Schattenspiel – Teil 3

Jaelad, Innere Festung, Tevasol-Verlies

Jahr des Falken, 5. Monat

11. Tag, Mittag

Das Verlies des kaiserlichen Geheimdienstes befand sich unter dem Verwaltungsgebäude, in dem Revos und die anderen Schattenweber, Agenten und Schattenflüsterer ihrer täglichen Arbeit nachgingen. Das Bauwerk selbst war unscheinbar und fügte sich nahtlos in Struktur und Stil der anderen Verwaltungsgebäude ein, die in der Inneren Festung Daleas untergebracht waren.

Sie alle waren in Ausrichtung auf den kaiserlichen Palast angelegt worden. Zwischen dem riesigen Prachtbau und den deutlich kleineren Ministerien erstreckte sich der große kaiserliche Garten, der von oben betrachtet wie ein dicht geflochtenes Netz anmutete, in dessen Zentrum der Palast stand. Rundherum waren die Ministerien in geometrischer Perfektion angeordnet, von wo aus sich das Netz aus Hecken, Blumenbeten und Wegen zu den Grenzen des Gartens hin weiter verzweigte.

Wie die kaiserliche Verwaltung sich von der obersten Autorität Kaiser aus immer weiter auffächerte, so tat es auch der riesige Garten, der einen Großteil der Fläche innerhalb des letzten Festungsringes in Anspruch nahm. Der Rest des Platzes war für die Vorratslager, Waffenkammern, Kasernen, Ställe und Übungsplätze der kaiserliche Garde reserviert – jene elitäre Truppe von Kriegern, die aus den Besten der Besten rekrutiert wurden. Sie alle besaßen außerordentliche Fähigkeiten, die sie zu furchtbaren Gegnern machte. Ausgebildet in den Künsten des She`Al in Linguosa, mussten diese Krieger eine ganze Reihe von Prüfungen bestehen, um in die Ränge der Garde aufgenommen zu werden. Je nach Jahrgang erreichten nur ein Drittel bis die Hälfte aller Kandidaten ihr Ziel – der Rest scheiterte an den großen Hürden und wurde ausgemustert. Doch wer in Linguosa gelernt hatte, wurde auch außerhalb der Garde hoch gehandelt. An einige Bewerber trat der Tevasol heran, um geeigneten Kandidaten eine andere Form des Dienstes für ihren Kaiser vorzuschlagen. Viele nahmen das Angebot an und wurden zu Schatten, zu den Elite-Agenten des Geheimdienstes – wie Tirian Revos. Jene, die das Angebot ausschlugen, fanden Anstellung in den Eliteregimentern des Militärs, der Marine oder in anderen Teilen der Verwaltung, je nach ihrer besonderen Fähigkeit. Einige zogen es auch vor, ihr Können zu perfektionieren, um später erneut an den Prüfungen teilzunehmen. Oder sie wurden zu Gelehrten an Universitäten, in Gilden oder Vagabunden, die sich zurückzogen von der Welt und eigenbrötlerisch ihrer Wege gingen.

Auf die erfolgreichen Prüflinge wartete nach ihrer Ausbildung die Pflicht, den Kaiser und seine Dynastie vor jedem Schaden zu bewahren. Trotzdem war die terugalische Geschichte nicht frei von Entführungen und Attentaten. Immer wieder hatten es Angreifer geschafft die Garde zu überwinden.

Das letzte Opfer war Prinz Joran gewesen. Der junge Thronfolger hatte sich im nördlichen Zisalca befunden, als es geschah. Er war auf dem Heimweg nach Dalea gewesen, wo er offiziell nach dem Tod seines Vaters zum Kaiser gekrönt werden sollte. Zwischen Crescuro und Caleio, dort wo zur Zeit das Schlachtfeld des Krieges lag, war der Prinz von Gesetzeslosen überfallen worden und im Chaos des Gefechtes umgekommen. Die Spurensuche des Tevasol brachte recht schnell die ersten Banditen zu Tage, die man festnahm und verhörte. Unter Folter gaben sie ihre Geheimnisse preis: der Trupp war von einem Nordländer handverlesen zusammengestellt worden, um den Überfall zu inszenieren – mit dem Ziel, den Prinzen zu töten. Das Netzwerk war unter Folter dank des schwachen Willen der simplen Banditen schnell aufgedeckt. Alles lief zurück zu jenem einen Mann.

Jenem Agenten, der in den Verliesen unterhalb des Ministeriums der Schatten auf Ceval Dos wartete. In der untersten Ebene, dem Hochsicherheitstrakt.

Der Weg durch die geheimen Gänge der Inneren Festung war schmal und stickig. Die Fackeln an der Wand füllten die Treppenschächte nicht nur mit Licht, sondern auch mit beißendem Qualm. Ceval Dos presste sich dem Ärmel seiner Robe ans Gesicht, um den Rauch nicht einzuatmen.

Das massive Gestein, in das die Gänge geschlagen waren, war hellrot wie Ziegel. Der Abstieg in die untersten Ebenen war nichts für schwache Nerven. Immer wieder gab es Passagen in absoluter Dunkelheit, in denen man sich leicht in einem der Seitengänge verirren konnte. Und je tiefer man kam, desto lauter wurden die Geräusche aus den Zellen und den Folterkellern. Während oben noch nahezu Stille herrschte, hörte man zuerst unheimliches Rascheln und Murmeln, etwas tiefer dann leises Stöhnen und gequältes Ächzen. Noch weiter unten drangen die Schreie aus den Folterkellern durch die schweren gusseisernen Türen, an denen Ceval Dos vorbeiging.

Schließlich erreichte er sein Ziel, die unterste Ebene – dort, wo nur die schlimmsten Staatsfeinde und Rädelsführer verhört und festgehalten wurden. Die Zellen dort lagen in absoluter Dunkelheit, ohne Frischluftzufuhr, vollkommen abgeschottet von der Außenwelt. Sie waren um die zentrale Folterkammer angeordnet, damit die Gefangenen auch dann permanenter psychischer Folter ausgesetzt waren, wenn sie selbst nicht in der Kammer waren.

Ceval Dos nahm die letzten Schritte zur Tür, die zu jener Folterkammer führten, öffnete sie und trat ins Innere. Ein Schwall heißer Luft schlug ihm entgegen. Der Nordländer hing an einem Holzgestell, seine Körper hing kraftlos an den festgeketteten Armen herab und war mit Blut und roten Striemen übersät, die einen scharfen Kontrast zur blassen Haut bildeten. Zwei Folterknechte und ein Schattenflüsterer standen um den Mann herum. Der Virial ließ Fragen auf den angeketteten Mann niederregnen, während die Folterknechte mit Peitsche und Messer in der Hand auf seine weiteren Anweisungen warteten.

Wer hat den Auftrag gegeben? Woher kam das Geld? Wer war noch darin verwickelt? Namen!“

Der Nordländer schwieg und ließ den Kopf hängen. Wütend machte der Schattenflüsterer eine Geste und der Folterknecht mit der Peitsche schlug zu. Ein gellender Schrei erfüllte die Kammer.

Genug.“, unterbrach Ceval Dos das Geschehen mit sanfter Stimme.

Der Schattenflüsterer fuhr herum und wollte ihn offenbar für seine Anmaßung geißeln, doch die Wut wich schlagartig aus dem Gesicht, als er Ceval Dos erkannte. Er verneigte sich etwas widerwillig und schwieg. Abgesehen vom Stöhnen des Gefangenen und dem knisternden Feuer im Schmelzofen herrschte einige Sekunden Stille.

Hinaus. Alle. Überlasst ihn mir.“, befahl der Meister der Schatten schließlich.

Die Folterknechte sahen sich an, legten dann ihr Werkzeug weg und waren im Begriff, den Raum zu verlassen, als der Schattenflüsterer das Wort erhob.

Mit dem größten Respekt, Meister, aber die Protokolle verbieten es…“

Ich kann die Protokolle jederzeit ändern, Schattenflüsterer. Danke für eure Besorgnis um die Einhaltung der Regeln, aber ihr vergesst, mit wem ihr sprecht.“, unterbrach ihn Ceval Dos kalt.

Der Schattenflüsterer sah zögernd zu ihm. Einen Moment befürchtete er, dass der Mann nicht so leicht klein bei geben würde. Doch schließlich nickte er und verließ mit den Folterknechten den Raum. Ceval Dos lächelte in sich hinein, wartete, bis die Schritte der drei Männer verhallt waren und trat dann zu dem Gefangenen.

Was für eine erbärmliche Gestalt ihr abgebt, wenn ihr so da hängt. Kaum zu glauben, dass ihr der Mörder des mächtigsten Mannes der Welt sein sollt.“, spottete er.

Der Gefangene hob den Kopf und sah Ceval Dos mit einer Mischung aus Widerwillen und Verwirrung an.

Ich… eure Stimme. Ich kenne euch…“, ächzte er leise.

Falsche Antwort.“, konstatierte Ceval Dos kalt und nahm die Peitsche in die Hand, die der Folterknecht vorm Verlassen des Raumes auf einem Tisch abgelegt hatte.

Aber dann wisst ihr wenigstens, warum ich hier bin.“, fügte er hinzu, während er den Griff der Peitsche betrachtete und mit dem Finger über das Leder fuhr.

Um mich zu befreien?“, riet der gefesselte Mann mit einer hoffnungsvollen Naivität, die Ceval Dos erstaunte. Wie dumm kann ein Mensch sein? Ein Wunder, dass er die Mission überhaupt erfüllen konnte.

Ihr seid ein Narr.“, schnaubte er und entrollte die Peitsche. „Und ihr hattet eure Chance bereits.“

Der Nordländer erbleichte und sah flehend zu ihm hinauf. „Bitte…“, flehte er leise.

Der Meister der Schatten lachte leise. „Wenn ich euch jetzt noch am Leben lasse, seid ihr eine Gefahr für mich persönlich. Es war schon vorher riskant genug, euch auf freiem Fuß zu wissen, aber damals kanntet ihr nur meine Stimme – heute wisst ihr, wer ich bin. Der letzte Beweis stirbt mit euch. Das hätte euch von Anfang an klar sein müssen“, antwortete er gedämpft.

Bitte, habt Gnade. Ich werde euch nicht verraten, ich habe doch schon in der Vergangenheit meine Treue und Verschwiegenheit bewiesen! Ihr könnt mich doch nicht einfach so…“

Ceval Dos ließ die Peitsche knallen. Der Nordländer schrie und zuckte unter den Schmerzen zusammen. Dann erschlaffte er in seinen Ketten und rang um Atem, das Gesicht verzerrt von Pein.

Es gibt noch eine Sache, die ich wissen muss.“, fuhr der Schattenmeister fort. „Eine Sache, die euch vielleicht noch retten kann.“

Der blasse Mann sah mit zusammengebissenen Zähnen zu ihm, in seinen Augen lag Zorn, aber auch Verzweiflung. Verzweiflung ist gut. Du hast eingesehen, dass du sterben wirst und ich biete dir die letzte Hoffnung – auch wenn du im Grunde selber weißt, dass ich mein Versprechen brechen werde.

Ich muss wissen, wie viel ihr bereits gesagt habt.“, verlangte Ceval Dos.

Ich wünschte, ich hätte ihnen alles gesagt, dann wärt ihr jetzt an meiner Stelle!“, fauchte der Attentäter und spannte seine Muskeln, um vergeblich an den Ketten zu ziehen.

Ceval Dos schüttelte tadelnd den Kopf.

Hättet ihr ihnen alles gesagt, wärt ihr schon jetzt Tod. Sobald sie alle Informationen haben, seid ihr eine leere Hülle, Ballast und nichts mehr wert. Ihr wärt zur Mittagsstunde hingerichtet worden, um Recht ergehen zu lassen. Gleichgültig, ob ihr die Marionette seid oder der Puppenspieler, ihr werdet bestraft, um dem Volk Befriedigung zu verschaffen. Also, ich frage ein letztes Mal: Wie viel habt ihr bereits preisgegeben?“

Er konnte das Zögern in den Augen des Gefangenen sehen, das Abwägen zwischen Hoffnung und Trotz, zwischen Zorn und Überlebenswille.

Warum sollte ich euch das sagen?“, sagte er schließlich mit Misstrauen und Widerspenstigkeit im Blick. Der Meister der Schatten lächelte sanft und beinahe väterlich.

Wie ich bereits sagte. Ich bin eure einzige Hoffnung auf Rettung. Und ich weiß bereits, dass ihr ihnen nicht alles gesagt habt und ich nicht wirklich in Gefahr bin.“

Ich wünschte, ich hätte ihnen alles gesagt, dann wärt ihr jetzt an meiner Stelle!, hörte er die Worte des Attentäters in seinen Erinnerungen widerhallen. Er konzentrierte sich auf das Bild und sah ihn vor sich in jeder Einzelheit. Außer du hast gelogen, um mich für dumm zu verkaufen…

Doch so sehr er suchte, er fand nichts, was auf eine Inszenierung hinwies. Der Zorn war echt, die Mimik, die Gestik und auch die Augen sprachen gegen eine Lüge. Und der Schattenflüsterer hatte schon vorher bestätigt, was Ceval Dos wissen musste:

Wer hat den Auftrag gegeben? Woher kam das Geld? Wer war noch darin verwickelt? Namen!, hörte er den Mann in scharfem Ton fragen. Trotzdem musste Ceval Dos wissen, was er bereits gesagt hatte, um die Ergebnisse seiner Befragung ohne Widersprüche angeben zu können.

Vielleicht bin ich zu sanft und zu gnädig mit euch.“, meinte er, nachdem der Mann mehrere Sekunden geschwiegen hatte. Er griff in eine Schale mit Pökelsalz und holte eine handvoll grober Salzkörner heraus. Der Gefangene folgte seiner Hand mit den Blicken und zuckte vor ihr zurück.

Wartet! Schon gut, schon gut.“, sagte der Gefangene schließlich, als das Salz nur noch einige Zentimeter von seiner mit offenen Wunden übersäten Haut entfernt war. Ceval Dos hielt inne und legte den Kopf schief. Schwächling, dachte er verächtlich und wartete. Kaum zu glauben, dass dieser Mann einst ein Agent im Dienste des Tevasol gewesen war, der die Nordfürsten jenseits des Realdor für Terugal ausspioniert hatte. Wäre er dabei als Spion enttarnt worden, hätte ihm mehr geblüht als nur Salz in den Wunden.

Ich habe ihnen gesagt, dass ich angeheuert wurde und für meine Dienste das Geld bekommen habe – die fünftausend Zastrae, von denen sie wissen wollten, woher sie kommen. Sie wissen, dass ich die Banditentruppe zusammengestellt habe, um das Attentat auszuführen.“, erklärte er, „Aber sie wissen nicht, von wem ich angeheuert wurde oder wo…“

Ceval Dos war schockiert darüber, wie schnell der Mann gebrochen war. Danach zu urteilen, dass Revos ihm sofort nach seiner Überführung in die Zelle Bescheid gegeben hatte und seither wohl keine ganze Stunde vergangen war, musste der Mann erstaunlich redselig gewesen sein. Er nahm sich vor, seine Agenten in Zukunft sorgfältiger und mit mehr Vorsicht auszuwählen. Er hatte Glück gehabt, dass er so schnell gewesen war. Hätte er mehr Spuren hinterlassen… nur die Ahnengeister wussten, was dann mit ihm geschehen wäre.

Er nickte und ließ die Worte in seinem Kopf nachhallen.

Danke.“, flüsterte er und rieb das Salz in die Wunden. Der Mann kreischte und versuchte, sich aus den Ketten zu winden, doch es war zwecklos. Ceval Dos verteilte das Salz über seine Brust und rieb es sorgfältig in die klaffenden Schnitte, die das Messer des Folterknechts hinterlassen hatte.

WARUM?“, schrie der Gefangene wimmernd und voller Qual, als Ceval Dos schließlich von ihm abließ und das Blut in einer Schale von seinen Händen wusch. Der Mann wand sich noch immer vor Schmerz in den Fesseln, während das Salz seine Wunden zum brennen brachte.

Wo bleibt meine Rettung?“, krächzte der Gefangene atemlos, während Tränen über sein Gesicht flossen. Der Meister der Schatten trocknete seine Hände mit einem Lappen, ehe er erwiderte:

Keine Sorge. Ich werde euch retten – vor den unendlichen Qualen, die ihr hättet ausstehen müssen, wenn meine Folterknechte euch bis zur letzten Aussage ausgequetscht hätten. Aber ihr werdet sterben und eure Geheimnisse mit ins Grab nehmen. Denn ich habe alle Informationen, die ich brauche – erinnert ihr euch an meine Worte? Ihr seid nun eine leere Hülle, Ballast – nichts mehr wert. Und eine Gefahr. Aber ich bin gnädig. Ich werde es nicht unnötig in die Länge ziehen, nur so, dass euer dahinscheiden glaubwürdig bleibt.“, erwiderte er leise und griff nach einer Stachelrolle.

Dann machte er sich an die Arbeit.

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