Erkenntnis – Teil 1

Jaelad, Dalea

Jahr des Schichass, 8. Monat

27. Tag, Nacht

Orangerote Flammen tanzten über der Stadt und erhellten die Nacht, während unzählige Soldaten über den Innenhof rannten und die letzten Verteidiger niedergestreckten. Dalea brannte. Gebannt hielt der Leibwächter kurz inne und betrachtete das Spiel des Feuers und der Rauchwolken, die aus den hunderten Gassen der Stadt hervorquollen. Die Hitze der prasselnden Flammen schlug ihm auch hier, in der Abgeschiedenheit des inneren Festungsringes entgegen, während der Feuersturm draußen tobte. Er hielt das Schwert fest in der verschwitzten Hand, bereit, seinen Prinzen zu verteidigen, der unbewaffnet und gelassen neben ihm über den Innenhof schritt. Mit wachem Blick beobachtete der Leibwächter das Geschehen. Er suchte die hohlen, schwarzen Fenster nach Silhouetten ab. Während sie über den bepflanzten Innenhof gingen, behielt er Büsche und Bäume im Auge, aber die Angreifer hatten bereits allen Widerstand beseitigt. Die einzigen feindlichen Soldaten, die er zu Gesicht bekam, waren tote oder sterbende.

Die schweren Holztore des Palastes waren weit aufgestoßen. Der Gang vor ihnen war dunkel und verlassen, doch aus den Tiefen des Gemäuers drangen Schreie und Rufe und kurz darauf Kampflärm. Seite an Seite betraten die beiden Männer den Palast des Kaisers von Terugal. Im Inneren war das Prasseln der Flammen leiser, gedämpft durch die dicken Wände – nur noch eine fade Erinnerung an den Lärm, der draußen herrschte.

Aufwendig gearbeitete Gobeline verzierten den Eingangssaal. Ein toter Wachmann lehnte zusammengesackt und reglos an einem blutverschmierten Wandteppich. Ungerührt traten die beiden Männer über ihn hinweg und stießen tiefer in das Gebäude vor. Schreie und Kampfgeräusche begleiteten sie weiterhin auf ihrem Weg, aber sie selbst trafen auf keinen Widerstand. Als sie schließlich schweigend den Thronsaal betraten, war Stille eingekehrt. Nur ein armseliges Winseln durchbrach die Ruhe, die die Elitesoldaten über den Palast gebracht hatten. Im Raum verteilt lagen die Leichen derer, die das Gefecht nicht überlebt hatten.

Der Prinz nickte den Gardisten zu, die im Raum Stellung bezogen hatten und reglos wie Statuen über das Geschehen wachten. Dann ging er auf die zusammengekrümmte Gestalt am Ende des Raumes zu. Die Schritte seiner schweren Stiefel hallten im Thronsaal. Er umkreiste die Gestalt, die in prächtige Gewänder gehüllt voller Angst am Boden kauerte.

Schließlich blieb er stehen und betrachtete die jämmerliche Gestalt.

Ihr wollt also der Kaiser von Terugal sein…“, meinte er leise, „Nicht einmal in der Stunde eurer Niederlage habt ihr den Mut, aufrecht vor mir zu stehen, um euch für eure Taten zu verantworten.“

Tötet mich nicht, ich bitte euch…“, bat der knieende Mann leise und mit heiserer Stimme.

Der Eroberer schnaubte verächtlich. „Feigling! Solange ihr umringt seid von eurer Garde und all euren Handlangern kennt euer Hochmut keine Grenzen, aber jetzt da ich hier stehe, winselt ihr um Gnade. Ich habe euch mehrfach die Gelegenheit gegeben, euch zu unterwerfen und die Krone an mich abzutreten, aber damals habt ihr nur Spott für mich übrig gehabt.“

Ihr seid ein Ursurpator, ein Barbar ohne Anspruch auf diese Krone!“, begehrte der Kaiser in einem überraschenden Anfall von Trotz auf. Der Eroberer unterbrach ihn ruhig:

Der Ursurpator ohne legitimen Anspruch kniet in diesem Augenblick vor mir. Ihr mögt vergessen haben, was euch vor all den Jahren zur Macht verholfen hat, aber ich erinnere mich – es war dieselbe Feigheit wie heute, eure fein gesponnene Intrige, für deren Erfolg das gesamte Kaiserhaus von euren Handlangern niedergemetzelt werden musste. Aber ihr habt es nicht gewagt, eure Hände selbst schmutzig zu machen – nicht einmal, um euren Erfolg auszukosten habt ihr euch zu erkennen gegeben. Ihr habt euch im Schatten versteckt, bis ihr sicher wart, dass euer Plan funktioniert hatte. Aber ihr habt nie erfahren, dass ihr in Wahrheit gescheitert seid.“, schilderte der Eroberer ruhig.

Der Leibwächter lächelte und dachte an die schreckliche Nacht zurück, in der die Mörder die Residenz des Kaisers eingedrungen waren und alle Bewohner niedergemetzelt hatten – alle außer ihm und dem jüngsten Sohn des Kaisers.

Der kniende Usurpator hob den Blick und sah den Erben der Krone mit verwirrtem Blick an. Er musterte das Gesicht des jungen Mannes, versuchte sein Alter zu schätzen und ihn einzuordnen. Schließlich dämmerte ihm die erschreckende Wahrheit. Der alte Mann erbleichte.

Prinz Serian? Aber… aber ihr seid in dieser Nacht gestorben, wie die anderen auch! Keiner hat überlebt, alle sind gestorben! Ich habe ihre Leichen doch selbst gesehen…“, stammelte der Kaiser.

Ihr habt lediglich gesehen, was ihr sehen wolltet. Die verbrannte Leiche eines Kindes, das den Flammen zum Opfer gefallen war. Euer Stolz und euer Triumph haben euch geblendet. Ich habe überlebt und stehe heute vor euch, um mein Recht als Kaiser einzufordern.“

Der gestürzte Kaiser sah erneut zu Boden und schüttelte ungläubig den Kopf, während er versuchte, Worte zu finden. Schließlich ließ er den Kopf sinken und holte tief Luft, als ihm die Konsequenzen der Worte bewusst wurden.

Ich muss sterben, nicht wahr?“, fragte er leise und hoffnungslos.

Ja.“, antwortete Serian.

Nun… in diesem Fall macht es keinen Unterschied. Wenn ich sowieso sterbe… kann ich mein Lebenswerk auch noch vollenden und euren Anspruch zunichte machen…“, meinte er und hob den Blick zum Prinzen. Auf seinen Zügen lag ein wahnsinniges Grinsen, „..indem ich euch töte!“

Aus den Tiefen seines Gewandes zauberte der Kaiser einen Dolch hervor und stürzte sich auf den Prinzen. Überrascht wich Serian zurück, während sein Leibwächter vorwärts stürzte. Im fahlen Licht des Feuersturms blitzte die Klinge gefährlich, während sie nach vorn schnellte. Überrascht machte der Prinz einen Schritt zurück. Der erste Stich traf Serian Anos an der linken Schulter, statt sein Herz zu treffen. Dem zweiten wich der kampferprobte Krieger aus. Den dritten Stich blockte der Leibwächter. Mit der linken Hand stieß er den hervor schnellenden Arm des älteren Mannes aus der Bahn, mit der rechten griff er nach dem Handgelenk, um es zu fixieren. Dann drehte er ihm den Arm durch einen beinahe sanften Druck gegen den Ellbogen auf den Rücken und zwang den Mann durch die Hebelwirkung dazu, mit einem schmerzvollen Ächzen in die Knie zu gehen. Seine linke Hand glitt am Arm des Gegners entlang und übernahm das Handgelenk, sodass er mit der Rechten das Messer aus dem Griff der knochigen Hand winden konnte. Mit dem Messer in der Hand wartete er auf den Befehl seines Prinzen, während das Kribbeln des Adrenalins in seinen Adern langsam nachließ. Serian Anos trat mit blutender Schulter an den entwaffneten Kaiser heran und sah ihm tief in die Augen. Dann nahm er ihm die Krone sanft vom Haupt und nickte knapp. Der Leibwächter rammte das Messer in den Leib des Kaisers. Heißes Blut verschmierte seine Hand, während sein Opfer mit einem Schmerzensschrei in seinem Griff erschauerte und starb…

Jaelad, Nekropolitektengilde

Jahr des Falken, 5. Monat

13. Tag, Morgens

Nach Luft schnappend schreckte Jumo aus seinen Träumen hoch. Er saß kerzengerade und schweißnass in seinem Bett, sein Herz hämmerte in seiner Brust. Durch das Fenster schienen die ersten Sonnenstrahlen hinein und die Morgenglocke läutete, um die Gilde zu wecken. Jumo holte tief Luft. Es war frische Luft, eine sanfte Brise vom Sartameer her. Sie vertrieb den Nachklang des beißenden, schwefligen Qualms der Feuer, den Geruch der brennenden Stadt. Der junge Lehrling sah auf seine Hände hinab, die er zitternd vor sich hielt.

Er konnte die Hitze des Blutes noch auf seiner Haut spüren, fühlte, wie das Rinnsal an einem Handgelenk herabtropfte. Aber er sah kein Blut – seine Hand war sauber.

Er brauchte zwei Minuten, um sich wieder zu beruhigen und die verstörenden Erinnerungen an den Traum abzuschütteln. Es war der fünfte Traum dieser Art innerhalb von drei Nächten. Aber man gewöhnte sich nicht daran – die Intensität war jedes Mal aufs neue erschreckend. Wenn er mitten in der Nacht hochschreckte, lag er oft noch lange Zeit wach, um darüber zu rätseln, was er gesehen hatte – und aus Angst davor, wieder einzuschlafen und erneut in den Traum hineinzurutschen. Doch oft verschwanden die Traumbilder so schnell wieder, wie sie ihn heimgesucht hatten – Bruchstücke blieben, aber meist waren sie so verschwommen wie eine ferne Erinnerung.

Er blieb im Bett liegen, bis die Morgenglocke verklungen war und versuchte vergeblich, seinem Traum einen Sinn abzuringen. Die Flammen, der Sturm auf den Palast, der Mord am Kaiser, der Prinz… War sein Traum eine Vision?

Es gibt keinen alten Kaiser, nur eine junge Kaiserin… also keine Zukunftsvision., dachte er.

Aber was ist mit der Vergangenheit?

Er versuchte sich daran zu erinnern, wann Dalea das letzte Mal in Flammen gestanden hatte. Kleinere Brände kamen zwar häufige vor, aber selten brannte dabei die gesamte Stadt ab, bevor das Feuer eingedämmt werden konnte. Der letzte Großbrand war vor mehreren Jahrzehnten ausgebrochen – Jumo konnte sich düster daran erinnern, dass sein Großvater ihm ab und an davon erzählt hatte, aber auch er war damals noch ein Kind gewesen. Danach wurde der Brandschutz der Stadt verbessert und seither waren derartige Katastrophen abgewendet worden.

Ihm fiel auf die Schnelle kein Brand ein, der mit dem Tod eines Kaisers einherging, aber etwas an dieser Kombination der Ereignisse kam ihm bekannt vor. Ob es nur daran lag, dass er früher schon etwas darüber gelesen hatte, oder ob die Vertrautheit der Szenerie vom Traum herrührte, konnte er allerdings nicht mit Sicherheit sagen. Einmal mehr vermisste Jumo den allwissenden Bibliothekar, der ihm ohne nachzuschlagen hätte sagen können, ob und wann so etwas passiert war. Der Lehrling seufzte leise und gab auf. Er hatte Arbeit zu erledigen. Und er war spät dran.

Die Morgenglocke war bereits seit einigen Minuten verstummt und er lag noch immer im Bett. Rasch kroch er aus den Laken und warf sich das Gewand über, dann hastete er zum Frühstück.

Nachdem Meister Senos ihn im Quartier der Meister entdeckt hatte, obwohl er eigentlich zur Strafarbeit im Archiv eingeteilt war, wurde Jumo besonders scharf beobachtet. Senos hatte ihn auf die nächsten Tage wieder ins Studierzimmer verbannt, denn Jumo hatte ihm nicht gesagt, dass Meister Tolhen ihm frei gegeben hatte. Zum einen wollte er nicht, dass seine Großzügigkeit zu einem Konflikt mit Meister Senos führte – zum anderen wollte er nicht, dass Tolhen erfuhr, dass er in seiner freien Zeit im Viertel der Meister unterwegs gewesen war. Es war schon schwer genug gewesen, seinem Meister zu erklären, wieso er dort war, statt im Studierzimmer das Archiv zu kopieren. Nach einem Moment des Schocks und einigen Sekunden, die er brauchte, um zu realisieren, in welche prekäre Lage er sich gebracht hatte, hatte er dem Meister glaubwürdig machen können, dass er wegen einiger Fragen auf der Suche nach ihm gewesen und deshalb ins Viertel der Meister gegangen war. Nachdem Jumo den argwöhnischen Blicken des Meisters lang genug standgehalten hatte, ohne sich in Widersprüche zu verstricken, hatte Senos ihm seine Geschichte schließlich abgenommen und hatte ihn zurück zu seinem Arbeitsplatz begleitet, um seine Fragen zu beantworten. Dazu gezwungen, sich auf die schnelle etwas zum Text passendes auszudenken, stellte Jumo einige sehr dilettantische Fragen, die seinen Meister mit Ärger und Enttäuschung reagieren ließen. Doch ein Opfer musste Jumo bringen – und auch wenn es seinem Stolz ganz und gar widersprach, gab es keine Alternative – außer vielleicht, dem Meister die Wahrheit zu sagen. Und das kam für ihn nicht in Frage. Selbst wenn er die nächsten Tage im Studierzimmer verbringen musste, war er weiterhin entschlossen, das Rätsel zu lösen und hinter die Bedeutung der geheimnisvollen Bedrohung zu kommen, von der die Gildenmeister gesprochen hatten. Ihm war bewusst, dass er sich eigentlich nicht in die Belange der Meister einmischen sollte, aber wie konnte er untätig dasitzen und seinem Tagwerk nachgehen, wenn etwas viel größeres, bedrohlicheres vor sich ging? War es nicht seine Verantwortung, all sein Wissen und seine Fähigkeiten dazu zu nutzen, Gefahr von der Gilde abzuwenden? Sobald er mit seiner Arbeit fertig war oder sich eine andere Gelegenheit bot, der Sache weiter auf den Grund zu gehen, würde er sein Werk fortsetzen. Mittlerweile wusste er, wo er beginnen musste.

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