Auf eigene Faust – Teil 3

Jaelad, Nekropolitektengilde

Jahr des Falken, 5. Monat

10. Tag, Nach Mittag

Es war kurz nach Mittag, als Jumo die Männer vom Gildenverband schließlich zu Gesicht bekam. Nach dem Frühstück hatte er den Vormittag damit verbracht, die Augen nach ihnen offenzuhalten. Er hatte keine Ahnung, wo sich die Zimmer befanden, in denen sie untergebracht waren – und das war der erste Ort, an dem Jumo nach Hinweisen suchen wollte. Leider hatte er bis kurz vor Mittag keinen von ihnen zu Gesicht bekommen. Erst als er mit einem der Lehrlinge, der für den Küchendienst eingeteilt war, scheinbar beiläufig über das Thema plauderte, fand er heraus, dass die Prüfer vom Verband gemeinsam mit den Großmeistern im kleinen Zeremonienzimmer speisten. Offenbar waren die Männer doch nicht ganz so unabhängig, wie Tarjan es dargestellt hatte. Aber schließlich hatten die Großmeister sie bestellt, um den Fall aufzuklären. Es war also nur logisch, wenn sie höchstpersönlich das Gastrecht achteten und die Ermittler nicht in den normalen Speisesaal abschoben.

Jumo hatte die nächste Gelegenheit genutzt, um aus dem großen Saal zu schlüpfen, der sich zusehends mit hungrigen Menschen füllte. Auf den belebten Gängen war es schwer, nicht entdeckt zu werden. Einige Lehrlinge wiesen ihn scherzhaft darauf hin, dass das Essen in der anderen Richtung war, doch er erwiderte nur, er habe etwas vergessen und sei gleich wieder da. Dabei war ihm nicht nach Essen zumute gewesen. Die Aufregung hatte jeglichen Appetit vertrieben – jetzt, wo er herausgefunden hatte, wo die Ermittler zum Mittag waren, konnte er sich unbemerkt an ihre Fährten heften und sein weiteres Vorgehen vorbereiten. Beinahe wäre er Cellan Barcos in die Arme gelaufen, doch er bemerkte den großen, weißhaarigen Mann rechtzeitig, um ihm auszuweichen. Nach seinem Gespräch heute Morgen war er lieber zu vorsichtig als zu unachtsam. Zu gut konnte er sich an den durchdringenden Blick des Meisters erinnern. Doch der Meister hatte ihn offenbar nicht entdeckt und so setzte Jumo seinen Weg durch die Gänge fort, die immer leerer wurden, je weiter er sich vom Saal entfernte. Schließlich erreichte er den Südflügel der Gilde und versteckte sich in einer kleinen Rümpelkammer in Hör- und Sichtweite des Zeremonienzimmers. Zwischen Besen und hölzernen Eimern wartete er. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bevor schließlich die Tür aufging, hinter der die Großmeister speisten. Doch es waren nur scheppernde Geräusche und lediglich Schritte einer einzelnen Person, die an ihm vorbei in die Gilde entschwanden. Jumo schob die Tür einen Spalt weit auf und riskierte einen Blick, nur um sicherzugehen. Doch es war nur ein Lehrling, der schmutziges Geschirr in die Küche trug. Enttäuscht schloss Jumo die Tür wieder und wartete weiter. Wenig später öffnete sich die Tür erneut und Stimmen drangen zu ihm.

…ist kritisch! Wir sollten umgehend weitergehende Maßnahmen ergreifen, um unter allen Umständen sicherzugehen.“, ertönte die Baritonstimme, die dem Mann gehörte, der Tarjan zu seiner Ansprache begleitet hatte.

Ich sage es euch ungern noch einmal: Ich werde Meister Barcos nicht mit dieser Sache betrauen! Er hat vielleicht die notwendige Erfahrung, aber nicht den nötigen Rang, um mit diesem Problem konfrontiert zu werden!“, zischte Tarjans Stimme protestierend.

Inzwischen waren die Männer auf Höhe von Jumos Abstellkammer. Regungslos presste er sich zwischen die Besen und hielt die Luft an.

Ich glaube nicht, dass Zulon nur auf diesen Punkt hinaus wollte.“, meinte eine dritte, tiefe und fast monotone Stimme. „Wir müssen die Gildenwächter informieren und den Großmeistern der anderen Gilden eine Nachricht zukommen lassen, wenn unsere Befürchtungen wahr sein sollten. Es ist zu riskant, darauf zu spekulieren, dass wir Unrecht haben.“

Er hat Recht, Eran. Wenn es wahr ist, müssen wir sofort handeln und können Schlimmeres vielleicht verhindern. Selbst wenn es nicht so ist, haben wir lediglich umsonst reagiert und können danach sogar auswerten, was im Ernstfall schief gelaufen wäre.“, sagte eine vierte Stimme.

Es gibt keinen Präzedenzfall für so etwas!“, widersprach Tarjan, „Wir müssen zuerst die anderen Gildenvorsitzenden konsultieren, bevor wir alle Hebel in Bewegung setzen.“

Dafür ist keine Zeit.“, gab die monotone Stimme zu bedenken. Die Geräusche entfernten sich langsam und wurden wieder leiser.

Wir können nicht erst die Bürokratie in Gang setzen und hoffen, dass alle Großmeister zustimmen. Es ist sofortiges Handeln gefragt. Ihr seid der Gildenvorsitzende von Dalea, des größten Gildenquartieres überhaupt! Ihr habt den Einfluss und die Verantwortung, diese Entscheidung zu treffen – niemand aus den kleineren Gilden würde sich trauen, sich eurem Urteil zu widersetzen. Wenn ihr sie jedoch nur um ihren Rat fragt, provoziert ihr genau das.“, fuhr er fort.

Und was passiert, wenn ich falschen Alarm auslöse?“, entgegnete Tarjan scharf, „Ich würde zum Gespött der anderen Meister und niemand würde mich mehr ernst nehmen!“

Jumo öffnete die Tür, um die Stimmen deutlicher wahrnehmen zu können. Mittlerweile waren sie um eine Ecke und die Lautstärke war gedämpft, sodass er nur mit Mühe etwas hörte – zumal die Männer sehr leise sprachen. Vorsichtig glitt er aus dem Abstellraum, penibel darauf achtend, dass er keinen Lärm machte. Dann pirschte er zur Ecke und spähte in den Gang.

Die drei Großmeister von Dalea – Tarjan, Sareo und Teshon – waren in Begleitung des Mannes mit der Baritonstimme namens Zulon, sowie eines weiteren Mannes von gehobenem Alter. Er hatte eine Glatze und trug dieselbe Robe wie sein jüngerer Kollege. Sein langer, dürrer Finger deutete auf Tarjan, während er seinen verachtungsvollen Blick auf den Großmeister schleuderte.

Ihr seid ein Narr, wenn ihr eure persönlichen Sorgen über das Wohl der gesamten Gilde stellt! Wenn ihr nicht bereit seid, das Risiko zu übernehmen, dann ist die Robe des Großmeisters an euch verschwendet gewesen! Wenn ihr es nicht selbst tut, wird der Gildenverband die Wächter auf eigene Faust einschalten und alle weitere Verantwortung für die Lösung dieser Krise dorthin übertragen. Aber ich sage euch wie es ist: Es wäre mir lieber, wenn wir alle ein Ruder in die Hand nehmen und das Schiff gemeinsam durch die Stromschnellen steuern.“

Teshon nickte. „Ich halte es für richtig, die Vermutungen ernst zu nehmen und schnell zu handeln.“

Der weise Prinzipal legt auch dann ein Reservoir an, wenn die Omen einen regenreichen Sommer prophezeien.“, murmelte Sareo. „Im Vergleich zu dem, was auf dem Spiel steht, ist unsere Reputation die geringste Sorge.“

Tarjan sah beide Meister düster an, senkte dann den Blick und knurrte: „Ich werde darüber nachdenken. Gebt mir etwas Zeit, um darüber nachzudenken.“

Der glatzköpfige Mann neigte leicht den Kopf. „Eure Bitte kommt uns teuer zu stehen, wenn sich die Vorzeichen bewahrheiten. Aber ich bin gewillt, euch einige Bedenkzeit zu geben, wie wir mit den Großmeistern der anderen Gilden verfahren. Doch meine Nachricht an die Gildenwächter wird sofort aufgesetzt und abgesendet. Darüber gibt es keine Diskussion.“

Tarjan schwieg kurz, dann nickte er.

Nun gut, so sei es. An der Benachrichtigung der Gildenwächter führt kein Weg vorbei.“

Entscheidet weise.“, entgegnete der Glatzkopf nur knapp und verneigte sich. Ohne ein weiteres Wort bog der Mann ab, während die anderen schweigend ihren Weg geradeaus fortsetzten. Als Jumo meinte, sie seien weit genug weg, schlich er sich zu der Abzweigung, in der der andere Mann verschwunden war und folgte den hallenden Schritten auf dem Parkett. Er huschte zur nächsten Ecke und holte ein Stück des Abstandes auf. Nach drei weiteren Abbiegungen hielt der Mann inne, zückte einen Schlüssel aus der Robe, öffnete eine Tür und verschwand im dahinter liegenden Raum.

Jumo lächelte triumphierend und prägte sich den Weg zur Tür ein. In diesem Abteil der Gilde war er selten unterwegs. Hier lagen die Wohnräume der Meister, in denen die Lehrlinge für gewöhnlich nichts zu suchen hatten. Dennoch war er zuversichtlich, die Tür wieder zu finden.

Mit einer Mischung aus dem gutem Gefühl des Erfolges und des schlechten Gefühls, das der Inhalt des Gespräches hinterlassen hatte, machte er sich auf den Rückweg. Von was für einer Vermutung hatten die Männer geredet? Was war es, das so wichtig war, dass sofortiges Handeln nötig war, um schlimmeres zu verhindern? Irgendetwas musste es mit Amos Mord zu tun haben, der die Ermittler auf den Plan gerufen hatte. Aber was? Und was hat Cellan Barcos mit dieser Sache zu tun? Irgendwie wusste ich, dass etwas seltsam an ihm ist. Vielleicht würde er etwas mehr Klarheit in dieser Sache bekommen, wenn er die Unterlagen der Ermittler eingesehen hatte. Er hatte sich den Plan dafür schon ausführlich zurecht gelegt. Er würde seinen Kohlestift und einige Rollen Papier mitnehmen, dann die Tür des Raumes öffnen, wenn die Ermittler außerhalb unterwegs waren. Er hatte schon öfter für seinen Vater das ein oder andere Schloss geöffnet, meist um Kunden zu helfen, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr in ihre Wohnungen kamen – aber manchmal auch, um die Sicherheit der Schlösser zu testen, die sein Vater herstellte. Daher konnte es für ihn kein allzu großes Problem darstellen, sich Zutritt zum Raum zu verschaffen. Anschließend würde er ihre Aufzeichnungen mit der Kurzschrift kopieren, die die Nekropolitekten für ihre Notizen verwendeten. Sobald er alle Informationen abgeschrieben hatte, konnte er den Raum wieder verlassen und in seinem Zimmer in aller Ruhe mit der Auswertung beginnen. Doch zuerst musste er seine Schreibsachen holen und das kleine Werkzeug aus seiner Kiste hervor kramen, das ihm Zutritt zu beinahe jedem verschlossenen Zimmer verschaffen konnte. Es war eines der wenigen persönlichen Dinge, die er mitgenommen hatte, als er sein neues Leben in der Gilde anfing. Als hätte er schon damals gewusst, dass er es irgendwann brauchen würde…

Bald werde ich alle nötigen Informationen haben, um das Geheimnis zu lüften. Dann kann ich Amos Mörder entlarven und vielleicht verstehe ich dann auch, was die Großmeister meinen., dachte er voller Großmut und in Hochstimmung.

Beides starb unverhofft schnell, als er gegen Meister Senos lief.

 

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