Fajal – Teil 3

„Es scheint, als hätte ich Recht gehabt, als ich sagte, dass wir uns sehr ähnlich sind, Baron.“, meinte er und biss von der Frucht ab.
„Meine Aussicht auf Sieg ist ebenso gering wie eure, wenn mich General Tar auf offenem Feld stellt. Mein Banner hat die Hälfte seiner Männer durch Scharmützel mit den Schicháss, Machtproben mit kleinen Kriegsherren und Desertation eingebüßt. Wir sind unterversorgt und haben seit Monaten kein neues Kriegsmaterial erhalten. Aber wir halten uns und wir kontrollieren große Teile des Ostgebirges. Das östliche Mittelherauso steht faktisch unter meinem Einfluss. Solange die Kaiserin, wie ihr Vater vor ihr, darauf besteht, dass ich Amt und Würden zusammen mit meinen Waffen niederlege, um mich der Militärgerichtsbarkeit für meine Vergehen zu stellen, werde ich hier ausharren und jeden Angriff mit Hinterhalten und Störmanövern zum Scheitern verurteilen.“, stellte Fajal klar.

——-

Von welchen Vergehen sprecht ihr?“, fragte Vicas interessiert.

Der General zog ein verächtliches Gesicht und schnaubte ungehalten.

Mir wird vorgeworfen, ich hätte den Befehl des Kaisers missachtet und müsste mich wegen…“, Fajal sah sich kurz auf seinem Schreibtisch um und nahm eine Depesche zur Hand,

…Wegen Insubordination, Respektlosigkeit gegenüber dem Kaiser und Übergriffen gegen die Zivilbevölkerung in Herauo… verantworten.“, las er vor und legte den Brief weg.

Schwerwiegende Vorwürfe…“, sinnierte Vicas nachdenklich.

Fabrizierte Vorwürfe. Aus heiterem Himmel bekam ich die Anweisung, mein Kommando über das Sternenbanner nach meinem durchwachsenen Erfolg zugunsten eines jüngeren und fähigeren Generals niederzulegen!“, echauffierte sich Fajal. „Meine Kampagne gegen die Schicháss war anstandslos! Die Bestien waren schon zu diesem Zeitpunkt auf dem Rückzug in ihre Höhlen, die Soldaten gerade mit der Vorbereitung einer Strafexpedition ins Gebirge beschäftigt, als diese Depesche eintraf! Natürlich habe ich protestiert und meine Erfolge herausgestellt, dem Kaiser empfohlen, das Kommando nicht zu wechseln, da gerade für den Gegenstoß ins Gebirge die immense Erfahrung eines General Fajal notwendig ist. Ich habe mich sogar zurückgehalten, habe respektvoll und höflich meine Sicht der Dinge dargestellt, statt dem Kaiser offen zu widersprechen. Als Antwort bekam ich diesen Brief, der mich zum Kriminellen degradiert. Welche Wahl hatte ich, als mich gegen diese Unverschämtheit aufzulehnen? Zu diesem Zeitpunkt habe ich erkannt, dass es eine Intrige gegen mich sein musste – eine absichtliche Provokation, um mich als Anwärter für den Posten des Reichsfeldmarschalls zu diskreditieren. Ich war der älteste der kaiserlichen Generäle, nach dem Jahrhunderte lang gewahrten Prinzip der Seniorität wäre der Posten an mich übergegangen statt an General Tar – und dann, wenige Monate später, der lang erwartete Tod des Feldmarschalls. Mittlerweile ist mir alles klar – mittlerweile weiß ich, wer dahinter steckt und warum. Aber ich bin in die Falle getappt, weil meine Ehre und mein Stolz einen solchen Angriff möglich gemacht haben. Wenn man sich sein Leben lang alles hart erarbeitet und erkämpft hat, ist man nicht bereit, solche Vorwürfe auf sich sitzen zu lassen.“, erzählte er mit einer Mischung aus Verbitterung und Schmerz in der Stimme. Unbewusst hatte er während seiner Rede die Hand zur Faust geballt. Der Baron hatte die Stirn in Falten gelegt und hörte aufmerksam zu.

Und nun steht auch ihr mit dem Rücken zu Wand – wenn ihr nachgebt, verliert ihr nicht nur Amt und Würden, sondern auch eure Ehre und alles wofür ihr lang gearbeitet habt. Bleibt ihr hier in Herauo, gewinnt ihr nichts, aber müsst euch nicht der Schmach stellen, den Intriganten den Sieg zu gönnen. Aber die Position des Reichsfeldmarschalls bleibt euch wohl verwehrt, selbst wenn ihr eure Rehabilitation erkämpfen könnt. Sollte es also eine Intrige Tars sein, war sie durchaus gut gesponnen.“, überlegte Vicas laut.

Bezweifelt ihr etwa, dass das alles das Werk Gol Tars ist?“, fragte Fajal mit einer Mischung aus Unglauben und Ärger.

Ich sage lediglich, dass nichts in dieser Hinsicht erwiesen ist. Eure Theorie klingt aber durchaus plausibel.“, entgegnete Vicas. Die Tatsache, dass das Zerwürfnis zwischen Fajal und dem Kaiserreich offenbar tiefgreifender war, als er es anfänglich vermutet hatte, hatte das Interesse des Barons geweckt. Seines rechtmäßigen Anspruches beraubt war Fajal in einer Zwickmühle gefangen, aus der er nicht ohne Verlust herauskam. Schon jetzt hatte er sein Ansehen im gesamten Kaiserreich verloren, auch wenn er sein Ansehen vor sich selbst bewahren konnte. Als Kriegsherr denunziert und verschrien wurde der Name Fajal heute nur noch mit Negativem verbunden. Auch wenn er wohl tatsächlich – wenn man Feran glauben konnte – einige Gräueltaten begangen hatte, mit denen man nicht konform gehen musste, konnte Vicas die Gründe für seine Handlungen durchaus nachvollziehen. Als Mann der Tat und als erfahrener General hatte er die notwendigen Schritte ergriffen, um sich und seinen Männern das Überleben zu sichern – einschließlich der Plünderungen, Übergriffe auf die Zivilbevölkerung und der berüchtigten Wahl zwischen Zusammenarbeit und Tod.

Wenn er so darüber nachdachte, wusste Vicas selbst nicht, was er an der Stelle des Generals getan hätte. Ohne Nachschub konnte eine Armee nicht überleben, Geld hatte er nicht zur Verfügung und wenn die umliegenden Dörfer die einzige Nahrungsquelle darstellten, blieb kaum etwas anderes übrig, als darauf zurückzugreifen. Im Krieg war beinahe jede Entscheidung ein Dilemma.

Aber nur beinahe. Manche Entscheidungen waren denkbar einfach zu treffen, auch wenn es manchmal etwas Überwindung kostete, sie in die Tat umzusetzen. Vicas nahm sich eine Fruchtscheibe vom Silbertablett und biss hinein, während er sich zurücklehnte.

Wie ihr bereits zwei Mal betont habt, sind wir in einer ganz ähnlichen Situation. Wir haben dieselben Feinde – und auch wenn unsere Gründe im Detail unterschiedlich sind, rebellieren wir beide gegen ein Unrecht, das so nicht hinnehmbar ist. Wir können weiterhin einzeln gegen unseren gemeinsamen Feind kämpfen. Oder wir können unsere Kräfte vereinen und unsere Chancen auf einen Sieg erhöhen.“, schlug Vicas vor.

Fajal nickte nachdenklich und strich sich mit den Fingern über das Kinn.

Ich schätze, nachdem ich eure Gründe nun kenne, ist diese Option nicht mehr allzu abwegig. Allerdings darf ich euch darauf hinweisen, dass meine Unterstützung nicht vollkommen ohne Gegenleistung erwartet werden kann, auch wenn ihr der Feind meines Feindes seid.“, erwiderte er.

Selbstverständlich bin ich bereit, eure Bedingungen zu hören und mir ein Urteil darüber zu bilden, ob sie für uns akzeptabel sind.“, nickte Vicas.

Fajal lehnte sich vor und stützte sich mit den Unterarmen auf dem Tisch ab.

Ihr könnt euch vorstellen, dass es mir nichts nützt, wenn ich für die Rücknahme eurer verhassten Reform kämpfe und dann, nachdem das Ziel erreicht ist und ihr die Waffen niedergelegt habt auf dem Schafott lande.“, meinte er und zählte an den Fingern ab:

Erstens: Straffreiheit für mich und meine Männer als Mindestbedingung für jede Verhandlung mit den Kaiserlichen. Zweitens: Wiederherstellung aller Ämter und Würden die mir zustehen. Wenn möglich durch die Kaiserin persönlich – von mir aus bin ich bereit, über die ein oder andere Position zu reden, die für mich nicht weiter von Wert ist, aber ich verlange, dass dieses Ziel zusätzlich zum Widerstand gegen die Reformen verfolgt wird.

Drittens: Ich behalte das Oberkommando über mein Banner. Kein anderer Befehlshaber wird meine Truppen kommandieren, solange ich am Leben bin.

Viertens: Freie Hand gegen General Tar. Fünftens: Der monatliche Sold meiner Truppen wird komplett aus der Kasse der Nordprovinzen bezahlt.“

Vicas hörte ihm mit kraus gezogener Stirn zu und wartete, bis der General seine Punkte vorgebracht hatte. Dann legte er die Fingerspitzen aneinander und erwiderte:
„Den ersten Punkten habe ich nichts hinzuzufügen – unser Ziel ist es, für jeden, ob Soldat, Bauer, Verwalter oder Kommandeur, einen Straferlass zu verhandeln. Dabei seid ihr natürlich mit eingeschlossen. Sollte unser Aufstand Erfolg haben, werden wir auch für die Wiederherstellung eurer Positionen eintreten, um eurer Unterstützung sicher zu sein. Und selbstverständlich behaltet ihr euren Rang als General auch wenn ihr an unserer Seite kämpft und dürft eure Truppen weiterhin befehligen. Ich bezweifle sowieso, dass sie jemand anderem folgen würden, nachdem sie für euch alles riskiert haben. Solche Treue ist beeindruckend und es liegt uns nichts daran, die Kampfkraft eurer Männer zu verringern, indem wir ihren angesehenen Anführer austauschen.

Allerdings möchte ich die letzten zwei Punkte eingehender diskutieren.“, erwiderte Vicas und erntete ein Nicken seines Gegenübers.

Ich kann euch keine freie Hand gegen General Tar gewähren – zumindest nicht, wenn ihr damit meint, alle Pläne in den Wind zu schlagen, um mit aller Macht eurer persönlichen Fehde nachzugehen. Damit bringt ihr mehr Gefahren als Nutzen für unsere Sache. Wenn ihr damit lediglich meint, im Rahmen der vereinbarte Strategie mehr als das nötige zu tun, um General Tar das Leben zur Hölle zu machen, dann sei es so – wichtig ist, dass ihr die Grenze zur Unvernunft nicht für eure persönliche Rache überschreitet. Sonst lockt Tar euch womöglich erneut in eine Falle. Nach allem, was ich über euch gehört habe, seid ihr durchaus in der Lage, diesen Drahtseilakt zu meistern, aber ich möchte es im Vorhinein klarstellen.“, erklärte Vicas.

Fajal neigte den Kopf etwas und lächelte schmal. „Nun gut, dann formuliere ich meine Forderung um: Ich möchte im Rahmen eurer Pläne eure Garantie bekommen, dass mein Banner nicht in der strategischen Reserve landet und ich keine Möglichkeit bekomme, Tar auf dem Schlachtfeld eine blutige Nase zu verpassen.“

Vicas lachte leise. „Keine Sorge, General. Wenn wir uns über eure letzte Forderung einigen können, versichere ich euch, dass ihr sehr bald die Gelegenheit bekommt, euch mit ihm zu messen. Mittlerweile müssten seine Truppen kurz vor Crescuro stehen und die Belagerung dürfte bald beginnen. Mit eurer Unterstützung können wir den Kaiserlichen eine böse Überraschung bereiten.“

Und eure Antwort auf meine letzte Forderung lautet…?“

Eindeutig nein. Es ist unmöglich, ein weiteres Banner vollständig und über Monate oder Jahre hinweg regelmäßig zu bezahlen und gleichzeitig das Geld für seine Versorgung aufzubringen. Dafür reichen unsere begrenzten Mittel nicht. Ich verstehe, dass eure Männer seid einem halben Jahr keinen Zastrae mehr gesehen haben und mürrisch werden. Aber das zeigt mir auch, dass sie bereit sind, für euch zu kämpfen, ohne eine Münze zu verdienen.“

Habt ihr diesbezüglich noch einen Vorschlag, oder ist dies euer letztes Wort?“, fragte Fajal kühl und lehnte sich selbstsicher in seinem Sessel zurück. Er wusste, dass Vicas es sich nicht leichtfertig leisten konnte, auf diese einmalige Chance zu verzichten. Und das wusste auch der Baron.

Wie ich bereits andeutete, werden wir eure Truppen auf unsere Kosten versorgen. Mit Waffen, mit Verpflegung und Material. Ihr bekommt Zugriff auf unsere Versorgungslager und könnt euch dort mit allem eindecken, was ihr benötigt. Ohne, dass eure Soldaten dafür etwas zahlen müssen.“

Gut. Noch etwas?“, hakte Fajal nach und verschränkte die Arme. Vicas musterte ihn kurz und sah im Blick des Generals, dass es noch nicht genug war, um seine Kooperation zu sichern.

Zusätzlich dazu sind wir bereit, eine einmalige Prämie an die Soldaten auszuzahlen, die der Höhe von zwei Monatssolden entspricht.“, bot der Baron in Vertretung für die Rebellen an, nachdem er die Höhe der Summe geschätzt hatte.

Drei.“, verlangte Fajal.

Vicas zögerte kurz. „Zwei garantiert und ein dritter Monatssold für euer Banner, wenn die Gefahr einer Belagerung Crescuros gebannt ist.“

Einverstanden.“, nickte Fajal und lächelte.

Zufrieden besiegelten Sie ihre Zusammenarbeit mit einem Handschlag und die Anspannung, die sich während ihrer Verhandlung kurzzeitig aufgebaut hatte, fiel von ihnen ab.

Nun muss ich euch doch dazu zwingen, einen Schluck meines Weines mit mir zu teilen, um auf unser Bündnis zu trinken.“, sagte Fajal und füllte zwei Becher. Vicas lachte leise.

Gut, aber nicht so viel.“

Auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit, Baron.“

Auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit.“

Mit einem metallischen Klappern stießen sie an.

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