Erkenntnis – Teil 2

Jaelad, Nekropolitektengilde

Jahr des Falken, 5. Monat

13. Tag, Morgens

Nach dem Essen ging Jumo ohne Umwege ins Studierzimmer, das überraschenderweise fast voll war. Während in den letzten Tagen immer nur wenige Plätze besetzt gewesen waren, drängten sich die jungen Nekropolitekten heute auf den Bänken zusammen und erfüllten den Raum mit einem Stimmengewirr, aus dem man die einzelnen Worte und Satzfetzen nicht mehr heraushören konnte. Elqus war heute nicht zum Dienst eingeteilt. Dafür hatte ein anderer junger Nekropolitekt, der vor nicht allzu langer Zeit seine Abschlussprüfung abgelegt hatte, die Aufsicht. Vergeblich versuchte der junge Mann, die Aufmerksamkeit der zahlreichen Schüler auf sich zu ziehen und die Disziplin wiederherzustellen. Jumo sah sich im vollen Zimmer um und ging durch die Bankreihen auf ihn zu, wobei er die Augen nach einem Platz offen hielt, der groß genug war, um Archiv, Abschrift und Schreibzeug darauf unterzubringen.

Was ist denn hier passiert? Gestern noch waren wir nur zu dritt, heute quillt der Saal fast über!

Du bist ganz schön spät dran.“, grüßte der Aufseher ihn, in einem Tonfall, der weniger von Tadel als von einer simplen Feststellung zeugte.

Aber noch rechtzeitig, hoffe ich?“, fragte Jumo nickend. Der Aufseher zuckte mit den Schultern. Es gab in der Gilde keine festgelegten Stunden, wie es in manchen Schulen der Fall war. Der Tagesablauf richtete sich nach den Klängen der Glocke, die jeweils zum Aufstehen, zum Mittag und zu Abend schlug. Wer wie Jumo zu einer Arbeit im Studierzimmer eingeteilt war, begab sich direkt nach dem Frühstück dorthin und verließ den Raum wieder mit Fertigstellung der Aufgabe oder mit dem Klang der Glocke. Das funktionierte für gewöhnlich recht gut, wenn nicht gerade eine Meute junger Lehrlinge die Arbeit kollektiv verweigerten und ihren Betreuer dadurch in Rage brachten.

Such dir einen Platz, bevor alles belegt ist. Schreibzeug ist heute aus, ich hoffe du hast dein eigenes dabei?“, meinte der Aufseher etwas resigniert.

Jumo zog eine Grimasse und schüttelte den Kopf. Das Schreibzeug lag in seiner Truhe, bei seinen anderen persönlichen Sachen. In den letzten Tagen hatte er im Studierzimmer vorrätige Utensilien benutzt, um seine eigenen zu schonen. Die Studierzimmer und die Bibliothek hatten jeweils einen begrenzten Vorrat an Pinseln und Tusche, der von allen Nekropolitekten benutzt werden konnte – in der Bibliothek war dieser Vorrat meist generell vergriffen, aber in den Studierzimmern hatte man

öfter Glück. Aber es gab auch Tage wie heute, an denen für die, die zuletzt kamen, nichts übrig blieb. Jumo unterdrückte ein Seufzen. Der Tag fängt ja gut an.

Dann solltest du dich beeilen und dein Zeug holen gehen.“, schlug der Aufseher vor und verschränkte die Arme vor der Brust.

Haltet ihr mir einen Platz frei?“

Ja, von mir aus – aber mach schnell, sonst kann ich für nichts garantieren.“, erwiderte der andere in gleichgültigem Ton. Jumo nickte und hastete zurück in seine Kammer, während der Betreuer hinter ihm die Stimme erhob und die Lehrlinge zusammenstauchte.

Woher kommen die alle? Haben die Meister sich verschworen und allen riesige Berge von Arbeit übertragen, oder hat der Pulk dort irgendetwas angestellt?

Er schüttelte den Kopf und verwarf den Gedanken als unwichtig. Solange die Lehrlinge ihm seine Arbeit nicht abnahmen und ihm freie Hand für seine Recherchen gaben, nützte ihm das Grübeln darüber recht wenig.

Er schob den Riegel seiner Zimmertür beiseite und trat hinein. Das dünne Bettzeug lag noch aufgewühlt von der letzten Nacht auf seinem Lager. Von draußen strömte der Geruch frischer Blüten aus dem Garten ins Zimmer. Jumo hielt und kurz inne und atmete tief ein, um den Duft zu genießen. Dann kniete er sich hin und zog die hölzerne Truhe unter seinem Bett hervor. Die Kiste war nicht besonders groß, aber breit und lang genug, um alle wichtigen Gegenstände darin unterzubringen, die Jumo besaß. Neben seinem Schreibzeug und den Dietrichen waren das vor allem ein kleines hölzernes Pferd, mit dem er als Kind immer gespielt hatte und das er als Andenken mitgenommen hatte, ein kleines Büchlein mit Gedichten, das ihm seine Mutter zum Abschied geschenkt hatte und ein paar Kleidungsstücke, die er in der Gilde nicht tragen durfte – alle Nekropolitekten trugen die gleichen Gewänder, damit niemandem sein Status und seine Herkunft anzusehen war. In der Gilde entschieden nur die Leistung und die Intelligenz darüber, wie weit man es brachte. Jumo angelte den Schlüssel für die Truhe hervor, den er an einer Kette um den Hals trug und öffnete das Schloss. Er klappte den Deckel nach oben und griff nach dem Bündel, das ganz oben lag. Der unsauber gerollte Stoff rutschte auseinander und mit einem Klappern landeten Pinsel und Tuschestücke in der Truhe. Jumo fluchte leise und faltete das Stofftuch auseinander, in dem sich nur noch der schwere Reibestein befand. Dann begann er die Tuschestücke einzusammeln und zurück an ihren Platz zu sortieren. Schließlich streckte er die Hand nach dem Pinsel aus.

Und erstarrte, als er genauer hinsah. Der etwa ellenlange, schlanke Schaft war normalerweise von durchgehend hellem Holz. Doch das fein gearbeitete, spitz zulaufende Ende des Stiels war etwa bis zur Hälfte dunkel eingefärbt – in einem Braunton, der nicht normal für seinen Pinsel war. Argwöhnisch nahm er ihn in die Hand und hielt den Pinsel ins Licht und untersuchte die Färbung genauer. Es war kein Schatten gewesen, denn auch im Licht war die Färbung klar erkennbar. Er rieb den Schaft an seinem Gewand, aber die Verfärbung blieb. Und der Farbton kam ihm bekannt vor… Ein dunkles Rotbraun. Jumo fühlte, wie sich seine Eingeweide zusammenschnürten. Noch während der Pinsel aus seinen Fingern glitt und klappernd auf dem Ledereinband eines schweren Buches landete, stürzte eine Flut von Erinnerungen auf ihn ein, die ihm den Atem nahmen. Er stöhnte leise.

Kraft und Machtlosigkeit erfüllten ihn. Eine unbekannte Sinnesschärfe übermannte ihn, begleitet von Taubheit und Blindheit. Jagdinstinkt und Furcht stritten miteinander, gemeinsam mit Triumph und Entsetzen. Er erinnerte sich: Er sah durch die Schatten in den dunklen Gängen der Bibliothek, schmeckte Leder und Papier, atmete die alte, muffige Luft und pirschte vorwärts. Durst brodelte in ihm, unbändiger Wissensdurst. Er entdeckte den alten Mann, unbekannt und doch bekannt.

Immer schneller zuckten die Bilder und Gedanken durch seinen Kopf.

Er pirschte auf den Meister zu, packte ihn an der Schulter und sah den Schrecken in seinem Gesicht, das schließlich der Erleichterung wich.

Jumo – hast du mich erschreckt. Was machst du so spät noch hier?“

Verwirrung ergriff ihn und lähmte ihn einen Augenblick lang, dann schüttelte er sie ab und versuchte, zu sprechen. Seine Zunge fühlte sich träge und lahm an, als wäre sie ein Fremdkörper. Als er schließlich sprach, hörte er einen seltsamen Akzent.

Das bin nicht ich…Das ist nicht meine Stimme., schoss es Jumo durch den Kopf.

Der Blick des alten Mannes wurde sorgenvoll und eine Spur von Misstrauen trübte seine Miene.

Ist alles in Ordnung mit dir?“

Wut stieg in ihm hoch. Er stieß den Alten mit der flachen Hand in den Seitengang

Im nächsten Moment hielt er den Mann mit der einen Hand an der Kehle gepackt, die andere hielt den langen Pinselstiel wie ein Dolch.

Sei still und antworte mir nur, wenn du gefragt wirst!“, fauchte die Stimme, die nicht seine war.

Der alte Archivar sah ihn panisch an und nickte heftig. Das Bild verschwamm in hektischen Bewegungen. Ein Stoß, der den alten Mann zurückschleuderte. Amo am Boden knieend, kopfschüttelnd und verzweifelt. Blut tropfte auf den Boden – ein gleichmäßiges Pitschen.

Ich weiß nicht, wo das Grab ist! Das Mausoleum wurde vor über einem halben Jahrtausend erbaut, nur die Ahnen wissen noch, wo es sich befindet!“

Lüg nicht! Du weißt es! Ich weiß, dass du alles weißt!“, zischte er mit zitternder Stimme.

Verzweifelt schüttelte Amo den Kopf und kroch zurück, tiefer in die Ecke des Gangs.

Ich weiß es nicht.“, wimmerte er, „Nichts davon steht in den Archiven! Wenn das Wissen nicht längst verschollen ist, wissen es höchstens noch die Hochmeister der Gilde…“

Wieder beschleunigten sich die Bilder, verkrampften sich zu einem wirbelnden Strudel aus Emotionen und Eindrücken. Der Pinsel troff vor Blut, als er ihn aus dem Leib des sterbenden Archivars zog. Rasch wischte er ihn an der Kleidung des Alten ab und drehte sich zum gehen.

Eine Mischung aus Genugtuung und Unzufriedenheit begleitete ihn auf dem Weg nach draußen. Kurz vor dem Ausgang der Bibliothek sah er schließlich das alte, lederne Buch auf einem Tisch liegen. Aus einem Impuls heraus klemmte er es sich unter den Arm und ging.

Der Weg durch die Gänge war verschwommen und unklar, erst, als er die Truhe öffnete und das Archivband und die Schreibsachen hineinlegte, wurde die Erinnerung wieder klarer.

Sein Atem stockte, als die Nacht sich zum Tag wandelte. Er starrte auf seine Hände, die den Pinsel in den Körper des Archivars gerammt hatten. Sie waren sauber…

Das darf nicht sein. Das kann nicht passiert sein! Wie ist das möglich?

Ungläubig starrte er auf den Pinsel, dessen Holz die Farbe von getrocknetem Blut hatte. Er lag auf dem Archivband, das aus der Bibliothek verschwunden war. Wie kann das sein? Ich war im Bett… ich habe geschlafen. Ich habe Meister Amo nicht umgebracht, wieso sollte ich? Das war bestimmt nur ein schlechter Traum. Vielleicht träume ich das alles nur. Bestimmt wache ich gleich auf…

Er wartete vergeblich. Nach Sekunden des Wartens – einer gefühlten Ewigkeit, stöhnte er schließlich leise und ließ sich auf den Parkettboden sinken, wo er sich zusammenrollte, um sich vor der grausamen Erkenntnis zu schützen. Er hielt das kleine Holzpferd fest in der einen Hand umklammert. Es gab ihm Trost und Halt, wie früher als Kind. Es half ihm beim Versuch, alles zu verdrängen. Doch das Gesehene blieb. Und ebenso die Beweise.

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