Schattenspiel – Teil 2

Als er zum Ende des vierten Monats aufgebrochen war, war der Mond dunkel gewesen und er hatte nur eine düstere Vorahnung dessen gehabt hatte, was ihn in Semas erwarten würde. In den Dossiers, die Ceval Dos in den vergangenen Monaten aus Zisalca erhalten hatte, waren die beunruhigenden Geschehnisse, die sich im Vorfeld der Rebellion ereignet hatten, bereits oberflächlich dokumentiert, doch erst die direkte Auswertung mit seinen Agenten vor Ort hatte die zahlreichen Lücken füllen können und ein vollständiges Bild der Lage geliefert.

Offenbar hatten die Rebellenführer des Nordens hatten bei der Vorbereitung ihres Aufstandes nicht nur Militär und Zivilverwaltung, sondern auch Teile des Tevasol unterwandert. Obwohl der Geheimdienst schon lange vor Beginn der offenen Feindseligkeiten Maßnahmen zur Aufklärung und Zerschlagung der Rebellion ergriffen hatte, war man nicht in der Lage gewesen, die Drahtzieher zu identifizieren. Stattdessen zeigte sich relativ bald anhand von falschen und widersprüchlichen Berichten aus dem Norden, dass der Tevasol systematisch mit Fehlinformationen gefüttert worden war. Scheinbar waren diese Informationen von feindlichen Spionen unter den kaisertreuen Spitzeln gestreut worden. Außerdem blieb zu vermuten, dass auch übergelaufene Schattenflüsterer und Agenten ihren Teil zur Sabotage beigetragen hatten, indem sie manipulierte Reporte verfasst und weiterverbreitet hatten.

Glücklicherweise hatten die Verantwortlichen in den Nordprovinzen rechtzeitig reagiert und Verstärkung aus dem Süden angefordert. Daraufhin hatte man die Spionageaktivitäten von Delios aus in den Norden hinein ausgeweitet und einige der kompromittierten Zellen in Herauo identifizieren können. Doch die Lage blieb kritisch. Es war noch immer nicht möglich, mit zufriedenstellender Sicherheit zu sagen, welche Teile des Tevasol noch vertrauenswürdig waren. Außerdem hatte die Gegenspionage wertvolle Zeit gekostet und Ressourcen gebunden, die Ceval Dos lieber im Einsatz gegen die Hintermänner der Rebellion genutzt hätte. Immerhin war der Aufwand nicht vollkommen umsonst gewesen. Durch unerbittliche Aufklärung, Überwachung, gezielte Festnahmen und Vernehmung der Verräter war es möglich geworden, mehr über die Drahtzieher zu erfahren, die die Infiltration des Geheimdienstes eingefädelt hatten. Es waren erstaunlich wenige ehemalige Tevasol-Agenten beteiligt gewesen. Ceval Dos hätte erwartet, dass mehr der altgedienten, pensionierten kaiserlichen Agenten aus den Nordprovinzen für die Propaganda der Aufständischen empfänglich waren. Stattdessen waren es vor allem die Intriganten der zahlreichen Barone und Grundherren gewesen, die ihre privaten Spionagedienste vereinten und gemeinsam gegen den Tevasol arbeitete. Nicht nur das hatte deutlich gezeigt, dass der kaiserliche Geheimdienst nicht so geheim war, wie viele seiner Mitglieder glaubten. Die unverschämte Art und Weise, auf die die Rebellen die Organisation unterwandert hatten, zeigte, dass noch viel Reformbedarf herrschte. Jahrzehnte des Friedens und der Prosperität ohne nennenswerte äußere und innere Feinde hatten den Nachrichtendienst träge und nachlässig gemacht. Auch darüber hatte der Meister der Schatten mit seinen Schattenwebern gesprochen, hatte sich ihre Bedenken angehört und mit ihnen Lösungsvorschläge diskutiert. Alles in allem war das Treffen überaus produktiv gewesen.

Er wandte seinen Blick wieder dem Dienstmädchen zu, das ihn neugierig ansah.

Warum fragst du?“, erkundigte er sich interessiert. Und warum bist du wirklich hier? Wenn du nur Bericht erstatten wolltest, wärst du bereits wieder zur Arbeit zurückgekehrt…

Sie zuckte mit den Schultern und sah in die Ferne.

Ich wollte nur wissen, wie es dort draußen ist, in Semas, in Zisalca und in der Fremde. Ich war mein ganzes Leben lang nur in Dalea und kenne die weite Welt nur von den Berichten der Reisenden.“, erklärte sie. Ceval Dos nickte. Er konnte sich entsinnen, dass sich Eleja, wann immer jemand aus dem Palastpersonal von einer Reise zurückgekehrt war, an dessen Fersen geheftet hatte, bis ihre Neugier befriedigt war. Na das kann ja heiter werden.

Keine Sorge. Jetzt, da Alea Kaiserin ist, wirst auch du als ihre persönliche Bedienstete die Gelegenheit bekommen, bald mehr von der Welt sehen, als du dir je erträumt hast. Angefangen mit der kaiserlichen Sommerresidenz, bis hin zu den Städten, die sie besuchen wird. Aber ich erzähle dir gern etwas über Semas, wenn du versprichst, mich danach zu meinen Pflichten zurückkehren zu lassen.“, bot er lächelnd an.

Sie nickte mit leuchtenden Augen. „Natürlich, ich will euch nicht von eurer Arbeit abhalten!“

Das tust du bereits, dachte er resigniert.

Nun, wo fange ich an… Das beeindruckendste an Semas ist vermutlich die gewaltige Festung, die über der Stadt in den Himmel emporragt. Auf einem Hügel im Süden der Stadt baute man diese Garnison einst, um die Übergänge über den Sarta zu bewachen und östliche Flanke des damals noch kleinen Reiches vor Übergriffen aus der nördlichen Hälfte des heutigen Zisalcas zu schützen. Später, als Kaiser Teronos den großen Kanal zwischen den Flüssen Sarta und Tial graben ließ, baute man die Festung abermals aus, um die Schifffahrt zu überwachen. Seither gilt sie als unbezwingbar, geschützt vor Angriffen von allen Seiten durch das Wasser und die Stadt im Norden. Seit hunderten von Jahren beschützt sie damit nicht nur Semas, sondern auch die Städte Ertagos und Samiz und die fruchtbaren Landstriche entlang des Tial und des Teljun.

Die Stadt selbst ist ein geschäftiger Ort, es gibt vier verschiedene Handelshäfen, in denen täglich hunderte Schiffe und Barken an- und ablegen, beladen mit Eisen aus dem Ostgebirge, Fernhandelswaren aus Ertagos und Samiz, Holz aus den Wäldern entlang des Sarta, Getreide aus den fruchtbaren Schwemmlanden. Der große Kanal hat die Stadt reich gemacht, sie ist zu einem der größten Umschlaghäfen des Reiches geworden, wenn man einmal von Reyo absieht. Und das ganz ohne jeglichen Zugang zum Meer. Den Bewohnern geht es entsprechend gut, die Märkte sind überfüllt mit Waren, von denen wir hier in Dalea nur träumen können. Die Werkstätten sind die geschäftigsten des Landes, behauptet man in Semas. Dafür gibt es wenig grün in der Stadt, alle Parks und Gärten sind im Laufe der Jahre den Handelskontoren, Werkstätten und Wohnhäusern gewichen. Es ist eine enge Stadt, die Gassen sind oft so klein, dass kaum ein Karren hindurchpasst. Im Zentrum der Stadt stehen einige jahrhundertealte Gebäude, die in gutem Zustand gehalten werden und regelmäßig von Architekten studiert werden, um Inspiration für moderne Bauten zu bieten. Wenn man dem Trubel der Stadt für einige Zeit entkommen will, muss man nur wenige Destinae nach Süden reisen, um in den abgelegenen Siedlungen am Sarta einige erholsame Tage zu verbringen. Für wenig Geld kann man dort ein Zimmer mieten und die Natur entlang des Flusslaufes genießen. Vorausgesetzt man kann es sich leisten, seine Arbeit für einige Tage ruhen zu lassen.“, erzählte er und konnte an den faszinierten Blicken der Dienstmagd erkennen, dass er ihre Neugier gerade erst richtig entfacht hatte.

Stimmt es, dass in Semas viele Piraten getarnt als einfache Bürger leben?“

Ceval Dos lachte leise. „Nein, das stimmt nicht.“, log er, ohne mit der Wimper zu zucken und sah, dass Eleja etwas enttäuscht war, dass sie keine Piratengeschichte erzählt bekam. „Die kaiserliche Marine hat das Problem mit den Piraten schon vor langer Zeit ausgeräuchert – damals waren es die umliegenden Dörfer, die am Reichtum der Stadt profitieren wollten.“

Tatsächlich existierte das Problem immer noch. Zwar war die Piraterie aus den umliegenden Siedlungen durch das harte Durchgreifen der Marine zurückgegangen, doch obwohl es in Semas im Vergleich zu anderen kaiserlichen Städten sehr wenige kriminelle Vorfälle gab, fanden sich immer wieder Glücksritter, die die Aussicht auf schnellen Wohlstand in die Kriminalität trieb. Manche kamen von außerhalb, manche aus Semas selbst. Häufig liehen sie sich unter dem Vorwand, ein neues Handelsunternehmen zu gründen, Geld von den zahlreichen Finanziers, um sich ein Schiff zu mieten oder zu kaufen. Mit dem Schiff und einer Crew aus Gleichgesinnten und Söldnern terrorisierten sie dann – meist Nachts – die Schiffe in den umliegenden Gewässern, um dann ihre Beute ganz offiziell unter dem Deckmantel ihres Handelsunternehmens weiterzuverkaufen. Mittlerweile hatte der Tevasol einen seiner drei Schattenweber in Semas allein auf die Bekämpfung der grassierenden Piraterie und des Schmuggels angesetzt. Schätzungsweise sechzig Agenten waren Tag und Nacht damit beschäftigt, Vorfälle aufzuklären, potentielle Piraten zu beschatten und ihr Beziehungsgeflecht nachzuvollziehen, finanziellen Quellen trockenzulegen, die sich auf die lukrative Finanzierung solcher Unternehmungen spezialisiert hatten und teilweise gemeinsam mit der Marine, Hinterhalte, Razzien und andere Gegenmaßnahmen durchzuführen.

Aber das waren Dinge, von denen Eleja nichts wissen musste. Offiziell wurden solche Gerüchte dementiert, um Händler und Bewohner von Semas und von außerhalb nicht einzuschüchtern und dadurch eine Verminderung des Handelsverkehres zu riskieren.

Und stimmt es, dass es in Semas fremdländische Menschen gibt, die gar nicht aussehen wie normale Menschen?“, fragte das Mädchen mit einer Naivität, die Ceval Dos amüsierte.

Ja, es gibt dort einige Fremdländer. Wenn sie dich interessieren, solltest du möglicherweise ein Wort mit dem Kanzler wechseln. Er empfängt immer wieder Delegationen aus den Ländern jenseits des großen Ozeans. Oder sprich mit dem Zeremonienmeister, ob du an einem der kaiserlichem Empfänge einer solchen Delegation teilnehmen darfst. Solche Ereignisse sind zwar selten, aber ich bin sicher, es wird sich irgendwann die Gelegenheit bieten.“

Eleja dachte kurz über seinen Vorschlag nach, dann lächelte sie. „Das ist eine gute Idee. Ich glaube, das werde ich bei Gelegenheit tun. Vielen Dank, Meister Dos.“

Er lächelte und faltete die Hände. „Ich hoffe, ich konnte deine Neugier ein wenig befriedigen. Ich würde dir gern mehr erzählen, aber ich fürchte, das wirklich Interessante ist bereits gesagt. Außerdem wartet ein großer Stapel Papier auf mich.“, meinte er und deutete mit einem Kopfnicken auf seinen Schreibtisch im Inneren des Büros.

Sehr wohl. Ich muss ja selbst auch wieder an die Arbeit.“, erwiderte sie.

Besser wäre es. Die Kaiserin ist mit Sicherheit mittlerweile wach. Du darfst mich gern auf dem Laufenden halten, wenn sie sich entschieden hat, wann sie die Ernennungszeremonie nun abzuhalten gedenkt.“

Das werde ich. Danke für euren Reisebericht. Einen schönen Tag noch.“, sagte Eleja lächelnd und verneigte sich, ehe sie den Balkon verließ. Ceval Dos holte einmal tief Luft und ließ das Gespräch in all seinen Details noch einmal durch seinen Kopf gehen, wie er es immer zu tun pflegte.

Dann drehte er dem Sartameer den Rücken zu und trat ins Innere, das von einem schweren Schreibtisch aus dunklem Edelholz dominiert wurde. An den Wänden standen einige Schränke und Kommoden mit Schriftrollen, über einer hing ein eingerahmtes Gedicht eines berühmten Lyrikers. Der Kamin war dunkel und leer. Ceval Dos zog die Schiebetür zu, die zum Balkon führte, dann trat er an den Schreibtisch heran und ließ sich auf dem gepolsterten Stuhl nieder. Seine Blicke wanderten über die vielen Dokumente, die noch der Erledigung harrten. Berichte der Schattenweber, die während seiner Abwesenheit eingetroffen waren, Briefe und Notizen aus anderen Bereichen der kaiserlichen Verwaltung. Er sortierte die Dokumente aus, die er nicht selbst angefordert hatte und legte sie auf einen eigenen Stapel. Während er dabei flüchtige Blicke über die verschiedenen Siegel schweifen ließ, fiel ihm eine Depesche auf, die doppelt versiegelt war: Unter dem Siegel des Mondbanners hatte der Verfasser ein zweites Siegel in Wachs gepresst – das des Reichsfeldmarschalls.

Soso – Reichsfeldmarschall Tar. Immer einen Trick parat, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Mit einem Schmunzeln nahm er den Brief in die Hand und brach die beiden Siegel.

Minister Dos,

Ich muss euch die unangenehme Mitteilung machen, dass das kaiserliche Heer trotz der Bezwingung eines größeren Rebellenverbandes keinerlei Erfolg bei der Festnahme Baron Cid de Vicas´ erzielen konnte. Für den schnellen und durchschlagenden Erfolg der kaiserlichen Armee im Felde ist es von großer Wichtigkeit, alle vorhandenen Mittel zur Rate zu ziehen. Ich bitte um nichts weniger als um die enge Zusammenarbeit mit euren Männern vor Ort, um die Loyalitäten des einfachen Bauernvolkes zu unseren Gunsten zu beeinflussen und den Rückhalt der Rebellen im Lande zu schwächen. Des weiteren wäre eine enge Zusammenarbeit mit den übrigen Teilen der kaiserlichen Verwaltung in Crescuro von großem Vorteil, um die Belagerung der Stadt zu beschleunigen. Ich bin zuversichtlich, die Stadt mit euren zusätzlichen Ressourcen vor Ende des Jahres zu Fall zu bringen.

In Erwartung einer raschen Antwort,

Tar Gol, Reichsfeldmarschall Herauo, Falke, 5. Monat, 8. Tag

Ceval Dos strich über seinen Ziegenbart. Das Anliegen des Reichsfeldmarschalls war zwar prinzipiell sinnvoll und unterstützenswert, doch die Zweifel an der Loyalität einiger Zellen in Crescuro und den Abteilungen in den Nordprovinzen bereitete ihm Sorgen. Jede Aktion, die er in Gang setzte, war mit dem erhöhten Risiko eines Scheiterns verbunden, wenn es irgendwo eine undichte Stelle gab – und potentiell undichte Stellen gab es einige. Mit einer größeren Aktion in Crescuro setzte er das Leben wertvoller Agenten aufs Spiel, wenn er den Kreis der Beteiligten zu stark ausdehnte. Eine Variante bestand darin, diese Aufgabe erneut den Schattenwebern aus Delios zuzuspielen, die sich bereits in der Vergangenheit als fähig erwiesen hatten.

Oder möglicherweise konnte er auch ein doppeltes Spiel mit seinen Agenten im Norden treiben…

Ein Schmunzeln legte sich über seine Züge, als er so darüber nachdachte. Wieso sollte er die Gelegenheit nicht nutzen, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen?

Wenn er den Crescurischen Agenten einen maßgeschneiderten Auftrag zukommen ließ – beispielsweise eines Nachts die Tore der Stadt zu öffnen – konnte er mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Befehlshaber der Stadt über die undichten Stellen davon erfahren würden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würden sie versuchen, die Aktion zu verhindern und einen Hinterhalt stellen, um die letzten kaisertreuen Agenten in die Falle laufen zu lassen. Wenn Ceval Dos allerdings mit seinen Agenten aus Delios dafür sorgte, dass die Falle, die seinen Schatten gestellt wurde, in Wahrheit eine Falle für die Rebellen werden würde…

Seine vereinten Kräfte wären damit in der Lage, den vermeintlichen Hinterhalt zu brechen und gemeinsam das Tor zu öffnen – General Tar hätte seine Bresche, die er nutzen konnte und Ceval Dos hätte die Spreu vom Weizen getrennt und konnte sich der Loyalität der Crescurischen Agenten wieder sicher sein. Soweit der erste Gedanke. Doch der Plan hatte noch zu viele Schwachstellen. Was, wenn der Rebellenkommandeur zuließ, dass seine Tore geöffnet wurden und gar keine Gegenmaßnahmen unternahm, sondern stattdessen den kaiserlichen Sturmangriff mit vollständig kampfbereiten Truppen empfing? Was, wenn die Verräter in seinen Reihen ebenfalls am Angriff teilnahmen, bereit, ihren Kameraden selbst im unerwarteten Augenblick in den Rücken zu fallen, wenn sie gemeinsam in den Hinterhalt gelaufen waren? Um dieser Gefahr aus dem Weg zu gehen, mussten die Delioser Agenten wohl mit ihrer Rettung warten, bis die Fronten klar genug erkennbar waren, um Verräter von Treuen zu trennen. Das beinhaltete den möglichen Verlust mehrerer tatsächlich kaisertreuer Agenten…

Ceval Dos legte den Brief auf seinen Tisch und schenkte sich einen Pokal mit leichtem Fadis ein, einem Wein aus tropischen Früchten. Er nippte an dem süßen Getränk und betrachtete das Gedicht an seiner Wand, während er darüber nachdachte, wie sein Plan zu perfektionieren war. Ein anderes Ziel? Eines, bei dem weniger Risiko bestand, dass das Vorhaben trotz eines Erfolges seiner Agenten nicht den gewünschten Effekt erzielte – beispielsweise ein Attentat auf den Stadtkommandanten? Das könnte zumindest das erste der Probleme umgehen, denn es zwang den Kommandeur, den Hinterhalt zu vereiteln oder zu sterben. Vielleicht sollte ich…

Ein Klopfen riss ihn aus seinen Überlegungen.

Herein.“, gestattete er. Die Tür öffnete sich und ein schlanker, dunkelhäutiger Mann trat hinein. Sein Gesicht zierte eine große Narbe, die von einer tiefen Schnittwunde herrührte. Tiran Revos, einer seiner Schattenweber, die in Dalea die Operationen von hunderten Agenten überwachten und planten, senkte den Blick und verneigte sich respektvoll, nachdem er die Tür geschlossen hatte. Die Narbe, das wusste Ceval Dos, stammte aus einer Zeit, in der Revos selbst noch eine kleine Figur im großen Spiel des Geheimdienstes gewesen war. Er war einer derjenigen Viriales, die sich aus der aktiven Tätigkeit heraus in der Hierarchie nach oben gearbeitet hatten, einer der Eliteagenten der vergangenen Generation, die lange genug überlebt hatten, um alle Tücken des Metiers zu kennen.

Meister Dos.“, grüßte er.

Schattenweber.“, erwiderte dieser, erhob sich von seinem Stuhl und machte eine einladende Geste in Richtung der Gästesessel. „Bitte, setzt euch doch. Ich habe soeben gedacht, dass ich euch möglicherweise bezüglich einer Sache konsultieren sollte.“

Sein Schattenweber lächelte schmal und blieb stehen. „Ich bringe Neuigkeiten, die euch interessieren werden – so sehr, dass ihr mich vermutlich nicht sofort konsultieren wollt.“

Ceval Dos hob die Augenbraue und musterte Revos eindringlich „Sprecht.“

Unsere Agenten haben vor einigen Stunden einen Mann im Hafengebiet festgenommen, der sich in einer Kaschemme von einer dubiosen Gestalt auf unserer Gehaltsliste einige Gold-Zastrae in kleinere Münzen umtauschen ließ.“, berichtete der Schattenweber.

Und welche Details ist dabei von solcher Wichtigkeit, dass ihr annehmt, ich würde meine anderen Pflichten deswegen fallen lassen?“, hakte Ceval Dos nach. Er hatte eine Vorahnung, was das letzte Detail sein mochte. Ein reicher Mann in einer Kaschemme war zwar verdächtig, aber es gab genug Kriminelle, die ihr Geld lieber auf diese Weise in besser handhabbare Summen tauschten, als auf dem Markt teuer einzukaufen und die verdächtigen und gierigen Blicke der Händler oder anderer, kriminellerer Gestalten, auf sich zu ziehen.

Der Mann war ein Nordländer. Ziemlich heruntergekommen trotz seines Reichtums, im Milieu nicht bekannt. Wir haben bei ihm die stolze Summe von fünftausend Zastrae beschlagnahmt, als wir ihn festnahmen. Er passt perfekt auf die Beschreibung, die unsere Agenten aus Zisalca uns als Ergebnis ihrer Verhöre der Banditen zukommen ließen, die in das Attentat auf den Prinzen verwickelt waren. Er befindet sich in den untersten Verliesen.“, schilderte Revos.

Ceval Dos spürte, wie ein eisiger Schauer über seinen Rücken lief. Der Attentäter…, dachte er und begegnete dem Blick des Schattenwebers mit regungsloser Miene. Dann nickte er.

Gut. Sehr gut, Revos. Ich werde mich dieser Sache persönlich annehmen. Wenn das wirklich der Mann ist, der das Attentat auf den Thronfolger durchgeführt hat, ist es an der Zeit, herauszufinden, wer der wahre Drahtzieher im Hintergrund ist.“, meinte der Meister der Schatten.

Wie ihr wünscht.“, entgegnete Revos,

Gut. Ihr habt richtig erraten, dass die Unterredung warten kann. Oder habt ihr das Gedankenlesen erlernt? In diesem Fall würde ich euch sofort wieder in den aktiven Dienst versetzen, um dieses gewaltige Potential nutzbar zu machen.“, gab er scherzhaft zurück.

Ich fürchte, meine Jugend und die Zeit des aktiven Dienstes ist mittlerweile an mir vorbeigezogen.“, meinte der Schattenweber lächelnd. „Aber vielen Dank für das Angebot. Möchtet ihr, dass ich euch in die Verliese begleite?“

Ceval Dos schüttelte den Kopf. „Ich habe eine andere Aufgabe für euch.“, antwortete er und nahm die Depesche von Gol Tar vom Tisch. „In Vorbereitung auf die angekündigte Unterredung möchte ich euch bitten, euch mit dem Vorschlag des Reichsfeldmarschalls auseinanderzusetzen. Ihr würdet mir einen großen Dienst erweisen, wenn ihr bereits im Vorfeld einige Informationen über die Machbarkeit seiner Wünsche aufbereiten könntet.“, wies er den Schattenweber an.

Revos nahm das Schriftstück entgegen, ließ seinen Blick kurz darüber schweifen und steckte es in die Innentasche seiner Robe.

Sehr wohl. Ich werde sehen, was ich herausfinden kann. Viel Erfolg bei der Befragung des Verdächtigen – man hat mir gesagt, er sei recht widerspenstig.“
Das kann ich mir vorstellen, dachte Ceval Dos und nickte. „Danke. Ich komme auf euch zu, wenn diese Angelegenheit geklärt ist.“

Wie ihr wünscht.“, meinte Revos und verneigte sich noch einmal knapp, ehe er den Raum verließ.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Terugal - Geschichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s