Fajal – Teil 4

Herauo, Ostgebirge

Jahr des Falken, 5. Monat

12. Tag, Nacht

Als Vicas von seiner Audienz mit dem General zurückkehrte, war es bereits spät am Abend. Das große und für militärische Verhältnisse luxuriös eingerichtete Zelt, das ihnen als Schlafplatz zur Verfügung gestellt worden war, befand sich nicht allzu weit von der Mitte des Lagers entfernt, wo seine Verhandlung mit dem General stattgefunden hatte. Vicas war froh darüber, nicht allzu weit mit den Krücken humpeln zu müssen, die ihm der Dalan nach seiner Entlassung aus der Behandlung mitgegeben hatte. Die Anweisungen des Arztes waren recht deutlich gewesen: Das Bein musste geschont werden und Vicas sollte sich weder körperlich noch geistig überanstrengen, wenn er seine Chancen auf Heilung nicht gefährden wollte. Dennoch hatte der alte Mann mit etwas Widerwillen zugelassen, dass Vicas die Nächte bei seinen Kameraden verbringen durfte, solange er sich bei weiteren Beschwerden sofort bei ihm meldete.

Er wusste noch nicht so recht, wie er seinen Begleitern erklären sollte, was die Konsequenzen seines Gesprächs mit dem General waren. Im Grunde war er selbst noch viel zu überrascht über die unerwartete Wendung der Dinge. Er konnte kaum glauben, dass er tatsächlich soeben einen weiteren Verbündeten gewonnen hatte, der ein halbes Banner direkt nach Crescuro führen konnte – und das auch mit Begeisterung tun würde. Anfangs war sich Vicas nicht sicher gewesen, ob der General es ernst meinte oder ob er nur ein grausames Spiel mit ihm spielte. Aber seine erste Einschätzung hatte sich als richtig erwiesen: Fajal war ein überaus offener Mann, der manchmal Schwierigkeiten hatten, seine Zunge im Zaum zu halten – und diese Schwäche war scheinbar gezielt ausgenutzt worden. Vicas konnte nur hoffen, dass der General in militärischen Belangen weniger impulsiv war und eher vermochte, seine persönlichen Befindlichkeiten beiseite zu legen, wenn es um strategische Entscheidungen ging. Seine glänzenden Erfolge in der Vergangenheit zeigten, dass er ein fähiger Stratege war und machten Hoffnung, dass er dazu in der Lage sein würde. Andererseits hatte er bisher nie gegen einen Gegner ins Feld ziehen müssen, mit dem er eine persönliche Feindschaft pflegte. Doch selbst im schlimmsten Fall – selbst wenn Fajal versagte, würde er die Kaiserlichen eine Weile beschäftigen und höchstens seine eigenen Truppen dem Untergang weihen. Pragmatisch betrachtet hatte Vicas mit dem Bündnis wenig zu verlieren – aber viel zu gewinnen.

Im Inneren des Zeltes warteten Toreo Valan, Sanos Grecan und Feran ungeduldig auf seine Rückkehr. Während der Grabräuber die Hände im Nacken verschränkt auf einer der Strohmatratzen lungerte und die Decke anstarrte, ging Sanos Grecan ruhelos im Zelt auf und ab. Valan saß sichtlich entnervt auf einem der hölzernen Stühle.

Könntest du bitte damit aufhören?! Dadurch geht es auch nicht schneller!“, herrschte er gerade Grecan an, als Vicas die Zeltplane im Eingang mit seiner Krücke beiseite schob und hineintrat. Sofort richteten sich alle Blicke auf ihn, Grecan blieb stehen, machte dann einen Schritt zum Zelteingang und hielt die Plane offen.

Danke.“, murmelte Vicas und humpelte hinein. Mit einem Ächzen ließ er sich langsam auf einen der Stühle nieder und biss die Zähne zusammen, als sein Bein von neuerlichen Wellen aus Schmerz durchflutet wurde. Als die Qualen erneut zu einem dumpfen Pochen abgeebbt waren, lehnte er die Krücken an den Tisch in der Mitte des Raumes. Erwartungsvoll schauten die drei Männer ihn an.

Fajal schickt das Banner ins Feld. Nach Crescuro.“, eröffnete Vicas ihnen schließlich knapp.

Nach Crescuro?!“, echote Toreo Valan ungläubig und Sanos Grecan erbleichte.

Nach Crescuro – gegen General Tar und die Kaiserlichen.“, bestätigte Vicas.

Gegen die Kaiserlichen? Heißt das… heißt das, er ist auf unserer Seite?“, fragte Sanos Grecan, dessen Miene nun von Unglauben und Argwohn geprägt war. Nun wandte auch Feran den Blick von der Wand ab und blickte interessiert hinüber. Vicas nickte.

Wir haben ein Bündnis ausgehandelt. Der General hat seine ganz eigenen Gründe, um gegen die Kaiserlichen zu kämpfen, ist aber bereit, uns für gewisse Gegenleistungen zu unterstützen und sich der Rebellion anzuschließen.“, fasste der Baron knapp zusammen und rieb sich müde die Augen.

Feran setzte sich aufrecht auf das Bett. „Ihr habt was?“, fragte er kalt und schaute ebenso ungläubig drein wie die anderen beiden Männer.

Vicas atmete tief durch. „Ich habe ihm angeboten, unsere Kräfte zu vereinen, um gemeinsam unsere Ziele zu erreichen – und er hat zugestimmt. Des Feindes Feind ist unser Freund. Mit dem Sternenbanner haben wir einen Trumpf in der Hand, der die gesamte Situation…“

Ihr meint das wirklich ernst?“, unterbrach Feran ihn wütend, „Ihr wollt euch wirklich mit diesem Mörder verbünden? Seit Monaten terrorisiert er die Gegend, schlachtet die Bewohner ab wie Tiere! Seine Soldaten schänden die Frauen und Kinder und stehlen alles, was ihnen nach den Schichássangriffen noch geblieben ist!“, rief Feran und ballte die Fäuste.

Seine Schergen haben meine Familie getötet, sie haben alles genommen was wir hatten – unsere Vorräte, unser Saatgut, die Pferde, Ochsen, Werkzeuge…“

Euer Verlust tut mir aufrichtig Leid, aber was in der Vergangenheit passiert ist, kann ich nicht mehr ändern. Es gibt so vieles, was anders hätte laufen sollen.“, versuchte Vicas ihn zu beruhigen. Doch der Grabräuber wollte sich gar nicht beruhigen.

Ihr verbrüdert euch mit einem Mörder und Plünderer statt ihm seine gerechte Strafe zukommen zu lassen! Ich dachte, ihr seid ein ehrenwerter Mann, Baron. Aber stattdessen macht ihr euch zu einem Komplizen dieses Mannes! Wie viel besser als er seid ihr damit?! Statt den Opfern Gerechtigkeit zu schenken trampelt ihr auf ihren Gräbern herum!“, brauste Feran mit hochrotem Kopf auf.

Genug!“, herrschte Vicas ihn an, „Ihr kennt mich nicht gut genug, wie es scheint. Ich wünschte, es wäre alles so einfach wie ihr es beschreibt! Ich wäre gern der ehrenhafte Baron, der euch aus eurem Elend rettet und euch eine bessere Zukunft schenkt, aber die Wahrheit ist, ich bin tatsächlich ein Mörder! Wie viele tausend Männer sind schon wegen mir in den Tod gegangen? Ich habe Männer persönlich umgebracht, im Zweikampf – bis heute verfolgen mich ihre Augen im Schlaf, ihre sterbenden, verblassenden Augen, nachdem meine Waffe sie durchbohrt hat. Ich habe Männer in die Schlacht geführt und geopfert, um selbst zu überleben, weil ich mich für wichtiger halte als sie es sind. Erinnert ihr euch an die Ruinen? Erinnert ihr euch an die Soldaten, die dort den letzten Hinterhalt gelegt haben und gefallen sind, um unsere Flucht zu ermöglichen? Was macht mein Leben wertvoller als ihres, vor den Augen der Ahnen, vor den Augen eines klaren Gewissens, das meinen Rang und meine Position nicht als Ausrede akzeptiert? Was berechtigt mich, diese Männer zu opfern, um mein eigenes Leben zu retten? Die Wahrheit ist: Nichts! Ich hätte dort unten genauso sterben sollen wie der Rest der Männer – stattdessen sind wir entkommen und deswegen sterben nun noch mehr Menschen. Ich bin schon lange ein Mörder, nicht erst seitdem ich mich mit General Fajal verbündet habe. Aber eines will ich niemals werden: Ein Heuchler!

Es herrscht Krieg – im Krieg sind die Dinge nicht so einfach, im Krieg gibt es kein Schwarz und kein Weiß, kein Gut und kein Böse. Damit müssen wir klarkommen – vom einfachen Soldaten, der sein Gegenüber tötet, weil es ihm befohlen wird, obwohl er keine andere Legitimation dafür hat – bis zum Kommandeur, der kaltblütig Menschen opfert um seine Ziele zu erreichen. Und bis hin zum Politiker, der noch kaltblütiger taktiert und das Schicksal Tausender in die Wagschale wirft, um eine Veränderung herbeizuführen. Ich bin von allem etwas. Und bin bin nicht stolz darauf – also verschont mich mit euren Anklagen“

Feran schwieg einen Augenblick lang und Vicas fühlte, dass der Schmerz in seinem Bein stärker geworden war. Er fühlte sich alt, müde und schuldig. Er wollte nicht weiter darüber diskutieren, doch er hielt dem Blick des Grabräubers eisern stand, während dieser ihn musterte.

Ihr macht einen großen Fehler.“, meinte Feran leise und gefasst, dann wandte er den Blick ab und verließ das Zelt. Müde sackte Vicas in sich zusammen. Die anderen beiden Männer hatten den Schlagabtausch schweigend beobachtet und warfen sich sorgenvolle Blicke zu. Als Sanos Grecan an Vicas herantrat und ihm die Hand auf die Schulter legte, um sich zu vergewissern, dass es ihm gut ging, spürte er, dass der Baron bebte.

Zu seiner Überraschung stellte Sanos fest, dass Vicas weinte.

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