Fajal – Teil 1

Herauo, Ostgebirge
Jahr des Falken, 5. Monat
11.Tag, Mittag

Sein Kopf pochte und schmerzte, als er aus seinen seltsamen Träumen erwachte. Leise stöhnte er und versuchte, sich zur Seite zu rollen, doch ein stechender Schmerz fuhr durch sein linkes Bein und hielt ihn davon ab. Er versuchte tief durchzuatmen und musste Husten. Sein Hals war rau und trocken, ebenso wie sein Mund.
„Schhh, ihr müsst ruhen.“, sagte eine fremde Stimme, männlich, alt und brüchig.
Vicas schlug die Augen auf. Ein grauhaariger Mann mit dünnen Bartstoppeln beugte sich über ihn und schob eine Schale an seinen Mund. Vicas roch, wie der Geruch von Alkohol und verschiedenen Kräutern ihm in die Nase stieg und drehte seinen Kopf weg.
„Wasser..“, krächzte er leise und war bestürzt darüber, wie schwach seine Stimme war. Selbst der alte Mann klang im Augenblick lebendiger als er.
„Ist er wach?“, fragte eine bekannte Stimme mit nordländischem Akzent.
„Aye, aber störrisch wie ein Bock.“, erwiderte der alte Mann und versuchte, ihm den Sud einzuflößen. Sanos Grecans Hand packte seinen Arm und hielt ihn auf.
„Wasser!“, verlangte Vicas, diesmal etwas kräftiger.
„Worauf wartet ihr? Wenn er Wasser will, gebt ihm Wasser. Und lasst mich kurz mit ihm sprechen.“, herrschte Grecan den alten Mann an. Pikiert wandte der Alte sich ab und verschwand aus Vicas´ Blickfeld. Wasser plätscherte.
„Wie geht es euch?“, fragte Grecan mit besorgter Miene. Vicas versuchte, sich aufzurappeln, aber sein Körper versagte ihm den Dienst und es blieb bei einem vergeblichen Aufbäumen.
„Eh…“, ächzte er leise und biss die Zähne zusammen. „Ich… ich fühle mich, als wäre eine Herde Ochsen über mich getrampelt…“
Er versuchte, sich daran zu erinnern, was passiert war, doch er entsann sich nur der seltsamen Traumfetzen. Er war geflogen, über die weiten Felder, dann hatte ihn ein Raubvogel durch die Lüfte gehetzt… Er hatte auf den Mauern Crescuros gestanden und gegen die kaiserlichen Truppen gekämpft… Er war durch dunkle, weite Wälder gewandert und hatte irgendwo tief im Urwald einen großartigen Hirsch getroffen. Er hatte sich dem Tier vorsichtig genähert, und die Hand ausgestreckt, um es zu streicheln, doch in diesem Moment hatte es sich in einen Schicháss verwandelt und war mit gefletschten Zähnen über ihn hergefallen.
Er hatte geträumt, dass er zuhause war, auf seinem Landsitz, nicht allzu weit von Gardez, bei seiner Frau und seinen Kindern. Doch als er sie umarmen wollte, war das Fleisch von ihnen abgefallen und ihre hohlen Totenschädel hatten ihn angegrinst. Verstört versuchte er, die Traumfetzen abzuschütteln und sich auf die reale Welt zu konzentrieren.
„Wo sind wir?“, fragte er schwach und versuchte den Kopf zu Grecan zu drehen. Unter Schmerzen gelang es ihm, den verspannten Nacken zu bewegen. Er lag in einem großen Zelt auf einem Feldbett, das mit Stroh und Federn gepolstert war. Der unbekannte Alte stellte gerade den Krug mit Wasser zurück auf einen großen Arzneischrank, dessen zahlreiche Schubladen mit den Namen der Kräuter und Heilmittel beschriftet waren.
„In Sicherheit.“, meinte Sanos Grecan, der den alten Mann nicht aus den Augen ließ. Doch weder seine Anspannung noch sein fehlendes Vertrauen in den grauhaarigen Alten schienen so recht zu den Worten passen zu wollen.
Erneut versuchte Vicas sich daran zu erinnern, wie er hierher gekommen war und warum er hier war. Crescuro… die Kaiserlichen… der Bürgerkrieg… die Ruinen… die Flucht vor den Häschern. Langsam setzte sich das Bild wieder zusammen.
Das Letzte, an das er sich noch deutlich erinnern konnte, war das Scharmützel am Ufer des Baches gewesen. Er sah noch deutlich vor sich, wie ein Pfeil Agos Chalan niederstreckte, während die Felsenhunde nach vorn stürzten. Vicas´ erster Schwertstreich hatte einem Hunde die Kehle geöffnet, während er dem Tier mit einem Seitschritt auswich. Gurgelnd und blutsprudelnd war der todgeweihte Wolfshund an ihm vorbei gesegelt und hatte sich am Boden gewunden. Der zweite Stoß hatte einen anderen Felsenhund in der Flanke getroffen, der über Agos Chalan herfiel. Wütend war das Tier herumgefahren und hatte ihn mit bluttriefender Schnauze und pechschwarzen, bösartigen Augen angestarrt. Dann war sein Bein vor Schmerz explodiert, als sich ein Speer durch seinen Oberschenkel bohrte. Die Welt hatte sich um ihn gedreht, als er auf den Boden sank, dann konnte er sich an nichts mehr erinnern.
Und nun war er in diesem Zelt. In Sicherheit, wenn man Sanos Grecan glauben wollte. Und scheinbar auch noch am Leben – oder war dies die Ahnenwelt, in die sein Geist mit seinem Tod eingegangen war? Vicas verwarf die Idee, denn seine Schmerzen fühlten sich nur allzu real an – Geister litten keine Schmerzen. Sie mussten den Kaiserlichen also entkommen sein.
Inzwischen war der alte Mann zu seinem Bett zurückgekehrt und hielt ihm mit säuerlichem Blick eine Schale mit einer klarem Flüssigkeit hin. Misstrauisch roch der Baron daran und ließ schließlich zu, dass der Mann ihm das kühle Wasser einflößte. Nach mehreren großen Schlücken ließen die Schmerzen in seinem ausgedörrten Hals langsam nach.
Nachdem er seinen Durst gestillt hatte, sah er wieder hinauf zu Grecan und fragte ihn erneut und mit etwas mehr Nachdruck: „Wo sind wir?“
Der Offizier warf ihm einen sorgenvollen Blick zu.
„Im Feldlager des Sternenbanners.“, antwortete er schließlich. „Oder was davon übrig ist.“
Vicas Miene verfinsterte sich.
Sie waren den Fängen der Kaiserlichen zwar entkommen – aber es schien, als wäre ihnen das Glück nicht so gnädig gewesen, sie in verbündetes Terrain zu verschlagen. Das Sternenbanner war eine kaiserliche Armee aus den südlichen Provinzen gewesen, die im Frühjahr des letzten Jahres auf Geheiß des Kaisers nach Herauo entsendet worden war, um eine Invasion der Schicháss aus dem Ostgebirge zurückzuschlagen. Die reptilienartigen Schicháss, deren Nester tief in den finsteren Höhlen des Ostgebirges lagen, reichten einem ausgewachsenen Mann etwa bis zur Schulter und waren einschließlich ihres peitschenden Schwanz etwa doppelt so lang wie hoch. Auf dem Rücken prangte bei den meisten ein Stachelkamm, der oft bei männlichen Exemplaren besonders stark ausgeprägt und farbig war. Der tödliche Schwanz endete in einer messerscharfen Spitze, die ein Schicháss neben seinen ellenlangen Klauen und seinem Gebiss als Waffe einsetzte. Obwohl sie auf den ersten Blick sehr schmal und zerbrechlich wirkten, waren die Bestien auch dank ihrer Schuppenhaut, die als natürlicher Panzer diente, äußerst zäh.
Alle paar Jahre fielen sie wellenartig und vermutlich auf der Suche nach Nahrung oder neuem Revier über die östlichen Gebiete Terugals her. Mal waren es kleine Rudel, mal größere Gruppen aus mehreren hunderten Bestien – solche Vorstöße wurden oft der lokalen Miliz oder den Haustruppen der Barone und Fürsten überlassen. Doch es kam auch vor, dass sie zu Tausenden aus dem Gebirge hervorquollen und über ganz Ost-Terugal herfielen. Dann wurde der Einsatz der kaiserlichen Banner notwendig. So war es im späten Winter des letzten Jahres gewesen, als die Bewohner Ost-Herauos panisch die Landstriche entlang des Gebirges verlassen hatten, als sie von den ersten Schicháss-Angriffen gehört hatten. Die Miliz war hoffnungslos unterlegen gewesen und fiel den räuberischen Reptilien schnell zum Opfer. Erst nach dem Eintreffen des Sternenbanners hatte man der Schicháss Herr werden können. An der Spitze des Banners stand General Fajal, einer der erfahrensten Schicháss-Jäger. Er hatte in der Vergangenheit bereits zahlreiche Überfälle dieser Art erfolgreich zurückgeschlagen und auch dieses Mal schien sein Einsatz bald von ersten Erfolgen gekrönt. Den Sommer hinweg hatte er die Nester der Schicháss gefunden und ausgeräuchert, mehrere Scharmützel und größere Gefechte gegen die Bestien gewonnen.
Doch schließlich war er durch den Kaisers dazu aufgefordert worden, das Kommando über das Banner an einen anderen General abzutreten und nach Dalea zurückzukehren. Die Details des Schlagabtausches hatte Baron Vicas in den Wirren der Verhandlungen um die Reformierung der Landordnung in den Nordprovinzen verpasst, doch offenbar hatte der General protestiert und war daraufhin seines Amtes enthoben und erneut zur Rückkehr nach Dalea aufgefordert worden. Seine erneute Weigerung im Herbst war mit der Meuterei des Sternenbanners einhergegangen, das treu zu seinem General stand. Ohne genug militärische Macht um einen Staatsstreich wagen zu können, aber ohne Chance auf Rehabilitation hatte Fajal sich an der Grenze zum Ostgebirge festgesetzt und die Herrschaft über große Teile des Hügellandes an sich gerissen, indem er sich lokale Verbündete suchte, mit Banditen und anderen Kriminellen zusammenarbeitete oder den Menschen vor Ort eine einfache Wahl stellte: Zusammenarbeit oder Tod.
Vicas wusste nicht genug über diesen General, um ihn einschätzen zu können. Seine Querelen mit dem Kaiser waren mit dem letzten Atemzug des alten Mannes ausgehaucht worden, doch er wurde auch von der Kaiserin nicht rehabilitiert. Ob sie ihn schlicht zwischen den sich überschlagenden Ereignissen übersehen hatte oder ob sie aus einer Position der Stärke heraus auf seine Kapitulation hoffte, vermochte Vicas nicht zu sagen. Ebenso wenig wusste er, wie Fajal ihm gegenüberstand. Es blieb die Gefahr, dass der General ihn nur zu gern gegen einen Straferlass und Wiederherstellung all seiner Würden an den Süden auslieferte. Genauso gut bestand die Möglichkeit, dass Fajal gar nicht an einem solchen Tausch interessiert war – oder  gar nicht wusste, wen er in seinen Fängen hielt.
„Der General wünscht euch zu sprechen, nun, da ihr wachen Verstandes seid.“, verkündete der alte Mann und reichte ihm eine weitere Schale Wasser, nachdem Vicas die erste gierig geleert hatte.
„Alles der Reihe nach….“, murmelte Vicas und trank noch ein paar Schlucke, „Zuerst muss jemand mit auf den neuesten Stand bringen. Ich weiß nicht, was alles passiert ist, seit – wie lange war ich bewusstlos?“
„Drei Tage, ziemlich genau.“, antwortete Sanos Grecan.
„Drei Tage?!“, wiederholte Vicas ungläubig und setzte sich kerzengerade ins Bett. Eine Sekunde später bereute er die abrupte Bewegung, als Schmerz durch seine schwachen Glieder fuhr. Doch er legte sich nicht zurück, sondern biss die Zähne zusammen und zwang sich, sitzen zu bleiben.
„Zwischendurch wart ihr ein oder zwei Mal wach, habt unverständliche Dinge gemurmelt und seid bald darauf wieder eingenickt. Wir hatten zwischenzeitlich große Sorgen, aber Dalan Saran hier meinte, das sei bei einer Wunde wie der euren ein gutes Zeichen.“
„Wie schlimm ist es? Und wie geht es den anderen?“
„Ihr hattet Glück.“, mischte sich der Alte Mann ein, bevor Grecan antworten konnte. „Die Wunde an eurem Bein wurde rechtzeitig gereinigt und behandelt, sie schwelt nicht und verheilt bisher gut. Aber ihr dürft es in nächster Zeit keinesfalls starken Belastungen aussetzen! Sonst kann ich nicht garantieren, dass es euch nicht doch noch abgenommen werden muss.“
Vicas zog eine Grimasse. Er hatte einen Krieg zu führen und konnte es sich nicht leisten, ans Bett gefesselt zu sein. Wie sollte er nach Crescuro kommen, wenn er keinen anstrengenden Ritt unternehmen konnte? Von hier aus war er niemandem eine Hilfe.
„Agos Chalan ist im Gefecht gefallen, die Rettung kam für ihn zu spät.“, erklärte Grecan schließlich. Vicas´ Miene verdunkelte sich etwas. Agos Chalan war sein erfahrenster Offizier gewesen, mit vielen Jahren militärischer Erfahrung und einem exzellenten Sinn dafür, welche Pläne und Vorhaben realistisch und umsetzbar waren. Er hatte stets ruhig und bedacht gehandelt und Vicas mit seinen Ratschlägen oftmals gute Dienste erwiesen. Statt seinen Lebensabend in Ruhe zu verbringen, hatte er erneut für die Rechte der Nordprovinzen zu den Waffen gegriffen und war nun schließlich doch dem tobenden Krieg zum Opfer gefallen.
Ruhe in Frieden., dachte Vicas und nickte dann langsam. Sanos Grecan fuhr fort.
„Valan ist nur leicht verletzt, euer neuer Freund hat sich wacker gegen einen Felsenhund geschlagen und ist bis auf einige Kratzer unversehrt geblieben, da er unter dem Kadaver des Tieres eingeklemmt war. Ich selbst habe einige Pfeile abbekommen, aber keine schweren Wunden.“
„Trotz des tragischen Verlustes scheint es, als hätten unsere Ahnen uns recht gut beschützt…“, meinte Vicas angesichts der Tatsache, dass er in dem Moment, als die Kaiserlichen zum Angriff übergingen, ihr aller Ende als unausweichlich angesehen hatte – und doch war nur Einer von Vieren gefallen.
„Ich bezweifle, dass Ihr die Patrouille des Kriegsherren, die schließlich eingegriffen hat, tatsächlich als unsere Ahnen und Schutzgeister bezeichnen wollt…“, warf Grecan ein.
„Nein, das wäre in der Tat zu viel des Guten.“, pflichtete Vicas ihm bei und fügte hinzu: „Allerdings kann man nicht sagen, dass ich undankbar für ihr überraschendes Auftauchen wäre.“
„Ihr werdet bald genug Gelegenheit haben, euch beim Kriegsherren persönlich dafür zu bedanken.“, eröffnete ihm Grecan und erntete den Bösen Blick des Arztes, der noch immer neben ihnen stand.
„Ihr solltet etwas mehr Achtung vor dem General walten lassen, nachdem er euch als seine Ehrengäste empfängt.“, bemerkte der Dalan mit bissigem Tonfall.
„Verzeiht meine verfehlte Ausdrucksweise.“, erwiderte der Soldat diplomatisch, im Versuch, den Frieden wiederherzustellen. Der Dalan nahm seine Entschuldigung nickend zur Kenntnis, wirkte aber noch nicht vollends überzeugt.
Obwohl General Fajal in den letzten Monaten in Herauo und im Rest des Kaiserreiches landläufig als einer der Kriegsherren bezeichnet und behandelt wurde, waren die Männer in seinen Diensten verständlicherweise nicht gewillt, die Kriminalisierung ihres Anführers so einfach hinzunehmen.
„Wann möchte mich der General empfangen?“, fragte Vicas.
„Sobald ihr euch wieder kräftig genug fühlt.“, erwiderte Sanos Grecan.
„Gut. Dann erlaubt mir, mich noch etwas zu erholen und vorher etwas zu essen. Ich fühle mich, als hätte ich drei Tage nichts gegessen.“, schloss Vicas und schmunzelte, als er bemerkte, dass er tatsächlich seit drei Tagen keinen Bissen zu sich genommen hatte.

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