ein ausgewachsener Falter ist ein Anblick, den in ganz Terugal wohl nur ein paar hunderte Menschen genossen haben können.“, erklärte der Nordländer.

Dann kann ich mich wohl glücklich schätzen, dazuzugehören.“, meinte Jumo und folgte mit seinen Blicken dem Blütenwandler, als dieser sich schließlich von der Blüte abstieß und mit einem tiefen Brummen davonflog. Barcos lächelte schmal.

Wer früh aufsteht kann so manch wundersame Dinge sehen. Ich kann mich nicht erinnern, dich oft zu so früher Stunde im Garten getroffen zu haben. Womit habe ich diese außergewöhnliche Gesellschaft verdient?“

Ich konnte nicht mehr schlafen.“, erwiderte Jumo, „In letzter Zeit träume ich nicht besonders gut. Ich dachte mir, dass der Garten vielleicht ein guter Ort ist, um sich von schlechten Träumen zu erholen und sich auf den Tag vorzubereiten.“

Barcos nickte und sah ihn mit seinen stahlgrauen, wissenden Augen an. Beinahe hatte Jumo das Gefühl, dass der Meister ihn prüfend musterte, als suche er nach einem Anzeichen dafür, dass Jumo log und sich verriet. Aber Jumo hatte nicht gelogen – nur nicht die ganze Wahrheit gesagt.

Ich dachte schon, es gäbe ein Anliegen, dass du mit mir besprechen willst. Es gibt nicht viele Nekropolitekten, die sich zu so früher Stunde hier aufhalten und die meisten sind wegen mir hier.“

Was wollen sie alle? Ich dachte immer, die meisten kämen hierher, um ihre Ruhe zu genießen und sich auf den anbrechenden Tag vorzubereiten.“, meinte Jumo mit fragendem Gesichtsausdruck.

Barcos faltete die Hände, sodass seine lange Robe darüber rutschte und sie verbarg.

Aus diesem Grunde bin nur ich hier. Die Morgendämmerung ist kühl und erholsam und erinnert mich an das Klima meiner Heimat. Und die Stille der schlafenden Gilde hilft, den Geist für die Arbeit des Tages zu reinigen.“, erklärte er und sah kurz von Jumo in den Himmel, dann zurück.

Die anderen kommen her, um mich in Ruhe und Abgeschiedenheit zu sprechen. Über Dinge, die sie nicht vor meinen Schülern oder Mitarbeitern besprechen möchten. Manche Anliegen sind bedeutungslos und dumm, doch jemand hielt sie für wichtig. Andere nicht. Es gibt auch Tage, an denen niemand kommt.“

Welches Anliegen sollte ich schon haben, das wichtig genug ist, um eure Ruhe zu stören?“, fragte Jumo, der sich nicht vorstellen konnte, dass der Meister tatsächlich glaubte, er sei nur wegen ihm aufgestanden. Irgendwie fand er Barcos sowieso seltsam… aber vielleicht kannte er ihn auch nur nicht richtig – immerhin hätte er nicht gedacht, dass er je so gut mit Meister Tolhen stehen würde.

Barcos lächelte sein schmales Lächeln. „Es kommen oft Lehrlinge, die ihre Pläne diskutieren wollen oder Vorschläge für allerlei Arbeiten haben. Das ist nichts ungewöhnliches.“

Jumo schüttelte den Kopf. „Nein. So weit bin ich noch nicht. Aber vielleicht irgendwann.“

Der Meister nickte. „Nun, wenn es nichts wichtiges mehr gibt, werde ich dich allein lassen und den Rest meiner Zeit bis zum Klang der Morgenglocke allein durch den Garten wandeln.“

Einen guten Tag, Meister.“, wünschte Jumo und verneigte sich leicht.

Ebenso.“, erwiderte Barcos knapp und deutete ebenfalls eine Verbeugung an. Dann machte er kehrt und ging langsam den Weg entlang, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Jumo sah ihm kurz hinterher, bis er hinter einer Staude verschwand, dann sah er zurück zum Kelch, auf dem der Blütenwandler gesessen hatte. Bring mir Glück, kleiner Wandler. Und lass dich nicht fressen…, dachte er.

Wenig später läutete die Morgenglocke den Tag ein.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Terugal - Geschichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Auf eigene Faust – Teil 2

  1. J.S. schreibt:

    durch das innere der Gilde. – „innere“ wird groß geschrieben ;P

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s