Schattenspiel – Teil 2

Als er zum Ende des vierten Monats aufgebrochen war, war der Mond dunkel gewesen und er hatte nur eine düstere Vorahnung dessen gehabt hatte, was ihn in Semas erwarten würde. In den Dossiers, die Ceval Dos in den vergangenen Monaten aus Zisalca erhalten hatte, waren die beunruhigenden Geschehnisse, die sich im Vorfeld der Rebellion ereignet hatten, bereits oberflächlich dokumentiert, doch erst die direkte Auswertung mit seinen Agenten vor Ort hatte die zahlreichen Lücken füllen können und ein vollständiges Bild der Lage geliefert.

Offenbar hatten die Rebellenführer des Nordens hatten bei der Vorbereitung ihres Aufstandes nicht nur Militär und Zivilverwaltung, sondern auch Teile des Tevasol unterwandert. Obwohl der Geheimdienst schon lange vor Beginn der offenen Feindseligkeiten Maßnahmen zur Aufklärung und Zerschlagung der Rebellion ergriffen hatte, war man nicht in der Lage gewesen, die Drahtzieher zu identifizieren. Stattdessen zeigte sich relativ bald anhand von falschen und widersprüchlichen Berichten aus dem Norden, dass der Tevasol systematisch mit Fehlinformationen gefüttert worden war. Scheinbar waren diese Informationen von feindlichen Spionen unter den kaisertreuen Spitzeln gestreut worden. Außerdem blieb zu vermuten, dass auch übergelaufene Schattenflüsterer und Agenten ihren Teil zur Sabotage beigetragen hatten, indem sie manipulierte Reporte verfasst und weiterverbreitet hatten.

Glücklicherweise hatten die Verantwortlichen in den Nordprovinzen rechtzeitig reagiert und Verstärkung aus dem Süden angefordert. Daraufhin hatte man die Spionageaktivitäten von Delios aus in den Norden hinein ausgeweitet und einige der kompromittierten Zellen in Herauo identifizieren können. Doch die Lage blieb kritisch. Es war noch immer nicht möglich, mit zufriedenstellender Sicherheit zu sagen, welche Teile des Tevasol noch vertrauenswürdig waren. Außerdem hatte die Gegenspionage wertvolle Zeit gekostet und Ressourcen gebunden, die Ceval Dos lieber im Einsatz gegen die Hintermänner der Rebellion genutzt hätte. Immerhin war der Aufwand nicht vollkommen umsonst gewesen. Durch unerbittliche Aufklärung, Überwachung, gezielte Festnahmen und Vernehmung der Verräter war es möglich geworden, mehr über die Drahtzieher zu erfahren, die die Infiltration des Geheimdienstes eingefädelt hatten. Es waren erstaunlich wenige ehemalige Tevasol-Agenten beteiligt gewesen. Ceval Dos hätte erwartet, dass mehr der altgedienten, pensionierten kaiserlichen Agenten aus den Nordprovinzen für die Propaganda der Aufständischen empfänglich waren. Stattdessen waren es vor allem die Intriganten der zahlreichen Barone und Grundherren gewesen, die ihre privaten Spionagedienste vereinten und gemeinsam gegen den Tevasol arbeitete. Nicht nur das hatte deutlich gezeigt, dass der kaiserliche Geheimdienst nicht so geheim war, wie viele seiner Mitglieder glaubten. Die unverschämte Art und Weise, auf die die Rebellen die Organisation unterwandert hatten, zeigte, dass noch viel Reformbedarf herrschte. Jahrzehnte des Friedens und der Prosperität ohne nennenswerte äußere und innere Feinde hatten den Nachrichtendienst träge und nachlässig gemacht. Auch darüber hatte der Meister der Schatten mit seinen Schattenwebern gesprochen, hatte sich ihre Bedenken angehört und mit ihnen Lösungsvorschläge diskutiert. Alles in allem war das Treffen überaus produktiv gewesen.

Er wandte seinen Blick wieder dem Dienstmädchen zu, das ihn neugierig ansah.

Warum fragst du?“, erkundigte er sich interessiert. Und warum bist du wirklich hier? Wenn du nur Bericht erstatten wolltest, wärst du bereits wieder zur Arbeit zurückgekehrt…

Sie zuckte mit den Schultern und sah in die Ferne.

Ich wollte nur wissen, wie es dort draußen ist, in Semas, in Zisalca und in der Fremde. Ich war mein ganzes Leben lang nur in Dalea und kenne die weite Welt nur von den Berichten der Reisenden.“, erklärte sie. Ceval Dos nickte. Er konnte sich entsinnen, dass sich Eleja, wann immer jemand aus dem Palastpersonal von einer Reise zurückgekehrt war, an dessen Fersen geheftet hatte, bis ihre Neugier befriedigt war. Na das kann ja heiter werden.

Keine Sorge. Jetzt, da Alea Kaiserin ist, wirst auch du als ihre persönliche Bedienstete die Gelegenheit bekommen, bald mehr von der Welt sehen, als du dir je erträumt hast. Angefangen mit der kaiserlichen Sommerresidenz, bis hin zu den Städten, die sie besuchen wird. Aber ich erzähle dir gern etwas über Semas, wenn du versprichst, mich danach zu meinen Pflichten zurückkehren zu lassen.“, bot er lächelnd an.

Sie nickte mit leuchtenden Augen. „Natürlich, ich will euch nicht von eurer Arbeit abhalten!“

Das tust du bereits, dachte er resigniert.

Nun, wo fange ich an… Das beeindruckendste an Semas ist vermutlich die gewaltige Festung, die über der Stadt in den Himmel emporragt. Auf einem Hügel im Süden der Stadt baute man diese Garnison einst, um die Übergänge über den Sarta zu bewachen und östliche Flanke des damals noch kleinen Reiches vor Übergriffen aus der nördlichen Hälfte des heutigen Zisalcas zu schützen. Später, als Kaiser Teronos den großen Kanal zwischen den Flüssen Sarta und Tial graben ließ, baute man die Festung abermals aus, um die Schifffahrt zu überwachen. Seither gilt sie als unbezwingbar, geschützt vor Angriffen von allen Seiten durch das Wasser und die Stadt im Norden. Seit hunderten von Jahren beschützt sie damit nicht nur Semas, sondern auch die Städte Ertagos und Samiz und die fruchtbaren Landstriche entlang des Tial und des Teljun.

Die Stadt selbst ist ein geschäftiger Ort, es gibt vier verschiedene Handelshäfen, in denen täglich hunderte Schiffe und Barken an- und ablegen, beladen mit Eisen aus dem Ostgebirge, Fernhandelswaren aus Ertagos und Samiz, Holz aus den Wäldern entlang des Sarta, Getreide aus den fruchtbaren Schwemmlanden. Der große Kanal hat die Stadt reich gemacht, sie ist zu einem der größten Umschlaghäfen des Reiches geworden, wenn man einmal von Reyo absieht. Und das ganz ohne jeglichen Zugang zum Meer. Den Bewohnern geht es entsprechend gut, die Märkte sind überfüllt mit Waren, von denen wir hier in Dalea nur träumen können. Die Werkstätten sind die geschäftigsten des Landes, behauptet man in Semas. Dafür gibt es wenig grün in der Stadt, alle Parks und Gärten sind im Laufe der Jahre den Handelskontoren, Werkstätten und Wohnhäusern gewichen. Es ist eine enge Stadt, die Gassen sind oft so klein, dass kaum ein Karren hindurchpasst. Im Zentrum der Stadt stehen einige jahrhundertealte Gebäude, die in gutem Zustand gehalten werden und regelmäßig von Architekten studiert werden, um Inspiration für moderne Bauten zu bieten. Wenn man dem Trubel der Stadt für einige Zeit entkommen will, muss man nur wenige Destinae nach Süden reisen, um in den abgelegenen Siedlungen am Sarta einige erholsame Tage zu verbringen. Für wenig Geld kann man dort ein Zimmer mieten und die Natur entlang des Flusslaufes genießen. Vorausgesetzt man kann es sich leisten, seine Arbeit für einige Tage ruhen zu lassen.“, erzählte er und konnte an den faszinierten Blicken der Dienstmagd erkennen, dass er ihre Neugier gerade erst richtig entfacht hatte.

Stimmt es, dass in Semas viele Piraten getarnt als einfache Bürger leben?“

Ceval Dos lachte leise. „Nein, das stimmt nicht.“, log er, ohne mit der Wimper zu zucken und sah, dass Eleja etwas enttäuscht war, dass sie keine Piratengeschichte erzählt bekam. „Die kaiserliche Marine hat das Problem mit den Piraten schon vor langer Zeit ausgeräuchert – damals waren es die umliegenden Dörfer, die am Reichtum der Stadt profitieren wollten.“

Tatsächlich existierte das Problem immer noch. Zwar war die Piraterie aus den umliegenden Siedlungen durch das harte Durchgreifen der Marine zurückgegangen, doch obwohl es in Semas im Vergleich zu anderen kaiserlichen Städten sehr wenige kriminelle Vorfälle gab, fanden sich immer wieder Glücksritter, die die Aussicht auf schnellen Wohlstand in die Kriminalität trieb. Manche kamen von außerhalb, manche aus Semas selbst. Häufig liehen sie sich unter dem Vorwand, ein neues Handelsunternehmen zu gründen, Geld von den zahlreichen Finanziers, um sich ein Schiff zu mieten oder zu kaufen. Mit dem Schiff und einer Crew aus Gleichgesinnten und Söldnern terrorisierten sie dann – meist Nachts – die Schiffe in den umliegenden Gewässern, um dann ihre Beute ganz offiziell unter dem Deckmantel ihres Handelsunternehmens weiterzuverkaufen. Mittlerweile hatte der Tevasol einen seiner drei Schattenweber in Semas allein auf die Bekämpfung der grassierenden Piraterie und des Schmuggels angesetzt. Schätzungsweise sechzig Agenten waren Tag und Nacht damit beschäftigt, Vorfälle aufzuklären, potentielle Piraten zu beschatten und ihr Beziehungsgeflecht nachzuvollziehen, finanziellen Quellen trockenzulegen, die sich auf die lukrative Finanzierung solcher Unternehmungen spezialisiert hatten und teilweise gemeinsam mit der Marine, Hinterhalte, Razzien und andere Gegenmaßnahmen durchzuführen.

Aber das waren Dinge, von denen Eleja nichts wissen musste. Offiziell wurden solche Gerüchte dementiert, um Händler und Bewohner von Semas und von außerhalb nicht einzuschüchtern und dadurch eine Verminderung des Handelsverkehres zu riskieren.

Und stimmt es, dass es in Semas fremdländische Menschen gibt, die gar nicht aussehen wie normale Menschen?“, fragte das Mädchen mit einer Naivität, die Ceval Dos amüsierte.

Ja, es gibt dort einige Fremdländer. Wenn sie dich interessieren, solltest du möglicherweise ein Wort mit dem Kanzler wechseln. Er empfängt immer wieder Delegationen aus den Ländern jenseits des großen Ozeans. Oder sprich mit dem Zeremonienmeister, ob du an einem der kaiserlichem Empfänge einer solchen Delegation teilnehmen darfst. Solche Ereignisse sind zwar selten, aber ich bin sicher, es wird sich irgendwann die Gelegenheit bieten.“

Eleja dachte kurz über seinen Vorschlag nach, dann lächelte sie. „Das ist eine gute Idee. Ich glaube, das werde ich bei Gelegenheit tun. Vielen Dank, Meister Dos.“

Er lächelte und faltete die Hände. „Ich hoffe, ich konnte deine Neugier ein wenig befriedigen. Ich würde dir gern mehr erzählen, aber ich fürchte, das wirklich Interessante ist bereits gesagt. Außerdem wartet ein großer Stapel Papier auf mich.“, meinte er und deutete mit einem Kopfnicken auf seinen Schreibtisch im Inneren des Büros.

Sehr wohl. Ich muss ja selbst auch wieder an die Arbeit.“, erwiderte sie.

Besser wäre es. Die Kaiserin ist mit Sicherheit mittlerweile wach. Du darfst mich gern auf dem Laufenden halten, wenn sie sich entschieden hat, wann sie die Ernennungszeremonie nun abzuhalten gedenkt.“

Das werde ich. Danke für euren Reisebericht. Einen schönen Tag noch.“, sagte Eleja lächelnd und verneigte sich, ehe sie den Balkon verließ. Ceval Dos holte einmal tief Luft und ließ das Gespräch in all seinen Details noch einmal durch seinen Kopf gehen, wie er es immer zu tun pflegte.

Dann drehte er dem Sartameer den Rücken zu und trat ins Innere, das von einem schweren Schreibtisch aus dunklem Edelholz dominiert wurde. An den Wänden standen einige Schränke und Kommoden mit Schriftrollen, über einer hing ein eingerahmtes Gedicht eines berühmten Lyrikers. Der Kamin war dunkel und leer. Ceval Dos zog die Schiebetür zu, die zum Balkon führte, dann trat er an den Schreibtisch heran und ließ sich auf dem gepolsterten Stuhl nieder. Seine Blicke wanderten über die vielen Dokumente, die noch der Erledigung harrten. Berichte der Schattenweber, die während seiner Abwesenheit eingetroffen waren, Briefe und Notizen aus anderen Bereichen der kaiserlichen Verwaltung. Er sortierte die Dokumente aus, die er nicht selbst angefordert hatte und legte sie auf einen eigenen Stapel. Während er dabei flüchtige Blicke über die verschiedenen Siegel schweifen ließ, fiel ihm eine Depesche auf, die doppelt versiegelt war: Unter dem Siegel des Mondbanners hatte der Verfasser ein zweites Siegel in Wachs gepresst – das des Reichsfeldmarschalls.

Soso – Reichsfeldmarschall Tar. Immer einen Trick parat, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Mit einem Schmunzeln nahm er den Brief in die Hand und brach die beiden Siegel.

Minister Dos,

Ich muss euch die unangenehme Mitteilung machen, dass das kaiserliche Heer trotz der Bezwingung eines größeren Rebellenverbandes keinerlei Erfolg bei der Festnahme Baron Cid de Vicas´ erzielen konnte. Für den schnellen und durchschlagenden Erfolg der kaiserlichen Armee im Felde ist es von großer Wichtigkeit, alle vorhandenen Mittel zur Rate zu ziehen. Ich bitte um nichts weniger als um die enge Zusammenarbeit mit euren Männern vor Ort, um die Loyalitäten des einfachen Bauernvolkes zu unseren Gunsten zu beeinflussen und den Rückhalt der Rebellen im Lande zu schwächen. Des weiteren wäre eine enge Zusammenarbeit mit den übrigen Teilen der kaiserlichen Verwaltung in Crescuro von großem Vorteil, um die Belagerung der Stadt zu beschleunigen. Ich bin zuversichtlich, die Stadt mit euren zusätzlichen Ressourcen vor Ende des Jahres zu Fall zu bringen.

In Erwartung einer raschen Antwort,

Tar Gol, Reichsfeldmarschall Herauo, Falke, 5. Monat, 8. Tag

Ceval Dos strich über seinen Ziegenbart. Das Anliegen des Reichsfeldmarschalls war zwar prinzipiell sinnvoll und unterstützenswert, doch die Zweifel an der Loyalität einiger Zellen in Crescuro und den Abteilungen in den Nordprovinzen bereitete ihm Sorgen. Jede Aktion, die er in Gang setzte, war mit dem erhöhten Risiko eines Scheiterns verbunden, wenn es irgendwo eine undichte Stelle gab – und potentiell undichte Stellen gab es einige. Mit einer größeren Aktion in Crescuro setzte er das Leben wertvoller Agenten aufs Spiel, wenn er den Kreis der Beteiligten zu stark ausdehnte. Eine Variante bestand darin, diese Aufgabe erneut den Schattenwebern aus Delios zuzuspielen, die sich bereits in der Vergangenheit als fähig erwiesen hatten.

Oder möglicherweise konnte er auch ein doppeltes Spiel mit seinen Agenten im Norden treiben…

Ein Schmunzeln legte sich über seine Züge, als er so darüber nachdachte. Wieso sollte er die Gelegenheit nicht nutzen, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen?

Wenn er den Crescurischen Agenten einen maßgeschneiderten Auftrag zukommen ließ – beispielsweise eines Nachts die Tore der Stadt zu öffnen – konnte er mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Befehlshaber der Stadt über die undichten Stellen davon erfahren würden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würden sie versuchen, die Aktion zu verhindern und einen Hinterhalt stellen, um die letzten kaisertreuen Agenten in die Falle laufen zu lassen. Wenn Ceval Dos allerdings mit seinen Agenten aus Delios dafür sorgte, dass die Falle, die seinen Schatten gestellt wurde, in Wahrheit eine Falle für die Rebellen werden würde…

Seine vereinten Kräfte wären damit in der Lage, den vermeintlichen Hinterhalt zu brechen und gemeinsam das Tor zu öffnen – General Tar hätte seine Bresche, die er nutzen konnte und Ceval Dos hätte die Spreu vom Weizen getrennt und konnte sich der Loyalität der Crescurischen Agenten wieder sicher sein. Soweit der erste Gedanke. Doch der Plan hatte noch zu viele Schwachstellen. Was, wenn der Rebellenkommandeur zuließ, dass seine Tore geöffnet wurden und gar keine Gegenmaßnahmen unternahm, sondern stattdessen den kaiserlichen Sturmangriff mit vollständig kampfbereiten Truppen empfing? Was, wenn die Verräter in seinen Reihen ebenfalls am Angriff teilnahmen, bereit, ihren Kameraden selbst im unerwarteten Augenblick in den Rücken zu fallen, wenn sie gemeinsam in den Hinterhalt gelaufen waren? Um dieser Gefahr aus dem Weg zu gehen, mussten die Delioser Agenten wohl mit ihrer Rettung warten, bis die Fronten klar genug erkennbar waren, um Verräter von Treuen zu trennen. Das beinhaltete den möglichen Verlust mehrerer tatsächlich kaisertreuer Agenten…

Ceval Dos legte den Brief auf seinen Tisch und schenkte sich einen Pokal mit leichtem Fadis ein, einem Wein aus tropischen Früchten. Er nippte an dem süßen Getränk und betrachtete das Gedicht an seiner Wand, während er darüber nachdachte, wie sein Plan zu perfektionieren war. Ein anderes Ziel? Eines, bei dem weniger Risiko bestand, dass das Vorhaben trotz eines Erfolges seiner Agenten nicht den gewünschten Effekt erzielte – beispielsweise ein Attentat auf den Stadtkommandanten? Das könnte zumindest das erste der Probleme umgehen, denn es zwang den Kommandeur, den Hinterhalt zu vereiteln oder zu sterben. Vielleicht sollte ich…

Ein Klopfen riss ihn aus seinen Überlegungen.

Herein.“, gestattete er. Die Tür öffnete sich und ein schlanker, dunkelhäutiger Mann trat hinein. Sein Gesicht zierte eine große Narbe, die von einer tiefen Schnittwunde herrührte. Tiran Revos, einer seiner Schattenweber, die in Dalea die Operationen von hunderten Agenten überwachten und planten, senkte den Blick und verneigte sich respektvoll, nachdem er die Tür geschlossen hatte. Die Narbe, das wusste Ceval Dos, stammte aus einer Zeit, in der Revos selbst noch eine kleine Figur im großen Spiel des Geheimdienstes gewesen war. Er war einer derjenigen Viriales, die sich aus der aktiven Tätigkeit heraus in der Hierarchie nach oben gearbeitet hatten, einer der Eliteagenten der vergangenen Generation, die lange genug überlebt hatten, um alle Tücken des Metiers zu kennen.

Meister Dos.“, grüßte er.

Schattenweber.“, erwiderte dieser, erhob sich von seinem Stuhl und machte eine einladende Geste in Richtung der Gästesessel. „Bitte, setzt euch doch. Ich habe soeben gedacht, dass ich euch möglicherweise bezüglich einer Sache konsultieren sollte.“

Sein Schattenweber lächelte schmal und blieb stehen. „Ich bringe Neuigkeiten, die euch interessieren werden – so sehr, dass ihr mich vermutlich nicht sofort konsultieren wollt.“

Ceval Dos hob die Augenbraue und musterte Revos eindringlich „Sprecht.“

Unsere Agenten haben vor einigen Stunden einen Mann im Hafengebiet festgenommen, der sich in einer Kaschemme von einer dubiosen Gestalt auf unserer Gehaltsliste einige Gold-Zastrae in kleinere Münzen umtauschen ließ.“, berichtete der Schattenweber.

Und welche Details ist dabei von solcher Wichtigkeit, dass ihr annehmt, ich würde meine anderen Pflichten deswegen fallen lassen?“, hakte Ceval Dos nach. Er hatte eine Vorahnung, was das letzte Detail sein mochte. Ein reicher Mann in einer Kaschemme war zwar verdächtig, aber es gab genug Kriminelle, die ihr Geld lieber auf diese Weise in besser handhabbare Summen tauschten, als auf dem Markt teuer einzukaufen und die verdächtigen und gierigen Blicke der Händler oder anderer, kriminellerer Gestalten, auf sich zu ziehen.

Der Mann war ein Nordländer. Ziemlich heruntergekommen trotz seines Reichtums, im Milieu nicht bekannt. Wir haben bei ihm die stolze Summe von fünftausend Zastrae beschlagnahmt, als wir ihn festnahmen. Er passt perfekt auf die Beschreibung, die unsere Agenten aus Zisalca uns als Ergebnis ihrer Verhöre der Banditen zukommen ließen, die in das Attentat auf den Prinzen verwickelt waren. Er befindet sich in den untersten Verliesen.“, schilderte Revos.

Ceval Dos spürte, wie ein eisiger Schauer über seinen Rücken lief. Der Attentäter…, dachte er und begegnete dem Blick des Schattenwebers mit regungsloser Miene. Dann nickte er.

Gut. Sehr gut, Revos. Ich werde mich dieser Sache persönlich annehmen. Wenn das wirklich der Mann ist, der das Attentat auf den Thronfolger durchgeführt hat, ist es an der Zeit, herauszufinden, wer der wahre Drahtzieher im Hintergrund ist.“, meinte der Meister der Schatten.

Wie ihr wünscht.“, entgegnete Revos,

Gut. Ihr habt richtig erraten, dass die Unterredung warten kann. Oder habt ihr das Gedankenlesen erlernt? In diesem Fall würde ich euch sofort wieder in den aktiven Dienst versetzen, um dieses gewaltige Potential nutzbar zu machen.“, gab er scherzhaft zurück.

Ich fürchte, meine Jugend und die Zeit des aktiven Dienstes ist mittlerweile an mir vorbeigezogen.“, meinte der Schattenweber lächelnd. „Aber vielen Dank für das Angebot. Möchtet ihr, dass ich euch in die Verliese begleite?“

Ceval Dos schüttelte den Kopf. „Ich habe eine andere Aufgabe für euch.“, antwortete er und nahm die Depesche von Gol Tar vom Tisch. „In Vorbereitung auf die angekündigte Unterredung möchte ich euch bitten, euch mit dem Vorschlag des Reichsfeldmarschalls auseinanderzusetzen. Ihr würdet mir einen großen Dienst erweisen, wenn ihr bereits im Vorfeld einige Informationen über die Machbarkeit seiner Wünsche aufbereiten könntet.“, wies er den Schattenweber an.

Revos nahm das Schriftstück entgegen, ließ seinen Blick kurz darüber schweifen und steckte es in die Innentasche seiner Robe.

Sehr wohl. Ich werde sehen, was ich herausfinden kann. Viel Erfolg bei der Befragung des Verdächtigen – man hat mir gesagt, er sei recht widerspenstig.“
Das kann ich mir vorstellen, dachte Ceval Dos und nickte. „Danke. Ich komme auf euch zu, wenn diese Angelegenheit geklärt ist.“

Wie ihr wünscht.“, meinte Revos und verneigte sich noch einmal knapp, ehe er den Raum verließ.

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Schattenspiel – Teil 1

Jaelad, Kaiserlicher Hof

Jahr des Falken, 5. Monat

11. Tag, Vormittag

In der Ferne spiegelte sich glitzernd die Sonne auf den Wellen des Sartameeres, an dessen Ufer sich die weitläufigen Häuserschluchten von Dalea schmiegten. Verwinkelte Gassen und ein Flickenteppich aus verschiedenfarbigen Dächern prägten das Bild der kaiserlichen Hauptstadt. Rauch kroch in dünnen Fäden aus den Schornsteinen der Werkstätten und winzige Gestalten schoben kleine Karren vor sich her oder schlängelten sich durch die Straßen. Menschen und Häuser wirkten wie Figuren und Objekte auf einem Spielfeld, die man nach Belieben versetzen und verschieben konnte, wenn man nur die Hand danach ausstreckte.

Ceval Dos und ließ seinen Blick wieder in die Ferne schweifen. Weit draußen am Horizont konnte er die weißen Segel von Schiffen sehen. Das Meer, das sie überquerten, war in Wahrheit ein riesiger See, der jedoch so große Ausmaße hatte, dass jeder ihn für einen Ozean hielt. Selbst von den hohen Balkonen des kaiserlichen Palastes konnte er das Südufer des langgestreckten Sees nicht erkennen. Seinen Namen hatte das Gewässer dem Fluss zu verdanken, der es speiste. Der Sarta entsprang den südlichsten Ausläufern des Ostgebirges in Zisalca und Floss von dort an der Stadt Semas vorbei nach Süden, bis er bei Dalea ins Sartameer mündete. Später, als man feststellte, dass es nur ein riesiger See war, von dem aus zwei weitere Flüsse nach Westen und Süden zum wirklichen Ozean flossen, hatte es einen großen Streit der Gelehrten gegeben. Eine Seite war der Auffassung, dass die beiden Flüsse neue Namen erhalten mussten, da sie neue Gewässer darstellten, die ihren Ursprung im See hatten. Außerdem sei es verwirrend, wenn man drei Flussläufe mit demselben Namen bezeichne. Die andere Fraktion hatte argumentiert, dass der See nur eine Aufstauung des Sarta darstellte und der Fluss damit jenseits des Sartameeres seinen Lauf nur fortsetzte, womit sie unmöglich neue Gewässer darstellen konnte. Ceval Dos sah die seitenlangen Abhandlungen noch vor sich, die er in seiner Ausbildung hatte lesen müssen.

Furchtbar. Wieso hat man mir dieses Buch damals angetan?, dachte er und versuchte die anderen Erinnerungen an seine Schulzeit abzuschütteln, die ihn daraufhin überfielen. Am Ende hatten die Gelehrten einen Kompromiss gefunden, indem ein Schlichter beiden Argumenten Recht gab. Der südliche Ausläufer wurde seit daher ebenfalls Sarta genannt, weil der See keine endgültige Mündung darstellte. Der westliche Strom bekam den Namen Prejo, um keine Verwechslungen hervorzurufen und den Streit beizulegen, obwohl keine der beiden Seiten am Ende gänzlich zufrieden war. Die Lehrmeister hatten daraufhin die Moral der Geschichte und ihre Schlussfolgerungen für die praktischen Belange der…

Er seufzte resigniert und konzentrierte sich auf das hier und jetzt, um die Erinnerungen aus seinem Kopf zu verbannen. Er holte tief Luft und spürte, wie die Trockenheit seinen Hals kitzelte. Trotz der schattigen Lage des Balkons war es sehr warm – und das, obwohl die Mittagsstunden noch gar nicht angebrochen waren. Es versprach ein heißer Tag zu werden. Der milde Frühling, der die letzten Monate über das Land gekrochen war, hatte sich in den letzten Tagen zu einem kräftigen Frühsommer aufgebäumt. Der Wind trug ab und an eine kühle Seebrise zum Ufer. Er blies heute eher schwach, aber es reichte, um den Geruch von Algen und Wasserpflanzen über die Stadt zu tragen, wo er sich mit dem beißenden, schwefligen Rauch der Feuer in den Betrieben vermischte. Und ein anderer Geruch lag in der Luft: Der süßliche, dezente Duft der Saco-Blume.

Ceval Dos wandte sich von der Szenerie ab und lächelte, als er sah, dass seine Nase ihn nicht getäuscht hatte: Am Rahmen der Balkontür lehnte eine hochgewachsene, schlanke Frau mit langen, schwarzen Haaren. Sie trug weite, schmucklose Gewänder und hatte ein hübsches, aber unauffälliges Gesicht. Die dünnen Arme hatte sie vor ihrer Brust verschränkt, die durch den Stoff der Kleidung verschluckt wurden und keinen bleibenden Eindruck hinterließ. Ganz im Gegensatz zu ihren Augen, hinter denen sich zwei Wesen verbargen. Sie waren Grün und Braun gefleckt, aufmerksam und glitzerten vor Neugier und manchmal sogar Frechheit, wenn man sie in einer entspannten und zwanglosen Umgebung betrachtete. Aber die meiste Zeit über, während der täglichen Arbeit im Palast, waren ihre Augen zu Boden gerichtet und fügsam, schüchtern und vorsichtig. Als Dienstmagd der Kaiserin hörte und sah die junge Frau vieles, das für andere Augen und Ohren verborgen blieb – Dinge, die den Meister der Schatten interessierten.

Eleja, wie schön, dich zu sehen.“, grüßte Ceval Dos sie und macht eine einladende Geste. Das Dienstmädchen stieß sich vom Rahmen ab und trat hinaus auf den Balkon. Ihr Blick wanderte kurz über die Stadt, dann meinte sie: „Eine schöne Aussicht habt ihr hier.“

Er winkte ab. „Die Balkone der kaiserlichen Gemächer sind zweifelsohne prächtiger.“

Mag sein, aber hier erhält man einen unverfälschten Blick auf die Stadt, wie sie tatsächlich ist. Kein idyllisches Paradies, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt.“, gab Eleja zurück.

Manchmal ist es besser, klar zu sehen. Aber nicht immer und nicht überall. Es würde mich martern, die elenden Teile der Stadt jeden Tag sehen zu müssen, wissend, dass ich als Herrscher in der Verantwortung stehe, etwas daran zu ändern.“, säuselte der Meister der Schatten und deutete dabei hinab in die weniger prosperierenden Viertel, in denen die Menschen in verfallenden Holzhäusern hausen mussten oder ganz auf der Straße lebten. Natürlich bereitete es Ceval Dos kein Unbehagen, diesen Anblick täglich vor Augen zu haben. Es war ihm egal. Er machte sich keine Illusionen, die Welt auf wundersame Art und Weise zum Besseren verändern zu können. Elend und Reichtum waren eherne Gesetze, so natürlich wie das Verhältnis von Jäger und Beute. In der Natur fraß der Stärkere den Schwächeren oder verdammte ihn anderweitig zum Tode – das stärkere Jungtier fraß dem anderen die Beute weg, das kranke Mitglied wurde aus der Herde verstoßen, damit der Rest sicher ans Ziel kam. In gewisser Weise war das Elendsviertel sogar als große Errungenschaft anzusehen: die Armen dort starben nicht – sie waren nicht zwangsläufig zum Tode verdammt, wie im Reich der Tiere. Die Zivilisation hatte ihnen zwar die unbequemsten Plätze auf der Bühne des Lebens zugeteilt, aber immerhin durften sie mitspielen.

Aber Ceval Dos wusste, dass es der jungen Kaiserin nicht egal war. Sie war noch jung und naiv genug, zu glauben, dass sie alle Möglichkeiten hatte, Terugal von den jahrtausendealten Leiden der Menschheit zu erlösen. Von Hunger, von Armut, von Elend und Krieg, von Gewalt und Unrecht. Aber es lag in der Natur des Menschen, dass er sich nicht leicht zu Dingen zwingen ließ – selbst wenn es zu seinem Besten war. Auch nicht von Kaisern.

Wenn man nur halbwegs Aussicht auf Erfolg haben wollte, musste man wie ein Puppenspieler jene Fäden zupfen, an denen die Menschen wie Marionetten hingen. Man musste sie glauben machen, es sei ihre eigene Idee, die man ihnen einflüsterte. Und man musste aufpassen, dass die Marionette nicht begann, den Faden, an dem sie hing, zu zu benutzen, um mit dem Puppenspieler zu spielen…

Die Kaiserin ist in der Tat in letzter Zeit sehr häufig betrübt. Sie hat Zweifel, ob sie das Richtige tut. Sie will keinen Krieg, aber niemand lässt ihr eine andere Wahl. Valera meinte, gestern Nacht sei sie förmlich explodiert, als Valera ihr einen Wildgrastee gebracht hat, damit sie besser einschlafen kann. Sie hat die Schale beiseite geschleudert, geschrien, dass der Tee den Krieg auch nicht beenden würde und sie genauso gut das Blut der Soldaten trinken könnte, wenn sie tatenlos in ihrem Bett sitzt und zulässt, dass ihr Volk sich gegenseitig an die Kehle geht. Der Feldzug setzt sie zunehmend unter Druck – ich glaube, sie bereut es beinahe, die Banner zum Marsch befohlen zu haben.“

Arme Alea, dachte Dos sarkastisch und strich sich ob der Schilderung nachdenklich über seinen Ziegenbart. Sie hat keine Ahnung von Politik und nicht die Entschlossenheit, dieser Krise angemessen begegnen zu können. Verwirrt und zerrissen – was wünscht man sich mehr?

Ich kann mir vorstellen, dass die Kaiserin eine schwere Zeit durchmacht. Kaum musste sie zwei schwere persönliche Verluste wegstecken, da droht das Land unter ihrer Regentschaft ins Chaos abzugleiten. Kaum hat sie die Krone auf dem Haupt, zerfällt das Kaiserreich. Wir müssen aufpassen, dass nicht auch unsere Kaiserin an der Last zerbricht, die auf ihren Schultern liegt.“, antwortete Ceval Dos leise.

Wir haben ein Auge auf sie.“, versicherte Eleja, „Valera meinte, sie habe sich recht schnell wieder gefasst und hat schockiert über sich selbst um Verzeihung gebeten, bevor sie unter Tränen und Schluchzen vor Erschöpfung eingeschlafen ist, während Valera sie tröstete.“

Das erklärt, wieso sie heute morgen nicht abkömmlich war und die Ernennungszeremonie verschoben hat.“, mutmaßte der Meister der Schatten.

Sie brauchte einfach etwas Schlaf.“, sagte die kaiserliche Dienstmagd.

Der Ministerrat hat ihr schon oft genug angeboten, die Ernennungen in ihrer Abwesenheit durchzuführen. Das ist nicht unüblich.“, erinnerte er.

Wir haben es ihr vorgeschlagen, aber sie hat abgelehnt. Sie möchte ihre sämtlichen Pflichten als Kaiserin wahrnehmen, auch die scheinbar unwichtigen.“, berichtete Eleja.

Natürlich…“, nickte Ceval Dos mit aufgesetzter, verständnisvoller Miene. „Ich kann verstehen, dass die Kaiserin in ihrer Situation nichts falsch machen will. Ich frage mich nur, ob es in Zeiten wie diesen nicht manchmal notwendig ist, sich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren und die weniger wichtigen Aufgaben an andere zu delegieren. Es gibt schließlich einen Grund, wieso die Kaiser der Vergangenheit lieber ihren Ministerrat mit solchen banalen Dingen betrauten, als ihre woanders dringender benötigte Aufmerksamkeit dafür einzusetzen.“

Die Kaiserin meint immer, das wäre der erste Schritt auf dem Weg, ein neuer Daleon Falondros zu werden.“, antwortete Eleja.

Er war immer wieder erstaunt darüber, wie gut seine Wahl ausgefallen war. Das Mädchen war so einfach zum reden zu bringen und musste nicht einmal dafür bezahlt werden, dass sie ihre Augen und Ohren offenhielt. So bereitwillig, wie sie über Alea plauderte, hatte ihm selten jemand Bericht über die Gefühle und Gedanken des alten Kaisers erstattet.

Eher ein neuer Adanos Mesadros.“, erwiderte Ceval Dos. Eleja schaute nachdenklich drein.

Kaiser Daleon der Falondros-Dynastie war ein Kaiser ohne Macht gewesen. Er genoss das höfische Leben mit all seinem Luxus so sehr, dass er sich immer mehr von den Regierungsgeschäften abgewendet und den Ministern weitreichende Kompetenzen eingeräumt hatte. Auf diese Weise konnte er all seine Aufmerksamkeit den ausgelassenen Festen widmen, lange Reisen zwischen seinen Residenzen unternehmen und sich intensiv mit seinen Konkubinen beschäftigen. Er hatte nicht lange regiert, denn der Ministerrat – anfangs noch begeistert von seiner neuen Macht – hatte sich bald gegenseitig in Intrigen und Machtkämpfen zerrüttet und Terugal in eine Phase der Stagnation geführt. Man nannte diese Zeit heute noch „Die Jahre der hundert Minister“, in Andenken an die schnell wechselnden Posten. Ständig fielen die höchsten Beamten Attentaten zum Opfer und verstarben unerwartet, sodass eine konkurrierende Fraktion den Posten besetzen und das politische Ruder in die entgegengesetzte Richtung herumreißen konnte. Doch statt in die gewünschte Richtung zu steuern, hatten die hundert Minister das Land im Zickzack in Richtung Verderben gelotst. Kaiser Daleon war schließlich während einer seiner zahlreichen Feiern würgend und hustend zusammengebrochen und nicht mehr aufgestanden. Der Bruder des kinderlosen Daleon war ins Exil geschickt worden und hatte zugunsten des hohen Minister Reyan, der unter den streitenden Fraktionen die stärksten Verbündeten hatte, gezwungenermaßen auf die Thronfolge verzichtet. Reyan war daraufhin zum neuen Kaiser gekrönt worden, hatte die Ordnung im Land wiederhergestellt und die Dynastie der Mesadros begründet.

Doch die Geschichte wurde nicht vergessen. Noch heute hämmerte man allen jungen Kronprinzen und Prinzessinnen von Kind auf immer wieder sein tragisches Schicksal ein, um das Land vor einem weiteren Daleon zu bewahren. Einer dieser Kronprinzen – der dritte Thronanwärter nach dem Tode Daleons, soweit sich Ceval Dos erinnern konnte – war Adanos gewesen.

Adanos hatte sich schon in der Kindheit als langsamer Lerner erwiesen. Die Geschichtsbücher sagten, er hätte später laufen gelernt als normale Kinder. Seine ersten Worte ließen lange auf sich warten und er tat sich offenbar sehr schwer mit den Aufgaben der Lehrer. Doch er biss sich durch und entwickelte sich durch viel Fleiß zu einem allseits beliebten Kaiser – auch wenn er ständig geplagt wurde von Versagensangst. Ceval Dos erinnerte sich noch an die amüsanten Sätze des Gelehrten Zison: Nur die schiere Andeutung der Delegation tagesgeschäftiger Aufgaben seitens seiner Berater und Viriales löste bei seiner kaiserlichen Majestät Anzeichen körperlicher Furcht aus. Den zahlreichen Untersuchungen seiner Leibärzte zufolge,verursachte die Vorstellung einen fiebrigen Zustand mit Schweißausbrüchen und Zittern.

Schließlich war ihm die Arbeit über den Kopf hinausgewachsen. Obwohl er sich bemühte, hatte er keine Chance, alle Aufgaben allein zu bewältigen und aus Furcht, das Schicksal Daleons teilen zu müssen, weigerte er sich standhaft, Aufgaben den Viriales – den kaiserlichen Ministern – zu überlassen. Er hatte zunehmend nachts gearbeitet und zu wenig geschlafen. Erst, als er krank wurde, hatte er auf dringendstes Anraten seiner Leibärzte zugelassen, dass einige Pflichten an die Viriales übertragen wurden. Doch sobald er sich wieder einigermaßen gesund gefühlt hatte, hatte er sich erneut in Arbeit gestürzt und schließlich einen Rückfall erlitten, der ihn das Leben kostete: Eine verschleppte Erkältung hatte Kaiser Adanos zu Fall gebracht. Wie auch die Geschichte Daleons war diese Begebenheit zu einem Lehrstück geworden. Viele Lehrer nutzten es, um Schülern ein gutes Maß nahe zu bringen: zu viel brachte ebenso verderben wie zu wenig.

Ceval Dos konnte an Elejas nachdenklicher Miene ablesen, dass seine scheinbar beiläufige Bemerkung den gewünschten Erfolg erzielt hatte. Mit etwas Glück würde die junge Dienerin beim nächsten Gespräch über das Angebot der Viriales genau dieses Argument nutzen, um die Kaiserin zu beeinflussten. Er sah, dass die junge Frau sich durchaus Sorgen um das Wohl ihrer Herrin machte und wie wenig ihr die Vorstellung behagte, dass Alea wegen ihres Ehrgeizes nach und nach zugrunde ging. Er gab den Gedanken einen Augenblick lang Zeit, um ihre Wirkung bei Eleja zu entfalten, ehe er das Thema wechselte.

Und wie geht es Prinzessin Jael? Man hört und sieht kaum noch etwas von ihr.“

Nicht gut.“, erwiderte das Dienstmädchen betrübt, „Sie hat den Tod des Prinzen nicht so gut verkraftet wie die Kaiserin.“

Ceval Dos schnaubte leise. „Sie ist vierzehn und liebte ihren großen Bruder über alles. Was hast du erwartet? Natürlich macht sie eine schwierige Zeit durch. Ich hatte nicht erwartet, dass es ihr gut geht. Aber wie schlimm ist es um sie bestellt?“

Außerdem denke ich nicht, dass Prinz Jorans Tod so spurlos an Alea vorübergegangen ist, wie du glaubst. Auch wenn sie öfter Streit mit ihm hatte als Jael…

Sie isst kaum noch, ist mittlerweile dürr wie eine Skelett und will nichts mehr tun. Die meiste Zeit des Tages liegt sie im Bett und starrt die Decke an und ist durch nichts aufzumuntern. Wir haben schon alles probiert. Musiker, Lehrer, Geschichtenerzähler, Jongleure… Nichts, was sie früher begeistern konnte zeigt Wirkung. Sie ist wie ausgetauscht.“

Als wäre ein Teil von ihr mit Joran gestorben. Ein interessanter Weg, ein Kind ruhig zu stellen…

Ceval Dos verzog das Gesicht. „Das klingt überaus besorgniserregend. Die kaiserlichen Leibärzte sind mit dieser Sache bereits betraut worden?“

Eleja nickte. „Dalan Vis kümmert sich um sie. Die Prinzessin leidet auch immer wieder unter Fieber und Schüttelkrämpfen. Der Dalan meint, so etwas sei ihm noch nie in seiner langen Zeit als Heiler untergekommen. Er sagt, er hat zwar schon davon gelesen, dass sich Krankheiten der Seele auch auf den Körper niederschlagen können, aber so etwas selbst noch nicht erlebt.“

Was für ein unfähiger Dalan. Jeder beliebige Foltermeister weiß, dass Körper und Seele untrennbar miteinander verbunden sind und nutzt dieses Wissen! Vielleicht sollten die Dalanes in Zukunft auch einige Lektionen im Folterkeller nehmen…

Hat der Dalan in seinen Büchern auch darüber gelesen, ob solche Zustände heilbar sind und wie lange sie anhalten können? Wozu haben wir denn kaiserliche Leibärzte, wenn sie im entscheidenden Moment nichts erreichen!“, meinte Ceval Dos deutlich unwirscher, als er vorgehabt hatte.

Das weiß ich nicht.“, erwiderte Eleja und senkte rasch den Blick.

Entschuldige. Ich wüsste nur gern, ob die Prinzessin wieder gesund wird.“, versuchte er sie zu besänftigen, „Und bitte, erzähl dem Dalan nicht, dass ich so etwas gesagt habe.“

Eleja zuckte mit den Schultern.

Keine Sorge, ich kann meinen Mund halten.“, versprach sie. Beinahe hätte er laut gelacht, doch seine Maske zeigte nach außen hin nur ein zufriedenes Lächeln.

Gut.“, nickte er und sah hinaus aufs Sartameer. Einen Moment lang herrschte Schweigen, nur die Geräusche der Stadt hallten aus den Gassen zu ihnen herüber.

Wie war eure Reise?“, fragte Eleja schließlich, nachdem sie die Unterarme auf das Balkongeländer gestützt hatte, um in den kleinen Vorgarten des kaiserlichen Palastes zu schauen.

Angenehm. Der Weg entlang des Sarta ist immer wieder faszinierend. Stille und Einsamkeit entlang des Flusslaufes, nur ab und an eine Anlegestelle oder ein kleines Fischerdorf. Ein absoluter Gegensatz zur Geschäftigkeit des Palastes und der Hauptstadt. Eine gute Gelegenheit, um die Gedanken schweifen zu lassen und nachzudenken.“, meinte er.

Aber leider recht abgeschnitten von allen Informationen und mit so wenig Möglichkeiten, sich von den verdammten Erinnerungen abzulenken. Ein Glück, dass die Reise nach Semas nur zwei Tage dauert und dass meine Viriales mich schon vorher mit genug Aufgaben versorgt haben.

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Bald geht es weiter mit Teil 2 – diesmal mit nahtlosem Anschluss und ohne Sprung, da ich den zusammenhängenden Absatz hier getrennt habe, um euch regelmäßiger mit Updates zu versorgen und keine riesige Textwand des Todes hinzuknallen, die dann gleich ein ganzes Kapitel umfasst.

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Auf eigene Faust – Teil 3

Jaelad, Nekropolitektengilde

Jahr des Falken, 5. Monat

10. Tag, Nach Mittag

Es war kurz nach Mittag, als Jumo die Männer vom Gildenverband schließlich zu Gesicht bekam. Nach dem Frühstück hatte er den Vormittag damit verbracht, die Augen nach ihnen offenzuhalten. Er hatte keine Ahnung, wo sich die Zimmer befanden, in denen sie untergebracht waren – und das war der erste Ort, an dem Jumo nach Hinweisen suchen wollte. Leider hatte er bis kurz vor Mittag keinen von ihnen zu Gesicht bekommen. Erst als er mit einem der Lehrlinge, der für den Küchendienst eingeteilt war, scheinbar beiläufig über das Thema plauderte, fand er heraus, dass die Prüfer vom Verband gemeinsam mit den Großmeistern im kleinen Zeremonienzimmer speisten. Offenbar waren die Männer doch nicht ganz so unabhängig, wie Tarjan es dargestellt hatte. Aber schließlich hatten die Großmeister sie bestellt, um den Fall aufzuklären. Es war also nur logisch, wenn sie höchstpersönlich das Gastrecht achteten und die Ermittler nicht in den normalen Speisesaal abschoben.

Jumo hatte die nächste Gelegenheit genutzt, um aus dem großen Saal zu schlüpfen, der sich zusehends mit hungrigen Menschen füllte. Auf den belebten Gängen war es schwer, nicht entdeckt zu werden. Einige Lehrlinge wiesen ihn scherzhaft darauf hin, dass das Essen in der anderen Richtung war, doch er erwiderte nur, er habe etwas vergessen und sei gleich wieder da. Dabei war ihm nicht nach Essen zumute gewesen. Die Aufregung hatte jeglichen Appetit vertrieben – jetzt, wo er herausgefunden hatte, wo die Ermittler zum Mittag waren, konnte er sich unbemerkt an ihre Fährten heften und sein weiteres Vorgehen vorbereiten. Beinahe wäre er Cellan Barcos in die Arme gelaufen, doch er bemerkte den großen, weißhaarigen Mann rechtzeitig, um ihm auszuweichen. Nach seinem Gespräch heute Morgen war er lieber zu vorsichtig als zu unachtsam. Zu gut konnte er sich an den durchdringenden Blick des Meisters erinnern. Doch der Meister hatte ihn offenbar nicht entdeckt und so setzte Jumo seinen Weg durch die Gänge fort, die immer leerer wurden, je weiter er sich vom Saal entfernte. Schließlich erreichte er den Südflügel der Gilde und versteckte sich in einer kleinen Rümpelkammer in Hör- und Sichtweite des Zeremonienzimmers. Zwischen Besen und hölzernen Eimern wartete er. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bevor schließlich die Tür aufging, hinter der die Großmeister speisten. Doch es waren nur scheppernde Geräusche und lediglich Schritte einer einzelnen Person, die an ihm vorbei in die Gilde entschwanden. Jumo schob die Tür einen Spalt weit auf und riskierte einen Blick, nur um sicherzugehen. Doch es war nur ein Lehrling, der schmutziges Geschirr in die Küche trug. Enttäuscht schloss Jumo die Tür wieder und wartete weiter. Wenig später öffnete sich die Tür erneut und Stimmen drangen zu ihm.

…ist kritisch! Wir sollten umgehend weitergehende Maßnahmen ergreifen, um unter allen Umständen sicherzugehen.“, ertönte die Baritonstimme, die dem Mann gehörte, der Tarjan zu seiner Ansprache begleitet hatte.

Ich sage es euch ungern noch einmal: Ich werde Meister Barcos nicht mit dieser Sache betrauen! Er hat vielleicht die notwendige Erfahrung, aber nicht den nötigen Rang, um mit diesem Problem konfrontiert zu werden!“, zischte Tarjans Stimme protestierend.

Inzwischen waren die Männer auf Höhe von Jumos Abstellkammer. Regungslos presste er sich zwischen die Besen und hielt die Luft an.

Ich glaube nicht, dass Zulon nur auf diesen Punkt hinaus wollte.“, meinte eine dritte, tiefe und fast monotone Stimme. „Wir müssen die Gildenwächter informieren und den Großmeistern der anderen Gilden eine Nachricht zukommen lassen, wenn unsere Befürchtungen wahr sein sollten. Es ist zu riskant, darauf zu spekulieren, dass wir Unrecht haben.“

Er hat Recht, Eran. Wenn es wahr ist, müssen wir sofort handeln und können Schlimmeres vielleicht verhindern. Selbst wenn es nicht so ist, haben wir lediglich umsonst reagiert und können danach sogar auswerten, was im Ernstfall schief gelaufen wäre.“, sagte eine vierte Stimme.

Es gibt keinen Präzedenzfall für so etwas!“, widersprach Tarjan, „Wir müssen zuerst die anderen Gildenvorsitzenden konsultieren, bevor wir alle Hebel in Bewegung setzen.“

Dafür ist keine Zeit.“, gab die monotone Stimme zu bedenken. Die Geräusche entfernten sich langsam und wurden wieder leiser.

Wir können nicht erst die Bürokratie in Gang setzen und hoffen, dass alle Großmeister zustimmen. Es ist sofortiges Handeln gefragt. Ihr seid der Gildenvorsitzende von Dalea, des größten Gildenquartieres überhaupt! Ihr habt den Einfluss und die Verantwortung, diese Entscheidung zu treffen – niemand aus den kleineren Gilden würde sich trauen, sich eurem Urteil zu widersetzen. Wenn ihr sie jedoch nur um ihren Rat fragt, provoziert ihr genau das.“, fuhr er fort.

Und was passiert, wenn ich falschen Alarm auslöse?“, entgegnete Tarjan scharf, „Ich würde zum Gespött der anderen Meister und niemand würde mich mehr ernst nehmen!“

Jumo öffnete die Tür, um die Stimmen deutlicher wahrnehmen zu können. Mittlerweile waren sie um eine Ecke und die Lautstärke war gedämpft, sodass er nur mit Mühe etwas hörte – zumal die Männer sehr leise sprachen. Vorsichtig glitt er aus dem Abstellraum, penibel darauf achtend, dass er keinen Lärm machte. Dann pirschte er zur Ecke und spähte in den Gang.

Die drei Großmeister von Dalea – Tarjan, Sareo und Teshon – waren in Begleitung des Mannes mit der Baritonstimme namens Zulon, sowie eines weiteren Mannes von gehobenem Alter. Er hatte eine Glatze und trug dieselbe Robe wie sein jüngerer Kollege. Sein langer, dürrer Finger deutete auf Tarjan, während er seinen verachtungsvollen Blick auf den Großmeister schleuderte.

Ihr seid ein Narr, wenn ihr eure persönlichen Sorgen über das Wohl der gesamten Gilde stellt! Wenn ihr nicht bereit seid, das Risiko zu übernehmen, dann ist die Robe des Großmeisters an euch verschwendet gewesen! Wenn ihr es nicht selbst tut, wird der Gildenverband die Wächter auf eigene Faust einschalten und alle weitere Verantwortung für die Lösung dieser Krise dorthin übertragen. Aber ich sage euch wie es ist: Es wäre mir lieber, wenn wir alle ein Ruder in die Hand nehmen und das Schiff gemeinsam durch die Stromschnellen steuern.“

Teshon nickte. „Ich halte es für richtig, die Vermutungen ernst zu nehmen und schnell zu handeln.“

Der weise Prinzipal legt auch dann ein Reservoir an, wenn die Omen einen regenreichen Sommer prophezeien.“, murmelte Sareo. „Im Vergleich zu dem, was auf dem Spiel steht, ist unsere Reputation die geringste Sorge.“

Tarjan sah beide Meister düster an, senkte dann den Blick und knurrte: „Ich werde darüber nachdenken. Gebt mir etwas Zeit, um darüber nachzudenken.“

Der glatzköpfige Mann neigte leicht den Kopf. „Eure Bitte kommt uns teuer zu stehen, wenn sich die Vorzeichen bewahrheiten. Aber ich bin gewillt, euch einige Bedenkzeit zu geben, wie wir mit den Großmeistern der anderen Gilden verfahren. Doch meine Nachricht an die Gildenwächter wird sofort aufgesetzt und abgesendet. Darüber gibt es keine Diskussion.“

Tarjan schwieg kurz, dann nickte er.

Nun gut, so sei es. An der Benachrichtigung der Gildenwächter führt kein Weg vorbei.“

Entscheidet weise.“, entgegnete der Glatzkopf nur knapp und verneigte sich. Ohne ein weiteres Wort bog der Mann ab, während die anderen schweigend ihren Weg geradeaus fortsetzten. Als Jumo meinte, sie seien weit genug weg, schlich er sich zu der Abzweigung, in der der andere Mann verschwunden war und folgte den hallenden Schritten auf dem Parkett. Er huschte zur nächsten Ecke und holte ein Stück des Abstandes auf. Nach drei weiteren Abbiegungen hielt der Mann inne, zückte einen Schlüssel aus der Robe, öffnete eine Tür und verschwand im dahinter liegenden Raum.

Jumo lächelte triumphierend und prägte sich den Weg zur Tür ein. In diesem Abteil der Gilde war er selten unterwegs. Hier lagen die Wohnräume der Meister, in denen die Lehrlinge für gewöhnlich nichts zu suchen hatten. Dennoch war er zuversichtlich, die Tür wieder zu finden.

Mit einer Mischung aus dem gutem Gefühl des Erfolges und des schlechten Gefühls, das der Inhalt des Gespräches hinterlassen hatte, machte er sich auf den Rückweg. Von was für einer Vermutung hatten die Männer geredet? Was war es, das so wichtig war, dass sofortiges Handeln nötig war, um schlimmeres zu verhindern? Irgendetwas musste es mit Amos Mord zu tun haben, der die Ermittler auf den Plan gerufen hatte. Aber was? Und was hat Cellan Barcos mit dieser Sache zu tun? Irgendwie wusste ich, dass etwas seltsam an ihm ist. Vielleicht würde er etwas mehr Klarheit in dieser Sache bekommen, wenn er die Unterlagen der Ermittler eingesehen hatte. Er hatte sich den Plan dafür schon ausführlich zurecht gelegt. Er würde seinen Kohlestift und einige Rollen Papier mitnehmen, dann die Tür des Raumes öffnen, wenn die Ermittler außerhalb unterwegs waren. Er hatte schon öfter für seinen Vater das ein oder andere Schloss geöffnet, meist um Kunden zu helfen, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr in ihre Wohnungen kamen – aber manchmal auch, um die Sicherheit der Schlösser zu testen, die sein Vater herstellte. Daher konnte es für ihn kein allzu großes Problem darstellen, sich Zutritt zum Raum zu verschaffen. Anschließend würde er ihre Aufzeichnungen mit der Kurzschrift kopieren, die die Nekropolitekten für ihre Notizen verwendeten. Sobald er alle Informationen abgeschrieben hatte, konnte er den Raum wieder verlassen und in seinem Zimmer in aller Ruhe mit der Auswertung beginnen. Doch zuerst musste er seine Schreibsachen holen und das kleine Werkzeug aus seiner Kiste hervor kramen, das ihm Zutritt zu beinahe jedem verschlossenen Zimmer verschaffen konnte. Es war eines der wenigen persönlichen Dinge, die er mitgenommen hatte, als er sein neues Leben in der Gilde anfing. Als hätte er schon damals gewusst, dass er es irgendwann brauchen würde…

Bald werde ich alle nötigen Informationen haben, um das Geheimnis zu lüften. Dann kann ich Amos Mörder entlarven und vielleicht verstehe ich dann auch, was die Großmeister meinen., dachte er voller Großmut und in Hochstimmung.

Beides starb unverhofft schnell, als er gegen Meister Senos lief.

 

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Auf eigene Faust – Teil 2

Jaelad, Nekropolitektengilde

Jahr des Falken, 5. Monat

10. Tag, Vor Sonnenaufgang

Als Jumo schließlich wieder erwachte, war es draußen dunkel. Wie lange er geschlafen hatte, konnte er nicht sagen. Er konnte sich gut vorstellen, dass er nicht nur den Tag verschlafen hatte, an dem er sich zur Ruhe gelegt hatte, sondern auch noch den folgenden. Er fühlte sich erholt und frisch wie seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr. Angetrieben durch die neue Kraft erhob er sich und warf einen Blick durch das Fenster, das in einen Innenhof der Gilde zeigte. In den Fenstern der anderen Gebäude, die sich zum Innenhof hin öffneten, brannte nirgendwo Licht. Niemand schlenderte draußen durch die Gärten, um die Ruhe vor dem Erwachen der Gilde oder vor dem zu Bett gehen mit einem Spaziergang zu genießen. Es war mitten in der Nacht und alles schlief. Einen Augenblick lang spielte Jumo mit dem Gedanken, einfach zurück ins Bett zu gehen, doch er verwarf die Idee schnell. Zum einen bekam er sowieso kein Auge mehr zu, denn er war hellwach und munter. Zum anderen gab ihm die Nachtruhe der anderen Nekropolitekten die Möglichkeit, sich ungestört nach Hinweisen umzusehen, die ihm auf der Suche nach dem Mörder weiterhalfen. Außerdem wollte er nicht das Risiko eingehen, wieder von den verstörenden Träumen heimgesucht zu werden, die ihn zum Glück in der letzten Nacht verschont hatten.

Er wechselte die alte Robe, die er schon seit zwei Tagen trug, gegen ein neues Gewand, zog sich Stoffschuhe über und glitt leise durch die Tür nach draußen. Der Gang lag vollkommen dunkel und still vor ihm. Vermutlich waren die einzigen Männer, die trotz der späten Stunde noch wach waren, die Gildenwächter, die die Sicherheit der alten Geheimnisse garantierten. Aber die Wächter hatten hauptsächlich die Eingänge im Auge und patrouillierten eher selten durch das innere der Gilde. Dennoch vorsichtig schlich Jumo vorwärts, während er überlegte, wo er seine Suche beginnen sollte. Es gab keine Verdächtigen, die ihm sofort einfielen, niemanden, den er genauer unter die Lupe nehmen konnte. Das sinnvollste in dieser Situation war wohl, den Tatort zu untersuchen und dort nach Hinweisen Ausschau zu halten. Allerdings kam er dafür reichlich spät. Die Ermittler hatten ihre Arbeiten schon vor Tagen aufgenommen, den Tatort vermutlich schon eingehend inspiziert und anschließend aufgeräumt. Die Leiche war wohl ebenfalls schon vor geraumer Zeit abtransportiert worden – was er aber eher als glücklichen Umstand empfand, denn den Anblick des toten Bibliothekars hätte Jumo wohl nicht ertragen – selbst wenn es ihm entscheidende Hinweise gegeben hätte. Es musste einen anderen Weg geben. Auch wenn die Chancen, etwas zu finden, äußerst gering waren, entschied Jumo, zuerst in der Bibliothek zu suchen.

Seine Schritte führten ihn auch ohne Beleuchtung zielsicher zum Eingang des Lesesaales, der mit der Bibliothek in direkter Verbindung stand. Die Tür stand offen. Normalerweise war es Amo gewesen, der diese Türen geschlossen hatte, doch scheinbar hatte sich keiner der Ersatzbibliothekare darum gekümmert. Tausende Male war er hier schon ein und aus gegangen, doch ohne Licht wirkte der große Bogen, der auf zwei massiven Säulen ruhte, fast noch beeindruckender. Die Schatten, die sonst das Licht warf, gaben den Säulen mehr Kontur – Anmut und Grazie, wie ein Architekt es ausgedrückt hätte. In der Dunkelheit wirkten sie massiv und machtvoll, beinahe plump. Weniger graziös, aber durch ihre rohe Kraft doch auf eigene Weise monumental. Jumo fragte sich, ob die Säulen in den alten Mausoleen der Kaiser aus genau diesem Grund eine ähnliche Bauart hatten: Im Lichte anmutig und beeindruckend für alle Besucher – im Dunkel der Totenruhe massiv und unzerstörbar. Es gibt wichtigere Dinge zu tun als über Säulen nachzudenken, schalt er sich selbst und trat durch den Bogen. Die Holzdielen unter seinen Füßen knarrten, egal wie sehr er versuchte, leise zu laufen. Aber es war niemand da, nur die Bücherregale leisteten ihm stumme Gesellschaft. Durch die dicken Fenster in der Decke fiel genug Sternenlicht, dass seine Augen ihren Dienst nicht komplett versagten. Ein Kribbeln machte sich in seinen Fingerspitzen breit – nicht unangenehm, wie eine eingeschlafene Hand, sondern ein sanftes, kaum spürbares Kitzeln. Im Dunkeln kamen ihm auch die Räume der Bibliothek viel größer vor.

So viel Wissen… so viel Macht!

Er versuchte, die seltsame Erregung abzuschütteln, die ihn erfasst hatte. Er war bereits so oft in der Bibliothek gewesen, hatte viele der Bücher, an denen er vorbei schlich, bereits studiert. Aber es hatte etwas verbotenes an sich, in der Dunkelheit, ohne jegliche Aufsicht, durch die Bibliothek zu schleichen und die Möglichkeit zu haben, jedes Buch zu lesen, das er wollte. Nicht heute. Ich werde früh genug dazu kommen, all das zu lesen. Zuerst muss ein Mörder enttarnt werden.

Er schlich zu dem Regal, in dem die dicken Bände des Gildenarchivs lagerten. Er suchte angestrengt nach Spuren, doch er fand nichts. Offenbar hatte der Mörder nicht hier zugeschlagen – Amo hatte den Band also noch nicht eingeräumt, als er überfallen wurde. Möglicherweise auf dem Weg vom Tisch, an dem Jumo zuletzt gearbeitet hatte? Er versuchte, sich an den Tisch zu erinnern und rekonstruierte den Weg, den Amo gegangen wäre, wenn er vom Tisch zum Regal unterwegs war. Auch dort fand er auf dem Parkett nichts. Nachdem er den Weg noch ein zweites Mal gegangen war und immer noch keine Spuren gefunden hatte, fühlte er sich erleichtert. Amo war offenbar nicht wegen seiner Schlamperei umgekommen, nur weil er das Buch zurück ins richtige Regal gebracht hatte. Dennoch war er nicht wirklich zufrieden mit dem Ergebnis seiner Suche. Irgendwo mussten doch Spuren sein! Er beschloss, die Bibliothek noch einmal abzulaufen. Zwischen den Lesetischen war alles normal, die einzige Spur, die er fand, war etwas Dreck, der von draußen mit herein geschleppt worden war. Im Ostflügel der Bibliothek brachte er eine gefühlte Ewigkeit zu, jeden Gang einzeln zu überprüfen, doch er fand nichts und wandte sich frustriert dem nächsten Abschnitt zu. Angesichts der davonlaufenden Zeit überprüfte Jumo die restlichen Teile nicht ganz so akribisch. Nach dem er die gesamte Bibliothek einmal abgelaufen hatte, gab er schließlich frustriert auf. Doch als er sich dem Ausgang zuwendete und die Bibliothek mit langen Schritten durchquerte, fiel ihm in den Augenwinkeln etwas auf. Als er genauer hinsah entdeckte er einen dunkler Fleck auf dem Holzboden, in einem Seitengang der Bibliothek. Er glitt hinein und hockte sich davor, um ihn genauer zu untersuchen. Es war keine große Verfärbung, lediglich so groß wie seine Handfläche, aber es war mit Sicherheit kein Dreck. Jumo versuchte, es wegzuwischen, doch die Verunreinigung war im Holz selbst. Es sah aus, als hätte jemand versucht, den Fleck wegzuwischen, doch das Parkett hatte die Flüssigkeit aufgesogen. Bei genauerem Hinsehen konnte Jumo weitere Punkte erkennen, die kaum sichtbar rundherum versprenkelt waren. Obwohl nicht genug Licht in der Bibliothek war, um ihre Farbe erkennen zu können, war er sich sehr sicher, dass es getrocknetes Blut war: rostbraun. Doch die Spritzer waren allesamt zu klein – unmöglich genug Blut, um den Tod herbeizuführen. Er sah auf und ging einige Schritte tiefer in den Gang hinein. Zu beiden Seiten stahlen ihm die Bücherregale das Restlicht, doch selbst in der Düsternis konnte er den riesigen Fleck entdecken, der wohl eine Blutlache gewesen war. Er hielt den Atem an und musste den Blick kurz abwenden, damit ihn Wut, Trauer und Ekel in ihrer seltsamen Melange nicht aus der Fassung brachten. Er holte tief Luft und konzentrierte sich, während er versuchte, in der Umgebung weitere Hinweise zu finden. Offenbar wurde er am Anfang des Seitengangs überrascht, aber nur leicht verletzt und ist dann tiefer in den Gang geflohen. Wie furchtbar musste es gewesen sein, vor lauter Angst und Panik in diese Richtung zu rennen, wohl wissend, dass es eine Sackgasse war?

Amo könnte mir sagen, wer der Mörder ist…, dachte Jumo resigniert, nachdem er den Boden und die Regalfächer untersucht hatte und sich außerdem vergewissert hatte, dass sich auch unter dem Regal keine weitere Spur befand.

Wie ich es befürchtet hatte. Die Ermittler vom Gildenverband waren sehr sorgfältig. Aber sie werden mir wohl kaum erzählen, welche Hinweise sie gefunden haben, nachdem Tarjan mir jede Einmischung untersagt hat. Es sei denn…

Jumo erhob sich und ballte die Hände zur Faust. Wenn der Regen nicht fallen will, muss man das Wasser eben aus anderer Quelle zum Feld tragen. Der Gildenverband mag seine Informationen nicht freiwillig mit mir teilen, dann muss es eben unfreiwillig geschehen.

Er wusste, dass es ein riskantes Vorhaben war. Aber er hatte keine andere Möglichkeit, wenn er bei seiner Suche irgendwie weiterkommen wollte. Er würde nicht noch einmal aufgeben und resignieren, wie er es vor zwei Tagen getan hatte. Vielleicht fanden die Ermittler ja den Mörder, aber genauso wahrscheinlich war es, dass ihre Suche im Sand verlief und beendet wurde. Diese Möglichkeit kam für Jumo nicht in Frage. Der Schuldige musste gefunden werden, egal, welche Anstrengungen es ihn kosten mochte. Die Erinnerung an die letzten Tage bestätigte ihn nur in seinem Vorhaben. Niedergeschmettert und orientierungslos hatte er vor sich hin vegetiert – bis Tolhen ihm einen neuen Sinn gab, ihn daran erinnerte, dass er sein Leben weiterleben und sich an die neue Situation anpassen musste, wenn er nicht für immer im Sumpf aus Schmerz und Trauer stecken wollte. Amo war tot und würde erst seine Ruhe finden, wenn Jumo den Mörder enttarnt hatte – und erst dann konnte er sich wieder ungestört seinen Studien zuwenden. Ich schwöre, dass diese Tat nicht ungesühnt bleibt. Ich schwöre, dass ich deinen Mörder finde, Amo – egal, wie lange es dauert. Ich schwöre, dass er für diese Schandtat zur Rechenschaft gezogen wird.

Ich schwöre…“, flüsterte er mit geschlossenen Auge. Dann holte er tief Luft und machte auf dem Absatz kehrt, um die Bibliothek zu verlassen.

Der kleine Garten im Innenhof war noch immer menschenleer, als Jumo dort ankam. Die Sonne würde bald aufgehen, eine schmale Korona aus Licht erhellte bereits den Himmel. Lange konnte es nicht mehr dauern, bis sich der Garten mit den ersten Nekropolitekten füllte. Einige der älteren, die mit nur wenigen Stunden Schlaf auskamen, schlenderten oft schon zu Sonnenaufgang auf den Wegen herum, die mit runden, flachen Steinen im Innenhof ausgelegt waren. Er konnte mittlerweile verstehen, wieso die alten Meister die Stille des anbrechenden Morgens so genossen, den Augenblick der Einsamkeit und der Abgeschiedenheit, den magischen Moment der Ruhe und der Balance, bevor die Sonne die Nacht vertrieb und die Geister des Tages ihren Platz für die kommenden Stunden beanspruchten. Einige Gelehrte sagten, die Dämmerung sei der beste Zeitpunkt, um Zwiespalt und Unausgeglichenheit in seinem Inneren zu überwinden und seine Seele in Harmonie mit Geist und Körper zu bringen. Vielleicht hatten die Gelehrten Recht, denn Jumo fühlte sich im Augenblick ruhiger und ausgeglichener als die gesamten letzten Tage zusammengenommen. Er war entschlossen – und seine Entschlossenheit gaben ihm Ruhe und Ausdauer. Geduld und Strebsamkeit waren schon immer seine Stärken gewesen. Sie hatten ihn weit gebracht, angefangen bei seinem Vater, der sein Potential früh erkannt hatte, bis hin zur Nekropolitektengilde, wo seine Beharrlichkeit immerhin von den Meistern anerkannt wurde, auch wenn alle anderen ihn als Streber ansahen. Geduld und Entschlossenheit konnten jedes Problem lösen. Wenn er nur genug übte, war er in der Lage, jede Disziplin zu meistern.

Jeder Weg muss Schritt für Schritt gegangen werden, besagte eine alte Weisheit aus den südlichen Landen, der manchmal in den Küstenregionen noch teils scherzhaft, teils ernst ergänzt wurde:

Jeder Weg muss Schritt für Schritt gegangen werden – nur der Weg über die Ozeane nicht.

Jumo sah nach Osten, wo sich der Himmel langsam rötlich färbte. Er atmete tief ein und genoss die frische Morgenluft. Dann folgte er dem Weg zum Springbrunnen, der in der Mitte des Innenhofes vor sich hin plätscherte. Unter den großen, weißen Figuren, die unablässig Wasser in das steinerne Becken spien, entdeckte er zu seiner Überraschung doch einen Nekropolitekten, der offenbar die ganze Zeit dort gewesen war. In einer weißen Robe stand Cellan Barcos regungslos inmitten der Figuren. Er stand breitbeinig mit nackten Füßen im Wasser, die Knie gebeugt in tiefer Haltung. Die Robe hatte er so gerafft, dass sie auch am Saum trocken blieb. Durch seine helle Haut und die weißen Haare wirkte der Nordländer wie eine Figur, die zum Brunnen gehörte. Hätte er noch Wasser gespuckt wäre er Jumo möglicherweise nie aufgefallen. Barcos´ Augen waren geschlossen, seine Handflächen vor der Brust gen Himmel gerichtet. Er machte keine Anzeichen, dass er Jumo bemerkt hatte, also schwieg der Lehrling, um ihn nicht aus der Meditation zu reißen. Wenn Barcos mit ihm hätte sprechen wollen, dann hätte er schon etwas gesagt, da war sich recht Jumo sicher. Stattdessen wandte er sich den exotischen Pflanzen zu, die in den Gärten um den Springbrunnen herum wuchsen. Die Luft war hier neben dem Springbrunnen feuchter als im Rest des Gartens und ermöglichte damit auch solchen Pflanzen das überleben, die im trockenen Klima Jaelads sonst eingegangen wären. Obwohl Dalea, die Hauptstadt des Kaiserreichs, bereits durch ihre Lage direkt am Sartameer ein kühleres Klima aufwies als der Rest der Provinz, war es vor allem in den heißen Sommern bisweilen zu trocken für tropische Pflanzen, die die Seefahrer aus den Ländern jenseits des Meeres mitbrachten. Jumo ließ seine Finger über ein dickes, fleischiges Blatt eines mannshohen Busches streichen. Der Busch blühte in hellem orange, das im Licht der aufgehenden Sonne in voller Pracht erstrahlte. Direkt neben dem Busch wuchs eine riesige, überdimensionierte Blume, deren blau-roter Blütenkelch die Größe eines Kopfes hatte. Ein großer Käfer saß zwischen den Blättern und labte sich am Nektar. Jumo beobachtete ihn mit Interesse. Das Insekt war von dunklem grün, sein Panzer schimmerte leicht im Morgenlicht. Am Kopf zierten das Tier zwei große Hörner, die an der Seite entsprangen und nach hinten gebogen waren wie die eines Felsenbocks. Außerdem besaß der Käfer eine feuerrote Zeichnung, die sich über die Hörner und den vorderen Teil zog – beinahe sah er damit aus, als hätte er etwas aufgespießt und den Kopf in die erlegte Beute versenkt. Die Beine, mit denen sich der schwere Käfer festklammerte, waren kurz und kräftig.

Ein Blütenwandler. Äußerst selten – man sagt, es bringt Glück, einen zu sehen.“, sagte eine Stimme hinter ihm. Jumo drehte sich um und sah zu Cellan Barcos, der die Augen wieder geöffnet hatte und gerade aus dem Brunnen stieg. Glück kann ich gebrauchen, wenn ich an die fehlenden Hinweise kommen will. Barcos wischte seine Füße im Gras ab und löste die Robe, sodass sie um seine Knöchel fiel.

Glück klingt gut…“, murmelte Jumo. „Warum sagt ihr erst jetzt etwas? Ich bin schon eine Weile da.“, fragte er, weil er nicht wusste, was er sonst sagen wollte. Doch kaum waren die Worte aus seinem Mund, stellte er fest, wie dumm seine Frage klang. Aber Cellan Barcos machte nur eine ausschweifende Bewegung mit seinem Arm und erwiderte:

Die Sonne ist aufgegangen. Meine Meditation ist beendet. Jeder weitere Augenblick wäre verschwendet. Ein Astronom versucht auch nicht, seine Sterne zu beobachten, wenn der Tag angebrochen ist. Es gibt für alles eine richtige Zeit und einen richtigen Ort.“

Jumo nickte abermals und Cellan Barcos lächelte.

Außerdem hättest du sonst niemals den Blütenwandler entdeckt.“

Das ist wahr. Ich habe noch nie so einen Käfer gesehen.“, bemerkte Jumo. Barcos faltete die Hände und trat neben ihm an die Blüte, um den Käfer genauer zu betrachten.

Wie ich schon sagte, ein äußerst seltener Anblick. In Wahrheit ist es gar kein Käfer, auch wenn er so aussieht. Der Blütenwandler ist ein einzigartiges Wesen – tatsächlich ist es ein Zwischenstadium zwischen einer Larve und einem Falter. Wohl der einzige Schmetterling überhaupt, der sich zwei Mal verpuppt. Aus dem ersten Kokon schlüpft dieser Käfer. Wenn man genau hinsieht, kann man erkennen, dass der Panzer aus den vielen feinen Fäden des Kokons besteht, der sich verfestigt hat. Blütenwandler brauchen äußerst lange, um ihre beiden Verwandlungen zu vollziehen und sie kommen bei uns kaum vor. Schon der Käfer ist so rar, dass man es als Zeichen des Glücks ansieht, ihn zu sehen. Ein ausgewachsener Falter ist ein Anblick, den in ganz Terugal wohl nur ein paar hunderte Menschen genossen haben können.“, erklärte der Nordländer.

Dann kann ich mich wohl glücklich schätzen, dazuzugehören.“, meinte Jumo und folgte mit seinen Blicken dem Blütenwandler, als dieser sich schließlich von der Blüte abstieß und mit einem tiefen Brummen davonflog. Barcos lächelte schmal.

Wer früh aufsteht kann so manch wundersame Dinge sehen. Ich kann mich nicht erinnern, dich oft zu so früher Stunde im Garten getroffen zu haben. Womit habe ich diese außergewöhnliche Gesellschaft verdient?“

Ich konnte nicht mehr schlafen.“, erwiderte Jumo, „In letzter Zeit träume ich nicht besonders gut. Ich dachte mir, dass der Garten vielleicht ein guter Ort ist, um sich von schlechten Träumen zu erholen und sich auf den Tag vorzubereiten.“

Barcos nickte und sah ihn mit seinen stahlgrauen, wissenden Augen an. Beinahe hatte Jumo das Gefühl, dass der Meister ihn prüfend musterte, als suche er nach einem Anzeichen dafür, dass Jumo log und sich verriet. Aber Jumo hatte nicht gelogen – nur nicht die ganze Wahrheit gesagt.

Ich dachte schon, es gäbe ein Anliegen, dass du mit mir besprechen willst. Es gibt nicht viele Nekropolitekten, die sich zu so früher Stunde hier aufhalten und die meisten sind wegen mir hier.“

Was wollen sie alle? Ich dachte immer, die meisten kämen hierher, um ihre Ruhe zu genießen und sich auf den anbrechenden Tag vorzubereiten.“, meinte Jumo mit fragendem Gesichtsausdruck.

Barcos faltete die Hände, sodass seine lange Robe darüber rutschte und sie verbarg.

Aus diesem Grunde bin nur ich hier. Die Morgendämmerung ist kühl und erholsam und erinnert mich an das Klima meiner Heimat. Und die Stille der schlafenden Gilde hilft, den Geist für die Arbeit des Tages zu reinigen.“, erklärte er und sah kurz von Jumo in den Himmel, dann zurück.

Die anderen kommen her, um mich in Ruhe und Abgeschiedenheit zu sprechen. Über Dinge, die sie nicht vor meinen Schülern oder Mitarbeitern besprechen möchten. Manche Anliegen sind bedeutungslos und dumm, doch jemand hielt sie für wichtig. Andere nicht. Es gibt auch Tage, an denen niemand kommt.“

Welches Anliegen sollte ich schon haben, das wichtig genug ist, um eure Ruhe zu stören?“, fragte Jumo, der sich nicht vorstellen konnte, dass der Meister tatsächlich glaubte, er sei nur wegen ihm aufgestanden. Irgendwie fand er Barcos sowieso seltsam… aber vielleicht kannte er ihn auch nur nicht richtig – immerhin hätte er nicht gedacht, dass er je so gut mit Meister Tolhen stehen würde.

Barcos lächelte sein schmales Lächeln. „Es kommen oft Lehrlinge, die ihre Pläne diskutieren wollen oder Vorschläge für allerlei Arbeiten haben. Das ist nichts ungewöhnliches.“

Jumo schüttelte den Kopf. „Nein. So weit bin ich noch nicht. Aber vielleicht irgendwann.“

Der Meister nickte. „Nun, wenn es nichts wichtiges mehr gibt, werde ich dich allein lassen und den Rest meiner Zeit bis zum Klang der Morgenglocke allein durch den Garten wandeln.“

Einen guten Tag, Meister.“, wünschte Jumo und verneigte sich leicht.

Ebenso.“, erwiderte Barcos knapp und deutete ebenfalls eine Verbeugung an. Dann machte er kehrt und ging langsam den Weg entlang, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Jumo sah ihm kurz hinterher, bis er hinter einer Staude verschwand, dann sah er zurück zum Kelch, auf dem der Blütenwandler gesessen hatte. Bring mir Glück, kleiner Wandler. Und lass dich nicht fressen…, dachte er.

Wenig später läutete die Morgenglocke den Tag ein.

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Auf eigene Faust – Teil 1

Jaelad, Nekropolitektengilde

Jahr des Falken, 5. Monat

9. Tag, Morgen

Müde beschrieb Jumo die leere Seite mit Schriftzeichen. Seine Hand bewegte sich von allein, ohne, dass er ihr große Aufmerksamkeit widmen musste. Er befand sich in einer Art Dämmerzustand, hatte Mühe, sich zu konzentrieren und musste sich immer wieder dazu zwingen, nicht einfach die Augen zu schließen und seine Ruhe zu genießen. Einmal war er bereits eingenickt, sodass ihn der Aufseher wecken musste. Sie saßen zu zweit in einem der Studienzimmer, einem großen Raum mit holzvertäfelter Wand und einer imposanten gläsernen Decke, durch die helles, morgendliches Licht den Raum flutete. Die Konstruktion musste ein Vermögen gekostet haben, aber die Gilde geizte selten, wenn es um architektonische Extravaganzen ging. Vielleicht war dieser Entwurf die Meisterprüfung eines Schülers gewesen, oder von einem erfahrenen Nekropolitekten erdacht worden, um die Lehrlinge zu beeindrucken und ihnen zu beweisen, was mit der richtigen Bauweise möglich war. Egal wer der kluge Kopf hinter dem Raumkonzept war, Jumo dankte ihm insgeheim für seine Schöpfung. In der dunkleren Bibliothek wäre er endgültig ins Reich der Träume abgeglitten, doch hier half ihm das Licht, sich weitestgehend bei Bewusstsein zu halten. Die letzte Nacht war beinahe genauso schlaflos gewesen wie die vorherige und der Mangel an Erholung machte sich bemerkbar: Seine sonst so makellose und saubere Schrift wies immer wieder unsaubere Zeichen auf, Striche verrutschten und einige Worte waren nur noch mit großer Mühe lesbar. Mehrere Seiten hatte er schon komplett neu aufsetzen müssen, weil ihn seine Müdigkeit einen Augenblick lang übermannte, er mit dem Pinsel abrutschte oder mit der Tusche kleckerte. Doch es gab auch die Momente, in denen er in eine Art Trance verfiel und plötzlich drei Seiten in perfektem Schriftbild kopiert waren. Aber das Buch war dick und wenn Jumo an die Arbeit dachte, die noch vor ihm lag, verblassten die Erfolge der letzten Tage. Es würde noch Wochen dauern, bis er die Kopie vervollständigt hatte.

Verwirrt blinzelte er, als die Schriftzeichen vor seinen Augen verschwammen, doch als er erneut hinsah, waren sie wieder klar und deutlich. Er schüttelte den Kopf und legte den Pinsel beiseite, um eine Pause zu machen. Die Tusche musste sowieso neu angemischt werden, denn die alte war schon halb angetrocknet und größtenteils verbraucht.

Während er mit unsicherer Hand den Tuschestein aus den Schreibsachen hervor kramte, betraten zwei weitere Nekropolitekten das Studierzimmer. Jumo sah kurz hoch und musste die Augen zusammenkneifen, um die Männer deutlich erkennen zu können. Der erste war ein Lehrling, ein oder zwei Jahre jünger als Jumo. Hinter ihm folgte sein Meister. Die Miene des Schülers wirkte beflissen. Der Aufseher nickte den Beiden zu. „Grüße, Meister Tolhen.“, sagte er mit seiner ruhigen, tiefen Stimme. Tolhen erwiderte seinen Gruß und blickte dann zu Jumo.

Wie ich sehe schreiten die Arbeiten an unserem Archiv voran.“, stellte er fest und sah zurück zum Aufseher, „Ich habe hier noch jemanden, der sich freiwillig gemeldet hat, seinen Teil zu leisten.“

Selbst Jumo in seinem Halbschlaf konnte den sarkastischen Unterton in Tolhens Stimme nicht überhören. Eine Mischung aus Ärger und Scham zuckte über die Miene des Lehrlings, der vor seinem Meister in der Tür stand. Tolhen war nicht dafür bekannt, sich mit seinem Spott zurückzuhalten. Jumo wusste nicht besonders viel über ihn. Unter den Lehrlingen sorgte er ab und an für Belustigung, wenn er wieder einmal eine sarkastische Bemerkung auf Kosten seines Schülers machte. Doch trotz seines Hangs zum Sarkasmus und Spott war er, soweit Jumo wusste, ein sehr aufmerksamer und perfektionistischer Mann, der die häufigen Streiche seines Schülers ertrug und ihn mit wirksamen, aber nicht überzogenen Strafen im Zaum hielt.

Ich schlage vor du gönnst dir eine Pause, Jumo. Die nächsten beiden Tage übernimmt Serai die Arbeit am Archiv. Ich werde mit deinem Meister sprechen, damit er informiert ist. Aber zuerst gehst du dich ausruhen, diese Augenringe stehen dir nicht gut zu Gesicht.“, fuhr Tolhen fort.

Mehr als ein Nicken brachte Jumo nicht zustande. Er legte den Pinsel beiseite und erhob sich von seinem Platz. Tolhen gab seinem Schüler einen sanften, aber bestimmten Schubs. Widerwillig ging er auf Jumos Pult zu.

Viel Spaß.“, murmelte Jumo leise. Serai warf ihm einen verärgerten Blick zu und setzte sich auf den Platz, den Jumo gerade frei gemacht hatte.

Es tut mir Leid, dich durch die Anwesenheit dieses gelehrigen und zahmen Schülers von deiner Arbeit abzuhalten, Elqus, aber ich fürchte, ich muss dich damit belasten. Ich muss an mehreren Unterredungen teilnehmen und erscheine dort ungern mit der Befürchtung im Hinterkopf, dass sich mein Schüler inzwischen rührend um das Wohlergehen unserer Gäste vom Gildenverband kümmert.“, meinte Tolhen bissig. „Und gib gut auf die Übersetzung des Archivs acht, sonst finden wir dort womöglich auch diverse… Verschönerungen.“

Meister…“

Tolhen hob unwirsch die Hand und Serai verstummte.

Genug davon. Ich will erst in zwei Tagen wieder etwas von dir hören, wenn du deinen Pflichten gewissenhaft nachgekommen bist. Und lass dir nicht einfallen, du könntest deine Zeit einfach absitzen! Wenn ich mit dem Fortschritt nicht zufrieden bin, darfst du zwei weitere Tage daran arbeiten!“, erklärte Tolhen resolut. Serai sah zu Boden und nickte.

Sehr gut. Dann an die Arbeit.“

Damit hielt Tolhen das Gespräch offenbar für beendet und verließ den Raum. Jumo folgte ihm nach draußen und holte tief Luft, in der Hoffnung, die Müdigkeit dadurch etwas vertreiben zu können. Schweigend folgte Jumo dem Meister durch den Gang. Irgendwann auf halber Höhe zur nächsten Abzweigung sah Tolhen zu ihm und sagte gedämpft:

Ich kann es immer noch nicht fassen, dass Senos dich zu dieser Strafe verdonnert hat. Ich frage mich, ob seine Sehkraft oder sein Mitleid in den letzten Jahren abgenommen hat. Selbst ein Blinder kann sehen, dass es nur einen Ort gibt, an dem du zur Zeit sein solltest – in deinem Bett.“

Jumo schüttelte den Kopf.

Meister Senos hat mir diese Aufgabe nicht gegeben. Sie kommt von Großmeister Tarjan persönlich – und ich habe sie verdient…“, entgegnete er, auch wenn seine Stimme nicht so energisch klang, wie sie eben noch in seinen Gedanken gewesen war.

Ich bin dafür verantwortlich, dass das Archiv weg ist. Ich hätte es Meister Amo geben müssen. Es ist nur angemessen, dass ich den Ersatz anfertige, dachte Jumo, doch er sprach seine Gedanken nicht aus. Er war froh, dass Meister Senos mit dem Thema sehr behutsam umging und es dem Großteil der Gilde verborgen geblieben war, welche Rolle Jumo in dem Vorfall spielte. Er wusste nicht, wie sehr das auch für Tolhen galt, aber er wollte das Risiko nicht eingehen – zumal das letzte, was er im Augenblick gebrauchen konnte, Tolhens Spott war.

Verdient?“, erwiderte der Meister mit zweifelnder Stimme. Dann schüttelte er verständnislos den Kopf „Ich hatte schon so einige Schüler. Man mag es mir nicht ansehen, denn mein Alter verrät es nicht, aber ich habe früh meine Meisterprüfung abgeschlossen und vor Serai schon zwei weitere Lehrlinge zu ihrem Abschluss geführt. Ich habe viele Erfahrungen darüber gesammelt, welche Strafen man wann und wofür anwenden sollte – und obwohl mich Serai manchmal dazu bringt, mich zu fragen, ob ich nicht zu großzügig mit meinen Methoden bin, weiß ich eines sicher: Einen Lehrling in deiner Situation würde ich niemals mit einer solchen Strafe belegen – nicht nach dem, was in unseren heiligen Hallen vorgefallen ist.“

Nein…“, erwiderte Jumo leise, „Es ist gut und richtig… Und selbst wenn nicht – was sollte er denn tun? Meister Tarjan widersprechen?“

Tolhen hielt im gehen inne und sah Jumo aus seinen tiefgründigen dunklen Augen an.

Ja!“, bekräftige er, „Meister Tarjan hat keine Ahnung von den Dingen, die sich tagtäglich hier abspielen. Er verbringt zu wenig Zeit mit euch Schülern, um zu wissen, was wann angemessen ist. Es ist die Aufgabe des Meisters, dessen Schüler einen Fehltritt gemacht hat, zu entscheiden was mit ihm geschehen soll. Jeder der Nekropolitekten, die halbwegs regelmäßig hier ihren Tätigkeiten nachgehen – eingeschlossen Senos – wusste doch, wie sehr du an Amo gehangen hast. Unter diesen Umständen ist es doch fast ein grausamer Witz, dir eine Strafe aufzuerlegen, wo es keinen anderen gibt, der so sehr unter dem Verlust leidet wie du.“

Jumo schluckte schwer und sah zu Boden, um den wissenden Augen auszuweichen. Er kannte diesen Mann kaum, doch es war, als hätte Tolhen mehr Ahnung von den Dingen, die in Jumo rumorten, als Meister Senos. Der Meister hatte nur genickt, als Jumo zu ihm gegangen war, um von Tarjans Strafe zu berichten. „Dann sieh zu, dass du dich gleich an die Arbeit machst.“, hatte er gesagt, in seiner wie immer professionellen und fast emotionslosen Stimmlage. Jumo wusste, dass sein Meister nicht wirklich kalt und emotionslos war – er war ebenfalls schockiert gewesen. Jumo hatte es in seinen Augen gesehen, in der Art, wie er beinahe hilflos genickt hatte, fast froh darüber, sich nicht auch noch mit den Sorgen seines Schülers befassen zu müssen. Trotzdem spürte Jumo bei der Erinnerung daran, wie Wut auf seinen Meister in ihm hochkam. Tolhen hat Recht. Er hätte mich wenigstens in Schutz nehmen können, mir ein paar Tage Aufschub gönnen können, mir sagen können, wie Leid ihm Amos Tod tut, dass er für mich da ist, wenn ich ihn brauchen sollte…

Was hätte er denn tun sollen?“, wiederholte er stattdessen zornig, „Was hätte ICH denn tun sollen? Ich war es doch, der das verdammte Archiv liegen gelassen hat! Nur weil ich wieder so verdammt ehrgeizig sein musste und bis zum Delirium gearbeitet habe! Vielleicht ist Meister Amo nur wegen mir noch so spät in der Bibliothek gewesen, um das fehlende Buch zurückzuholen.. vielleicht… bin ich…“

Seine Stimme versagte. Tränen verschleierten seinen Blick und der Kloß im Hals war so dick, dass er kein Wort mehr sprechen konnte. Tolhen legte ihm seine Hand auf die Schulter und schüttelte den Kopf. „Dich trifft keine Schuld. Jeder von uns hat schon einmal ein Buch in der Bibliothek liegen lassen. Ich selbst tue das ständig, manchmal absichtlich in der Hoffnung, dass es am nächsten Tag immer noch dort liegt, wo ich es zuletzt benutzt habe. Das erspart mir den Weg am nächsten Morgen. Meister Amo war davon natürlich ganz und gar nicht begeistert, er hat regelmäßig darüber mit mir gestritten…“, erzählte Tolhen in einem ruhigen und sanften Ton. Vor Jumos innerem Auge spielte sich die Szene ab: Der gutmütige alte Amo, der sich über die Faulheit eines Meister Tolhens echauffierte. Jumo konnte sich sogar erinnern, dass Amo ihm wenig amüsiert über die Eskapaden jedes einzelnen Nekropolitekten berichtet hatte, als er verloren und einsam in die Gilde gekommen war. „Und das dort“, hatte er erzählt und verhalten auf Tolhen gezeigt, „Ist Iskan Tolhen, unser jüngster Meister. Ein Genie in seinem Fach – Gewölbearchitektur, ja, darin ist er gut. Aber seine Schriften aufzuräumen, das muss er dringend lernen.“

Damals hatte ihn die Beschreibung zum schmunzeln gebracht. Daraufhin hatte Amo ihm die anderen Gildenmitglieder auf ähnliche Weise vorgestellt. Doch heute brachte die Erinnerung nur stumpfen Schmerz und Verzweiflung. Einzig Tolhens Hand auf seiner Schulter gab ihm noch Halt. Heiß flossen die Tränen über seine Wangen. Ohne zu begreifen, was er tat, umklammerte er mit einem erstickten Schluchzen Tolhen, um seinen Tränen freien Lauf zu lassen. Er stieß ihn nicht fort, blockte nicht ab, brach nicht in Überraschung aus, sondern legte nur seine Hand auf Jumos Rücken und tätschelte ihn tröstend. Dafür war ihm Jumo unendlich dankbar, auch wenn er selbst noch nicht ganz begriff, warum er diesen wildfremden Meister umarmte. Seine Gedanken galten Amo, wie er lächelnd auf die Nekropolitekten deutete. „Magister Doros Ilan, er wird dir früher oder später noch über den Weg laufen. Er bildet die Lehrlinge in den Grundlagenfächern aus. Ein ziemlich schräger Typ, wenn du mich fragst. Für ihn gilt nur die Orthodoxie, alles wird auf der Prinzip der alten Lehre geprüft. Bei ihm keine Experimente – dafür gibt es zum Glück die anderen Meister.“, sein Blick war suchend weitergewandert, bis er einen dürren, hochgewachsenen Nordmann fand, der mit einer Optiklinse die Schriftzeichen eines Buches vergrößerte. „Da zum Beispiel. Cellan Barcos. Er kam aus Linguosa zu uns und soll dort einige Jahre an der She’Al-Akademie gewesen sein. Aber kaum jemand weiß etwas darüber. Er selbst schweigt zu den Details. Aber wenn du jemals einen Meister suchen solltest, der bereit ist, jedes Experiment zu unterstützen und jeder neuen Idee nachzugehen, wirst du ihn in Barcos finden.“

Dann hatte Amo ihm noch Adan Ziera, Elos Deran, Telman Idir und einige andere Nekropolitekten auf ähnliche Art und Weise vorgestellt, während sie gemeinsam durch die Bibliothek gewandert waren und der Archivar ihm die verschiedenen Abteilungen vorgestellt hatte. Das war einer seiner ersten Tage in den Hallen der Gilde gewesen, als er noch orientierungslos und ohne Bezug zu den Nekropolitekten gewesen war. Die Euphorie und die Faszination der geheimnisvollen Gesellschaft waren da langsam verflogen und den ernüchternden Tagesabläufen der ersten Wochen gewichen. Während der Einführungswochen, in denen die Schüler einen Überblick über das bekamen, was vor ihnen lag und für die feierliche Aufnahmezeremonie vorbereitet wurden, war Jumo fast jeden Tag nach den Veranstaltungen ins Archiv gegangen. Während die anderen Schüler untereinander Grüppchen bildeten und die Abende gemeinsam verbrachten, unterhielt sich Jumo bis spät in die Nacht mit dem Bibliothekar. Erst nach und nach hatte er den Kontakt zu anderen Lehrlingen gefunden, aber irgendwie war der Umgang immer oberflächlich geblieben. Also hatte er weiterhin den größten Teil seiner zunehmend dahinschwindenden Zeit mit dem alten Meister verbracht.

Was soll ich nur ohne den verdammten alten Mann machen?, dachte er verzweifelt und krallte sich im Stoff der Robe fest.

Als er schließlich aus dem Reich der Erinnerungen zurückkehrte, wusste er nicht mehr, wie viel Zeit er dort verbracht hatte. Erst, nachdem er tief Luft geholt und genug Fassung zurückerlangt hatte, realisierte er vollständig, was er eben getan hatte. Verlegen ließ er Tolhen los und trat zurück.

Verzeihung…“, stammelte er und wischte sich die Tränen mit dem Ärmel aus dem Gesicht.

Es gibt nichts, das ich dir verzeihen müsste.“, sagte Tolhen kopfschüttelnd und ohne jegliche Spur von Sarkasmus, „Es ist manchmal notwendig, seinem Schmerz freien Lauf zu lassen, damit er sich nicht in die Seele frisst und dort bleibenden Schaden hinterlässt. Natürlich tut es weh, wenn ein Mensch, der uns nahestand, von uns geht. Aber wir müssen unser Leben trotzdem weiterleben und uns anpassen. Sich den Schmerz auch einzugestehen ist der erste Schritt auf dem Weg der Heilung unserer Seele.“, erklärte der Meister und lächelte sanft. Tatsächlich fühlte sich Jumo schon ein klein wenig besser. Er deutete auf Tolhens Schulter, wo sich ein großer nasser Fleck ausgebreitet hatte.

Eure Robe…“, sagte Jumo etwas gefasster als vorher. Tolhen blickte hinab und lachte leise. „Die muss sowieso wieder einmal gewaschen werden. Vielleicht ist dadurch jetzt wenigstens die Schulterpartie sauber.“, scherzte er.

Meint ihr, sie finden den Mörder?“, wechselte Jumo das Thema. Tolhens Lächeln verblasste etwas.

Der Gildenverband tut sein Bestes, um den Fall aufzuklären. Aber es ist ein schwieriges Unterfangen. Die Hinweise sind widersprüchlich. Es gibt keine Spuren für einen Einbruch und keine Hinweise darauf, wie der Eindringling in die Gilde gelangt sein soll. Du weißt selbst, dass nicht jeder ein- und ausgehen darf wie er will. Ohne die Hilfe eines Nekropolitekten gibt es keinen Weg hinein. Es haben schon viele vergeblich versucht, in unsere heiligen Hallen einzudringen, um irgendwelche Geheimnisse und Mythen zu stehlen: Schaulustige und Quacksalber, die Geschichten über unsere angeblich stattfindenden nächtlichen Rituale gehört hatten und vom teuflischen Wissen profitieren wollten – sogar Fürsten haben schon ihre Spione geschickt, aber bis auf wenige, sehr gut dokumentierte Ausnahmen haben die Gildenwächter jeden Versuch vereitelt. Wenn der Eindringling Hilfe hatte, könnte es zumindest erklären, wie er unbemerkt und spurlos ins Innere gelangt ist. Aber dann macht es keinen Sinn, solchen Aufwand zu betreiben, um das Archiv zu stehlen – schließlich hätte der Komplize jederzeit freien Zugang zum Archiv gehabt, wenn er nicht noch ein sehr sehr junger Adept ist. Daher haben wir es entweder mit einem extrem gefährlichen Eindringling zu tun, der seine Spuren meisterhaft verwischen kann – dann haben wir irgendwo einen mächtigen und einflussreichen Gegner, der versucht, an unsere Geheimnisse zu kommen. Oder es gibt jemanden aus der Gilde, der diese Tat begangen hat – in diesem Fall war der Diebstahl des Archives vermutlich ein Ablenkungsmanöver und das wahre Ziel war es, Amo aus dem Weg zu schaffen.“

Jumos Miene verfinsterte sich, während er zuhörte. So nüchtern betrachtet hatte er die ganze Sache noch gar nicht. Großspurig hatte er Meister Tarjan gebeten, an den Ermittlungen teilzunehmen und auch nach dessen Absage hatte er immer wieder mit dem Gedanken gespielt, einfach auf eigene Faust Informationen zu sammeln, aber tatsächlich hatte er viel zu sehr mit sich selbst zu tun gehabt, um auch nur die fundamentalen Zusammenhänge zu begreifen, die jedem offensichtlich zugänglich waren. Aber was Tolhen da sagte, stimmte wohl. Die Vorstellung, dass ein Nekropolitekt den Diebstahl des Archivs zur Verschleierung des Mordes inszeniert haben könnte, war beunruhigend – immerhin bedeutete das, dass der Mörder die ganze Zeit unter ihnen weilte, wie ein Wolf im Schafspelz seine Rolle spielte und womöglich gar falsche Fährten legte. Andererseits kam ihm irgendetwas an dieser Theorie falsch vor – zu einfach, zu durchschaubar, zu plump. Irgendwie glaube ich, dass das nicht alles gewesen sein kann. An dieser Sache muss noch mehr dran sein…Oder war womöglich genau das die doppelte Finte? Die Tat so einfach zu inszenieren, dass die Häscher sich den Kopf darüber zerbrachen, was der wahre Hintergrund und Ablauf der Tat war, sodass sie die deutlich erkennbare Wahrheit als zu simpel abtaten und sich in weiteren Nachforschungen verrannten? Und wem konnte man schon vertrauen, wenn innerhalb der Gilde ein Verräter wandelte? Wenn dem so ist, könnte Tolhen der Mörder sein. Oder Meister Senos. Oder Cellan Barcos. Oder…

Beunruhigende Vorstellung, nicht wahr?“, fuhr Tolhen fort, als hätte er Jumos Gedanken gelesen. „Die Frage wäre dann allerdings, wer ein Motiv hat. Jemand wie du oder Meister Tarjan hätte kein Interesse daran, dass Amo von der Bildfläche verschwindet – dir bringt sein Tod nichts als Schmerz und Leid. Großmeister Tarjan ist auf eine funktionierende Gilde angewiesen und hat durch den Zwischenfall eine Menge Probleme am Hals – außerdem stand Amo keinem von euch im Weg, Tarjan hat schon alles erreicht und du hast noch einen weiten Weg vor dir, bis du Konkurrenz für unseren Bibliothekar bist.“

Irgendetwas an diesen Worten ärgerte Jumo. Ich wollte nie Konkurrenz für ihn sein. Und ich muss vielleicht noch einiges lernen, um an Amo heranzukommen, aber ich bin dazu sehr wohl in der Lage! Doch er nickte nur still und behielt die Gedanken für sich. Wer käme in Frage? Wer hätte ein Interesse daran, unseren Bibliothekar aus dem Weg zu räumen? So sehr er sich anstrengte, ihm fiel niemand ein. Die Müdigkeit hatte sich zwar etwas zurückgezogen, aber er spürte deutlich, wie sie sich langsam wieder in den Vordergrund drängte. Ihm war klar, dass er ohne eine gehörige Portion Schlaf nicht in der Lage sein würde, die Zusammenhänge auch nur annähernd zu durchschauen.

Ich dachte immer, Amo wäre ein beliebter Mann gewesen.“, murmelte Jumo leise. Der Meister schien kurz zu überlegen, ehe er sagte: „Nun, er war nicht unbeliebt im Sinne eines Magister Ilan. Aber er hatte seine Eigenheiten und war sicher nicht mit allen Menschen kompatibel. Du kannst dir sicher vorstellen, dass nicht alle Nekropolitekten dieselbe Geduld und Ausdauer haben wie du. Ich glaube sogar, er hätte es selbst zum Großmeister bringen können, wenn er mehr Rückhalt bei den anderen Meistern gehabt hätte. Aber dann wäre Amo wohl nicht der Amo gewesen, den du kennengelernt hast.“, vermutete Tolhen mit einem leichten Schmunzeln.

Amo wollte nie Großmeister werden.“, meinte Jumo. „Er hat oft davon gesprochen, dass andere ihm das vorschlugen und ihn dazu antrieben. Aber es war nie seine Absicht. Er sagte, die Verantwortung wäre ihm zu groß und es wäre besser, einige Geheimnisse blieben solchen Männern vorenthalten, die genügend Entschlossenheit haben, um die Konsequenzen aus dem Wissen zu ziehen, das sie hüten – koste es, was nötig ist.“

Das ist wahr. Amo war kein Mensch, der um jeden Preis nach der vollständigen Erkenntnis und dem endgültigen Wissen strebte. Die Bruchstücke, die er kannte, zeigten ihm genug vom Bild, um zu wissen, dass er den Rest nicht sehen wollte. So ist er ein normaler Meister geblieben. Von meinem Standpunkt aus kann ich nur sagen, ich hätte Amo auch den Titel eines Großmeisters zugetraut – allerdings ohne selbst alle Geheimnisse zu kennen. Es gibt einen Grund, wieso nur die Großmeister entscheiden dürfen, wen sie in ihren Stand erheben. Das wirst du früh genug selbst lernen, wenn die Zeit reif ist. Die Gilde ist mehr als ein Bund besserer Architekten, der Gräber instand hält und neue baut.“ Jumo nickte. Sowohl Amo, als auch Senos hatten ähnliches angedeutet. Aber das tatsächliche Wissen blieb den Lehrlingen verborgen. Man sagte, ein Nekropolitekt solle die unbeschwerte Zeit als Schüler genießen, denn sie sei zu Ende, sobald man seine Ausbildung abschloss. Einige taten das als allgemeine Folge des Erwachsenseins ab – ein junger Mensch sei immer unbeschwerter und lebendiger als ein älterer. Aber Jumo erinnerte sich noch, Magister Ilan eines Tages einen der Lehrlinge etwas ähnliches munkeln gehört hatte. Mit vernichtendem Blick und eiskalter Stimme hatte er seinen Unterricht unterbrochen und gesagt: „Narren! Ihr wisst nichts! Seid glücklich darüber, denn nur deshalb könnt ihr noch so lebensfroh sein!“ Der Raum war schlagartig still geworden und einige Sekunden lang hing die Ruhe fast bedrohlich in der Luft, bevor der Magister seinen starrenden Blick vom Lehrling löste und mit dem Unterricht fortfuhr, als wäre nichts geschehen. Den Rest der Stunde hatte kein Schüler mehr gewagt, etwas zu sagen.

Tolhen löste seinen Blick von Jumo und sah den Gang hinab, bevor sein Blick zurück wanderte.

Und nun komm, für dich wird es dringend Zeit, dass du etwas Ruhe bekommst. Ich habe dich schon lange genug aufgehalten.“, meinte er.

Ich weiß nicht, ob ich überhaupt schlafen kann…“, gestand Jumo und hätte beinahe von den Alpträumen erzählt, die ihn seit Amos Tod vom Schlafen abhielten. Stattdessen biss er sich auf die Zunge. Die Träume waren nichts, was Tolhen interessieren musste. Ich bin kein kleines Kind mehr, dass wegen ein paar Alpträumen zu seinen Eltern rennt, weil es nicht einschlafen kann! Ich in alt genug, um selbst damit klar zu kommen.

Tolhen lächelte nur verständnisvoll. „So wie du aussiehst brauchst du dich nur hinzulegen – die Augen fallen von allein zu und ehe du dich versiehst bist du eingeschlafen. Wenn man nur lang genug wach ist, kann einen keine Sorge der Welt mehr vom Schlafen abhalten.“, sagte er und gab Jumo einen sanften Klaps auf die Schulter. „Und nun ab ins Bett. Genieße deine zwei freien Tage.“, fügte er hinzu. Jumo sah ihn skeptisch an.

Frei? Morgen früh wird Meister Senos mich aus der Koje scheuchen, wenn ich nicht wie sonst nach dem Frühstück bei ihm erscheine.“, murmelte er.

Wird er nicht.“, widersprach Tolhen mit einem wissenden Lächeln. Jumo legte die Stirn in Falten und sah ihn an. Ich dachte er kennt Senos gut genug, um zu wissen, dass ich Recht habe. Tolhen schmunzelte und schien seinen verwirrten Blick zu genießen. Dann senkte er die Stimme:

Er würde es, wenn er wüsste, dass du im Bett liegst. Aber er wird annehmen, dass du im Studierzimmer sitzt und deine Strafarbeit machst. Ich habe beschlossen, dass du dringend eine Pause brauchst und die zwei Tage dazu nutzen solltest, dich auszuruhen.“

Jumos Verwirrung schlug in Überraschung um. Dann lächelte er schwach, zum ersten Mal seit zwei Tagen. Er konnte ausschlafen und einfach einmal seine Ruhe genießen und…

Sieh nur zu, dass du nicht in Senos´ Arme rennst, sonst kann ich dir auch nicht mehr helfen. Aber soweit ich weiß, ist er die nächsten Tage genauso beschäftigt wie ich. Halte trotzdem die Augen offen, wenn du dich außerhalb deines Zimmers bewegst.“, riet ihm der Meister.

Danke…“, hauchte Jumo und hätte Tolhen beinahe nochmals umarmt. Er konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal einen freien Tag gehabt hatte. Und nun bekam er sogar zwei. Schade, dass ich die Zeit nicht mit Amo verbringen kann…, dachte er und seine Euphorie ließ etwas nach. Aber das lässt mir zumindest genug Zeit, um darüber nachzudenken, wer den alten Mann aus dem Weg haben wollte – oder wer unsere Geheimnisse stehlen will.

Mit diesem Gedanken verabschiedete er sich von Tolhen. Er hatte den Meister nie für so einfühlsam und verständnisvoll gehalten. Aber offenbar war er mehr als ein sarkastischer Gewölbebauer, der ab und an seine Bücher liegen ließ. Vielleicht gab es in der Gilde ja noch mehr Tolhens, die er bisher niemals kennengelernt hatte. Möglicherweise waren die Lehrlinge in Wahrheit gar nicht so feindselig, wie er immer geglaubt hatte. Wenn schon Tolhen, der sonst immer nur mit Sarkasmus um sich schleuderte, in Wahrheit vollkommen anders war?

Beinahe hätte er vor all den widersprüchlichen Gedanken, Erkenntnissen und Plänen eine falsche Abzweigung genommen und sich verirrt. Doch schließlich fand er den Weg zurück in seine Kammer. Er schloss die Tür hinter sich und legte sich hin. Es kam, wie Tolhen es prophezeit hatte. Kaum hatte er sich hingelegt und tief durchgeatmet, holte sich sein Körper den lang ersehnten Schlaf.

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Katz und Maus – Teil 3

Herauo, Ostgebirge

Jahr des Falken, 5. Monat

9. Tag, Morgengrauen

Ein fernes Leuchten hinter den Hügeln kündigte den Sonnenaufgang nach der zweiten Nacht ihrer Flucht an. Um ihren Häschern zu entgehen ritten sie Nachts und rasteten am Tag. Die letzte Nacht hatten sie in einem kleinen Hain verbracht, gut versteckt in einer Senke zwischen drei Hügeln. Die kleine Ansammlung von Bäumen war wohl eine verwilderte Obstplantage und hatte sie mit Beeren und Früchten versorgt, sodass sie das Proviant, das sie bei ihrer Flucht aus dem Lager gestohlen hatten, weitestgehend unangetastet gelassen hatten. Heute schien ihnen das Glück nicht ganz so hold zu sein.

Hier, weiter nordwestlich, waren die Hügel flacher, das Terrain nicht so schroff. Sie kamen schneller voran und es wuchs überall hohes Gras, in dem man sich gut hätte verbergen können. Allerdings waren ihre Spuren durch das niedergetrampelte Gras einfacher auszumachen als im steinigen und staubigen Terrain weiter südlich und es war trotz des hohen Grases schwer, die Pferde zu verstecken. Vicas hatte sich dafür entschieden, mit einem großen Bogen zuerst nach Norden zu reiten und später nach Westen abzudrehen, um die kaiserlichen Späher zu umgehen, die auf dem direkten Weg nach Crescuro wohl am intensivsten suchen würden. Zum einen konnten sie so länger an den kargen westlichen Ausläufern des Ostgebirges entlang reiten, von denen die trockenen und warmen Winde herab wehten. Zum anderen würden sie sich Crescuro von Norden nähern, was ihr Risiko, entdeckt zu werden deutlich minimierte. Obwohl sie dadurch beinahe doppelt so lange unterwegs waren, war Vicas davon überzeugt, dass es besser war, als den direkten Weg zu nehmen. Lieber kam er langsam, aber lebendig und sicher an, als schnell in die Fänge der Kaiserlichen zu rennen. Außerdem war es wahrscheinlich, dass die kaiserlichen ihre Suche irgendwann aufgeben würden und sie Crescuro gänzlich ungehindert erreichten. Bisher hatten sie nur zwei Mal die Suchtrupps zu Gesicht bekommen. Das eine Mal der ferne Schein ihrer Fackeln bei Nacht, das andere Mal Staubwolken in der Abenddämmerung, aufgewirbelt von galoppierenden Pferde, die über das Land hetzten. Beide Male waren sie den Häschern ausgewichen und hatten ihren Weg ungehindert fortgesetzt.

Wir reiten weiter, hier ist weit und breit kein gutes Versteck in Sicht.“, ordnete Vicas an.

Ich sagte doch, wir hätten in dem verlassenen Gehöft Rast machen sollen.“, brummte Feran und trieb sein Pferd widerwillig voran. Sanos Grecan schnaubte verächtlich:

Glaubst du wirklich, dass die Kaiserlichen nicht auf die Idee kommen, dort nach uns zu suchen? Hätten wir dort gerastet wären wir vermutlich schon jetzt tot. Außerdem haben wir den Hof vor über zwei Stunden hinter uns gelassen – wenn wir je irgendwo ankommen wollen, können wir uns solchen Luxus nicht leisten.“, versetzte der Offizier. Das Gehöft war noch weitestgehend intakt gewesen, in erstaunlich gutem Zustand, wenn man die verbrannten Ruinen bedachte, die sonst in dieser Gegend das Bild beherrschten. Aber Grecan hatte Recht. Das Gehöft war zu gefährlich und die Zeit zu wertvoll. Feran grummelte in seinen Bart und wollte protestieren.

Haltet lieber die Augen offen als den Mund, sonst lockt ihr die Südländer mit eurem Geschrei noch zu uns.“, warf Vicas ein und bedachte seine Kameraden mit einem Blick, der keine Widerrede duldete. Sanos Grecan nickte, Feran wirkte entnervt. Agos Chalan, der den Wortwechsel unbeeindruckt verfolgt hatte, beobachtete weiter die Gegend.

Toreo Valan deutete in die Finsternis, die sie hinter sich gelassen hatten. Valan war ein begnadeter Bogenschütze mit geschulten Augen und einer hervorragenden Nachtsicht, ganz zu Schweigen von seinen Fähigkeiten als Kommandant.

Das sieht nicht gut aus. Wir sollten uns beeilen und ein Versteck finden, sobald die Sonne aufgeht. Sonst sind wir ein gefundenes Fressen.“, warnte er. Vicas drehte sich um und musste die Augen zusammenkneifen, um zu sehen, was Valan mühelos erspäht hatte. Kleine, helle Punkte in der Dunkelheit. Fackeln. Noch waren sie weit entfernt, aber wie lange würde das so bleiben? Nachdem ihre Pferde sie die ganze Zeit getragen hatten, würden sie keine halsbrecherische Verfolgungsjagd mehr mitmachen. Beunruhigt wendete er den Blick nach vorn und hielt nach Verstecken Ausschau, während sie vor dem Sonnenaufgang flohen. Langsam wurde die Korona aus Licht hinter den Hügeln heller.

Kurz nachdem die Sonne hinter hinterm Horizont erschien fanden sie dichtes Gebüsch, das spärlich über zwei langgestreckte Hügel verstreut war, aber sich entlang der Hänge verdichtete. Es war nicht das Versteck, das Vicas sich gewünscht hatte, doch besser als gar keines, angesichts der Tatsache, dass der Tag bereits angebrochen war. Sie stellten ihre Pferde zwischen den mannshohen Sträuchern und den kleinen Bäumen ab und beseitigten die Spuren in der Umgebung so gut es ging. Dann begann das Warten und Hoffen. Toreo Valan übernahm die erste Wache und verschwand beinahe geräuschlos zur Kuppe des größeren Hügels, um einen besseren Überblick zu haben. Die anderen legten sich zur Ruhe und versuchten, ein wenig zu schlafen. Obwohl er erschöpft vom nächtlichen Ritt war, kam Vicas nicht zur Ruhe. Anspannung und die Furcht, entdeckt zu werden, hielten ihn wach. Jedes Rascheln, das der Wind den Gräsern entlockte, fuhr ihm durch Mark und Bein, als wären es scharfe Klingen, nicht weiche Halme. Jedes Schnauben der Pferde, die friedlich zwischen den Büschen grasten, ließ Vicas zusammenschrecken. Irgendwann übermannte die Müdigkeit ihn doch und er fiel in einen Halbschlaf. Er träumte von Hunden, die ihn hetzten, erst seine Waden zerfleischten, ihn zu Boden rissen und über ihm wie ein riesiger Schatten thronten. Sie packten seinen Bauch und zerrten erbarmungslos an ihm. Schweißüberströmt schreckte Vicas aus dem schlechten Traum hoch. Als er die Augen öffnete, war tatsächlich ein dunkler Schatten über ihm. Toreo Valan hockte an seiner Seite und rüttelte ihn wach. Vicas blinzelte. Valan hob den Finger an den Mund und bedeutete ihm, still zu sein. Dann schlich er zum nächsten Schlafenden. Der Baron runzelte die Stirn und lauschte. Nichts war zu hören. Als alle wach waren deutete Valan hinter die Hügel, in die Richtung, aus der sie gekommen waren.

Wir bekommen Besuch.“, kündigte er leise an. Vicas´ Miene verdüsterte sich. Er griff nach der Waffe, die er zum Schlafen abgelegt und neben sich ins Gras gebettet hatte, während Valan zum nächsten Schlafplatz schlich.

Sie mussten nicht lange warten. Bald schallte lautes Bellen und Knurren über die Hänge des Hügels. Die kaiserlichen Späher hetzten sie mit Spürhunden, die ihre Fährte aufgenommen hatten. Ein kurzer Blick von der Hügelkuppe aus bestätigte ihre Befürchtungen. Die großen Zisalcanischen Felsenhunde, die in der terugalischen Armee eingesetzt wurden, waren eine wilde Rasse, eine Kreuzung aus Jagdhunden und wilden Bergwölfen, ausdauernd, robust und kräftig, aber äußerst blutrünstig und schwer zu stoppen, wenn sie einmal in Rage geraten waren. Die Pferde, die die Nordländer aus dem Lager der kaiserlichen gestohlen hatten, wurden etwas unruhig, als sie die Felsenhunde hörten und witterten, doch sie waren gut trainiert und gingen nicht durch. „Wir sind erledigt. Die Augen der Späher können wir vielleicht täuschen, aber nicht die Nasen der Hunde.“, murmelte der sonst eher stille Agos Chalan. Er war ein erfahrener Offizier, hatte viele Dienstjahre und mehrere Schlachten erlebt – gegen Schicháss, Nordländer und den Kriegsherren Fajal. Wenn Vicas jemanden kannte, dessen militärischem Rat er blind vertrauen konnte, war es der pragmatische und ruhige Chalan.

Er hat Recht.“, warf Toreo Valan ein, „Wir haben auf unseren Jagden Felsenhunde benutzt, um Nester und Höhlen aufzuspüren – diese Biester wittern alles, sogar Schicháss! Wenn sie hungrig sind und Witterung aufgenommen haben, wird man sein nur los, wenn man ihren Bauch füllt, vor ihnen davonläuft, bis sie erschöpft sind, oder sich ihnen zum Kampf stellt. Da ich gesehen habe, wie eines dieser Monster sogar einen Schicháss fast umgebracht hätte…“, erklärte er, ohne seinen Satz zu beenden. Vicas nickte. Seine Kameraden hatten Recht. Hier zu sitzen und darauf zu warten, dass die Hunde sie fanden, war keine gute Idee. Kämpfen kam nicht in Frage. Sie waren zu fünft, die Späher waren schätzungsweise fünf bis zehn Mann und vom Bellen der Hunde schätzte Vicas, das noch vier oder fünf Hunde hinzukamen. Ihre beste Chance bestand darin, weiter zu reiten, obwohl ihre Pferde sie bereits die ganze Nacht getragen hatten. Es blieb zu hoffen, dass die Pferde der Späher ebenfalls erschöpft waren. Wenn sie entkamen, bevor die Feinde Sichtkontakt herstellen konnten, mochten sie vielleicht schneller vorankommen als die Späher. Irgendwann mussten auch ihre Häscher rasten und sie mussten versuchen, bis dahin so viel Vorsprung wie möglich zu gewinnen.

Verteilt das Fleisch aus eurem Proviant großzügig in der Gegend. Vielleicht können wir die Felsenhunde einen Moment von unserer Fährte ablenken und ihren Hunger kurzzeitig etwas lindern. Wir reiten weiter.“, befahl Vicas.

Sie verteilten Dörr- und Räucherfleisch aus ihren Essensvorräten unter den Büschen, warfen ein paar Streifen in das hohe Gras der umliegenden Hügel und sattelten auf. Das Bellen der Hunde war bereits gefährlich nahe, als sie ihr Versteck verließen. Wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, bis die Jäger sie einholen würden. Aber Vicas hatte nicht vor, hier zu kapitulieren, ohne wenigstens versucht zu haben, den Kaiserlichen abermals zu entkommen.

Nach einer Weile wurde das Bellen tatsächlich leiser. Sie verlangsamten das Tempo etwas, um die Pferde zu schonen, machten aber keine Pausen. Nach etwa zwei Stunden erreichten sie einen kleinen Bach, der sich Richtung Nordwesten durch die Hügel schlängelte. Sie saßen ab und führten die Pferde durch das teils sandige, teils steinige Bachbett. Reiten konnten sie hier nicht, die Gefahr war zu groß, dass ein Pferd auf einem Stein abrutschte und sich die Beine brach. Aber im Wasser würde ihr Geruch selbst für die Hunde nicht nachzuverfolgen sein und das Wasser würde ihre Spuren im Sand bald verwischen. Wenn die Südländer ihnen nicht dicht auf den Fersen waren, würden sie an dieser Stelle ihre Spur hoffentlich verlieren. Sie folgten dem Bach so lange, bis ihre Füße zu kalt wurden, um länger durch das Wasser zu waten. Sie hatten darüber diskutiert, ob es sinnvoll war, den Strom früher zu verlassen, doch Vicas war der Ansicht, dass die kaiserlichen die Ufer absuchen würden und die Gefahr bestand, dass sie die Fährte wieder aufnahmen, wenn sie zu schnell an Land gingen. So kamen sie zwar langsamer voran, aber sicherer, hoffte Vicas. Schließlich gingen sie mit eisigen und schmerzenden Füßen an einem durch steile dicht bewaldete Hänge zu beiden Seiten gut geschützten Abschnitt an Land. Sie ließen die Pferde kurz grasen und zogen ihre Stiefel aus, um die Füße kurz auf den Steinen zu wärmen, die die Sonne aufgeheizt hatte.

Gerade, als sie ihre Stiefel wieder angezogen hatten und aufsatteln wollten, brach knackend ein Ast im Unterholz. Vicas zuckte zusammen und fuhr herum. Ein knurrender Felsenhund schoss aus dem Unterholz auf sie zu, das graue Fell gesträubt und die furchteinflößenden Zähne gefletscht. Er stoppte und musterte sie mit den feindseligen gelben Augen. Keine drei Sekunden später brachen Reiter mit gespannten Bögen und erhobenen Speeren aus dem Gebüsch hervor, auf ihren Wämsern das Siegel des Kaiserreichs. Ihnen folgten weitere Felsenhunde. Noch bevor irgendjemand zum Schwert greifen konnte, waren sie umzingelt von sieben Männern und vier Hunden, die den Kreis langsam enger zogen und die Rebellen zusammenpferchten. Ein hochgewachsener Südländer mit einer schrägen Narbe auf der Stirn hob die Hand und brachte die Männer zum Stillstand. Glänzende Speerspitzen funkelten den Nordländern entgegen.

Baron Vicas und seine Gefolgschaft.“, sagte der Truppführer mit spöttischem Tonfall, „Ihr haltet euch für besonders clever, nicht wahr? Ein Bächlein – ideal, um die Spuren zu verwischen? Ich hatte fast befürchtet, ihr wärt tatsächlich entgegen der Strömung gewandert, nachdem ihr uns schon so oft durch die Lappen gegangen seid.“

Vicas´ Miene verhärtete sich. Die Erkenntnis traf ihn schlagartig. Sie waren zu langsam und zu vorhersehbar gewesen. Im Südosten, stromaufwärts, hätte niemand nach ihnen gesucht, zu weit wären sie abseits ihrer erwarteten Pfade gewandert. Aber natürlich hatten die Späher gewusst, in welche Richtung sie dem Fluss gefolgt waren, als ihre Fährte dort endete. Sanos Grecan hatte Recht gehabt. Sie hätten den Bach schnell verlassen sollen und Richtung Süden reiten müssen, egal ob sie die Häscher wieder auf ihren Fersen hatten. So hatten die Kaiserlichen nur dem Bach folgen müssen, bis sie sie fanden. Und sie waren schneller gewesen, weil sie nicht selbst durchs Wasser gewatet waren, sondern am Ufer entlang beritten die Verfolgung aufgenommen hatten.

Er hatte verloren. Widerstand war zwecklos, das wusste er. Sieben Mann und vier Felsenhunde würden sie zerfleischen, ehe sie die Schwerter gezogen hatten. Er sah zu seinen Kameraden und hob kapitulierend die Hände. „Wir ergeben uns in eure Gefangenschaft und erwarten unser Urteil durch die Gerichtsbarkeit des Kaiserreiches.“, sagte er. Der Truppführer schnaubte. „Wer spricht von Gefangenschaft und Gericht? Ihr habt euch dem Kaiserreich lange genug widersetzt, Verräter. Niemand wird je von eurer Kapitulation erfahren, die Welt wird nur erfahren, dass ihr euch widersetzt habt, als wir euch in die Ecke drängten und wir euch leider alle töten mussten…“

Der Südländer grinste hämisch. Vicas schluckte schwer und sah dem Mann in die funkelnden schwarz-braunen Augen, die wie ein finsterer Abgrund das Licht verschluckten. Natürlich hatte General Tar seine Bluthunde nicht mit der Aufgabe betraut, ihn gefangen zu nehmen, sondern befohlen, ihn endgültig aus dem Weg zu schaffen. Vicas´ Hand wanderte zum Schwertgriff, als Narbengesicht die Hand hob.

Dann surrten Pfeile durch die Luft.

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Neue Karte

Soo, nachdem es bezüglich der alten Karte Beschwerden gab, gibts eine neuere.

Nein, natürlich habe ich die Karte nicht nur überarbeitet, um die Kritiker zufrieden zu stellen, sondern vor allem, weil ich eine Karte aus Papier in größerem Maßstab als den alten Entwurf brauchte, auf der ich rumspielen kann. Mit Klebezetteln, etc. – keine Sorge, ich verschandel das Meisterwerk nicht 😉

Lange Rede, kurzer Sinn – hier ist sie nun:

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